Bericht über die Projektmittel 2010 der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren Nordrhein-Westfalen (LAG NW)

 

Inhalt

1. Gesamtübersicht

2. Darstellung der einzelnen Projekte

 

1. Gesamtübersicht

 

Die LAG NW hat 2010 mit den Mitteln des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport bzw. Staatskanzlei des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen 40 Projekte von 32 Zentren/ Initiativen und KünstlerInnen gefördert.

 

Es gab insgesamt 94 Anträge von 77 Zentren/ Einrichtungen/Initiativen/KünstlerInnen mit einem Gesamtkostenvolumen von 1.978.140 € und einem Zuschussbedarf von 567.146 €. Der Beirat hat in zwei Sitzungen Ende 2009 und Mitte 2010 und einem Mailverfahren für Nachrücker über die Anträge befunden und die genannten 40 von 33 Antragstellern bewilligt. Diese Ergebnisse wurden auf den jeweiligen LAG NW Tagungen vorgestellt, diskutiert und letztendlich entschieden.

 

Nach der Abrechnung betrugen die Gesamtausgaben der geförderter Projekte 623.159,24 €. Dabei betrug der Anteil des Landes mit 130.000 € = 20,86 %. Insgesamt wurde 6 Projekte mit 5.000 € und mehr gefördert. 21 Projekte erhielten 3.000 € und mehr und 13 Projekte wurden jeweils mit weniger als 3.000 € aus Landesmitteln finanziert.

 

Die Leistungen Dritter (vor allen Dingen der Kommunen) und einschl. Eintritte und Gebühren betrugen 373.141,90 €, das entspricht 59,88 %. Die Leistungen der Kommunen waren jedoch weit höher, denn sie sind entweder Bestandteil innerhalb einer direkten Kooperation und/oder Bestandteil der Zuschüsse zu den Betriebs- und Programmkosten der jeweiligen Zentren. Auf der anderen Seite sind hier auch Landesmittel enthalten, die von anderen Stellen bewilligt worden sind. Die Eigenleistungen der Träger lagen insgesamt bei 120.017,34 €. Das sind 19,26 %.

 

Die Gesamtkosten erhöhten sich um den Betrag von 2.278,24 €, das entspricht von 0,37 % Abweichung vom ursprünglichen Kostenplan.

 

Grundsätzlich haben die Zentren in allen Kunst- und Kultursparten (Musik, Theater, Literatur, Medien) sowie spartenübergreifende Projekte durchgeführt. Tendenziell sind die Projekte in erster Linie der Stadtteilarbeit, der Kulturpolitik und dem Kinder- und Jugendbereich zuzuordnen.

 

 

2. Darstellung der einzelnen Projekte

1. Vergaberunde

 

Nr. 1 Winfried Walgenbach, Wuppertal – Norman - Die Geschichte von einem, der anders ist

 

Ein Theatersolo von Mike Stott mit Winni Walgenbach; Regie: Birgit Pacht

 

Beginnend mit der Premiere von NORMAN am 29. Januar gab es in 2010 17 Aufführungen des Theaterstücks, zusätzlich je eine Voraufführung in Köln und in Wuppertal. Mehr als 600 Menschen haben das Stück bisher gesehen.

Die Vorstellungen folgten dem ‚Theater-vor-der-Haustür‘-Konzept und wurden mobil an verschiedenen Orten in der Stadt gezeigt: in der Färberei, Begegnungszentrum für behinderte und nicht behinderte Menschen; im Casino der proviel GmbH, Werkstätten für Menschen mit Behinderung; im Nachbarschaftsheim Alte Feuerwache, in der Diakoniekirche Wuppertal-Elberfeld und im Rahmen einer Kunstausstellung des Wichernhauses Wuppertal e.V. in der Bandfabrik. Überwiegend besuchten nicht behinderte Menschen die Vorstellungen, in die Werkstätten von proviel und in der Färberei kam auch in größerer Zahl behindertes Publikum.

Besonderen Wert legten wir bei dieser Produktion auf die Voraufführungen. Schon dort suchten wir die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie proviel oder dem sozialpsychiatrischen Verein Alpha e.V., in Köln mit ‚Art of life‘, einer Organisation der Lebenshilfe NRW. Beide Voraufführungen waren eine große Ermutigung, brachten wertvolle Hinweise und sorgten für eine zuverlässige spielerische und inhaltliche Basis.

Wie auch schon beim Vorgänger-Projekt ‚Bohm & Böhmer‘ verfolgten wir mit ‚Norman‘ zwei wesentliche Ziele: eine soziokulturelle Themenstellung und eine Umsetzung auf hohem künstlerischem Niveau.

Die begeisterten Resonanzen und Kommentare sowohl von behinderten wie nicht behinderten Zuschauerinnen und Zuschauern haben gezeigt, dass die Thematik angekommen ist. Ebenso die überaus positiven Rückmeldungen aus Organisationen der Behindertenhilfe. Die Annahme, dass es sich hier um einen exemplarischen Lebenslauf handelt, der vielfach erlebte (und auch erlittene) Erfahrungen aufgreift, war richtig. Erfreulich ebenfalls die Erfahrung, dass in den Vorstellungen Jung und Alt vertreten waren.

Bei den 5 Vorstellungen in den Werkstätten von proviel und den 4 Vorstellungen in der Färberei war die Mischung von behinderten und nicht behinderten Zuschauern am größten. Die Entscheidung, mit dem Stück auch an Orte zu gehen, wo behinderte Menschen arbeiten / leben / sich treffen, hat sich bewährt.

Dass darüber hinaus auch eine künstlerisch gelungene Inszenierung der deutschsprachigen Erstaufführung entstanden ist, bestätigen die Presse-Kritiken.

Brillantes Solostück.“ (Kölnische Rundschau, 10.04.2010)

„Winni Walgenbach spielt den behinderten Norman mit Bravour, besonders sprachlich.“ (AKT, Kölner Theaterzeitung, Mai 2010)

„Wir erleben mit diesem neuen ‚Theater vor der Haustür’- Soloprogramm einen wunderbar aufspielenden Winni Walgenbach.“ (Coolibri, Februar 2010)

‚Norman‘ wird auch 2011 weiterhin gezeigt - in Wuppertal sowie im Rahmen von Gastspielen. Weitere ‚Theater-vor-der-Haustür‘ - Projekte sollen folgen.

 


Nr. 4 WerkStadt Witten – Atem der Talbewohner

 

Im Auftrag der WerkStadt - Verein zur Förderung soziokultureller Freizeit- und Bildungsarbeit e.V. kreierte das Wuppertaler Projektentwicklungsbüro iussa+ufermann ein ungewöhnliches Projekt für die Wittener Local Hero-Woche im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010. Am 25. und 26. Juni 2010 präsentierten sie den Atem der Talbewohner.

Ziel des Vorhabens war es u.a., die Potenziale der Kommune, ihrer Landschaft und Lage und vor allem ihrer Menschen in den Fokus zu rücken. Witten sollte sowohl nach Innen (etwa über den Aspekt der aktivierenden Kulturarbeit) wie auch nach außen als kultureller Ort mit Lebens-Wert kommuniziert werden. Dabei stützte sich das Projekt ausdrücklich auf die Besonderheiten von Orten und Menschen.

Bei der Suche nach interessanten Orten wurde in der Phase der Projektentwicklung schon bald das für das Revier ungewöhnlich „anmutige“ Ruhrtal auserkoren. Hier fanden sich der in seiner originären Art merkwürdig anziehende Campingplatz Steger, das beeindruckende LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall und die „sagenhafte“ Burgruine Hardenstein. Neugierig machte neben der Kombination der Orte auch die konzeptionelle Idee des Projektes. Atem der Talbewohner wurde zu einer eine „theatralen Expedition“ durch die schöne Landschaft des Wittener Ruhrtales entwickelt. Eine Collage in zwei Teilen aus Theaterszenen, Musik, Installationen am Wegesrand, Rezitationen und Unterhaltung. Der gewohnte Blick auf Natur und Historie wurde irritiert; die Stätten der Performance wurden mit neuen Bedeutungen aufgeladen. Auf dem Weg dahin war viel Recherchearbeit nötig - zahllose Besuche in städtischen und privaten Einrichtungen, Gespräche mit kirchlichen Gliederungen, gemeinnützigen Institutionen, mit Bürgerinnen und Bürgern, mit Menschen aus Kultur und Kunst.

Parallel dazu wurde intensive Netzwerkarbeit betrieben. Vorhandene Kooperationen der WerkStadt wurden verstärkt oder neu belebt, neue konnten dazu gewonnen werden.

Das eigentliche Potenzial einer Stadt sind aber ihre Menschen. Am Atem der Talbewohner wirkten etwa 80 Personen von sechs bis 83 Jahren mit. „Originale“ & Persönlichkeiten, Alte & Junge, Künstler & Laien hauchten dieser ungewöhnlichen Inszenierung Atem und Witz ein: CamperInnen, Tänzerinnen, Zauberer, MusikerInnen, Schauspieler, Schamaninnen, Videokünstler, Literaten und Flaneure. Eine lebendigbunte Mischung von Menschen, die die Vielfalt der Stadt Witten ganz konkret

repräsentieren.

Ursprünglich war geplant, eine Inszenierung zu produzieren, die am Campingplatz Steger in Bommern beginnt, an der Zeche Nachtigall fortgesetzt wird und schließlich an der Burgruine Hardenstein endet. Die Wege zwischen diesen Orten sollten mit dem Fahrrad, der Museumsbahn, der MS Schwalbe und der Muttenthalbahn bewältigt werden. Schiff und Bahn sollten während der Fahrten auch bespielt werden. Ende 2009 aber wurde bekannt, dass ein anderes Projekt, die Ruhrpiratinnen, einen Tag vor

unserer geplanten Premiere auf der Schwalbe ein Theaterstück spielt. Daraufhin haben wir uns von der Idee der Einbeziehung des Schiffes verabschiedet. Da dann auch klar wurde, dass die Museumsbahn aus Bochum-Dahlhausen (die den Campingplatz und die Zeche hätte verbinden können) nur zu immens hohen Preisen zu integrieren gewesen wäre, mussten wir umdisponieren – denn Weg von Steger zur Zeche wäre für jene BesucherInnen, die nicht mit dem Rad fahren können, zu weit gewesen. Aus diesen Gründen haben wir die Produktion in zwei eigenständige Teile gesplittet, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen aufgeführt wurden.

 

Teil 1 fand auf dem Campingplatz statt. Über eine Dauercamperin bekamen wir frühzeitig Zugang zum Platz und zu den Menschen dort. Aber der ungewöhnlich lange Winter erschwerte die konkrete Arbeit. Der Zeitpunkt der Saisoneröffnung schob sich immer weiter nach hinten, so dass wir erst sehr spät wirklich mit den CamperInnen kommunizieren konnten (April 2010). Dann galt es, den Eigentümer des Platzes von unserer Idee zu überzeugen und zum „Mittäter“ zu machen. Das war nicht ganz einfach, gelang aber. Fortan waren wir jedes Wochenende und jeden Feiertag vor Ort, weil die wenigsten auch werktags anwesend waren. Wir lernten, dass die meisten Camper WittenerInnen sind, von denen einige 50 Jahre oder gar länger dort campen. Darunter waren so manche „Originale“, die viel von diesem Ort und seiner Geschichte zu erzählen wussten. Gleichwohl war es sehr schwierig, die Menschen für das Projekt zu aktivieren – die wenigen freien Sonnentage will man als Camper ungestört an der Ruhr genießen. Trotz unbeirrter Hartnäckigkeit unsererseits ließ sich jedoch unser Vorhaben, mit den CamperInnen ein Theaterstück zu entwickeln und mit ihnen an diversen Orten auf dem Platz zu inszenieren, nicht umsetzen. Den dafür notwendigen Zeitaufwand konnten wir den Leuten nicht abringen. Ein weiteres Problem kam wenige Wochen vor der Premiere auf, als der Platzeigner realisierte, dass entgegen seinen Erwartungen mit einer großen Besucherzahl zu rechnen war (sein Sohn machte ihn auf die starke Präsenz unseres Projektes im Internet aufmerksam). Plötzlich bekam er große Sorgen um die Durchführbarkeit und die Infrastruktur auf dem Platz. Das Projekt drohte zu platzen. In intensiven Gesprächen konnten wir einen gemeinsamen Kompromiss entwickeln, der zur Folge hatte, dass wir das Geschehen weitgehend auf dem Parkplatz der Anlage und am Ufer des „Hafen“ genannten Ruhrarms verlagern mussten. Die Idee der Inszenierung auch des Platzes ließ sich so nicht mehr realisieren und wir mussten erneut umdisponieren. Im Laufe unserer Recherchen und Besuche hatten wir gelernt, dass die CamperInnen sehr innovativ sind, wenn es darum geht, Mängel zu beseitigen oder Bedürfnisse zu stillen. Jede/r „erfindet“ Gerätschaften, Apparate, Dekorationen usw. und stellt diese auch her. Diesen Umstand haben wir schließlich in das Zentrum der Arbeit gestellt und einen Wettbewerb um die schönste, innovativste oder lustigste Camper-Idee ausgerufen. Gerade in Zeiten einer Finanzkrise ließ sich so zeigen, wie die Menschen an der Ruhr mit Ideenreichtum und Pragmatismus ihr Leben gestalten. Es entwickelte sich ein verstecktes, aber reges Treiben in und um die Wohnwagen. Viele CamperInnen bauten Dinge, die sie in den Wettbewerb eingeben wollten – schließlich waren attraktive Sachpreise zu gewinnen. Aus diesen Ideen wählten wir sechs aus. Manche Idee konnte nicht auf der großen Bühne auf dem Parkplatz präsentiert werden (etwa ein „Karibikstrand“ als Naherholungszone hinter einem Wohnwagen oder ein mit Fahrradpedalen betriebenes Floß mit zwei Gartenbänken) – diese Beiträge haben wir in Filmbeiträgen aufgezeichnet und konnten damit nicht nur die Idee, sondern auch die

Menschen dahinter portraitieren. Die Filme wurden auf einer Großleinwand an der Bühne während der Aufführung eingespielt. Die Vorstellung der Menschen und Ideen auf der Bühne wechselte ab mit musikalischen Beiträgen und wurde von einem Profi moderiert. Die BesucherInnen und CamperInnen stimmten über die Sieger des Wettbewerbes ab. Abschließender Höhepunkt des Abends war das Konzert eines Salon-Ensembles auf einem Floß auf der Ruhr in dem erwähnten „Hafen“. Die

BesucherInnen und CamperInnen waren begeistert von Kulisse und Musik von Lehár, Strauß & Co „das ist ja nicht meine Mucke, aber irgendwie ist das total schön“. Etwa 300 externe BesucherInnen wurden gezählt, die durchweg angetan waren von dem Abend und dem, was er über die Menschen, die Geschichte des Platzes und des Ruhrtals erzählte. Übrigens gilt das auch für den Platzeigner, der nach eigener Aussage seither ein Plus von Stammgästen in seinem Biergarten verzeichnet.

 

Teil 2 des Projektes widmete sich zwei Orten mit musealem Charakter – dem LWL-Industriemuseum

Zeche Nachtigall und der Burgruine Hardenstein. Beide Stätten verbindet man mittlerweile auch mit kulturellen oder folkloristischen Events. Neu an unserem Ansatz war, dass wir die Orte nach ihren Bedeutungsmöglichkeiten für heute und morgen befragt haben. KünstlerInnen unterschiedlicher Genres und unterschiedlicher Generationen haben wir Fragen gestellt wie: Was können diese Orte

mit ihrer historischen Arbeits-, Produktions- und Ständekultur, mit ihren Anekdoten und Legenden uns heute noch geben? Sind es nur tote museale Plätze, oder können wir aus ihrer Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft schöpfen? Diese Fragen waren zugleich Auftrag an Tänzerinnen, Video-, Multimedia-, Klangkünstler, an Literaten und MusikerInnen, an Kinder im Natur-Kreativkurs, Schauspieler und Zauberer. Um den künstlerischen Reflexionen über das Muttental und das Leben dort eine kognitive Dimension hinzuzufügen, wurden zudem „Experten-Tische“ aufgebaut:

Wissenschaftler, Theologen, Projektmanager, Migranten u.a. standen den BesucherInnen auf dem Gelände der Zeche für Gespräche zu Themen wie Zukunft der Stadt oder etwa wie Zukunft der Arbeit zur Verfügung. Ein dezidierter Ablaufplan half den BesucherInnen bei der Orientierung über den Verlauf des Abends. Nach etwa 2 ½ Stunden Programm auf dem Zechengelände wurde die dortige

Veranstaltung beendet und alle BesucherInnen zusammengerufen, um das „Befreiungslied Wittens“ einzuüben. Dieses von uns eigens getextete Lied nimmt Bezug auf die Sage vom Zwergenkönig Goldemar und sollte zum Abschluss am späteren Abend an der Burgruine von allen gesungen werden. Angeführt von zwei in Witten lebenden bretonischen DudelsackspielerInnen machte sich das Publikum auf den Fußweg zur Burgruine Hardenstein. Vorbei an Kindern, die für alle BesucherInnen selbst gestaltete „Wunschlichter“ in die Ruhr ließen, vorbei an künstlerischen Installationen im Wald und zwei „Waldmusikerinnen“ ging es zum Burghof; dem abschließenden Höhepunkt entgegen: Der Fluchvertreibung. Besagter Zwerg Goldemar hinterließ dort der Legende nach einen Fluch, der womöglich bis in unsere Tage auf der Stadt lastete (kurz vor der Aufführung brach eine Mauer der Ruine ein, was das ganze Vorhaben noch einmal in Frage stellte). Gemeinsam mit zwei veritablen Schamaninnen wurde die Idee der Fluchauflösung entwickelt und letztlich auch vollzogen. Ein großes „Happening“ fand auf dem Burghof statt und selbst jene, die mit schamanischen Ritualen nichts anfangen können, waren positiv von der Stimmung und der Idee berührt.

Trotz vielfältiger Konkurrenzveranstaltungen im Rahmen der Local-Hero-Woche in Witten kamen etwa 600 BesucherInnen (größtenteils mit der kooperierenden historischen Muttenthalbahn) zum Zechengelände und zeigten sich begeistert angesichts der z.T. beeindruckenden Darbietungen. Ofendecke der Ziegelei evozierte ein großes Echo, aber auch alle anderen Komponenten hatten regen Zulauf, genauso wie die Expertengespräche. Die Arbeit war besonders im Recherchieren der geeigneten Akteure und im Aufbau eines dramaturgischen Spannungsbogens recht intensiv. Hinzu kam die Koordinierung der Spielstätten, der Kooperationspartner, der Transporte, der technischen Einrichtung und nicht zuletzt der Bewerbung. An vielen Stellen war das Netzwerk der WerkStadt hilfreich, an anderen Stellen wurden gan z neue Formen der Zusammenarbeit initiiert. Die Kompetenzen unserer Kooperationspartner waren unverzichtbare Unterstützung für das Projekt, Einrichtungen der Kommunalverwaltung waren hilfreich bei der Einholung von Genehmigungen u.ä.; Treffen mit allen Akteuren und Beteiligten schufen ein Gruppengefühl und beförderten das Wachsen eines gemeinsamen Projektes. Die Integration von Menschen mit Bezug von ALG II-Transferleistungen über die Wabe GmbH und die WerkStadt sicherte einen Teil der Veranstaltungslogistik und evozierte bei den Betroffenen ein Gefühl, sich sinnvoll in ein Großprojekt einbringen zu können. Aufwändig war auch die Akquise eines Co-Sponsors, der zur Finanzierung dieses umfangreichen Vorhabens unbedingt gewonnen werden musste. Schließlich fand das Projekt auch bei den Stadtwerken Witten großen Anklang: Unter dem Motto „Culture goes nature“ unterstützten die Stadtwerke das Projekt als regionaler Exklusivsponsor. Damit konnte gewährleistet werden, dass bei beiden Veranstaltungen der Eintritt frei ist und so jede/r Interessierte die Möglichkeit hat, das Ereignis mitzuerleben.

 


Nr. 5 WerkStadt Witten – Play forward

 

Mit dem Projekt >>play forward“ griff die WerkStadt die Ambitionen junger Bands auf und war im Projektzeitraum erste Anlaufstelle und Plattform für junge Musiker_innen in Witten. Wir unterstützten die Selbstorganisation und standen den Bands mit Raum, Beratung, Fortbildung und professionellem Equipment bei der Eigenvermarktung zur Seite. Ziel war es, die in Witten vorhandene musikalische Vielfalt zu bündeln und auf ein festes Fundament zu stellen. Zentraler Gedanke des Projekts >> play forward war, die Bedeutung von Vernetzung zu verdeutlichen und die Bands konkret beim Aufbau

eines Netzwerkes zu unterstützen.

 

Drei Module fanden ab September 2010 statt:

Modul I >> Organisieren

In wöchentlichen Treffen fanden sich Vertreter der Bands jeweils gleicher oder ähnlicher Genres in kleinen Konzert-Initiativen zusammen und wurden von einem Veranstaltungsmanager in der Organisation von Konzerten unterstützt. Hierzu gehörten die konzeptionelle, technische und graphische (Flyer, Plakate) Beratung, genauso wie die Information über sinnvolle Vernetzungsmöglichkeiten mit überregionalen Bands.

 

Modul II >> Informieren

Unter der Leitung zweier Fachexperten aus der Musik- und Veranstaltungsbranche wurde ein Theorieworkshop angeboten, in denen die teilnehmenden Jugendlichen wichtige Einblicke in Themenbereiche Bandmanagement, Konzertbooking und (Eigen-)Vermarktung auf Internetplattformen erhielten. Dieser Input wurde von vielen Bands angenommen.

 

Modul III >> Präsentieren

Hier erhielten drei junge Bands die Möglichkeit jeweils drei ihrer besten Songs gemeinsam mit einem Techniker in einem Tonstudio aufzunehmen. Zudem wurde ein Shooting mit einem professionellen Fotografen abgehalten, Bandfotos hergestellt, die die Bands auf ihren Myspace-Seiten nutzen konnten.

Play forward war ein großer Erfolg, der auf große Resonanz bei den Bands stieß und im nächsten Jahr weiter geführt werden soll.

 


Nr. 10 Die Welle e.V., Remscheid – JUKU 2.0

 

JugendKultur 2.0 – Crossmediale Präsentation von Jugendkultur in Remscheid

Das Projekt JUKU 2.0 fand im Jahr 2010 im Zusammenhang mit dem Jugendkulturfestival im Bergischen Städtedreieck Remscheid Solingen Wuppertal statt.

Es richtete sich an Jugendliche ab 12 Jahren, aus Remscheid.

Im Vorfeld des Projektstarts wurde unter Mithilfe von Jugendlichen ein Flyer für das Projekt entwickelt. Dazu wurde aus dem Arbeitstitel JUKU 2.0 der Begriff ‚docYOUment’.

Eine Wortspielerei mit den Wörtern you (Du) und document.

Der Inhalt des Projektes, nämlich das Dokumentieren des Geschehen auf dem Jugendkulturfestival (JKF) 2010 und darum herum aus der Sicht der Jugendlichen selbst, drückt sich im Namen des Wortspiel aus.

 

Das Projekt startete in den Osterferien mit einem einwöchigen Workshop in der Welle.

15 Jugendliche fanden sich zusammen um Medienkenntnisse zu erlangen.

Es wurde in 4 verschiedenen Workshops gearbeitet. Ein Workshop befasste sich mit dem Medium Foto, zwei mit dem Medium Video. Im vierten Workshop ging es um das Schreiben für die Zeitung.

Ziel des Workshops war es, die Jugendlichen im Umgang mit Medien zu schulen. Es sollten Grundlagen der Medienproduktion vermittelt oder vertieft werden. Einige der Jugendlichen verfügten bereits über Erfahrungen, gerade mit dem Medium der Fotografie.

Ergebnisse des Workshops waren ein Trailer, ein Imagefilm, eine Postkartenstrecke und ein Artikel zum Thema Jugendkultur auf der Jugendseite x-ray, des Remscheider General Anzeiger (rga).

Zeitgleich wurde die Webseite des Projektes eingerichtet, gestaltet und mit den ersten Ergebnissen gefüllt. (http://www.myspace.com/docyoument)

 

Zweite Aktivität im Rahmen des Projektes war ein Workshop beim Freispiel Band Kontest in der Kraftstation. Dort waren die Jugendlichen aktiv und filmten das Konzert und machten Interviews mit den Bands. Einige Videoaufnahmen wurden bereits an dem Wochenende geschnitten und Zeitnah auf der myspace-Seite veröffentlicht.

Am letzen Wochenende der Sommerferien gab es einen weiteren Workshop in der Welle.

Die Musicalcompany ‚Youth Club Dancers’ hatte eine der letzen Proben für ihr Musical ‚Swayzes Erben’ welches sie im Rahmen des JKF aufführten.

Die Jugendlichen drehten einen kurzen Werbefilm für diesen Auftritt. Sie ließen dabei die AkteurInnen und MacherInnen selbst zu Wort kommen. Gleichzeitig entstand eine Fotostrecke von den Proben. Beides wurde bereits im Workshop produziert und in der Woche danach hochgeladen.

Bereits in der Woche vor dem 11. September waren die Jugendlichen von docyoument aktiv.

Sie filmten und fotografierten im Teo Otto Theater den Auftritt der YCD.

Am 11. September, dem Haupttag des Festivals, hatte das Team von docyoument sein Hauptquartier im Foyer der Teo Otto Theaters, direkt hinter der Rockbühne.

Den ganzen Tag waren die Jugendlichen auf dem Festivalgelände unterwegs, um zu ‚docyoumentieren’.

Direkt von dem Computer im Theater wurden Fotos, Videos und Blogbeiträge auf die Projektseite hochgeladen. Die Jugendlichen konzentrierten sich dabei nicht ausschließlich auf das Programm auf den beiden Hauptbühnen, sondern erkundeten auch viele der Stände des Rahmenprogramms und erstellten dazu Beiträge.

Höhepunkt des Tages war für die meisten beteiligten Jugendlichen die Pressekonferenz mit der Band Luxuslärm, an der sie teilnehmen durften. Ein Teil der Jugendlichen ließ sich großzügig Autogramme auf die nackte Haut schreiben.

Dank dieses netten Auftretens bei der Pressekonferenz lockerte Luxuslärm sogar das Fotografierverbot im Bühnengrabe und die docyoumenties hatten die Chance von dort schöne Aufnahmen der Band zu machen.

Auch der Rapper Olli Banjo willigte kurzfristig ein, seinen Auftritt mitzuschneiden.

Am Ende des Tages waren insgesamt 7 Fotostrecken und 2 Videos hochgeladen. Des Weiteren gab es einige Blogbeiträge.

In den Wochen nach dem Festival wurden noch weiter Beiträge fertig gestellt und hochgeladen.

 

Fazit und Ausblick

Die Nachfrage der Jugendlichen nach dem Projekt war sehr gut. Es wurde eine Gruppe von ca. 15 Jugendlichen aufgebaut, die fast vollständig bis zum Schluss des Projektes dabei war.

Die Jugendlichen entwickelten viel Spaß und Ehrgeiz um Events im Bereich Jugendkultur zu dokumentieren. Sie waren mit großer Motivation dabei und entwickelten viele eigene Ideen.

Der Anteil an Mädchen im Projekt war ebenfalls recht hoch. Es war keineswegs so, dass nur technikbegeisterte Jungs angesprochen waren. Die inhaltliche Komponente (Jugendkultur) machte das Projekt für beide Geschlechter attraktiv.

Bereits in einem frühen Stadium kamen erste Nachfragen, wie es nach dem JKF weitergeht.

Stand der Dinge ist, dass 5 Jugendliche an einem Trickfilmworkshop in den Herbstferien teilgenommen haben. Dort konnten sie weitere Jugendliche für das Projekt docyoument gewinnen.

In den Monaten November und Dezember filmte und fotografierte ein Teil der Jugendlichen bei Konzerten in der Welle und in der Kraftstation.

Weitere Videoberichte über unterschiedliche Events sind in Planung.

Mit den Machern der Jugendseite x-ray wurde für das nächste Jahr über eine Kooperation im Bereich Videoberichterstattung nachgedacht.

 


Nr. 9 Kraftstation Remscheid - Pink Kitchen | Female HipHop für Remscheid

 

HipHop als kulturelle Ausdrucksform wird in Remscheid von vielen Jugendlichen praktiziert. Auf HipHop-Konzerten sind die Besucher sowohl männlich als auch weiblich. Trotzdem sind die Protagonisten dieser Szene durchweg männlich.

 

Umsetzung einer Projektidee

Schon seit einigen Jahren beobachten wir als Soziokulturelles Zentrum die HipHop Szene unserer Stadt. Diese Subkultur regt viele junge Menschen aktiv an. So rappen, beatboxen und breakdancen viele Jugendliche in unserem Haus. Auffällig ist hier das Fehlen von weiblichen Protagonisten.

Mit dem Projekt „Pink Kitchen – Female HipHop für Remscheid“ haben wir jungen Mädchen das Angebot zum Mitmachen gemacht. Wir sind sehr überrascht, mit welchen Erfolg dieses Angebot angenommen wurde.

Das Projekt ist im Mai 2010 mit einem Workshoptag in Kooperation des Archivs der Jugendkulturen gestartet. Hier konnten junge Mädchen Rappen, Djing, Graffitisprayen, Breakdancen und Texten lernen. Im Vorfeld sind MitarbeiterInnen der Kraftstation durch verschiedene Schulen gegangen und haben diesen Workshoptag den Mädchen der achten Klassen vorgestellt. Wir waren überrascht wie positiv das Angebot kommentiert wurde. Viele Mädchen zeigten sich begeistert. Letztlich fanden sich rund 40 Teilnehmerinnen in der Kraftstation ein.

An dem geplanten Workshoptag hatten die Remscheider SchülerInnen schulfrei. Deshalb bot sich dieser Tag an. Die Teilnehmerinnen konnten aus fünf Workshops wählen. Am Ende des Tages wurde die Ergebnisse der Öffentlichkeit zusammen mit dem Vortrag „Why she is a bitch“ vorgestellt. Diese Präsentation erwies sich als sehr spannend. Viele männliche Besucher waren von dem Szenewissen der anwesenden Referentin begeistert. Ihr gelang es verschiedene Provokante Thesen aufzustellen, die von unseren Besuchern diskutiert wurden.

Mit einigen der Workshopteilnehmerinnen haben wir weitergearbeitet. Bis sie im November 2010 eigene Tracks soweit fertig hatten, dass sie diese auf einem Lady Jam sehr professionell als eigenständige Crew aufführen konnten. Auf diesem Jam wurden sie von MC Meli, Akua Naru und der Breakdance Crew „Dirty Mamas“ unterstützt.

Mit diesem Konzert haben wir noch einmal deutliche Barrieren gespürt. Zum einen war es schwer gute Künstlerinnen zu finden und zum anderen sind wenig Zuschauer bereit so ein Konzert zu besuchen. Obwohl wir auf Eintrittsgelder verzichtet und ausreichend Werbung gemacht haben, war dieses Konzert mäßig besucht. Hier haben wir viele Vorurteile wahrgenommen. Trotzdem waren die Anwesenden begeistert. Selbst Skeptiker gaben an, dass sie sich getäuscht hatten. Frauen können doch guten HipHop machen, gab ein Besucher nach dem Auftritt von MC Meli an.

 

Wir werden weiter diese Szene beobachten und hoffen, dass wir weiterhin female Crews in unseren Projekten haben werden. Mit „Pink Kitchen – Female HipHop für Remscheid“ konnten wir zum ersten Mal aktive Mädchen in unseren HipHop-Projekten aufweisen, von denen ein Teil sogar über das Projekt hinaus weiter gemacht hat.

 


Nr. 12 Druckluft Oberhausen -
Was ist eigentlich aus Akif geworden

 

Theaterprojekt mit Jugendlichen im Jugend- und Kulturzentrum Druckluft 2010

Die Produktion begann im Januar 2010 in direktem Anschluss an unsere Premiere „Schließfächer“ mit einer Beschäftigung mit dem Thema „Unterdrückung“. In Spielen und Improvisationen, unter anderem inspiriert von Augusto Boal, näherten sich die Teilnehmer des Theater Luft dem Thema. Wir arbeiteten an Situationen aus der Arbeitswelt oder der Schule. Schnell kristallisierte sich jedoch schon in dieser Phase das Thema der Migration und Asylsuche als ein Schwerpunkt heraus. Dies liegt einmal am persönlichen Hintergrund einiger Teilnehmer und ist sicher auch von der politisch bewussten Ausrichtung des Trägers unserer Jugendtheatergruppe, dem der linken Szene nahe stehenden Kulturzentrum Druckluft, beeinflusst. Es galt, einen Weg zu finden, dieses Thema denjenigen in der Gruppe zu vermitteln, die nicht aufgrund persönlicher Erfahrungen mit Migration und dem Leben als Asylbewerber mit dieser Situation vertraut waren. Wir wollten dabei jedoch vermeiden, dass innerhalb der Gruppe diese persönlichen Erfahrungen zu sehr ausgestellt wurden. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass die direkte schauspielerische Umsetzung von Fluchtsituationen dem Thema und seiner Tragweite nicht gerecht wurde.

Aus einer früheren Jugendtheaterproduktion war Moritz Pankok ein Schauspieler bekannt, der als Asylbewerber abgeschoben worden war. Der Kontakt zu ihm, dem Roma - Schauspieler Akif Alievski war jedoch seit vielen Jahren abgebrochen. Gemeinsam mit der Gruppe begann eine Suche nach dem heutigen Aufenthaltsort des ehemaligen Schauspielers. Wir trafen seine alten Freunde und die Gruppe erfuhr so einiges über Akif’s Leben und auch seine Theaterarbeit. Schließlich rief Akif während einer Probe überraschenderweise an. Ein gemeinsam verfasster Brief hatte ihn in Kumanovo in Mazedonien erreicht. Spontan lud die Theatergruppe ihn ein.

Während sich also nun Einiges in unserer Produktion direkt mit Akif’s Situation auseinandersetzte, entstand ein zweiter Erzähl-Strang des Stückes. Inspiriert von der aktuellen Tendenz, öffentliche Dienstleistungen an private Unternehmen auszulagern und auch beeindruckt von der sehr eigenen Sprache des „Amtsdeutsch“ im Umgang mit Asylbewerbern, hatten die Jugendlichen die Idee, in unserem Theaterstück fiktiv ein privates Unternehmen zu beschreiben, welches in einer unbestimmten (aber nahen) Zukunft, staatlich beauftragt, Asylverfahren abwickelt.

Da während unserer Probenzeit das Kulturzentrum Druckluft umgebaut wurde, ergab sich die Schwierigkeit, dass wir keinen Probenort mehr hatten. Wir begannen, einen Ort für Proben und Aufführungen zu suchen. Mit Hilfe des Oberhausener Gebäudemanagements (OGM) wurden wir schließlich fündig: Ein verlassener Garagenhof in der Nähe des Hauptbahnhofs Oberhausen bot sich an, Spielort unserer Aufführung zu werden.

Ein verlassenes kleines Bürogebäude und ein Hof mit Garagen, wurden so zum gleichsam anonymen wie auch stimmungsvollen Ort des Transits, an dem das Publikum durch das fiktive Unternehmen ASYLFAIR geführt wurde. Die Zuschauer erhielten Einblick in die Arbeitsweise des Unternehmens und den Umgang mit Asylbewerbern. Während natürlich einiges pointiert und satirisch dargestellt wurde, entstand dennoch ein zuweilen beklemmender Eindruck, der zum Nachdenken anregte. Dadurch, dass der ehemalige Asylbewerber Akif Alievski bei den Endproben der Produktion selbst anwesend war, waren sich die Teilnehmer des Projektes über die Tragweite und Bedeutung ihres Spiels sehr bewusst. Die Theaterarbeit wurde stets reflektiert.

Parallel zu den Endproben entstand dann auch der Dokumentar(kurz)film „Was ist eigentlich aus Akif geworden?“, den die Teilnehmer mit Akif Alievski herstellten und der Akif zurück an die Orte seines damaligen Asylbewerber-Lebens führte und ihn zum ersten Mal nach etwa 14 Jahren mit seinen Freunden zusammenbrachte. Im Theaterstück war ein etwa 5-minütiger Ausschnitt des Filmes zu sehen. Am Ende der Aufführung von „ASYLFAIR“ tritt schließlich Akif, mittlerweile 28 Jahre alt, selbst auf.

Das Publikum wird am Anfang der Aufführung in zwei Gruppen getrennt, gleichsam als Beispiel für Diskriminierung. Die Aufführung findet also im Hauptteil an zwei Orten gleichzeitig statt. Dabei werden die einzelnen Szenen, die parallel gespielt werden, von den „Hostessen“, die durch das Unternehmen führen, mittels Walkie-Talkies zeitlich abgestimmt. In einer Szene sieht man durch eine Übertragung mit einer einfachen Überwachungskamera, was in der parallelen Szene geschieht. Es gibt eine Interaktion. Der Mittelteil wird von den Schauspielern zweimal gespielt, so dass das gesamte Publikum alle Szenen einmal zu sehen bekommt. Am Ende wird das Publikum wieder auf den Hof in eine Garage zusammengeführt. So wird die letzte Szene vom gesamten Publikum gleichzeitig gesehen.

Das Projekt brachte sowohl die Spieler als auch das Publikum zum Nachdenken über Asylpolitik und regte zu Diskussionen an, auch schon vor der erst danach in den Medien entflammten Migrations-Debatte. Die beteiligten Jugendlichen engagierten sich sehr für das Projekt und brachten ihre Ideen und ihre Kreativität im Theaterspiel aber auch in der Gestaltung des Bühnenraums ein. Das junge Ensemble steckte besonders im letzten intensiven Proben Monat, all ihre Freizeit und Energie in die Entwicklung des Stückes und es entstand ein sehr intensiver und kreativer gemeinsamer Endprobenprozess.

 

 

Nr. 15 Theater am Schlachthof, Neuss – Es ist Krieg und keiner weiß davon

 

Antrag: In der Bundesrepublik verschärft sich die Auseinandersetzung um das deutsche militärische Engagement in Afghanistan. Der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Gutenberg will den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr besser als bisher in der deutschen Öffentlichkeit vermitteln. "Für viele Deutsche ist der Einsatz noch immer weit weg, zu weit weg". 50. 000 Tote in Afghanistan von Oktober 2001 an, seit die ersten Bomben fielen. Dabei sind allein in den letzten acht Jahren 290 deutsche Soldaten ums Leben gekommen.

Geplant ist ein Theaterstück zu entwickeln, das direkt in Jugendeinrichtungen und Schulen gespielt werden kann. Es wird um das Thema Krieg, im Besondern die aktuelle Problematik in Afghanistan, um die Bundeswehr und ihre Aufgaben und um die Opfer des Krieges gehen. Aus der Sicht eines afghanischen Jugendlichen die Situation in Afghanistan näher bringen, sowohl die der Afghanen als auch die der deutschen Bundeswehrsoldaten. Daraus entsteht ein übergreifender Einblick in die realen Vorkommnisse, Probleme, Zwänge und Auswirkungen von Krieg aus beiden Blickwinkeln. Nach dem Theaterstück werden wir eine Diskussionsrunde anbieten, in der die Jugendlichen weitere Fragen über Afghanistatan, Bundeswehr und Krieg stellen können.

 

Bericht: Das Projekt wurde sehr gut angenommen. Viele Schulklassen und Jugendgruppen besuchten das Theaterstück "Es ist Krieg und keiner weiß davon" im Theater am Schlachthof oder nutzten die Möglichkeit und ließen die Schauspieler vor Ort in schulen oder Jugendheimen auftreten. Auch die anschließende Diskussionsrunde fand großen Anklang bei Lehrern und Schülern, so wie Jugendlichen und Betreuern. Die entstandenen Diskussionen trugen einerseits zur Aufklärung der Beteiligten in Sachen Krieg und aktueller, politischer Lage bei, und sorgten andererseits für einen teilweise hitzigen Austausch der unterschiedlichen Meinungen zum Thema Bundeswehr, Wehrpflicht und Krieg. Somit lässt sich abschließend sagen, dass das Projekt "Es ist Krieg und keiner weiß davon" ein voller Erfolg war.

 

Pressebericht

Absurd und vergnüglich: "Der Kopf" im TaS

Neuss (NGZ). "Überraschungen unterbrechen den Alltag und den Lauf des Universums", sagt der Großvater, als ein Paket von der Armee ankommt – mit dem der Kopf des Sohnes. Der auch noch spricht. Das skurrile Kurzstück "Der Kopf" von Joachim Durrang erlebt im Theater am Schlachthof (TaS) seine Uraufführung.

Leonhardt Lange spielt trotz Körperlosigkeit mit beeindruckender Vielseitigkeit den Kopf, der dank gewitzter Bühnentechnik mal auf dem Tisch, mal im Schrank steht. Er schüttelt die blonden Locken, reißt hungrig schmatzend den Mund auf – alles mit beunruhigender Gleichgültigkeit gegenüber seinem Schicksal. Diese ausgeprägte Emotionsarmut, die dem Kopf nicht die Rolle eines Kriegsversehrten, sondern die einer Attraktion verpasst, dominiert das Stück und macht seine Absurdität aus.

In der spießigen Familie des Kopfes will sich jeder das faszinierende Wesen zu eigen machen: Die Mutter (passend mechanisch: Sabine Barth) möchte ihren Mann loswerden. Der Vater wiederum (hervorragend narzisstisch: Richard Hucke) möchte seinerseits seine Frau loswerden. Der Großvater (Mike Reichenbach) sehnt sich nach "erotischer Vollendung". Obwohl sich zuweilen die Frage stellt, ob hinter der schwarzhumorigen Absurdität auch eine tiefere Wahrheit steckt, und wenn ja, welche, ist es doch ein großes Vergnügen, dem jungen Ensemble zuzusehen.

In der Regie von Stefan Krause hat es ein in sich geschlossenes, aber nicht leicht begreifbares Stück erarbeitet, das den Zuschauer betroffen und befremdet zurücklässt. Hin und wieder wird das Thema Krieg direkt angesprochen und ohne klamaukigen Charakter als "Trauma, das die Seele zerreißt" beschrieben. Das Ende stellt sowohl einen inhaltlichen als auch den Höhepunkt des Grotesken dar: Frauen und Männer formieren sich gegeneinander wie zwei verfeindete Truppen, und jede Truppe sieht den Kopf auf seiner Seite. Dann stirbt der Kopf durch einen Schuss. Man hängt ihn wie eine Trophäe an die Wand über dem Tisch.

 



 

 

 

Nr. 23 Cactus Jugendtheater, Münster – Spurwechsel 8 aus 10 / 2010

 

SpurweXel war ein lokales Einstiegsprojekt für neue soziale, kulturelle und integrative Strategien im Bereich Jugendkultur mit Kooperationspartnern aus Institutionen und freien Trägern der sozialpädagogischen als auch interkulturellen Jugendarbeit.

An diesem innovativen Vernetzungsprojekt haben ca. 120 jugendliche Akteure im Alter zwischen 15 und 27 Jahren aus völlig verschiedenen Jugendszenen und Stadtteilen teilgenommen und Münster großflächig in eine Bühne für Jugendkultur verwandelt.

Insgesamt machten sich viertausenddreihundert Zuschauer auf den Weg an 10 verschiedene Orte in der Stadt und der Peripherie, um 10 Inszenierungen / Performances quer durch die Genres: Tanz, Theater, Performance, Musik, Installation zu sehen.

Der Antrag bei der LAG Soziokultureller Zentren NW e.V. bezog sich auf 8 aus 10 der Einzelprojekte, die Produktionen „Look at me“ (2) und „Umsteigen“ (10) wurden anderweitig finanziert, gehören aber inhaltlich zum Gesamtkonzept.

 

1. Den Startpunkt im Mai 2010 machte die Inszenierung „Beautiful Freaks“ in der Regie von Alban Renz mit 5 Vorstellungen im Theater im Pumpenhaus.

Erreichtes Ziel es, ein Theaterprojekt unter Beteiligung von 6-10 Hobby-Schauspielern zum Thema Mobbing, Ausgrenzung, Außenseitertum entwickelt und in eine bühnenreife Form, gebracht zu haben, die sowohl künstlerischen als auch theaterpädagogischen qualitativen Ansprüchen genügte. Alle Vorstellungen mit anschließenden Publikumsdiskussionsrunden waren ausverkauft, das Stück wurde aufgrund großer Nachfrage im Februar diesen Jahres wieder aufgenommen mit weiteren 5 Spielterminen im Theater im Pumpenhaus. Auszüge der Inszenierung wurden auf einer Tagung über Depression im Jugendalter präsentiert und weitere Anfragen folgten.

Im Pumpenhaus sahen insgesamt 1.600 Zuschauer das Stück, auf der Tagung waren es 100 Zuschauer.

 

3. Am 20.Mai folgten die „Klangspuren Wolbeck“ in Kooperation mit der Gesellschaft für Neue Musik & der Musikschule Wolbeck e.V., die im Schulzentrum Wolbeck präsentiert wurden. Unter der Leitung von Melvyn Poore (GB / Musikfabrik Köln) haben 5 Jugendliche aus Wolbeck ihren Stadtteil tonal gescannt und daraus eine Klangkomposition erarbeitet unter dem Titel „Wege durchs Viertel“ (anlässlich der 700 Jahr Feier Wolbeck).

 

4. Ende Mai präsentierte sich unter der Leitung von Manfred Kerklau und Klaus-Dieter Hedwig 3malig in Kooperation mit dem Handwerkskammer Bildungszentrum die Installation „Open Doors“. Daran teilgenommen haben 10 Jugendliche aus den dortigen Ausbildungsbereichen: Hauswirtschaft, Design, Bürokaufmann/frau, die über Theaterworkshops für die verschiedenen Ausbildungsgänge in der Anfangsphase des Projektes gewonnen werden konnten.

An 3 Abenden wurde die theatralische Installation in der Handwerkskammer aufgeführt. Die Zuschauer wurden parallel in 3 Gruppen (jeweils 20 Personen) in Form einer geführten Wanderung durch verschiedene Gebäude gelotst an die einzelnen Spielorte in den diversen Werkstätten ( inclusive einer Videoinstallation in der Frisörwerkstatt). Der ungewöhnliche Theaterabend (ca 1 Stunde) wurde durchweg, seitens des Publikums, der Mitwirkenden und dem Partner Handwerkskammer) positiv und anregend angenommen.

 

5. Anfang Juni pämierte die outdoor-Produktion „Nix viel“ ( Titeländerung: ehemals „Katzelmacher“) in der Regie von Judith Suermann am grünen Finger im Stadtteil Gievenbeck. Insgesamt gab es dort 3 Open Air-Aufführungen. ( die Wiederaufnahme im November 2010 fand mit 2 Vorstellungen in der Aula des Anne-Frank-Berufskollegs statt).

Die 9 mitwirkenden Jugendlichen wurden über Aushänge und Kontakte mit dem Fachwerk Gievenbeck, dem VSE- Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen e.V. in Gievenbeck und das offene Theatertraining von Cactus gefunden. (die Jugendlichen, zw.15 und 17 Jahre alt, stammten aus Gievenbeck, Mecklenbeck, Innenstadt und Emsdetten).

Das Stück erregte dort vor Ort aufgrund der Thematik Ausgrenzung, Gewalt und Cliquenwirtschaft sehr viel Aufmerksamkeit, auch schon während der Proben, die ja öffentlich einsehbar waren und „hautnah“ stattfanden. Insgesamt 700 Zuschauer haben „Nix viel“ gesehen.

 

6. „Niemandsland“ - der freie Künstler Stephan US zog mit 10 Jugendlichen durch den Stadtteil Coerde, um eine Performance zu gestalten, die sich mit den Assoziationen zum Raum auseinandersetzte. Junge Aktionskunst im öffentlichen Raum. Bei den vier Spielterminen Anfang September wurden die Zuschauer draußen empfangen und auf die außergewöhnliche Begehung durch den sozial brisanten Stadtteil mitgenommen. Neben großem Zuspruch gab es auch kleinere Störzwischenfälle von jugendlichen im Ort, die sich wichtigmachen wollten.

Jeweils 60-80 Zuschauer pro Performance waren anwesend.

 

7. „Der Junge im Bus“, ein Theaterprojekt mit einer professionellen und 2 jungen Hobbyschauspielern in der Regie von Alban Renz ereignete sich in enger Kooperation mit den Stadtwerken Münster, da der Aufführungsort ein Bus war (im fahrenden und parkendem Zustand). Das geschriebene Stück wurde bei ausverkauften Vorstellungen an 4 Terminen im September gespielt und bekam sehr gute Kritiken. Aufgrund der großen Nachfrage gab es schon eine Wiederaufnahme mit 5 weiteren Vorstellungen im Dezember 2011. Bis dato haben 306 Zuschauer das Stück zum Thema Schizophrenie gesehen.

Im kommenden Herbst wird „Der Junge im Bus“ wieder gespielt, unter anderem in 2 geschlossenen Vorstellungen im Rahmen einer Tagung für Lehrer in medizinischen Einrichtungen.

 

 

Nr. 21 Hiltruper Museum e.V., Münster – Hablamos Hiltrup

 

Eine Hommage an die erste Generation spanischer Einwanderer in Deutschland

am Beispiel von Hiltrup in Westfalen.

Hablamos Hiltrup ist ein interkulturelles, kunstpädagogisches Projekt, das mit den Mitteln des Theaters, der Musik und der bildenden Kunst das Thema `Heimat` erarbeiten möchte.

Es sind 7 Aufführungen geplant, in die Schüler aus Hiltrup eingebunden sind.

Dabei wird das Museum Hiltrup zu einem bespielbaren Ort, der die Situation der ersten Generation von Arbeitern, die aus Spanien und auch Protugal von der BASF Coatings (früher Glasurit) angeworben wurden, thematisiert und die Geschichte der Migration in Deutschland sichtbar macht. Wir möchten Erinnerungen ehemaliger spanischer Arbeiter zusammen tragen und sie mit dem Blick heutiger Jugendlicher mit Migrationshintergrund auf ihr Leben in Hiltrup und Deutschland konfrontieren.

 

1. Das Gesamt-Projekt Hablamos Hiltrup stellt sich vor

Als meine Kinder mit 16 begannen, abends in die Disco zu gehen, wurde ihnen zum ersten mal bewusst, dass sie Türken sind. Hadiye Akin (Mutter von dem Filmemacher Fatih Akin aus Hamburg)

Großmutter, wo willst du ausruhen? Enkelkind von Nermin Özdil

 

Hiltrup & die Migration in Deutschland

Das Dorf Hiltrup steht irgendwo in Deutschland – nun, in Westfalen.

Es ist ein kleiner Vorort, in dem Anfang des Jahrhunderts auf Grund seiner praktischen geografischen Lage und Verkehrsanbindung durch Bahn und Dortmund-Ems-Kanal eine Zweigstelle von Glasurit eröffnet wird, die sich später zum Hauptsitz und nach dem Verkauf an BASF (1965) sowie der Umbenennung in BASF Coatings zum bedeutendsten Autolackhersteller der Welt mausert. Um aus der einstmals kleinen Zweigstelle dieses große führende Wirtschaftsunternehmen aufzubauen, braucht es Arbeitskräfte - mehr als in Hiltrup nach dem Krieg zur Verfügung stehen. Und dies gilt nicht nur für das kleine westfälische Dorf- in den fünfziger Jahren herrscht in der gesamten jungen Republik wirtschaftliche Aufbruchstimmung und empfindlicher Arbeitskräftemangel für meist gering qualifizierte Tätigkeiten. So beginnt die staatlich organisierte Arbeitsmigration, die gezielte Anwerbung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, vor allem aus Ländern des Mittelmeerraumes.

Einige Mutige und Unerschrockene von ihnen, besonders aus Spanien und Portugal, erreichen auch Hiltrup.

Es ist nicht einfach, seine Sachen zu packen und zu gehen. Man braucht viel Mut, um sein Land zu verlassen. Kofi Annan, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger UN-Generalsekretät

 

Für Markus Lohmann (bildender Künstler) und Ella Huck (Performerin), bedeutet Hiltrup: Heimat. Hier sind sie geboren, zur Schule gegangen, hier waren sie in diversen Sportverbänden und Jugendgruppen engagiert und sind schließlich erwachsen geworden. Ihre Eltern und Verwandte und auch einige Freunde leben immer noch dort - sie selbst haben längst das Weite gesucht und leben heute in Hamburg, haben jeder eine eigene Familie gegründet und neue Freundeskreise in der großen Stadt gefunden. Heimat - für sie ein westfälisches Provinznest, das sie so schnell wie möglich verlassen wollten.

Für das Projekt Hablamos Hiltrup kehren sie nun zurück, um an Hand ihres Heimatortes die Geschichte von Migration in Deutschland und die der Rückkehrer sichtbar zu machen und an diesem Beispiel den Begriff „Heimat“ zu untersuchen. Und nicht nur das: sie möchten die Menschen kennen und verstehen lernen, die aus dem Süden mit großen Hoffnungen ins westfälische Hiltrup gekommen sind, die als so bezeichnete `Gastarbeiter` kamen, und den wirtschaftlichen Aufbau in Deutschland erst möglich machten.

Ich kam nach Münster, um Geld zu verdienen für ein kleines Haus in Portugal. Da gab es nichts, noch nicht mal eine Ausbildung. Ich war Analphabet als ich kam.

W. Papapostolu, Griechenland

 

Das Projekt Hablamos Hiltrup möchte sich auf Spurensuche begeben und dieser ersten Generation von Einwanderern begegnen, die jetzt in Rente geht und das Land und das Dorf so entscheidend mitgeprägt haben. Es möchte sichtbar machen wie sie als junge, mutige Fremde in Deutschland ankamen und ihren Alltag einrichteten. Und wie aus den geplanten 2 oder 3 Jahren, die sie vielleicht nur hier bleiben wollten, ein ganzes Leben geworden ist. Leben sie heute immer noch in Hiltrup oder haben sie in Spanien auf ihrer Anrichte ein Erinnerungsbild von unserem Dorf? Bedeutet für sie Hiltrup nun auch Heimat – und befällt sie eine seltsame, sentimentale Mischung aus Gefühlen wie: Erleichterung darüber endlich fort zu sein und Sehnsucht, weil sie es auch vermissen.

Gleichzeitig interessieren uns Erinnerungen älterer Hiltruper Bürgerinnen und Bürger, die die Zeit des „Wirtschaftswunders“ in Hiltrup verbracht und die tiefgreifenden Veränderungen der Ortstruktur in den 70er und 80er Jahren erlebt und beobachtet haben.

Die Erinnerungen an die eigene Jugend in Hiltrup möchten wir konfrontieren mit einem vielleicht eher vagen Heimatbegriff der heutigen Jugendlichen, die ein ganz anderes Bild des Ortes zeichnen als die romantisierenden Vorstellungen, die sich aus zeitlicher und räumlicher Entfernung bilden.

 

2. Hablamos Hiltrup in der Heimat-Lounge

Lounges sollen den Gästen die Zeit bis zur Weiterreise oder den Aufenthalt möglichst angenehm machen. Lounges sind meist großzügig und modern gestaltet. Eine entspannte Atmosphäre wird üblicherweise mit niedrigen und weichen Sitzmöbeln, Teppichen, sowie gedämpftem Licht erreicht. (So schreibt Wikipedia.) Auch Hablamos Hiltrup möchte die Zuschauer einladen die `Zeit bis zur Weiterreise` angenehm zu verbringen. Also ganz im Gegensatz zu den Sammelunterkünften und Baracken, in denen die ersten jungen, meist männlichen Arbeiter aus dem Süden untergebracht waren.

… in Zusammenarbeit mit den Bürgerinnen und Bürgern aus Hiltrup

Hablamos Hiltrup möchte mit seiner Arbeit anregen, dass sich Menschen verschiedener Altersgruppen und Kulturen miteinander beschäftigen und gemeinsam an kulturellen Ereignissen partizipieren. Das Heimatmuseum zeichnet sich gegenüber staatlichen Museen durch seinen regionalen Bezug aus. Neben dem weiten Blick auf die gesamtdeutsche Entwicklung von Mirgration interessiert uns der Blick auf die Menschen, die hier leben oder gelebt haben: Wer sind sie, wer lebt oder lebte hier, in welcher Form erleben sie Hiltrup als Heimat. Gemeinsam mit ihnen werden wir uns mit dem Thema Heimat künstlerisch auseinandersetzen und die Ergebnisse zu einem Ganzen zusammenfügen. Unter Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger entsteht eine interdisziplinäre Performance.

Es sollen neue und überraschende Zuschauergruppen gewonnen werden, die ihren Weg vielleicht zum ersten mal in das Heimatmuseum finden. Berührungsängste werden abgebaut und das alte Spritzenhaus wird zu einer Heimat für alle.

Der Abend bezieht Hiltruper aller Generationen mit ein:

Jugendliche mit Migrationshintergrund kreieren songs und Liedtexte; dazu entwickeln sie eigene Musik, Choreografien und Szenen;

der Männergesangsverein 1848 e.V. singt alte Lieder mit neuen Texten, die sich aus Zitaten spanischer Gastarbeiter zusammensetzen;

alt- eingesessene Hiltruper aus verschiedenen Generationen werden interviewt und sind Gäste einer Live-Talkshow;

Interviews und Bilder ehemaliger sogenannter Gastarbeiter von BASF werden bearbeitet und bilden die Grundlage für Lieder und eine Dia-show.

3. Die Struktur: Ein Bunter Abend in drei Akten

 

Erster Akt

Ort: Draußen auf dem Vorplatz des Museums:

Das Publikum wird eingeladen, sich an 8-10 Campingtischen auf Campingstühle unter Sonnenschirme zu setzen. Die Camping-Formationen sind erkennbar aus den 60er/70er Jahren, und transportieren eine romantische Sehnsuchtsvorstellung von Fernweh und Reisen.

 

An den Tischen werden kleine Speisen und Getränke serviert. Auf den Tischen stehen jeweils ein Transistorradio aus derselben Zeit. Aus den Radios tönen verschiedene Texte: Einerseits hören wir Berichte von ehemaligen `Gastarbeitern`, die von ihren ersten Wochen und Monaten in Hiltrup berichten. Sie erzählen uns wie sie angekommen sind und sich - fernab ihrer Heimat – eingerichtet haben; sie beschreiben ihre Gründe, warum sie Spanien (oder Portugal), das Land der Sonne, verlassen haben und wie sie in Hiltrup empfangen wurden; oder erzählen uns von ihrem ersten Arbeitstag `auf Glasurit`, den Kontakt zu den Hiltruper Arbeitern. Diese Geschichten mischen sich mit Erzählungen von alt- eingesessene Hiltrupern, ihren Erinnerungen an ihr altes Dorf- den Erlebnissen aus der „guten alten Zeit“. Aber sie berichten vielleicht auch von Beobachtungen der Veränderungen und des Verschwindens des dörflichen Lebens und geben Einblicke in die Frage, warum sie sich in Hiltrup heimisch fühlen und unter welchen Bedingungen das möglich ist.

Zweiter Akt

Ort: Im Erdgeschoss des Heimatmuseums:

Das Publikum wird eingeladen, das Heimatmuseum zu betreten. Dort erwartet es eine Installation, die zunächst recht „ungastlich“ daher kommt: aus weißen Kunsstofffenstern, verzinkten Metallapplikationen von Architektur, rotem Ziegelsteinimitat ( Riemchen ) oder Betonverbundsteinen ist eine verschachtelte Wohnsituation angedeutet, in der sich mehrere sitzgruppenartige Gelegenheiten zum Verweilen ergeben. All diese Materialien zeichnen das Bild der seit den 80er Jahren umstrukturierten Marktallee, der zentralen Durchgangsstraße in Hiltrups Mitte. Hier ergibt sich mit dem Bild „ Wohnen im Unort“ ein kritischer Blick auf die Gestalt Hiltrups zur Zeit unserer Jugend.

Das Publikum macht es sich in der Installation mehr oder weniger bequem.

Eine charmante und gut aussehende Moderatorin wird nun im Sinne einer Talkshow Interviews mit einigen Gästen führen, die ihre Kindheit und Jugend bis in die 80 iger Jahre hinein in Hiltrup verlebt haben und sich entschieden weiterhin auch dort zu leben oder zu arbeiten. Was bedeutet der Begriff Heimat für sie, was verbinden sie mit ihrem Dorf, gibt es unvergessliche Geschichten und Begebenheiten, mit denen sie sich für immer in die Geschichte des Dorfes eingeschrieben haben? In den Erzählungen der eingeweihten Protagonisten vermischen sich Authentizität mit Seemannsgarn, Heldengeschichten mit Wunschdenken, Tradition mit Fernweh.

 

Nach jedem Interview laufen Filmbeiträge in den Fernsehern. Jugendliche spielen hier selbstgeschriebene- und komponierte Lieder, dazu spielen und tanzen sie choreografierte Szenen.

Die Schüler spielen live in der permanenten Ausstellung im 1. Stock des Heimatmuseums, die das historische Hiltrup des letzten Jahrhundert darstellt. Mittels Video-Technik werden die Szenen auf die Fernseher übertragen, wobei der Ton live zu hören ist.

 

Dritter Akt

Ein versöhnliches Bild schließt sich an und rundet den Abend ab. Draußen, vor dem Heimatmuseum fährt der Männergesangsverein 1848 Hiltrup e.V. in einer großen Kutsche (`Jupp´s rollende Theke`) vor. Alle Fenster des Museums werden geöffnet und wir hören den Chor Lieder anstimmen, deren Texte sich aus Originalzitaten der alten spanischen und portugiesischen Gastarbeiter zusammensetzen. So werden die Hiltruper Sänger zu einem Sprachrohr der zurückgekehrten Gäste. Parallel dazu werden im Museumsraum Portraits von den interviewten Spaniern in deren Wohnsituation in ihrer neuen/alten Heimat gezeigt.

4 Die kunstpädagogische Arbeit mit den Kids

 

2 Kunstpädagogen werden mit ca. 18-20 Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus Hiltrup den Begriff Heimat ausloten und dazu Musik, Liedtexte und Choreografien erarbeiten.

Die Ergebnisse werden auf 7 Veranstaltungen im Museum Hiltrup im Juni/Juli 2010 gezeigt und sind künstlerisch eingebunden in den bunten Abend Hablamos Hiltrup.

Neben dem Beitrag der Kids beinhaltet Hablamos Hiltrup u.a. eine Talkshow und eine begehbare Installation, die im Erdgeschoss des Heimatmuseums zu sehen sein werden. Die Jugendlichen werden in der permanenten Ausstellung im 1. Stock, die das historische Hiltrup des letzten Jahrhundert darstellt, auftreten. Mittels Video-Technik werden die Szenen auf Fernseher der Installation im Erdgeschoss übertragen - wobei der Ton live zu hören ist, da beide Stockwerke ein offener Treppenaufgang verbindet.

 

Es werden insgesamt 3 Bands mit je 5-6 Schülern zusammengestellt. Alle Bands decken Schlagzeug, E-Bass, 2 Gitarren, Keyboard und Gesang ab. Es müssen nicht alle Kinder musikalische Erfahrung mitbringen, sondern sie haben die Möglichkeit in den Workshops die verschiedenen Instrumente kennen zu lernen. Gemeinsam mit dem Musikpädagogen werden sie einfache Kompositionen erfinden und auch die Texte schreiben. Ziel soll sein, dass jede Band ca. 3 popmusikalische Stücke erstellt.

Zu den Liedern werden kleine Choreografien entwickelt, die die räumlichen und thematischen Vorgaben der permanenten Ausstellung des historischen Hiltrups (altes Schulzimmer, Wohnzimmer, Waschküche, etc.) aufnehmen.

 

Arbeitsablauf

Vorgesehen sind konzentrierte Arbeitsblöcke:

in den Wochen vom 8. - 11. März, 15-18. März, 17. - 20. Mai (immer montags bis donnerstags) können alle 3 Bands jeden Tag am Nachmittag und hinter einander 90 Min. zusammen arbeiten. Jede Gruppe erhält damit 12 Arbeitseinheiten von je 1 ½ Stunden und hat damit 18 Probenstunden. Zum Vergleich: im Jamliner (dem Musikbus der Hamburger Musikschule) arbeiten die Kinder ohne musikalische Vorbildung ca. 5 Stunden an einem Musikstück.

Vor der Premiere werden in Absprache extra Proben angesetzt.

 

Der Begriff Heimat

Die Beschäftigung mit dem Begriff `Heimat` ist eng verwoben mit der Frage nach der Identität der Jugendlichen: für sie als junge MigrantInnen der 2. und 3. Generation sind die Begriffe wie `heimatliche Wurzeln`, `kulturelle Zugehörigkeit, `Integration` mit anderen Gefühlen und Bedeutungen besetzt als für alteingesessene Hiltruper Familien.

Fühlen sie sich als Hiltruper Kids? Fühlen sie sich im Zentrum oder in der Peripherie? Was bedeutet für sie `Heimat`, `sich zuhause fühlen`? Wofür bekommen sie Respekt?

Über die Arbeit in dem Projekt Hablamos Hiltrup können sie künstlerische Antworten entwerfen. Sie haben nicht nur die Möglichkeit ihre musischen Talente zu entdecken und zu entfalten, sondern entwickeln ihren eigenen künstlerischen Ausdruck. Sie sind selbst gefragt - nichts wird nach-gespielt, sondern die Liedtexte, die Musik, die Tänze werden neu erfunden. Sie selbst sind die Protagonisten, die Gestalter, die Künstler.

Kunst ist eine andere Dimension vom Leben. Eine Dimension, wo man das Leben und die Welt und die Menschen, das Geschehen und alles anders sieht und anders präsentiert. Man soll sich das so vorstellen, als wenn Gott uns eine Botschaft schickt, aber es gibt keinen Prophet oder Engel. Kunst ist eine Botschaft. Eine Botschaft, die die Ohren der Menschen richtig aufmacht, das Fröhliche, das Klare und den hellen Weg und das Leben zeigt.

Ibrahima Bah aus Guinea, 19 Jahre alt.

 

Kunst = Empowerment

Die Erfahrung zeigt, dass über künstlerische, zielgerichtete Arbeit das Selbstvertrauen der Jugendlichen gefördert wird. Sie erfahren Anerkennung und Wertschätzung über die öffentlichen Präsentationen vor Publikum.

Die vielseitigen gemeinsamen Arbeitsprozesse vermittelt den beteiligten Jugendlichen genau die Werte, die in der aktuellen Debatte um Integration und Gewaltprävention als grundlegend erkannt werden: Toleranz und Respekt vor den 'Anderen', Identifikation mit einem gemeinsamen Ziel, persönliche und soziale Aufwertung – im Fall von Hablamos Hiltrup durch die Beschäftigung mit Kunst und die Zusammenarbeit mit professionellen Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Sparten. Durch die Arbeit an den Szenen und Texten wird die Sprache, sowie die Konzentrationsfähigkeit gefördert.

Die durchführenden Künstler haben eine langjährige musik- und theaterpädagogische Erfahrung und Praxis: in dem Musikbus Jamliner erarbeitet Jochen Reich mit Jugendlichen ohne musikalische Vorbildung Musik und Liedertexte; In dem Theaterprojekt Hajusom wenden sich Ella Huck und ihre Kolleginnen besonders an jugendliche Flüchtlinge und erarbeitet mit ihnen seit 10 Jahren Theaterproduktionen.

 


Nr. 24 Ringlokschuppen Mülheim – Das Ruhrgebiet zwischen Dorf und Megacity

 

Eine Veranstaltungsreihe aus Aktionen, Performances und Gesprächen

Das Thema der Veranstaltungsreihe war die Behauptung der Kulturmetropole Ruhr, die Metropolenträume der Provinz Ruhrgebiet.

Wandelt sich das Ruhrgebiet tatsächlich zur Kulturmetropole Ruhr oder bleibt es ein polyzentrisches Flächendorf, das nur an einigen Punkten aus großstädtischen Ballungen entsteht? Wir wollten das Kulturhauptstadtjahr 2010 bewusst dazu nutzen, diese Fragestellung gemeinsam mit den Akteuren zu erörtern.

 

Folgende Veranstaltungen haben im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe stattgefunden statt gefunden:

16.01.10 Das Versprechen der Metropolen - Podiumsdiskussion

Auf dem Podium diskutierten zu dem Thema:
Gérard Mortier (ab 2010 Künstlerischer Leiter Teatro Real, Madrid)
Frie Leysen (Künstlerische Leiterin Theater der Welt 2010)
Oliver Scheytt (Geschäftsführer RUHR.2010 GmbH)
Anselm Weber (Intendant Schauspiel Essen, designierter Intendant Schauspielhaus Bochum)

Moderiert wurde die Diskussion von Vasco Bönisch (WDR)

Die Diskussion wurde von WDR3 mitgeschnitten und später gesendet.

06.02.10 Das Dorffest - Die Intervention

Das Dorffest stand unter dem Titel: Die Metropole bekommt endlich ihr Dorftheater!

Ein Fest zwischen Boxbude, Schießstand, Zuckerwatte, Festzelt, Bratwurst, Boulevard und Discountdiaspora

Mit performativen Beiträgen von:

Theaterarbeit Duisburg, Theaterwissenschaften Bochum, Kainkollektiv, Tanzmoto,

Junge Performer, Raumlabor, Künstler des Projektes Polyphonie, den Chören Chorpus Delicti und Touched Voices

Mit einem Konzert von Rotfront aus Berlin

Mit dem Film “Der tschechische Traum“ von Vit Klusak und Filil Remunda

(Ebenfalls fand im Rahmen des Dorffestes eine Aufführung des Stückes von Rene Pollesch „Ein Chor irrt sich gewaltig“ der Volkbühne Berlin statt. Dieser Beitrag war nicht Bestandteil des Antrags.)

 

18.02.10 Inszenierung einer Metropole - Ein Gespräch

Dieser Abend war das Abschlussgespräch zur gleichnamigen Ringvorlesung der Ruhruniversität Bochum mit insgesamt 12 Einzelterminen in der Ruhruniversität.

Der Institutsleiter Prof. Dr. Guido Hiss hatte ausgewählte Gesprächspartner dieser Reihe eingeladen, um mit ihm die „Inszenierung der Metropole“, die Ergebnisse, Differenzen und Neue Erkenntnisse für die Planungen 2011 gemeinsam mit den regionalen Kulturschaffenden und Künstlergruppen zu erörtern

 

18.03.10 Metropole ohne Kohle - Podiumsdiskussion

Auf dem Podium diskutierten zu dem Thema :

Andreas Bomheuer (Geschäftsbereichsvorstand für Kultur in Essen)

Peter Carp (Intendant Theater Oberhausen)

Jörg Stüdemann (Kämmerer der Stadt Dortmund und Beigeordneter für Kultur und Sport)

Moderiert wurde die Diskussion von Regina Völz (WDR)

 

20.04.10 @Ruhr - Lesung mit anschl. Diskussion

Wie lässt sich eine Region beschreiben, die auf den ersten Blick nicht zu fassen ist?

Unter diesem Titel hatten wir die beiden international anerkannten Autoren

Feridun Zaimoglu und Ranjid Hoskote eingeladen, ihre Versuchsanordnungen und Reflexionen in Sachen „Ruhr“ mit uns zu teilen.

Die Moderation hatte Hubert Winkels, Deutschlandradio

 

17.06.10 Marxloh & Engels – Performance

Welche Revolutionen durchzogen und prägten die Region?

Unter diesem Titel stand der Abend.

Bei ihrer Performance ließ der Stadtkritiker Jochen Becker (metroZones, Berlin) zusammen mit dem Künstler Christoph Schäfer (Park fiktion, Hamburg) anhand von kommentierten Filmausschnitten Geschichten der Ruhrkämpfe sowie der Roten Ruhr Armee Revue passieren.

 

22.09.10 2-3 Straßen – Eine Besichtigung der vertikalen Straße

Im Rahmen von Ruhr2010 hatten die Städte Dortmund, Duisburg und Mülheim an der Ruhr 80 Kreativen aus Deutschland und Europa Wohnungen für dieses Jahr mietfrei zur Verfügung gestellt mit dem Ziel der Veränderung der Straße.

An diesem Abend luden die Bewohner der vertikalen Straße am Hans-Böckler-Platz in Mülheim ein und gaben Einblicke in ihr Projekt.

 

07.10.10 Das Zusammenleben in der hybriden Gesellschaft – Diskussion

An diesem Abend wurde die Frage erörtert, wie lässt sich die Zukunft gestalten, um der kulturellen Vielfalt dieser Region und seiner Bewohner gerecht zu werden.

Was müssen die Kommunen unternehmen, um für alle hier lebenden Menschen einen gleichberechtigten Zugang zur Gesellschaft zu ermöglichen.

Am Beispiel der Städte Oberhausen, Mülheim und Dortmund wurden dort entwickelte

Und praktizierte Handlungskonzepte vorgestellt von:

Apostolos Tsalastras Dezernent für Sport, Gesundheit, Kultur der Stadt Oberhausen

Kurt Eichler Leiter des Kulturbüros der Stadt Dortmund und

Vural Özay Koordinierungsstelle Integration der Stadt Mülheim

Das Gespräch wurde von Claudia Saerbeck (Ringlokschuppen) moderiert

 

09.12.10 Hab ich von gehört – D`manns Tagebuch zur Kulturhauptstadt

Der Künstler Rolf Dennemann (artscenico e.V.) ließ das Kulturhauptstadtjahr Revue passieren - mit perspektivischen Anmerkungen.

Insgesamt ist die Veranstaltungsreihe auf große positive Resonanz bei Publikum und Beteiligten gestoßen. Von den insgesamt 9 Veranstaltungen ist 1 Veranstaltung von WDR3 Radio mitgeschnitten und gesendet worden.

 


Nr. 26 Kulturzentrum BÜZ Minden – 1. Literaturfest Minden

 

„1. Literaturfest Minden“ vom 29. 10. –1. 11. 2010

Idee des Projektes

Wir, die Veranstalter, haben an Literatur, ihren vielgestaltigen Formen in Ausdruck, Inhalt und Form selbst viel Freude und Spaß. Mit dem „Ersten Literaturfest Minden“ feierten wir ein langes Wochenende lang gemeinsam mit den Mindenern ein Fest der Literatur. Mit dem ersten Fest seiner Art in Minden begeisterten wir die Teilnehmer und unser Publikum. Zudem weckten und vertieften wir das Interesse am Lesen und selbst Schreiben.

 

Art der Veranstaltung

An verschiedenen Orten in der Innenstadt von Minden drehte sich alles um Wörter, Texte und Bücher. Neben klassischen Lesungen durch Autorinnen und Autoren, Poetry-Slams, Schreibwerkstätten und Vorleseclubs gab es eine Minipressenmesse, Buchdruckworkshops und Veranstaltungen mit Musik und Text.

 

Adressaten

Die Veranstaltung richtete sich an alle Generationen. schwerpunktmäßig aber an Kinder und Jugendliche. Das „Erste Literaturfest Minden“ bewarben wir vor allem regional.

 

Ziele des Projekts

Mit der Veranstaltung

·         ermöglichten wir Kinder und Jugendliche einen unmittelbaren, spielerischen Zugang zu Literatur

·         förderten wir die Kreativität im Umgang mit Wörtern und Texten.

·         stellten wir den persönlichen Kontakt zwischen Autorinnen, Autoren und Publikum her. Das Literaturfest funktionierte auch als Kontaktforum und Informationsplattform.

·         die Grenzen zwischen dem konventionellen und dem experimentellen, performativen Umgang mit Literatur und Texten gestalteten wir durchlässiger.

·         die Begegnung mit AutorInnen verschiedener Ethnien und Kulturkreise öffneten Horizonte.

·         die Stadt Minden zeigte sich als lustvoller Spielort für Literatur.

Durch den Zusammenschluss verschiedener Gruppen und Initiativen in Minden und Umgebung, die sich mit Literatur auseinandersetzen, schafften die Initiatoren eine breite Plattform für die vielfältigen Facetten von Literatur und Literaturvermittlung. Alle am Projekt beteiligten Partner hoben das Projekt gemeinschaftlich aus der Taufe. Wir leisteten mit dem „Ersten Literaturfest Minden" einen wertvollen Beitrag zur kulturellen Bildung in Minden.

 

Zeitraum der Durchführung

Kernzeitraum: 29. Oktober 2010 bis 01. November 2010

In der Woche vor dem angegebenen Kernzeitraum sollten Aktionen mit literarischem Charakter im öffentlichen Raum sowie das "Erste Literaturfest Minden" begleitende und vorbereitende Schreibwerkstätten in Schulen und Bildungszentren stattfinden.

Die Schreibwerkstatt für Poetry-Slam für die Altergruppe „U20“ im Bildungszentrum BF musste mangels ausreichender Teilnehmerzahl leider ausfallen.

Aufgrund des verkleinerten Etats verzichteten wir auf werbewirksame Lesungen in Kneipen in der Woche vor dem Literaturfest.

 

Wir sind an vielen Orten! - Als Veranstaltungsorte hatten wir eingeplant:

Altstadtbühne, Besselgymnasium und weitere Schulen, Buchhandlung Otto, Bildungswerk und Forum BF Minden, Buchhandlung Thalia, Buchhandlung Hagemeyer, Café de L´Opera, Fußgängerzone Mindener Innenstadt, Hamburger Hof, Kulturzentrum BÜZ, Saal "Scala" des Victoria Hotels, Privatwohnungen, Stadtbibliothek Minden, Theater im Café, Treffpunkt Johanniskirchhof, Zelt auf dem Marktplatz, Zigarrenkistenfabrik.

Das Literaturfest fand tatsächlich statt an folgenden Orten:

Besselgymnasium, Buchhandlung Otto, Buchhandlung Thalia, Buchhandlung Hagemeyer, Hamburger Hof, Kulturzentrum BÜZ, Saal "Scala" des Victoria Hotels, Privatwohnungen („Lesung im Erker“, „Die Vorleserinnen“), Stadtbibliothek Minden, Treffpunkt Johanniskirchhof, Mindener Innenstadt („Das blaue Fahrrad“, „Literarische Stadtführung“)

Die verminderte Anzahl der Orte ist unserem geringeren Budget geschuldet.

 

Wir sind inhaltlich, konzeptionell und methodisch innovativ!

Das "Erste Literaturfest Minden" war nach unserem Kenntnisstand das erste Literaturfestival in Minden, welches konventionelle und experimentelle Ausdrucksformen der Literatur gleichberechtigt nebeneinander und gegenüber stellte. Wir boten AutorInnen, Publikum und VeranstalterInnen in einem einzigen Veranstaltungsformat sehr unterschiedliche Wege der Wahrnehmung und Rezeption von Literatur an.

 

Wir wirken methodisch innovativ, indem wir zum Beispiel geschlossene KulturRäume verließen und den öffentlichen Raum. Hier: Fußgängerzone in der Innenstadt, als Forum für literarische Darbietungen nutzen. Auf diese Weise erlangten wir nicht nur eine erhöhte Werbewirksamkeit für die einzelnen Veranstaltungen in den bekannten (geschlossenen) Veranstaltungsorten. Wir konfrontierten in der Innenstadt Menschen, mit ungewöhnlichen Ausdrucksformen: der Literat auf dem blauen Fahrrad:, die bisher einen eher geringen Bezug zur Literatur hatten. Zur „Literarischen Stadtführung“ fanden sich Menschen ein, die sich gezielt auf die Spurensuche Mindener Literatur aus historischer Sicht machen wollten.

 

Wir waren konzeptionell innovativ, indem wir zum Beispiel mit vielen verschiedenen Partnern das Projekt durchführten, die konzeptionell bis zum Zeitpunkt des Literaturfestes keine oder nur wenig gemeinsame Berührungspunkte in der literarischen Arbeit hatten.

 

Wir präsentierten verschiedenartige literarische Konzepte: die traditionelle Einzellesung stand neben dem Poetry-Slam oder wir stellten die im literarischen Wirken Mindens etablierte Stadtbibliothek als Veranstaltungsort neben dem auf der literarischen Landkarte noch nicht etablierten "Hamburger Hof".

Wir waren inhaltlich innovativ, indem zum Beispiel in verschiedenen Schulen und Bildungsinstitutionen Mindens die SchülerInnen, angeleitet von erfahrenen Pädagogen, im Laufe des Schuljahres eigene Texte erarbeiten werden. Im Zuge des Literaturfestes präsentieren sie die Texte der Öffentlichkeit in etablierten Veranstaltungsstätten. Hier ist insbesondere das Format „Poetry-Slam“ hervorzuheben.

Im Herdergymnasium beschäftigten sich die Schüler mit Haiku und Lyrik.

 

Wir vernetzten uns!

Die veranstaltenden Institutionen waren: Stadtbibliothek Minden, VHS Minden, Bildungswerk und Forum BF Minden, Besselgymnasium Minden, Buchhandlung Otto, Treffpunkt Johanniskirchhof, Universität Paderborn, Kulturzentrum BÜZ, Minden Marketing GmbH, Kulturbüro Stadt Minden

Die engagierten Einzelpersonen waren Burkhard Hedtmann, Gertraud Strohm-Katzer, Joshua Bredemeier, Peter Küstermann, Angela Pähler, Frau von Wüllen, Frau Ziebecker

 

Wir schufen Synergien!- Bestehende Partnerschaften zwischen den verschiedenen Institutionen wurden vertieft und gestärkt. Neue Partnerschaften wurden geschaffen.

 

Wir trugen positiv zur Profilbildung der Stadt Minden bei!

Das kulturelle Profil der Stadt Minden wurde geschärft und erweitert. Dem aktuell hohen Stellenwert der Literatur in Minden boten wir ein neuartiges Forum.

Der Erfolg des „Ersten Literaturfestes Minden“ ermutigt uns, das Projekt nachhaltig in Mindens Kulturkalender als Biennale zu verankern und zu einer festen Größe in der lokalen und regionalen Literaturlandschaft etablieren.

 

Wir integrierten! - Wir luden AutorInnen mit Migrationshintergrund aus Minden und Umgebung dazu ein, mittels Lesungen aus ihren Werken für Verständnis und Toleranz für Kulturen zu werben, die hier vor Ort gemeinsam oder im Nebeneinander mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft leben.

SchülerInnen mit Migrationshintergrund nahmen an den verschiedenen Poetry-Slams und Schreibwerkstätten teil. In den vorgetragenen Texten spiegelte sich ihre Lebenswelt in Minden/Deutschland.



Nr. 29 Werkhaus Krefeld – Tunnelblick und Tag des offenen Denkmals NRW

 

Noch sind die letzten Arbeiten im Südbahnhof nicht abgeschlossen und es gibt nur eine eingeschränkte Nutzungserlaubnis.

Trotzdem wollten wir einen Tag großer Aufmerksamkeit, nämlich den Tag des offenen Denkmals nutzen, den Südbahnhof einer größeren Öffentlichkeit vorstellen und damit die Aktion Tunnelblick in einen besonderen Zusammenhang stellen.

Durch die große kommunale wie regionale Werbung über Plakate, Flyer und Ankündigungen in allen lokalen Zeitungs- wie Rundfunkredaktionen wurde es möglich, den Südbahnhof als nun wieder für die Öffentlichkeit zugängliches Denkmal und das Projekt Tunnelblick sowie die integrierte Fotoausstellung „AufBruch“ als erstes öffentliches Projekt kultureller wie integrativer Bildung eines neu entstehenden soziokulturellen Zentrums zu präsentieren.

Mit mehr als 700 Besuchern und über den ganzen Tag verteilten Führungen, gehörte der Südbahnhof zu den meistfrequentierten Denkmälern an diesem Tag in Krefeld.

 

Neben dem Interesse für das ganze Gebäude wurde durch die Aktion Tunnelblick ein besonderer Blick auf einen vergessenen Durchlass -zwischen der Südstadt und der Innenstadt Krefelds unter den Gleisen der Bundesbahn hindurch im Südbahnhof endend - gerichtet.

Als Symbol für eine verengte Wahrnehmung und den Verlust des „Durchblicks“ steht er für einen gescheiterten Versuch der Integration der Südstadt mit der Innenstadt Krefelds. Der Weg, düster und feucht, wurde nie akzeptiert und die Bahnreisenden haben den Weg vom Hauptbahnhof oder der Innenstadt zum Innenstadt abgewendeten Südbahnhof nicht genutzt. Da der Südbahnhof als Soziokulturelles Zentrum für integrative wie inklusive Arbeits- und Konzepttraditionen steht, wurde dem Tunnel als Kunst- und Kulturraum sofort eine besondere Bedeutung beigemessen.

 

Mit unserer Tunnelmalaktion, bei der jeder Einzelkünstler oder eine Malgemeinschaft (insgesamt 64 Beteiligte) mit Straßenmalkreide ein quadratisches Feld von 1 x 1m frei gestalten konnte, wurde ab Anfang Juli ein Bilderband durch den ganzen Tunnel in einer Länge von ca. 150m angelegt.

Dieses Band steht für die Neubelebung des Tunnels, der vergessen und verwahrlost nun mit neuen Eindrücken und Phantasien bebildert, gefüllt wird. Inspiriert durch die Atmosphäre des Tunnels hatten die Malerinnen und Maler die Möglichkeit ihre Phantasien bildhaft darzustellen und ihr persönliches Statement abzugeben. Gleichzeitig fordert die Aktion auch zur aktiven Teilhabe am Projekt Südbahnhof auf und machte den Südbahnhof auch für Kinder- und Jugendliche zu einem nutzbaren Erlebnisraum.

 

Am Tag des offenen Denkmals (12.09.2010) sollte das letzte Stück des Bandes geschlossen werden.

Es beteiligten sich neben einigen Künstlern und begeisterten Laien vor allem Kleingruppen aus Schulen im Rahmen der Ferienschulbetreuung und Kinder aus dem Projekt Überflieger der Caritas.

Da es noch freie Stellen gibt, der Tunnel wurde/wird bei Starkregen von Pfützen und Wasserlinien durchzogen, ergeben sich über die Projektzeit hinaus Möglichkeiten weitere Gestaltungsmöglichkeiten.

Neben dieser eine Woche vor den Sommerferien begonnen Malaktion beteiligten wir uns mit einer Fotoausstellung „AufBruch“ von Peter Neumann und 9 Führungen mit dem Historiker Martin Schiffmann, die je nach Gruppenstärke und Diskussion mit den Teilnehmenden von einer halben bis zu einer Stunde dauerten, am landesweiten Tag des offenen Denkmals (12.09.2010 zwischen 11.00h – 18.00h). Wir erreichten so ca. 700 Besucher und erhielten über die Führungen hinaus durch Redebeiträge der Besucher einen lebendigen Einblick in die Nutzungsgeschichte des Südbahnhofs bis ins Ende der 40er Jahre.

                                   

Auf Grund des unklaren Zeitpunktes der Baufertigstellung des Südbahnhofs selber – auch das natürlich eine Tradition des Hauses- und Problemen der Bauaufsicht bezüglich des Schall- wie des Brandschutzes konnten wir das ursprünglich geplante Baustellenkonzert nicht durchführen, sondern leiteten die Zuschauer unter musikalischer Begleitung von Shan Devakuruparan, einem Musiker aus Sri Lanka, und seiner Familie durch die Räume des denkmalgeschützten Südbahnhof. Ein Stand der Familie mit tamilischem Fingerfood fand regen Zuspruch. Mit der Präsenz der Familie Devakuruparan und der gezielten Einladung lokaler Migrantenorganisationen sollte der Anspruch zur Öffnung des Südbahnhof für neue Zielgruppen auch mit Migrationshintergrund unterstrichen werden.

Das auf traditionellen Elementen fußende Angebot der Familie sollte in seiner Form und durch die Einbindung der in Deutschland geborenen Kinder ein Verständnis für die interkulturelle Arbeitsauffassung des Hauses schaffen: Wertschätzung der kulturellen Herkunftsbiografien einerseits und kultureller Austausch auf Augenhöhe andererseits. Gemeinsames Ziel der Beteiligten ist, ein gemeinsames Projekt (hier Südbahnhof) zu verwirklichen.

Die Besucher des Tages bestanden, wie wir im Vorfeld auch vermutet hatten, natürlich in erster Linie und mit ganz wenigen Ausnahmen aus Bürgern des „christlichen Abendlandes“ und dem bekannten Bildungsbürger gehobenen Durchschnittsalters oder Familien mit kleineren Kindern, die einen verregneten Tag trotzdem zu einem Ausflug nutzen wollten.

Insofern wurde der Tag des offenen Denkmals auch von denen gefeiert, auf die sich die Ideengeber einer solchen Veranstaltungsform verlassen können.

Die Fotoausstellung AufBruch mit großflächigen Bildern des Fotografen Peter Neumann, die kurz vorher (10.Sept. 2010) eröffnet wurde, sollte den Prozess hin zur Neueröffnung des Südbahnhofs und den mehr als ein Jahr dauernden Rückbau zur ursprünglichen Architektur des Gebäudes beschreiben. Dem Vorerwartungsurteil: Wollen doch mal schauen, wo das schöne Geld verbuddelt wurde – was hundert Jahre nicht funktioniert hat, wird wohl auch jetzt nicht funktionieren - sollte im Nebeneffekt begegnet werden. Der geäußerte Respekt vor der geleisteten Arbeit war in Ansicht der Bilder allgemeiner Tenor. Die künstlerische Ausdruckskraft, die über die dokumentarische Komponente der Ausstellung hinausweist, macht die Exponate zu eigenständigen künstlerischen Arbeiten.

Werthaftigkeit und Schönheit des Gebäudes standen bei der Ausstellung neben menschlicher Anstrengung und veranschaulichen den Aspekt des gegenseitigen Respekts gegenüber kulturellen Anstrengungen allgemein und dem Südbahnhof im Besonderen. Hierzu gehören sowohl die Ergebnisse der Arbeitsleistung als auch die der sozial-gesellschaftlichen Kompetenz, eine wie Beuys sich ausdrückte „Erhöhung des gesellschaftlichen Wärmegrads“ durch die Schaffung einer sozialen Skulptur.

Entstanden ist nach einem Jahr intensiver fotografischer Begleitung eine künstlerische Ausstellung emotionaler Tiefe, die den Südbahnhof Schicht um Schicht frei legt, um ihn dann neu entstehen zu lassen.

 

Der positive Zuspruch der Besucher und die Anteilnahme aus der städtischen Verwaltung mit einem Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt, Herrn Gregor Kathstede, sowie der lokalen Politik sind die Grundlage für einen erfolgreichen Start des Projekts Südbahnhof und waren eine gute Möglichkeit die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokulturelle Zentren NW in Krefeld zu repräsentieren.

Der Wert der Soziokultur in seiner inhaltlichen Weite wie auch in seiner gesellschaftspolitischen Wirkungsform konnte erlebbar gemacht werden und wurde während der Projektzeit von Ausstellungsbeginn „AufBruch“ am 08.09.2010 bis zum 20.09.2010 bei vielen Gesprächen thematisiert und in der eigens für diesen Anlass erstellten Broschüre aufgezeigt.

Die Broschüre selber ist in ihrer eher grundsätzlichen Natur Ausdruck einer momentan völlig unsicheren Zukunft des Südbahnhofs.

Lediglich mit einer kleinen kommunalen Sockelförderung ausgestattet, sind die Betreiber auf weitere Förderer und Unterstützer angewiesen.

Die Nachhaltigkeit des Projekts soll durch die Beteiligung an einem solchen Denkmalschutztag und der gleichzeitigen Präsentation soziokultureller Arbeitsansätze wie Vorstellungen gesichert werden. Das soziokulturelle Projekt Tunnelblick war für das soziokulturelle Zentrum Südbahnhof ein gelungener Anfang.

 


Nr. 28 Werkhaus Krefeld – Global Village
- tAnZ!

 

Zeitraum/ Dauer: März bis Dezember 2010

Ausgangspunkt für das Projekt Global Village war der Gedanke, eine Vernetzung der lokalen Tanzszene zu fördern und eine Verbindung von Kinder- und Jugendbildung mit professioneller Tanzkunst unter einem Begriff herzustellen.

Global Village als eine gemeinsame Welt des Tanzes und als Teil des mit dem Kulturbüro Krefelds vertretenen Labels KrefeldTANZT zeitgenössisch stellt neben der internationalen Tanzmesse und der Tanzreihe move! den lokalen Bezug zum zeitgenössischen Tanz her und fördert sowohl die aktive Auseinandersetzung mit Tanz als auch die Zuschauerbildung.

Folgende Aktivitäten wurden im Rahmen von Global Village mit abschließender Veranstaltung im Südbahnhof durchgeführt:

 

Freitag, 25.06. 2010 Schülerveranstaltung im Südbahnhof mit Schülern der Kaiserplatzschule, Bodelschwinghschule und Albert-Schweizer-Schule Krefeld im Südbahnhof mit 70 Schülern und ca. 200 Gästen unter der Leitung von Sabine Kreuer und Andreas Simon.

Regelmäßiges Proben und Aufführung (26./ 27./ 28. November 2010) der Performance „Strato Tiger, dem Himmel so nah“ mit 10 Jungs zwischen 6 bis 14 Jahren.

 

Beteiligung der Tanzgruppe Tigers an folgenden Aktivitäten

29.05.2010 Krefelder Stadt-Spaziergänge „Litho Tigers“ Kultur im Quartier.

20.09.2010 „Abriss Strato Tiger“ Veranstaltung „Junge Junge Mediothek“

29.10.2010 „FLIEGEN - den Boden verlieren“ im Rahmen von KinderKulturKrefeld, Studiobühne I

Regelmäßige Proben Alex Coda „Hip Hop Basics“ als offenes Angebot

 

Workshop „Modern Dance“ mit Chris Parker als offenem Angebot

Folgende Performances wurden im Rahmen von Global Village im Südbahnhof durchgeführt:

19. und 20. November 2010:                   2°neben der Wirklichkeit, Uraufführung im Südbahnhof mit Susanne Weins, Sabine Seume, Andreas Simon

                                                           Besucher: inkl. Vips 107 Pers.

26./27. und 28.November2010:               Strato Tiger, Schulvorstellung und offene Veranstaltungen im Südbahnhof - Besucher: 190 Pers.

03. und 04.Dezember 2010                    DER INNERE ZEUGE, Butoh-Video-Performance über das Geschehen-Lassen

                                                           Im Südbahnhof - Besucher: inkl. Vips 56 Pers.

 

Die Breite der Veranstaltungen und die unterschiedlichen Zielgruppen von Kindern bis Erwachsenen machten das Projekt und die Veranstaltungen zu einem besonderen Ereignis im Südbahnhof und für den zeitgenössischen Tanz in Krefeld. Aktive der Tanzszene aber auch Multiplikatoren wie Lehrerinnen und Lehrer nutzten die unterschiedlichen Angebote zu Kontakten, so dass mehrere Angebote im Ganztag initiiert werden konnten.

Besonders das Projekt der Tigers wurde auch durch die breite Vernetzung in der Stadt mit Anfragen der Bündnis90/Die Grünen für ihre Stadtspaziergänge, die Beteiligung am Projekt KinderKulturKrefeld in Kooperation mit dem KRESCHJugendtheater Krefeld und den Jungentag Junge Junge Mediothek innerhalb der Stadt in unterschiedlichster Form wahrgenommen und auf Grund der künstlerischen Umsetzung wie auch der Zielgruppe Jungens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Durch die sehr poetische Erzählweise, das besondere Bühnenbild und die beteiligten Tänzer-Jungen im Alter von 6- 14 Jahren wurden die Zuschauer, ob jung oder alt, angerührt und der Wert des zeitgenössischen Tanzes unter unserem Motto „Wer Tanz lernt – lernt das Leben (Royston Maldoom) sichtbar.

 

Die beiden Produktionen „2°neben der Wirklichkeit“ und „DER INNERE ZEUGE“ als eigenständige Tanzproduktionen stellen in Krefeld ein Novum dar. Über einen Zeitraum von mehreren Wochen konnten beide Produktionen in den Räumlichkeiten des Südbahnhofs mit Unterstützung des Werkhauses auf den Ort hin entwickelt werden. In einer durch die Projektmittel der LAG bewusst ermöglichten Laborsituation konnten Stücke choreographische mit den Möglichkeiten des Gebäudes Südbahnhof so kombiniert werden, dass zwei Gebäude umfassende Performances entwickelt wurden, die den Bahnhof vom Keller bis auf das Dach als szenisches Bühnenbild in der Performance integrierten.

Der Anspruch des Projekts, Lebens- und Erlebnisräume als sozio-kulturelle Aktionsräume mit biografischen Elementen der Akteure zu verbinden, konnte durch die Schaffung von „geschützten Freiräumen“ außerhalb gewohnter Lebenskontexte im Südbahnhof entwickelt werden. Kreative Arbeit und kulturelle Bildung braucht Möglichkeiten, die in der freien Kultur immer wieder mit bescheidenen Mitteln realisiert werden, um dann besonders auch von den kommunalen Kulturinstitutionen adaptiert zu werden.

 

Global Village hat in 2010 eine wichtige Rolle für den zeitgenössischen Tag in Krefeld und darüber hinaus gespielt. Statt einer Fortsetzung in 2011 müssen wir jetzt wieder um die Existenz der freien Kultur in Krefeld bangen.

Als soziokulturelle Einrichtung, die jetzt schon wieder hier in Krefeld vor einem wirtschaftlichen Desaster steht, da der Haushalt noch immer nicht freigeben ist und institutionelle Mittel von der Kommune zurückgehalten werden, stoßen wir fortlaufend Prozesse an und können sie dann nicht weiterfolgen.

Die kreativen Köpfe können nicht ans Haus gebunden werden, da eine über das Haushaltsjahr hinausgehende Planung kaum möglich ist.

Die Projektmittelvergabe, die auf Grund ihrer Anlage Nachhaltigkeit nicht beabsichtigt, lässt mit ihren Genehmigungsmechanismen eine jahresübergreifende Planung nicht zu.

Kommunale Kulturanbieter, besonders als eigenständige GmbHs, greifen immer stärker auf die vergleichsweise günstigen Strukturen der freien Kultur zurück und stoßen in diese Lücke.

Als „freiwillige Leistung“ fallen wir hintenüber und andere verstetigen unsere Arbeit.

Es wird Zeit, die finanzielle Ausstattung der soziokulturellen Zentren auch als Landesaufgabe neu zu thematisieren.

Zusammenfassend kann gesagt werden: global village tAnZ! war ein erfolgreiches Projekt, das wir gerne fortsetzen würden, um das Profil des Werkhauses im Bereich Tanz weiterzuentwickeln.

 

 

Nr. 31 Schwules Netzwerk NRW e.V., Köln – Golden Coming out – Eine TheaterPerformance

 

Coming-Out-Erfahrungen von Lesben und Schwulen in der dritten Lebensphase

Förderung eines intergenerativen und interkulturellen Dialogs

1. Einleitung

Erinnerte Liebe, erinnerte Gedanken und Gefühle: Wie lebte ein homosexueller junger Mann in den 60er Jahren mit der Entscheidung, zu heiraten und eine Familie zu gründen, weil seine Liebe zu anderen Männern strafrechtlich verfolgt wurde und keine Zukunft hatte? Welche Gedanken und Gefühle hegt eine Frau heute, die nach 25 Jahren Ehe und zwei Kindern mit Ende 50 ihre Liebe zu Frauen entdeckt? Ist Coming-Out ein einmaliges Ereignis? Oder ist es eine Frage, die sich Schwulen und Lesben ihr ganzes Leben lang immer wieder stellt? Das Kölner Theaterensemble GOLD + EDEN, bestehend aus 14 Lesben und Schwulen zwischen 39 und 70 Jahren, richtete in dem Theaterstück Lichtschattengewächse den Blick auf biografische Erfahrungen – subjektiv, persönlich.

Aufgeführt wurden die Lichtschattengewächse drei Mal jeweils vor ausverkauftem Haus im Freien Werkstatt Theater Köln im Rahmen des internationalen Sommerblut- Kulturfestivals.

 

2. Rahmenbedingungen

2.1 TeilnehmerInnen - An dem Theaterprojekt „Golden Coming Out“ nahmen hauptsächlich ältere Schwule und Lesben teil, die sich bereits in einer biografischen Theaterwerkstatt zusammen gefunden hatten, die im Herbst/Winter 2009 stattgefunden hatte. Darüber hinaus kamen noch zwei weitere Spielerinnen hinzu sowie 4 HelferInnen, die während der Aufführungen das Ensemble hinter und vor der Bühne unterstützten. Ein Teilnehmer musste leider während der Inszenierungsphase das Projekt wegen eines längeren Klinikaufenthaltes beenden, eine Teilnehmerin entschied sich kurz vor der Premiere, dass sie doch nicht mit auftreten möchte. Letztlich standen 6 Schwule und 6 Lesben im Alter zwischen 39 und 71 Jahren auf der Bühne, 2 weitere übernahmen kleine Schauspielrollen bei der Begrüßung des Publikums im Foyer sowie während der Pause.

 

2.2 Leitung, professioneller Rahmen und Kooperation - Das Projekt wurde von der Theaterpädagogin Charlott Dahmen geleitet. Sie konzeptionierte und inszenierte das Theaterstück und schrieb, auf Basis von Interviews und Improvisationen des Ensembles, die Texte. Die Chorleiterin Marie Enganemben erarbeitete mit dem Ensemble drei Lieder: ein Rap mit eigenen Texten sowie die beiden Lieder „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ von Zarah Leander sowie „Liebe ist alles“ von Rosenstolz. Für die meisten TeilnehmerInnen war es auch das erste Mal, öffentlich zu singen. Insbesondere die Erarbeitung der eigenen Texte für den Rap erfüllte alle mit großem Stolz (Ausschnitte aus den Rap-Texten siehe Punkt 3.3). Bühnenbild, Kostüme, Licht und Ton wurden von Professionellen aus den jeweiligen Sparten entwickelt und aufeinander abgestimmt. Sie alle nahmen sich zusätzlich zu den üblichen Gesprächen mit der Regie/künstlerischen Leitung die Zeit, mehrmals an den Proben teilzunehmen, um ein stärkeres Gespür für das Ensemble, die Szenen und die Gesamtatmosphäre des Stückes zu erhalten. Die Grundkonzeption war, dass die Bühne möglichst neutral und schlicht gehalten wird, die Kostüme hingegen klare Bezüge zu der Mode in den verschiedenen Jahrzehnten haben.

Karla Leisen entwickelte das Bühnen- und Lichtkonzept. Mittelpunkt der in schlicht weiß gehaltenen Bühnenelemente waren die beweglichen, halb transparenten Wände, die ein facettenreiches Spiel mit Licht und Schatten und Sich-Zeigen und Sich-Nicht-Zeigen ermöglichten und für immer wieder wechselnde Bühnenbilder sorgten. Sie entwickelte zugleich auch das Lichtkonzept, das in mehr als 60 unterschiedlichen Lichteinstellungen das Spiel der DarstellerInnen unterstützte und fokussierte. Michael Köser baute das Bühnenbild. Thomas Wien-Pegelow von der saumselig Kleiderwerkstatt sorgte für die mehr als 50! Kostüme, die konsequent in Rot-Lila-Brauntönen gehalten wurden und das Publikum durch 5 Jahrzehnte führten. Mit sicherem Blick und Geschick kreierte er aus Second-

Hand-Kleidung und eigenen Schnitten diese umfangreiche Kostümpalette. Ralph Lennartz komponierte einfühlsam zwei Toncollagen, in denen er mit Tonaufnahmen der SpielerInnen arbeitete, zum Teil verschränkt mit Musik. Charlott Dahmen sorgte für Bildmaterial, z.T. auch Archivarisches, das als Dias auf die Bühnenelemente projiziert wurde. Bei Lichtschattengewächse handelte es sich um eine gelungene Kooperation des Schwulen Netzwerkes NRW mit dem SOMMERBLUT KULTURFESTIVAL, dem Freien Werkstatt Theater sowie dem Sozialwerk für Lesben und Schwule in Köln.

2.3 Zeit und Ort - Das Inszenierungsprojekt fand von Januar bis Juni 2010 statt. Geprobt wurde durchgängig im Freien Werkstatt Theater, in dem auch alle 3 Aufführungen stattfanden. Zu den regulären 24 wöchentlichen Proben à 3 Stunden und den im Vorfeld geplanten 6 Tagesproben à 8 Stunden kamen, insbesondere in den letzten 4 Wochen vor der Premiere, 24 Zusatzproben à 2,5 Stunden hinzu. Im Verlaufe des Projektes zeigte sich, dass es so viele interessante Szenen gab, dass dadurch das Stück deutlich länger wurde als geplant (insgesamt dauerte eine Aufführung ca. 2 Stunden + Pause). Darüber hinaus gab es so viele Szenen, in denen nur jeweils 2 – 6 TeilnehmerInnen mitspielten, dass es wenig Sinn machte (und zeitlich unmöglich war), diese nur während der wöchentlichen Treffen des gesamten Ensembles zu proben.

 

3. Projektverlauf

3.1 Entwicklung des Theaterstücks - Basierend auf den Erfahrungen, Improvisationen und Interviews aus der biografischen Theaterwerkstatt, die im Herbst/Winter 2009 stattfand, wurde das Theaterstück Lichtschattengewächse von der Theaterpädagogin Charlott Dahmen gemeinsam mit den TeilnehmerInnen entwickelt. Lichtschattengewächse rankt sich um die Trauerfeier für einen Schwulen, der sein Leben lang verdeckt schwul mit seinem Lebenspartner gelebt hat, und erzählt collagenartig aus dem Leben von Lesben und Schwulen in Deutschland von den 60er Jahren bis heute. Als roter Faden durchziehen sich Erlebnisse rund um Coming-Out und die Frage, ob es sich bei Coming-Out um ein einmaliges Ereignis im Leben von Lesben und Schwulen handelt oder um eine Frage, die sich ihnen ihr ganzes Leben lang immer wieder neu stellt.

Im Mittelpunkt von Lichtschattengewächse stehen subjektive, gelebte Gefühle und Erinnerungen…

Zum Teil wurden die biografischen Erfahrungen jeweils von den TeilnehmerInnen selbst gespielt, zum Teil haben SpielerInnen die Erfahrungen von anderen TeilnehmerInnen gespielt oder sie haben biografische Erfahrungen von anderen Schwulen und Lesben, die nicht zur Theatergruppe gehörten, dargestellt. Die Entscheidung, wann SpielerInnen ihre eigenen Szenen gespielt haben oder wann andere diese gespielt haben, wurde von Charlott Dahmen gemeinsam mit dem Ensemble getroffen. Wesentlicher Aspekt bei der Entscheidung war, inwieweit die jeweiligen Erlebnisse bereits emotional verarbeitet wurden, so dass es möglich war, sie künstlerisch zu bearbeiten und zu verdichten und sie mit der notwendigen Distanz zur Rolle darstellen zu können.

Neben individuellen Biografien wurden generelle Aspekte des Coming-Outs theatral, choreografisch und musikalisch heraus gearbeitet: „zu sich selbst stehen“,„Anerkennung und Zugehörigkeit um den Preis der Verleugnung der eigenen Identität“ versus „selbstbewusst und selbstbestimmt das eigene Leben leben“, „Diskriminierung und Verfolgung aufgrund von Andersartigkeit“, „Empowerment durch den Zusammenschluss als Gruppe“… Hier ist besonders der Rap hervor zu heben, in dem die TeilnehmerInnen unter Leitung der Chorleiterin Marie Enganemben ihre eigenen Texte schrieben, bearbeiteten und in Form von kurzen Soli sangen (Textbeispiele siehe 3.3).

Das Theaterspiel der AmateurInnen wurde eingebettet in einen ästhetisch überzeugenden Rahmen, der durch Professionelle aus den Sparten Bühne, Kostüm, Licht und Ton gestaltet wurde. Sie alle besuchten auch häufig die Proben, um möglichst nah an den Stimmungen und Kernaussagen der jeweiligen Szenen dran zu sein. Durch den stetigen Kontakt von Charlott Dahmen und der Theatergruppe mit dem Kostümbildner Thomas Wien-Pegelow, der Bühnenbildnerin und Lichtdesignerin Karla Leisen sowie dem Musiker Ralph Lennartz gelang ein Theaterstück, in dem

Szenen, Bühne, Licht, Kostüme und Ton fein aufeinander abgestimmt waren. Hinzu kamen Diaprojektionen meist historischen Bildmaterials, die die zeitlichen Bezüge der einzelnen Szenen verstärkten – viele der verwendeten Fotos hatte die Gruppe aus ihren eigenen Fotoalben bzw. denen von Bekannten gesammelt und zur Verfügung gestellt.

 

3.2 Aufführungen

Das Theaterstück Lichtschattengewächse wurde im Rahmen des internationalen Sommerblut-Kulturfestivals 3x vor ausverkauftem Haus im Freien Werkstatt Theater Köln präsentiert. Es dauerte ca. 2 . Stunden plus 15 Minuten Pause. Für fast alle der TeilnehmerInnen bedeutete es einen großen Schritt, mit biografischem Material auf die öffentliche Bühne zu gehen. Entsprechend groß war die Anspannung und Aufregung. Zur Generalprobe kamen bereits einige Freunde und Bekannte: Ihre positive Rückmeldung half, die erste Aufregung zu überwinden und gab weitere Energie, um an der Premiere selbstbewusst und mit Stolz auf die Bühne zu gehen. Die Generalprobe wurde fotografisch von Werner Meyer, meyer originals, dokumentiert.

 

4. Ziele / Ergebnisse

4.1 Teilnehmerinnen - „Das Theaterspiel ist für mich wie Therapie“ (Aussage eines Teilnehmers). Die Form des biografischen Theaters hat die TeilnehmerInnen sehr bewegt und in Bewegung gebracht: Viele Erinnerungen kamen hoch, zum Teil auch sehr schmerzliche. Verluste, Ablehnungen, Diskriminierungen lebten wieder auf ebenso wie große Lieben, Aufbruchsstimmungen, Glück. Für zwei Teilnehmer bedeutete es auch, sich erneut mit dem Verlust des jeweiligen langjährigen Lebenspartners auseinanderzusetzen. „Zwischendurch war es hart. Einmal habe ich auch ein paar Tage lang überlegt, ob ich nicht aufhören soll, weil es so viel in mir aufgewühlt hat und so anstrengend war.“ Diesen Gedanken hatte etwa die Hälfte der TeilnehmerInnen einmal während der Proben – wie sie jeweils im Abschlussgespräch erzählten. Übereinstimmung herrschte auch bei den Gründen, warum sie jeweils dennoch geblieben sind: der starke Zusammenhalt der Gruppe, das Vertrauen in die Leitung, der Glaube, dass es letztlich ein gutes Theaterstück werden wird, der Wunsch, sich öffentlich mitzuteilen und dem Publikum Gedankenanstöße zu geben. Und der Glaube, dass es sie persönlich weiter bringen wird, wenn sie es schaffen, durch diese Krise hindurch zu gehen. Viele haben durch das Projekt an Selbstbewusstsein gewonnen. Viele erzählten auch, dass sie durch die Auseinandersetzung mit dem Thema „Coming-Out“ zum einen ihre persönlichen, individuellen Erfahrungen weiter verarbeitet haben als auch sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen mehr in Bezug zu den Erfahrungen anderer und zu gesellschaftlichen Kontexten setzen konnten. Einzelne stehen durch das Projekt auch insgesamt wieder mehr „mitten im Leben“. Untereinander entstand viel Nähe. Alle sind sich einig, dass sie durch die Auseinandersetzung mit dem Thema viele neue Erkenntnisse gewonnen haben und sie besonders auch den für sie zumeist neuen, persönlichen Austausch zwischen Lesben und Schwulen in der Gruppe als Bereicherung empfunden haben.

 

4.2. Öffentlichkeit

4.2.1. Presse - Die Aufführungen von „Lichtschattengewächse“ wurden in der gesamten Kölner

Presse angekündigt, z.T. auch mit Foto oder als Tagestipp, z.B. im Kölner Stadt-

Anzeiger. 2wöchig erscheinenden Zeitung „Flash“ sowie der Kölner Theaterzeitung „akt“. Sie

alle berichteten ausführlich: „Die meisten Mitspieler sind Anfang 60 – die erste Generation, die ihre Homosexualität offen leben kann. Für viele war der Weg dahin beschwerlich. Das zeigt ein lebendiger Parcours durch fünf Jahrzehnte, der die ganze Bandbreite zwischen Doppelleben, Alibi-Familien, Strafverfolgung, Aids-Angst und Feierlaune zeigt. (…) Eine engagierte

Produktion, passend zum „Sommerblut“-Motto „Vielfalt leben“.“ (Kölnische Rundschau).

„Spannende, mitreißende, erheiternde und tragische Erlebnisse lebten auf.“ (…)

„Entsprechend authentisch kamen die Szenen in „Lichtschattengewächse“ rüber und lösten immer wieder donnernden Applaus und am Ende gar Standing Ovation aus.“ (Flash).

 

4.2.2 BesucherInnen - Alle drei Aufführungen im Freien Werkstatt Theater waren ausverkauft. Zu unserer großen Freude stießen die Aufführungen bei einem sehr gemischten Publikum auf

Interesse: ältere wie auch viele jüngere Menschen besuchten die Aufführungen, heterosexuelle,

homosexuelle – ein buntes Publikum, das nach jeder Aufführung noch lange blieb, von eigenen Erinnerungen erzählte, sich untereinander und mit dem Ensemble austauschte.

Viele zeigten sich emotional stark berührt von der Aufführung, siehe nachfolgend auch einige Auszüge aus dem Gästebuch:

„Mit welch anrührender Geschichte man da in die Pause geschickt wird. Vielen Dank für euren Mut und eure Zärtlichkeit.“

„Das war ein Stück von meinem Leben.“

„Traurig, treffend, toll, witzig.“

„Ich war echt bewegt, so mit Tränchen im Auge und Gänsehaut und einem Lächeln auf den Lippen.“

„Power, Schauder, Freude, Selbstbewusstsein, Befreiung und… Anerkennung als Mensch… viele bewegende Gefühle und Worte und das alles so wunderbar in Szene gesetzt“.

„Fand eure „Lichtschattengewächse“ total eindrucksvoll! Überhaupt, dass Ihr das geschafft habt, die lesbisch-schwulen Aspekte des Coming-Out so auf die Bühne zu bringen. Respekt der Kompanie Gold+Eden, Respekt der Charlott Dahmen.“

„Welch ein Glück spontan heut’ abend hier gelandet zu sein!“

Darüber hinaus nutzten viele die im Foyer aufgehängte Pinnwand, um ihre eigenen Gedanken zum Thema „Coming-Out“ zu formulieren und aufzuhängen.

 

5. Ausblick / Perspektiven

Nach nur 3 Aufführungen kann nicht Schluss sein mit Lichtschattengewächse – darin waren/sind sich Publikum und TeilnehmerInnen einig. Das Stück regt zum Nachdenken an, eröffnet Räume für (persönlichen) Rückblick, lädt ein zum Dialog. Immer wieder fragen Menschen nach, wann das Stück denn wieder aufgeführt wird: Es fragen sowohl Menschen, die es schon im Mai gesehen haben als auch viele, deren Bekannte ihnen begeistert vom Stück erzählt haben. Da bislang leider keine weitere finanzielle Unterstützung gefunden wurde, haben sich die TeilnehmerInnen entschieden, auf eigenes finanzielles Risiko unter der Leitung von Charlott Dahmen eine Wiederaufnahme des Stückes im Winter 2010/2011 zu wagen. Denn für sie steht fest: Wir wollen uns öffentlich mitteilen und Menschen mit unseren Geschichten berühren – und: Das Theaterspiel in der Gruppe tut uns außerordentlich gut.

 

 

Nr. 38 Kulturzentrum Pelmke, Hagen – Sexismus – Nein Danke!

 

Think Rebel – Stay Gender–

Ein Projekt des Kulturzentrum Pelmke in Kooperation mit der Antifa Union Dortmund

Das Projekt war eine Kooperation des Kulturzentrums Pelmke und der Antifa Union Dortmund kurz AUDO genannt.

Im Rahmen des Projektes sollte der alltägliche Sexismus und Heteronormalität thematisiert werden, des weiterem ging es darum Frauen mehr Raum für Vorträge, Konzerte und Lesungen zu bieten. Denn egal ob auf Konzerten, dem Rest der Freizeit oder im beruflichen Alltag, Sexismus und Heteronormativität prägen sowohl das individuelle Bewusstsein, als auch die Struktur der gesellschaftlichen Verhältnisse im Hier und Jetzt.

 

Projektverlauf:

1.Vortrag: Sexismus – Einführungen in verschiedene Denkrichtungen

2. Vortrag: Sexismus – Im Alltag/ Mainstream

3. Vortrag: Frauen in der rechten Szene

 

Bei den Vorträgen waren zwischen 20-30 Besuchern, vor allem bei dem Sexismus im Alltag/Mainstream wo es inhaltlich um Sexismus bei Veranstaltungen, im täglichen Leben oder gerade in den Medien ging, waren viele junge Menschen die nicht aus der lokalen Politikszene stammen, sondern aus der Zivilgesellschaft.

Begleitet wurden die Vortragsreihe mit von Frauen die sich politisch engagieren und in ihren Texten klare politische Statements kundgeben, bzw. sich mit dem Bild der Frau in der heutigen Gesellschaft auseinandersetzen.

- „Gender“-Poetry Slam (4 Frauen „gegen“ 4 Männer)

- Lesung von Mithu Sanyal

- Konzert Deine Jugend + Shirley Holmes

- Kabarett Katinka Buddenkotte

- Lesung von Noah Sow

Insgesamt kann gesagt werden, dass das Projekt sehr erfolgreich verlaufen ist. Der Austausch nach den Vorträgen war sehr rege und somit konnten auch andere bzw. offene Fragen über die Sexismus im Alltag und wie man mit solchen Situationen umgeht geklärt werden. Es ist wünschenswert das sich noch mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und das weitere Projekte stattfinden die eine Sensibilisierung mit dem Thema möglich machen.

 


Nr. 40 Grend Kulturzentrum, Essen – Die Ruhrpiraten - Sommerprojekt

 

Das Projekt „Die Ruhrpiraten“ war ein geschichts- und theaterpädagogisches Angebot für Kinder, die die Produktion eines Theaterstückes zu erleben und zu gestalten. Für die Zeit des Projekts stand den Kindern das Grend komplett als Produktionsstätte zur Verfügung, in der sie an allen Schritten einer Theaterproduktion beteiligt waren:

Probenarbeit,

Recherchen,

Inszenierung,

Bühnenbau, Bühnenbild, Kostüme, Requisiten

und Aufführung.

 

Inhaltlich ging es um Ruhrgebietsgeschichte und Geschichten aus dem Ruhrgebiet. Um sie möglichst lebendig werden zu lassen und an die Lebenswelt der Kinder anzuknüpfen, wurde von folgenden Fragestellungen ausgegangen:

 

Welche Orte interessieren Kinder ab 6 Jahren?

Wo sind geschichtsträchtige Orte im Ruhrgebiet?

Was ist daran wichtig, spannend oder lustig?

Was wird heutzutage mit diesen Orten verbunden?

 

In der szenischen Erarbeitung ging es darum, geschichtliche Orte zu sammeln, zu sichten und verstehen zu lernen. Zu Recherchezwecken wurden einfache Computer, Bild- und Fotomaterialien und für die größeren Kinder auch Texte und Geschichten über das Ruhrgebiet zur Verfügung gestellt.

 

Die Kinder suchten folgende Stationen aus:

1. Woche: Hengsteysee mit der Syburg, Wetter/Burg- Hakortsche Fabrik, Muttental/Kohlegrube, Hattingen/Isenburg, Bochum/Bergbaumuseum, Essen/Domschatz, Mülheim/Röhrenwerke, Duisburg/Hafen Ruhrort.

2. Woche: In der zweiten Woche ging die Reise zu folgenden Stationen:

Duisburg/Ruhrort, Oberhausen/Gasometer, Mülheim/Wasserbahnhof, Essen Gruga, Essen/ Kokerei auf Zollverein, Kruppwerke, Gelsenkirchen/ Zoom, Bochum/Opelwerke, Bochum Eisenbahnmuseum, Wetter Burg Volmarstein, Hagen/Freilichtmusem.

Es wurde mit dem Mittel der szenischen Improvisation gearbeitet. Es entstand eine Sammlung von historischen und zeitgeschichtlichen Orten und ihren historischen Hintergründen, aus denen die Kinder selbst neue Geschichten entwickelten. Die Pädagogen hatten die Aufgabe, die neuen, erfundenen Geschichten in Beziehung zu setzen und daraus eine dramaturgisch sinnvoll zusammenhängende Geschichte zu entwerfen.

„Die Ruhrpiraten“ wurden dann als Kinderkrimi auf die Bühne gebracht. Es ging um eine geheimnisvolle Suche, die vom Schiff “Else“ aus gestartet wurde. Um dieses Geheimnis zu lüften, mussten die oben genannten Stationen angefahren werden. Die einzelnen Stationen wurden theatral dargestellt. So entstand ein Theaterstück mit vielen spannenden und lustigen Erlebnissen von den Orten und Menschen an der Ruhr. Es wurden Geschichten über und unter Tage, zu Wasser und zu Land über diese Region aus alten Zeiten lebendig.

Die Kinder lernten spielerisch historische Orte und Auszüge aus der Geschichte des Ruhrgebiets kennen. Sie konnten mit viel Spaß ihre neuen Kenntnisse und Rechercheergebnisse in der Entwicklung des Theaterstücks verarbeiten. Das heißt, es gab ein neues Theaterstück, in der Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit dem Thema und den Ideen der Kinder. Die Aufgabe war, die Vorlage aus der Geschichte in Szenen zu gestalten.

Die entstandenen Geschichten aus dem Ruhrgebiet waren gleichermaßen unterhaltsam, lehrreich und witzig. Selbst die erwachsenen Zuschauer gaben nach beiden Aufführungen sehr positive Rückmeldungen über den Informationsgehalt des jeweiligen Theaterstücks.

 

Die Kinder wirkten bei allen Produktionsschritten des Theaterstücks mit. Sie erlebten, wie ein Stück entsteht und dass sie maßgeblich an der Entstehung beteiligt sind.

Sie konnten zwischen den verschiedenen Produktionsgruppen auswählen. Jedes Team wird von fachkundigen Mitarbeitern geleitet.

Zu den Teams gehörte

- das Theaterstück proben und gestalten,

- die Bühne und das Bühnenbild gestalten,

- die musikalischen Einlagen gestalten,

- Kostüme und Requisiten gestalten.

 

Die Theaterteams

Die 29 (erste Woche) und 37 (zweite Woche) teilnehmenden Kinder arbeiteten in folgenden Arbeitgruppen:

1. Team Theater: Die Kinder beschäftigten sich mit verschiedenen Aufführungstechniken, entwickeln und proben ein Theaterstück.

2. Team Theater: Um die Arbeitsgruppen „Theater“ klein zu halten, beschäftigte sich ein weiteres Team mit der Entwicklung des Theaterstücks.

3. Team Bühnenbau Technik: Die Kinder entwarfen und bauten die Kulissen.

4. Team Bühnenbau Gestaltung: Die Kinder setzen die Theaterinhalte mit verschiedenen kreativen Aktivitäten wie Malen um.

5. Team Musikalische Einlagen: Die Kinder entwickelten die musikalische und tänzerische Begleitung des Stückes.

6. Team: Kostüme Requisiten: Die Kinder entwickelten und gestalteten Kostüme und Requisiten.

 

Aufführung: Jede Projektwoche endete mit der Zusammenführung der Arbeitsgruppen. Highlight waren die beiden Vorstellungen des erarbeiteten Theaterstücks vor Eltern, Großeltern, Freunden usw., mit jeweils fast 100 Besuchern.

 

Fazit: Von beiden Projektwochen kann man sagen, dass das Konzept, gemeinsam mit den Kindern ein historisches Theaterprojekt über das Ruhrgebiet zu entwickeln und auf die Bühne zu bringen, gelungen ist. Allen Beteiligten hat es sehr viel Spaß gemacht und die Kinder konnten auf lustige und kreative Weise die Geschichte des Ruhrgebiets kennenlernen. Die Eltern waren so begeistert, dass sie eine Fortsetzung des Projekts in den nächsten Ferien angeregt haben. Aus organisatorischen Gründen lässt sich dieser Vorschlag erst in den nächsten Herbstferien realisieren. Unter dem Titel: „Schwarzes Gold“ soll mit den gleichen Mitteln die Geschichte des Bergbaus und der Kohle aufgearbeitet und auf die Bühne gebracht werden.

 

 

Nr. 41 Grend Kulturzentrum, Essen – Steele 2010 – Kein Wasser runterschütten

 

Mit der Erlangung des Titels „Kulturhauptstadt 2010“ hatte die Stadt Essen und das Ruhrgebiet die Chance, den Strukturwandel, seine Originalität und Vielseitigkeit einem europäischen Publikum zu präsentieren. Schon früh haben daher zahlreiche kreative Akteure Ideen und Projekte entwickelt, die sich auf diesen Kontext beziehen. In Steele/Bezirk VII der Stadt Essen bildete sich im Herbst 2008 eine in dieser Form bisher einmalig zusammengesetzte Arbeitsgruppe von kulturellen Akteuren, Verbänden, Geschäftsleuten und Einzelpersonen mit dem Ziel, im Stadtteil bzw. im Bezirk ein künstlerisch originelles, anspruchsvolles, über den Stadtbezirk hin ausstrahlendes und zugleich partizipatives Projekt im Rahmen der Kulturhauptstadt zu verwirklichen. Hier soll der große Anspruch der Kulturhauptstadt, den Wandel zu zeigen, lokal, beispielhaft und einzigartig umgesetzt werden. Die „Arbeitsgemeinschaft Steele 2010“ bestand dabei aus folgenden Akteuren:

 

Steeler Archiv e.V., Studiobühne Essen/Kray e.V, Initiativkreis City Steele (ICS), Buchhandlung Polberg im Center-Carrée, Dr. Olaf Hagemeyer, Steeler Bürgerschaft e.V., Kulturzentrum Grend, Edelgard Strzewski-Dullien (bildende Künstlerin)

 

Die AG-Steele 2010 plante, steuerte, moderierte und unterstütze in enger Zusammenarbeit mit dem Projektpartner artscenico aus Dortmund über den gesamten Projektzeitraum die unterschiedlichen Projektaktivitäten. Sie war das entscheidende Bindeglied des Projektes in den Stadtteil hinein und im Kontakt mit den zahlreichen Beteiligten. Dabei wurde allein im Jahr 2010 erhebliches bürgerschaftliches bzw. ehrenamtliches Potential von mehr als eintausend Arbeitststunden mobilisiert und freigesetzt. Ohne diese Unterstützungsleistung hätte das Projekt in der durchgeführten Form nicht stattfinden können. Seit Anfang 2010 wurde die ehrenamtlich tätige AG durch eine professionelle lokale Projektmanagerin unterstützt. Die AG-Steele setzt ihre Tätigkeit in ähnlicher bzw. erweiterter Zusammensetzung auch in 2011 fort; das nachhaltige Ergebnis einer nicht immer konfliktfreien, dabei aber stets konstruktiven Zusammenarbeit. Die rechtliche Trägerschaft für das Projekt übernahm das Kulturzentrum Grend als lokal stärkster und professionellster Kulturakteur.

 

Das Ziel: Kulturhauptstadt für die Menschen vor Ort

Ziel war es, die Idee der Kulturhauptstadt in einem kleinräumigen Stadtbereich mit Hilfe einer künstlerisch herausragenden und originellen Aktion, die trotz oder auch gerade wegen ihrer lokalen Anbindung weit über den Stadtteil strahlt, sowie einem umfangreichen Begleitprogramm die Menschen vor Ort mit der Idee und den anspruchsvollen Zielen ‚ihrer’ Kulturhauptstadt vertraut zu machen, sie aktiv mitzunehmen und zu begeistern. Die daraus entstandenen neuen Netzwerke und Verbindungen im Bezirk wurden auf Nachhaltigkeit auch über 2010 hinaus angelegt.

 

„Kein Wasser runterschütten“ (Don’t pour water from the balkony),

so hieß der ironisch verfremdete Arbeitstitel für das Projekt, in dessen Zentrum die Frage nach der Zugänglichkeit und Nichtzugänglichkeit, der Akzeptanz aber auch der Ablehnung von Kunst und Kultur im Alltag der hier lebenden Menschen steht: Achtung! Kunst! Kein Wasser runterschütten! Die Idee stammte von dem Dortmunder Regisseur Rolf Dennemann/artscenico, der auch die künstlerische Leitung des Projektes übernommen hatte. Thematisch bezog sich das Projekt auf die Flächensanierung des Stadtteils Steele in den 1960er und 70 Jahren als bedeutendstes Umbruchsereignis der Geschichte des Stadtteils, seiner weiteren urbanen Stadt(teil)Entwicklung und den sich daraus ergebenden neuen nachbarschaftlichen Beziehungen. Damit stand die Aktion mitten im Kontext der Kulturhauptstadt Ruhr 2010: „Wandel durch Kultur-Kultur durch Wandel.“

 

Großinszenierung im urbanen Raum

Zentraler Aktionsort war das Center-Carrée, ein in den 70er Jahren völlig neu gebauter Wohn- und Geschäftsblock mitten im Herzen des Stadtteils Essen-Steele. Hier befand sich vor der Sanierung die Kernbebauung der alten Stadt Steele mit Marktplatz, kleinen Geschäften und alteingesessenen Familien. Ein „neues Zusammenleben“ hat sich zwischenzeitlich entwickelt; hier ist der lokale gesellschaftliche „Wandel“ am deutlichsten nachzuvollziehen. Auf Grund der geschichtlichen aber auch seiner räumlichen Struktur (Durchwegungen, kleine Plätze, Mischung aus Wohnen und Handel, unterschiedlichste Dachhöhen, Balkone, etc.) war dieser Ort sowohl symbolisch als auch praktisch außerordentlich gut zur Durchführung der geplanten Aktion geeignet. Über die für den Herbst 2010 geplanten zentralen Aufführung hinaus organisierte die AG-Steele 2010 ein umfangreiches und thematisch Bezug nehmendes Begleitprogramm im gesamten Bezirk VII, an dem zahlreiche Akteure beteiligt waren.

 

Das künstlerische Konzept: alte Fragen und neue Sichtweisen

Tänzer, Schauspieler, Musiker, Bildende Künstler, Sänger und Bewohner und Anwohner und andere Akteure waren die Darsteller einer Inszenierung, die die tatsächliche Wohn-Umgebung - Straße, Bürgersteig, Balkon, Wohn- und andere Zimmer, Hauseingänge und Fenstersimse - zur Bühne machte. Das Publikum stand auf den Plätzen des Center Carrée und beobachtet das „alltägliche Leben“ in und um mehrerer Häuser. Was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Unter Einbeziehung der Anwohner und Geschäfte am Spielort wurde der Zuschauer in eine Welt geführt, die er zu kennen schien, die aber Unsicherheiten und Irritationen erzeugte. Alte und neue Fragen der Stadtentwicklung und des menschlichen Zusammenlebens wurden aufgeworfen und Räume für neue Entwicklungen eröffnet.

 

Finanzen: Förderung und Kulturkuxe (Anteilscheine)

Das Projekt wurde aus verschiedenen öffentlichen und privaten Töpfen finanziert. August 2009 wurde das Projekt offiziell in das Programm der Stadt Essen Kulturhauptstadt 2010 aufgenommen und wird seitens der Stadt entsprechend unterstützt.

 

Zur weiteren Finanzierung gab die AG-Steele seit Januar 2009 sogenannte „Kulturkuxe*“ heraus; lokale Künstler und Künstlerinnen gestalteten diese auf A4-Format farbig gedruckten und für 10,-€ an verschiedenen Stellen im Bezirk erhältlichen, limitierten und von den KünstlerInnen handsignierten Anteilsscheine mit ihren eigenen, z.T. sogar lokalen Motiven monatlich neu. Jede gegen ein Spende abgegebene „Kuxe“ brachte das Projekt daher ein Stückchen weiter nach vorn! Weniger finanziell, sondern eher als gelungenes Projektmarketing und Bindungsinstrument zwischen Künstlern und dem Gesamtprojekt. Insgesamt wurden „Kuxe“ im Wert von mehr als 4.000,-Euro an unterschiedlichen öffentlichen Stellen sowie bei öffentlichen Veranstaltungen des Projektes sowie verschiedenen Großveranstaltungen im Stadtteil abgegeben. Jede/r beteiligte Künstler/in konnte darüber hinaus im Rahmen einer eigenen, von der AG-Steele 2010 organisierten Ausstellung sein Gesamtwerk präsentieren. Zwei Gemeinschaftsausstellungen aller beteiligten Künstler und Künstlerinnen zum Ende des Projektes hin bildeten die Höhepunkte dieser gelungenen Begleitaktion.

 

Das Begleitprogramm

Neben den zentralen Aufführungen im Center-Carée wurde – wie geplant – ein umfangreiches Begleitprogramm organisiert und durchgeführt. Das Begleitprogramm hatte die Aufgabe, das Gesamtprojekt über den gesamten Projektverlauf öffentlich zu präsentieren, Interessierte Akteure zu einem Netzwerk zu verbinden und vor allem aber auch für die notwendige Akzeptanz der künstlerischen Aktion im Stadtbezirk sowie im Center-Carée zu sorgen. Dafür stellte die Verwaltung des Center-Carée in Absprache mit deren Eigentümern, die Fa. Grundconsult aus Düsseldorf“ von April bis November 2010 zwei leerstehende Geschäftläden mietfrei und gegen Nebenkosten (Wasser, Strom, Heizung) zur Verfügung. Insgesamt wurden dabei allein in 2010 folgende Veranstaltungen durchgeführt:

 

14.2.:    Matinee Studio-Bühne Essen, Kray

24.2.:    Matinee Projektladen Center-Carée

11.7.:    Matinee Projektladen Center-Carée

29.8.:    Matinee Projektladen Center-Carée

19.9.:    Gemeinschaftsausstellung Kulturforum Steele

13.11.:  Gemeinschaftsausstellung Atelierhaus Äbtissinsteig/Steele

13.– 22.10.:      Ausstellung zur Baugeschichte Steele: „Von der Stadtmauer zur Stadtsanierung

26.9. – 2.10.:    PetitEssen – Route der Ladenkultur

Über das ganze Jahr 2010:        Informations- und Kuxeausgabestände beim Handwerkermarkt, beim Gesundheitsmarkt sowie .bei der Gourmetmeile Steele

 

Die Matinéen konnten jeweils zwischen 50 und 100 Besuchern verzeichnen. Die Ausstellung „Von der Stadtmauer zur Stadtsanierung“ wurde in der städtischen Grundschule Hünninghausenweg im Zentrum von Steele durchgeführt und von mehr als 2000 Menschen besucht! An der Aktion „PetitEssen“ –Route der Ladenkultur“, kleinen Kunstaktionen in den zahlreichen inhabergeführten Geschäften des Stadtteils, beteiligten sich insgesamt 400 Teilnehmer. Insgesamt erreichte damit alleine das Begleitprogramm mehr als 3000 Menschen.

 

Zusätzlich konnten lokale Veranstalter, Vereine, Gruppen und andere ihre bezirklichen 2010-Veranstaltungen auf der Internetseite des Projekt – www.steele2010 - veröffentlichen.

 

Projektergebnisse und Fazit

Höhepunkt des gesamtes Projektes waren sicherlich die insgesamt vier Aufführungen (einschließlich öffentlicher Generalprobe) der zentralen Kunstaktion „Kein Wasser runterschütten“ vom 31.9. bis zum 3.10. 2010. An den Aufführungsabenden nahmen im Schnitt gut 200 Besucher teil, so dass für die vier Vorstellungen ca. 800 Besucher gerechnet wurden. Zusammen mit den Besuchern der Begleitprogramme erreichte das gesamte Projekt damit knapp 4.000 Besucher und Besucherinnen.

 

An der zentralen künstlerischen Produktion waren insgesamt 180 Personen beteiligt: professionelle Schauspieler, Sänger und Sängerinnen, Tänzer und Tänzerinnen, Musiker und Musikerinnen. Darüber hinaus 20 Bewohner aus dem Center-Carée bzw. aus dem Umfeld des Viertels, zwei lokale Chöre, ein Spielmannszug sowie verschiedene Einzelpersonen. Zusätzlich waren Techniker, das Organisationsteam, sowie eine Reihe von ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen, darunter Voluntäre der Ruhr 2010 GmbH, im Dauerseinsatz. Die künstlerische Leitung lag bei dem Dortmunder Regisseur und Theatermacher Rolf Dennemann/artscenico. Die Reaktionen der Besucher bei und nach den Aufführungen waren überwiegend positiv bis gegeistert:„So was tolles gab es hier noch nie“; „Wir waren total beeindruckt“; „Könnt ihr das nicht noch mal wiederholen?“ „Phantastisch, Beeindruckendes Erlebnis“. Es gab aber auch eine Reihe kritischer bis ablehnender Stimmen: „Was sollte das denn“ „So viel Geld für die paar Besucher“; Dilletantismus pur“; „Das ist doch keine Kunst, das Geld hätte man doch besser für Kindergärten ausgeben sollen“. Im Gesamtergebnis bleibt aber festzuhalten, dass „Kein Wasser runterschütten“ als das zentrale Ereignis der Kulturhauptstadt 2010 im Stadtbezirk VII gedeutet wurde. Die lokale Presse hat das gesamte Projekt positiv – zum Teil aber auch durchaus kritisch, insbesondere in Hinblick auf die Frage der Finanzierung hin – begleitet und kommuniziert. Als Kulturhauptstadtprojekt der Stadt Essen hat die Stadt das Projekt zudem in ihren Publikationen und Onlinemedien entsprechend auch lokal und regional publiziert und verbreitet. Eine Rezension der Aufführung durch das Feuilleton der Tageszeitung WAZ/NRZ kam auf grund der ablehnenden Haltung der Chefredakteurin gegenüber den Aufführungen im Center-Carée leider nicht zustande.

 

Europäische Einbindung

Das Projekt war über den Kooperationspartner artscenico in den Kontext eines gesamteuropäischen Vorhabens eingebunden und Auftakt des europäischen Projektes „Sanctuary“ (Schutzraum) in Partnerschaft mit Birstonas (Litauen), Lodz (Polen), Attard (Malta) und Eskisehir (Türkei): eine Kunstreise durch den Kontinent und sein Kulturen, die von artscenico bis Ende 2011 durchgeführt wird. Darüber hinaus war „Kein Wasser runterschütten“ einer der fünf Exkursionsorte der Teilnehmer des europäischen Kongresses „short cut“ vom 3. – 5.6. 2010 in Dortmund, bei dem es um kulturelle Strategien gegen soziale Ausgrenzung ging. Ein Beitrag über das Projekt wurde/wird in der nachfolgenden Kongressdokumentation veröffentlicht.

 

Teilhabe gelungen?

Größtes Problem war die Kommunikation des Projektes und der künstlerischen Intention direkt vor Ort. Erst im Laufe der Zeit konnten hinreichende Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Bewohnerschaft und ihrer (nichtvorhandenen) Kommunikationsstrukturen gewonnen werden. Der Anspruch, mehr oder weniger „kulturungewohnte“ Menschen an dem Projekt zu beteiligen, konnte daher aus unterschiedlichen Gründen nur zum Teil umgesetzt werden:

 

der Projektzeitraum war wesentlich zu kurz bemessen; notwendig wäre unter den gegebenen Bedingungen ein mindestens doppelt so langer Zeitraum

Bewohnerversammlungen wurden nicht bzw, nur unzureichend angenommen, da auf keine gemeinsame Bedürfnislage zurückgegriffen werden konnte und keine nachbarschaftlichen bzw. Mieterstrukturen vorhanden waren. Darüber hinaus waren sogenannte Mieterversammlungen negativ konnotiert, da doch erhebliche Abgrenzungen untereinander bei der Bewohnerschaft des Viertels festgestellt wurden.

Die eingesetzten Projektmittel reichten daher nicht aus, um den Aufwand persönlicher Ansprache der Bewohner ausreichend zu gewährleisten

Das Viertel befindet sich in Eigentum eines globalen Investors mit Sitz in den Niederlanden; die Kommunikation musste daher aufwendig mit der in Düsseldorf sitzenden Verwaltungsgesellschaft des Ensembles geführt werden und ging über die Zurverfügungstellung zweier leerstehender Ladenlokale im Viertel kaum hinaus.

 

Die Bewohner, die allerdings an dem Projekt teilgenommen hatten, verwiesen auf eine für sie neue und sehr positive Erfahrung. Im Rahmen der filmischen Projektdokumentation wurden eine ganze Reihe von Projektmitwirkenden zu ihren Erfahrungen und Sichtweisen interviewt. Die Auswertung der Interviews und die öffentliche Präsentation des Films können voraussichtlich erst im Marz/Anfang April 2011 realisiert werden.

 

Fazit:

„Steele 2010 –Kein Wasser runterschütten“ war ein für den Bezirk/die Stadt Essen bisher einmaliges Projekt, dass zumindest auf lokaler Ebene eine große Bedeutung und auch Anerkennung gefunden hat. Dies zeigt auch die breite finanzielle Unterstützung des Projektes: vom Bezirk über die Stadt Essen, der Allbaustiftung bis hin zum Land NRW, dem Fonds Soziokultur und sogar der europäischen Union aus dem Programm Bildung und Kultur. Der partizipative Ansatz des Projektes war zeitgemäß und richtig, wenngleich auch nicht ohne Probleme zu gewährleisten. Die Nachhaltigkeit des Projektes zeigt sich in der Weiterarbeit der ehemaligen AG-Steele 2010, in den Erfahrungen, die von den unterschiedlich Beteiligten mit dem insgesamt mehr als zwei Jahre dauerndem Prozess gesammelt wurden - aber auch auf einer symbolischen Ebene; mehrere Monate hatte eine der Bewohnerinnen des Viertels eine Totenkopffahne, die während der Aufführungen auf ihrem Balkon in der 13. Ertage eines der Hochhäuser gehisst wurde, dort wehen lassen..., weithin sichtbar – als kleines Symbol des Ungewohnten in einem weiterhin wohl anonymen Viertel aus Ziegel und Beton. Die schon ältere Bewohnerin entpuppte sich erst im Nachhinein als echter Fan von Christoph Schlingensief...!

 

Diese und zahlreiche andere Geschichten und Erfahrungen zeigen die Möglichkeiten, aber auch die Begrenzungen kultureller Interventionen und partizipativer Projekte wie „Kein Wasser runterschütten“ auf und relativieren damit auch die schöne, aber auch durchaus gefahrenreiche Illusion vom „ Wandel durch Kultur“.

 


Nr. 42 Freies Theater Z unterm Förderturm e.V., Essen –
Lebenswege bittersüß

 

Interkulturelles, generationenübergreifendes TanzTheaterprojekt

Von der Gründung bis heute - 2007 gründete sich der Seniorentheaterverein „Freies Seniorentheater Z unterm Förderturm“. Er entstand aus dem Wunsch von SeniorInnen des Essener Nordens, auf der Bühne eigen inszenierte Stücke zu spielen und bei jeder Inszenierung andere Gruppen des Stadtteils einzubinden. So entstand neben kleineren Walking acts und Performances 2010 das erste abendfüllende Programm „Lebenswege bittersüß“.

 

Ziele des Theaters - Mit jeder Inszenierung wird der Dialog mit anderen gesucht. So gibt es Gast-Akteure in jedem neuen Stück. Grundschulkinder, Jugendliche oder jüngere Erwachsene, Gesunde, Kranke, Menschen mit Behinderungen, Einheimische oder Zugewanderte …. Durch die Zusammenarbeit entstehen die Stücke des Seniorentheater Z. Die Bühne wird zum Forschungsraum nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden des menschlichen Lebens. Sie wird zur Begegnungsstätte für Menschen, die sich im Alltag nie begegnet wären.

 

Konzept - Lebenswege bittersüß

„Altern ist eine herrliche Sache, wenn man nicht verlernt, was anfangen heißt“, diesem Motto Martin Bubers sind wir in unserem Stück zum Thema Aufbrechen und Ankommen nachgegangen. Aus biografischer Recherche und Bewegung, aus Improvisation und Experiment entstand das Stück. Besonders beflügelt wurde es durch die Mitwirkung von serbischen Jugendlichen der Folkloregruppe bei der serbischen Gemeinde, deutsche Jugendliche und älteren Spätaussiedlerinnen aus Kasachstan und Sibirien.

Aufbrüche, die jeder Mensch erlebt: Geburt, Kindheit. Aufbrüche, die eine Generation bestimmt und die bestimmt werden durch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, in die ein Mensch geboren wird. Freiwillige wie unfreiwillige Aufbrüche. Aufbrüche, die individuell sind. Aufbrüche aus der Heimat und Ankommen in einem neuen Land, das zur Heimat werden soll.

 

Die Inszenierung - Im Februar 2010 begannen die ersten Treffen für die Inszenierung mit dem Seniorentheater Z. Der Kontakt zu den Gastakteuren wurde parallel aufgebaut und ab Sommer 2010 konkret in das Stück eingebaut. Eine Zusammenführung der 3 Gruppen (Seniorentheater Z, Spätaussiedlerinenn, Kinder und Jugendliche) wurde ab Herbst vorgenommen. Danach fanden regelmäßige gemeinsame Proben statt.

                                                                                                         

Abschließende Gedanken

Das erste abendfüllende Tanztheaterstück des Seniorentheater Z war mit 2 ausverkauften Vorstellungen im Katakombentheater im Girardethaus ein voller Erfolg. Das beflügelte die Senioren, das Stück weiter zu bearbeiten und andere Aufführungsorte zu suchen. Idealerweise soll die nächste Aufführung auf einer Bühne im Stadtteil sein. Es werden schon Verhandlungen mit Schulen und anderen Einrichtungen bezüglich einer Bühnennutzung geführt.



Nr. 43 Stroetmanns Fabrik, Emsdetten – Was wir letzten Sommer getan haben

Die Improvisationstheatergruppe mit Jugendlichen zwischen 13 und 15 Jahren hat sich ein mal wöchentlich auf den Grundlagen des Theatersports nach Keith Johnstone zum Spielen, Lernen und sich selbst in neuen Situationen Ausprobieren getroffen.

Neben den Grundlagen des Improvisationstheaters sollten hierbei die individuellen Fähigkeiten der Jugendlichen spielerisch gefördert werden. Im Vordergrund stand immer die eigenen Blockaden zu überwinden, Spielimpulse annehmen zu lernen, frei zu Assoziieren und ein Ensemble zu schaffen was über die Grenzen der Vorurteile hinausgeht.
Außerdem sollte die Ausdrucksfähigkeit in den Bereichen Status, Emotionsausdruck, Körpergefühl, Sprache, Mimik und Präsenz gefördert werden, von dem die Jugendlichen auch in ihrem privaten Leben großen Nutzen tragen. Weitere damit verknüpfte pädagogische Ziele waren durch Ensemblebildung das souveräne Selbst in der Gruppe zu bestätigen, eine Kooperationsfähigkeit zu schaffen, die auch den Mut zur Konfrontation nicht ausschließt und ein besseres Gefühl für die Selbst und Fremdwahrnehmung zu entwickeln.
Selbstverständlich sollte auch die Spielfreude nicht zu kurz kommen, die wichtig ist um Raum für kreative Impulse zu öffnen und den Jugendlichen Mut zum Scheitern macht.

1. Phase: Schnupperkurs - In der ersten Phase wurde ein Schnupperworkshop für Improtheater angeboten. Die Gruppe setzte sich aus interessierten Teilnehmern früherer Projekte zusammen. Sie hatten den Wunsch geäußert, eine Gruppe zu bilden und in Schulaktionen neue Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu gewinnen, um die Gruppe zu vergrößern. Um einige kleine Szenen für Schulpräsentationen zu erarbeiten, standen zunächst vor allem die Spielfreude der Jugendlichen und das Ensembletraining im Vordergrund. Außerdem wurden die Grundlagen des Improtheaters (Ja- Sagen, ersten Einfall nehmen) angerissen. Die Gruppe bestand zu dem Zeitpunkt aus vielen Einzelcliquen, die sich konkurrierend und ablehnend gegenüberstanden. Nach dem Motto “Man muss nicht jeden mögen, aber mit jedem spielen können” ging es vor allem darum, die Gruppe aus ihren Gewohnheiten zu holen und dem Spiel im Ensemble Vorrang zu geben. Im Laufe der Zeit kamen die Jugendlichen immer mehr “aus sich heraus”, und fassten Vertrauen in die Gruppe und ihre eigenen Fähigkeiten. Obwohl es immer noch favorisierte Gruppen gab, stellte sich langsam auf der Spielebene eine Akzeptanz des Spielpartners ein. Die Präsentationen in den Schulklassen brachte die Gruppenteilnehmer noch enger zusammen. Das gemeinsame Ziel, neue Mitglieder für die Gruppe zu werben, konnte erreicht werden.

2. Phase : Training der einzelnen Themen/ Bereiche - In der zweiten Phase richtete sich in der nun erweiterten Gruppe der Fokus auf die einzelnen Grundideen des Improspielens, die in den einzelnen Einheiten behandelt und immer wieder aufgefrischt wurden. Zum einen stand immer wieder das Entwickeln und Zulassen von eigenen Ideen im Vordergrund, um die Kreativität der Einzelnen ohne Bewertung anzukurbeln. Darauf folgte die Grundidee des Ja- Sagens, d.h. das fremde Spielimpulse konsequent angenommen werden müssen. Außerdem stand das gemeinsame spontane Entwickeln von Geschichten im Vordergrund. Weiterhin setzte sich die Gruppe mit den Themen Körper und Raum, Status, Aktion und Reaktion und Figurenentwicklung auseinander. Zur Stärkung des Gruppengefühls wurde ein gemeinsamer Ausflug zu einer Improshow in Münster organisiert. Dieser wurde in Bezug auf Beobachtungen der eigenen Gruppe reflektiert, Stärken und Schwächen hervorgehoben und Wünsche für die Weiterarbeit festgehalten. Bei der Vorbereitung des ersten Auftritts vor Eltern und Freunden wurden die Jugendlichen stark eingebunden. Gemeinsam wurde diskutiert, welche Spiele für einen Auftritt geeignet sind und wo die Stärken und Vorlieben der einzelnen Spieler liegen. Durch den gemeinsamen Auftritt hat die Gruppe einerseits eine Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls erfahren und andererseits durch das Publikum direktes Feedback auf ihre Fähigkeiten bekommen. Bei den Jugendlichen hat sich durch die 2. Trainingsphase ein Verständnis der Improbegriffe und -ideen eingestellt. Außerdem war zu beobachten, dass sich eine Bandbreite an Themen, Figuren und Spielimpulsen entwickelte, was mit dem immer selbstbewussteren Auftreten der Spieler mit eigenen Ideen zusammenhängt. Außerdem schärfte sich durch die regelmäßigen Reflexionen die Wahrnehmung der Teilenehmer auf das Gesehene und Gespielte und die Kompetenz diese in Worte zu fassen.

3. Phase: Individuelle Förderung: Nachdem im Schnupperkurs und der 2. Phase die Spielfreude und die Ensemblebildung im Zentrum standen, lag in der dritten Phase der Fokus vor allem auf der Förderung der einzelnen Spieler. Durch individuelle Rückmeldungen und Feedbackrunden sollten die Stärken der einzelnen gefördert und die ‚Schwächen‘ durch konkrete Tipps und Hilfestellungen verbessert werden. Auf der Basis der in bereits erworbenen Grundlagen des Improtheaters konnten die Jugendlichen nun auch selbst zu Forschenden werden, und durch Beobachtungsaufträge einander detailliertes Feedback geben. Auch die Bereichen Dramaturgie und kreativer Umgang mit Spielimpulsen (Annehmen) konnten vertieft werden.Derzeit befindet sich die Gruppe in der Vorbereitung des zweiten Auftritts, der in einem größeren Rahmen stattfinden soll.

Fazit: Die Jugendlichen entwickelten sich zu selbstbewussten Experten des Improtheaters. So haben einige in der Schule Referate über dieses Thema gehalten und auf eigenen Wunsch im schulischen Kontext Spiele angeleitet. Bei jedem Einzelnen gab es eine persönliche Entwicklung, sei es die Angst zu überwinden eigene Ideen ins Spiel zu bringen, sich zu Gunsten der Szene bzw. Gruppe zurückzunehmen oder aus der gewohnten und dadurch sicheren Form herauszutreten und etwas Neues, Unbekanntes auszuprobieren. Die Gruppe ist über die Zeit mehr zusammengewachsen, es sind Freundschaften entstanden und neue Mitglieder oder Besucher werden herzlich aufgenommen. Die Gruppenmitglieder haben große Lust auf weitere Arbeit mit Theater. Für das sozio-kulturelle Zentrum Stroetmanns Fabrik ist die Etablierung einer Theaterjugendgruppe ein besonderer Erfolg, da die Kulturarbeit mit Kindern und Jugendlichen bisher nur in Projektform in den Sommerferien stattgefunden hat.

 

Nr. 44 zakk, Düsseldorf – Stadtgespräche 2.0 – Die Zukunft der Stadt

 

„Stadtgespräche 2.0 – Die Zukunft der Stadt“ – unter diesem Titel wollte das Kulturzentrum zakk 2010 eine Projektreihe durchführen, in der noch mal auf die Buchveröffentlichung „Ortsgespräche“ von Reinhold Knopp/Annette Loers eingegangen wird. In der Veröffentlichung 2000 wurden die Themen Ökologie, Kultur, Demografischer Wandel und Stadtteilentwicklung behandelt und thematisiert. Zehn Jahre später wollten wir schauen, was sich in einer Stadt wie Düsseldorf verändert hat und immer noch verändert. Der gesellschaftliche Diskurs mit dem Publikum, den Wissenschaftler/-innen und den KünstlerInnen sollte im Rahmen des Projektes geschaffen werden.

Doch wie es sich manchmal bei solchen Projekten ergibt, entstand Ende 2009 die Gruppe „Freiraum für Bewegung“ in Düsseldorf und stellte eben genau diese Frage. Für das Kulturzentrum zakk, als Mitinitiator und Unterstützer der Freien Bewegung – zusammengesetzt aus KünstlerInnen aus der freien Kulturszene, gesellschaftspolitischen Vereinen und Einzelpersonen – kein leichtes Unterfangen. Das Projekt „Stadtgespräche“ wurde deshalb in die Freiraumbewegung integriert und gemeinsam sollten und wollten wir das Projekt umsetzen.

Hervorgegangen ist die Freiraum für Bewegung Szene durch einige Vereine & Bands, welche immer wieder bei Veranstaltungen Probleme mit dem Ordnungsamt und/oder Anwohnern haben. Bei größeren „Events“ in der Stadt soll und muss die ganze Freie Szene dabei sein, mitorganisieren und die „alternativeren“ Menschen ebenfalls bewegen, an Events wie Nacht der Museen/Eurovision Song Contest teilzunehmen. Bei diesen Festivals wird alles möglich gemacht, Straßensperrungen / Lärmprobleme mit Sondergenehmigungen unterstützt, nur damit diese Events reibungslos vonstatten gehen können. Aber bei anderen Veranstaltungen der Vereine ohne städtischen Anschluss flaut die Unterstützung direkt wieder ab. Ordnungsamt und Polizei stehen auf einmal wieder vor den Veranstaltern und drohen mit Beendigung der Veranstaltung und vielem mehr. Diese Zustände vernetzen die Vereine/Gruppen und KünstlerInnen um gemeinsam lautstark der Stadt aufzuzeigen, wer/was und warum sie aktiv am Geschehen teilnehmen und nicht vergessen werden wollen und dürfen.

Die Gruppe Freiraum für Bewegung hat sich im Kulturzentrum zakk gegründet und seit Beginn hat zakk dieser Gruppe durch Mitarbeit/Ideen und Inhalte unterstützt. Herausgekommen ist eine andere Stadtgesprächreihe, ebenso spannend und noch lebendiger als die ursprünglich geplante. Neben einem Manifest (Anhang) gab es viele Veranstaltungen und Aktionen. Nicht alle Veranstaltungen sollten und konnten im zakk stattfinden. Viele wurden in den Stadtteilen Bilk, Flingern und Oberbilk (Stadtteil mitten in der Entwicklung der Gentrifzierung) durchgeführt.

Gemeinsam wurden folgende Veranstaltungen und Aktionen durchgeführt:

-          Manifest

-          Aktion Unterführung Ellerstraße (Kunstaktion und erster öffentlicher Auftritt der Gruppe Freiraum für Bewegung)

-          Organisation und Durchführung der inhaltlichen Diskussionsveranstaltung

     

  1. Veranstaltung: Andrej Holm - Wem gehört Düsseldorf?
    Bilk, Flingern und Oberbilk sind momentan die Stadtviertel in denen rasant Veränderungen zu beobachten sind. Wir machen uns auf die Suche nach diesen Gentrifikationsprozessen. Was sind Kriterien und Auswirkungen dieser Umstrukturierung? Und vor allem – was kann man tun?
    Andrej Holm ist Stadtsoziologe an der Universität Oldenburg
    14. Oktober 2010 / 19 Uhr - Bürgerhaus Bilker Arcaden / Bachstraße 145

 

  1. Empire St. Pauli - von Perlenketten und Platzverweisen
    Ein Dokumentarfilm von Irene Bude und Olaf Sobczak – 2009

      Stadtentwicklung soll günstige Standortfaktoren für Unternehmen, Investoren und Touristik            gewährleisten, die letzten Lücken in der so genannten „Perlenkette“ entlang des Elbufers           werden imagebildend geschlossen.
      17. Oktober 2010 / 20 Uhr - Glashaus / Worringer Platz

 

3.   Wohnungsnot & Mieterselbsthilfe in Düsseldorf während der Weimarer Republik
            Die Historikerin Sabine Reimann zeichnet in ihrem Vortrag die Entwicklung der    Wohnungspolitik sowie der Mieterselbstorganisation in den 1920er Jahren am Beispiel der    Stadt Düsseldorf nach.
            19. Oktober 2010 / 20 Uhr – Brause / Bilker Allee 233

 

4. Recht-auf-Stadt Hamburg zu Gast bei Freiräume für Bewegung Düsseldorf
            Veranstaltung über Erfahrungen im Kampf gegen Privatisierung und Homogenisierung von             Stadt. So verschieden, wie die Interessen an Stadt sind, so verschieden sind auch die in den           stadtpolitischen Initiativen aktiven Menschen. Und - trotz und wegen aller Unterschiedlichkeit d        er Proteste - haben sich in Hamburg im Recht-auf-Stadt-Netzwerk über 20 Initiativen     zusammengefunden, um sich gemeinsam für eine soziale/re und gerechte/re Stadt    einzusetzen. In der Veranstaltung berichten drei AktivistInnen über ihre Erfahrungen im Kampf      gegen Privatisierung und Homogenisierung von Stadt.
            Nicole Vrenegor (BUKO-Arbeitsschwerpunkt StadtRaum, ASSR), Christoph Twickel (Not in          Our Name Marke Hamburg, NION), Jonas Füllner (Avanti, Recht auf Wohnraum)
            02. November 2010 / 20 Uhr – zakk / Fichtenstr. 40
           
Im Anschluss: Stadtviertel übergreifendes Tanzen und Unterhalten. Mit dem Dealer der Chansons Jonny Bauer an den Plattentellern.


5.   City of Favela
      Ein Dokumentarfilm von Adrian Mengay und Maike Pricelius - 2009
      In Favelas und verfallenen Häusern konzentriert sich die urbane Armut.    Ausgehend von den       prekären Orten spürt der Film dem Phänomen der Selbstermächtigung nach und führt in das          Leben der BewohnerInnen ein. Er begleitet AkteurInnen in Sao Paulo und Rio de Janeiro und      dokumentiert politische, ökonomische und kulturelle Alternativen zu sozialer Exklusion.
      08. November 2010 / 20 Uhr - Linkes Zentrum / Corneliusstr. 108


6.   Tamms Erbe?
      Ein Blick auf die Ursprünge der autogerechten Stadt Düsseldorf
      Schon kurz nach dem zweiten Krieg wurde Friedrich Tamms, ein Mitarbeiter Adolf Speers,           dem Lieblingsarchitekten Adolf Hitlers und späteren Reichsrüstungsminister, verantwortlicher         Stadtplaner in Düsseldorf. Mit ihm kamen andere junge Architekten nach Düsseldorf, die     in der Zeit des Dritten Reiches Karriere gemacht hatten. Schon bald formierte sich gegen     dieses braune Netzwerk Widerstand in Form des Düsseldorfer Architektenring, der sich den       Vorbildern des internationalen Stils und der Bauhausarchitektur verpflichtet fühlte.
      Neben einem Rückblick auf die Planungen der Nachkriegszeit möchte der Vortrag u.a. am           Beispiel der Berliner Allee und des Umfeld des „Tausendfüßler“ zeigen, wie die damaligen             Planungen den Düsseldorfer Städtebau bis heute bestimmen. Der Referent ist Stadtplaner in      einer Großstadt des Ruhrgebiets.
      15. November 2010 / 20 Uhr – Brause / Bilker Allee 233


8.   Tear down the Poor – New Orleans und die Folgen von „Katrina“
      Ein Reisebericht von Christian Jakob und Friedrich Schorb
      Im Sommer 2005 flüchtete die Bevölkerung von New Orleans vor Hurrikan „Katrina“. Rund 20.000, hauptsächlich schwarze MieterInnen von Sozialwohnungen verließen die Stadt                 wohl für immer. Als das Wasser wich, zogen die Behörden Zäune um ihre Häuser,            verrammelten Türen und Fenster und stellten Polizei vor die Eingänge: die BewohnerInnen       sollten nicht zurückkehren. Die meisten von ihnen leben heute verstreut in Städten wie     Houston und Baton Rouge, isoliert, ohne Arbeit und ohne Anschluss an ihre einstigen sozialen      Netzwerke. Christian Jakob und Friedrich Schorb haben New Orleans zwei Jahre nach           „Katrina“ besucht und mit ehemaligen BewohnerInnen, Verantwortlichen aus der     Stadtverwaltung sowie BürgerrechtlerInnen und AktivistInnen gesprochen. Ein Vortrag mit       Film und Fotos über eine soziale Naturkatastrophe, brutale Stadtentwicklung und             Vertreibung
      02. Dezember 2010 / 20 Uhr – zakk / Fichtenstr. 40


9.   Das Recht zu bleiben - Immobilienspekulation, Verdrängung und Wohnungspolitik
      Das Recht zu bleiben. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit und dennoch ein Recht das von        manchen Mieter immer wieder neu erkämpft werden. Im Vortrag wird anhand von Beispielen   erläutert mit welchen Methoden Finanzinvestoren operieren, wie sich die politischen Parteien   dazu positionieren und welche Konsequenzen dies für den Wohnungsmarkt bedeutet. Über        die rein immobilienökonomischen Zusammenhänge schlägt der Referent auch immer wieder         den Bogen zu allgemeinen Prozessen der Stadtentwicklung.      
      Knut Unger, Mieterforum Ruhr
      14. Dezember 2010 / 20 Uhr – zakk / Fichtenstr. 40

- Rekordaufstellung Guinness Buch der Rekorde: Grillaktion der längsten vegetarischen    Grillwurst

- Schenkung eines Portraits des verstorbenen Oberbürgermeisters Joachim Erwin           

Wie in vielen solcher Bündnisse ist die Arbeit Kräfte zehrend. So auch in diesem Projekt, neben vielen tollen Veranstaltungen und Aktionen muss sich so ein Bündnis immer wieder die Frage stellen, wohin gehen wir? Was sind unsere Ziele? Und welche Hürden schaffen wir gemeinsam? Nicht alle KünstlerInnen wollen und wollten sich inhaltlich zu Projekten der Stadt wie Wohnungsbau äußern. Die Gratwanderung der Gemeinsamkeit ist und war hier immer wieder, gerade für so ein junges Bündnis, in der Diskussion. Für einige Sitzungen (das Bündnis hat sich alle 2-4 Wochen getroffen) haben wir Reinhold Knopp für die Moderation dazugebeten und für andere Sitzungen immer mal wieder Fachkräfte aus der Stadt eingeladen. Auch Treffen mit anderen Bündnissen aus anderen Städten (Not in our Name/Marke Hamburg, Ruhrbarone; Bochum/Essen) waren bei einigen Treffen zugegen, um gemeinsam Inhalte zu diskutieren und auszutauschen.

Kooperationen - Es gibt und gab eine inhaltliche Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Düsseldorf, dem Bündnis Freiraum für Bewegung, bestehend aus den KünstlerInnenvereinen Metzgerei Schnitzel/Brause e.V., dem Damen & Herren e.V., dem Reinraum e.V., der Kiefernstraßen AG, außerdem mit dabei der AStA der Fachhochschule Düsseldorf und der Gruppe attac Düsseldorf, sowie der Gruppe der Düsseldorfer Erwerbslosen.

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Veröffentlichung im zakk-Programmmheft sowie in der zakk-Anzeige Biograph. Aussendungen an die Wochen-, Monats,- und Tagespresse. Erstellung + überregionale Verteilung eines Programmheftes und Plakates. Außerdem wurde eine Internetseite (www.freiraum-bewegung.de) eingerichtet, wo die Diskussion nach den Veranstaltungen weitergeführt werden, mit Beispielen aus anderen Städten/Ländern versehen, um ein möglichst breite Diskussionen und Inhalte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.



Nr. 49 KOMM, Düren – Das Annaprojekt

 

Das Theaterprojekt wurde wie beantragt in enger Zusammenarbeit der AG Dürener Historienfeste e.V. und dem KOMM im Rahmen des Dürener Annamarktes 2010 geplant und realisiert.

Für die Produktion haben sich Dürener Amateure und professionelle Künstler verschiedener Sparten und aus den unterschiedlichsten Gruppen und Zusammenhängen erstmalig zusammen gefunden. Die Mitspieler des Schauspiels kommen sich aus den Reihen der SKUNKS, des Improtheaters ARTISCHOCK, des ehemaligen REAGENZTHEATERS sowie anderen theaterbegeisteren Erwachsenen und Jugendlichen mit und ohne Vorerfahrung. Die Choreografie der Ballettsequenz entwickelte die Choreografin Rahel Weißmann mit fortgeschrittenen Schülerinnen ihres "ATELIERS FÜR BÜHNENTANZ in Düren". Die Musik schrieb der bekannte Dürener Musiker und Musiklehrer Heinz Küppers und realisiert sie mit zusammen mit amitionierten Dürener Amateurmusikern / Musikschülern. Um Bühnenbild und Requisiten kümmert sich der Dürener Architekt Robert Schumacher.

Völlig neu bearbeitet und inszeniert wird das Spektakel von Kai Meister und Thomas Lüttgens, die seit fast 20 Jahren in der Theatergruppe DIE MIMOSEN und seit fast 10 Jahren als Regie-Team SKUNK-KG zusammenarbeiten. Kai Meister hat zudem in der Rolle des Narren durch die Handlung des Stückes führen und an anderer Stelle des Annamarktes in Erscheinung treten.

Die Aufführungen wurden auf den Dürener Annaplatz verlegt, da sich dieses Ambiente besser für die veränderte Version eignete. Beteiligt waren insgesamt 30 Amateure und Profis aus den Bereichen Theater, Tanz, Musik und Gestaltung.

Premiere war am 4. Juni, 20 Uhr. weitere Aufführungen waren für den 5. und 6. Juni vorgesehen. Die Aufführung am 6. Juni musste wegen strömenden Regens abgesagt werden, wurde aber am 7. Juli im Dürener Haus der Stadt nachgeholt.

Gegenüber dem ursprünglichen Kostenplan musste der Projektaufwand reduziert werden, da die erwarteten zusätzlichen Einnahmen durch Sponsoren und weitere öffentliche Förderung nicht im ursprünglich erwarteten Umfang erreicht werden konnten. Sowohl bei den Personal- wie auch bei den Sachkosten mussten erhebliche Einsparungen vorgenommen werden. Diese wurden hauptsächlich durch Verzicht auf Honorarforderungen sowie durch unentgeltliche Sach- und Dienstleistungen der Projektpartner aber auch von Dürener Unternehmen sowie der Stadt Düren erbracht. Diese Leistungen wurden in der Einnahmen- und Ausgabenrechnung nicht berücksichtigt. In der Anlage zum Verwendungsnachweis ist ein Teil dieser Leistungen in niedrig angesetzten kalkulatorischen Kosten beigefügt. (Roter Teil)

 

Ebenfalls wurden durch Verlegung der Bühne vom Markt an den Annaplatz erhebliche Kosten für die Tribüne eingespart.

 

 

Nr. 50 Theorie und Praxis e.V., Dortmund – Ruhrort 2010

Viertelkreativwirtschaft als Metropolitik

Für „Ruhrort 2010“ fand sich eine kleine Klasse von 15 deutschen, kolumbianischen und österreichischen „Kreativen“ in Duisburg-Ruhrort, dem „Hafenstadtteil“ des „Hafens der Kulturhauptstadt Ruhr.2010“ zusammen. Ein knappes Halbjahr lang wurden hier im Klassenverband und in mehreren Arbeitsgruppen, die 1-8 Menschen versammelten, eine Fotoausstellung, eine multimediale Installation, eine Theater-Tanz-Performance, eine Daily Show, ein Tagesseminar und eine Diskussionsveranstaltung erarbeitet.

Diese Arbeit war Teil des Ruhrorter Teils der Duisburger Kulturhauptstadtaktivität. Die war wiederum Teil der Ruhr.2010 Kulturhauptstadtaktivitäten. Ihre Ergebnisse wurden in der einen von 52 Jahreswochen präsentiert, die Duisburg (nach Moers, aber vor Herten) als einem von 52 „Local Heroes“ zur Präsentation zur Verfügung stand. Wie ja auch das Jahr 2010 dem Ruhrgebiet (nach Linz/Vilnius, aber vor Tallin/Turku) als eines von bisher 26 Europäischen Kultur(haupt)stadtjahren zur Präsentation zur Verfügung stand. Vielfach gerahmt war der von uns gesetzte Rahmen durch nicht von uns gesetzte Rahmen. „Part of the Game“, der Titel der Fotoaus­stellung, beschreibt auch diese Position. Das Spiel war neu, es versprach, die „kreativen“, die künstlerischen und kulturellen Praxen in den Stadtteilen, Städten, in der Region für die Herstellung einer die Region, ihre Städte und Stadtteile einigende Metropole zu nutzen.

Nun liegt diese Woche längst hinter uns, das Jahr neigt sich, Datteln ist „Local Heroe“, Haltern am See, Oer-Erkenschwick, Alpen und Hünxe warten noch darauf es zu sein, Ruhr.2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen aber bilanziert bereits, positiv: Einen neuen Besucherrekord wird es geben, schon Ende November sind es mehr als 10 Millionen und je zuvor in einer Kulturhauptstadt, und die Besucher der Loveparade in Duisburg nicht einmal mitgezählt. Nicht, weil diese Zahl Gegenstand mehrerer Ermittlungsverfahren ist, sondern weil die Pietät das Nichtzählen gebiete, sagt Pleitgen und freut sich an den „neuen Bildern“, die „die Kulturhauptstadt der Welt über (!) das einst von der Industrie stark geprägte Ruhrgebiet gezeigt“ hat.

„Der Welt ein neues, starkes Bild des Ruhrgebiets“ zu zeigen, war auch die Erwartungshaltung von Pleitgens Co-Geschäftsführer Oliver Scheytt. An die Loveparade. Die wenig pietätvolle Gegenüberstellung erhellt, dass Erfolge sich immer, fast immer verbuchen lassen, wenn Erwartungen und Ergebnisse nur ausreichend unscharf artikuliert werden. Der Welt „neue Bilder“ vom Ruhrgebiet zu zeigen, war das Ziel schon von „Ein starkes Stück Deutschland“, einer der ersten großangelegten Imagekampagnen des KVR 1985. Hat geklappt, irgendwie. Jeder Adressat dieser Kampagnen weiß seit langer Zeit, die „alten Bilder“ (große Schornsteine in Betrieb, Malocher) vom Ruhrgebiet stimmen nicht mehr. Und hat 2010 wieder einmal neue, vielleicht von den vielen Festivals und mit den vielen Menschen (knapp 1 auswärtiger Besucher pro Jahr und Einwohner, wenn auch dieser jene besucht hat) drauf.

Wir hatten mit „Ruhrort 2010“ auch einen neuen Besucherrekord, und neue Bilder haben wir auch.

Als bescheiden-subsidiäre Ausführung einer Kampagne durch eine Reihe von Events (im Rahmen von Ruhr.2010) durch eine Reihe von Events (im Rahmen der „Local Heroes“) durch eine Reihe von Events (im Rahmen der Duisburger „Hafen der Kulturhauptstadt“- + „Akzente“-Wochen) durch die eindrucksvolle Eventreihung „Ruhrort 2010“ waren also alle und wir überproportional erfolgreich. Mehr als 100.000 Besucher in Ruhrort (das sind 39 pro Einwohner), Feuerwerk auf Metropolenniveau (La Fura del Baus), viel schönere neue Bilder als die Restwelt („Part of the game“ – Annette Jonak). Und wenn, wie Fritz Pleitgen erwartet, viele dieser Besucher 2011 wiederkommen, landen sie fast sicher in unserem Lokal Harmonie – die anderen ca. 25 Bühnen der Ruhrorter Kulturhauptstadtaktivitäten sind wieder geschlossen.

Leider stehen diese Erfolge nicht im Rahmen der Erfolgserwartungen, die an das Kulturhauptstadtjahr gerichtet waren. Wir haben anscheinend ein anderes Spiel gewonnen als das, an dem wir teilzunehmen glaubten oder das wir zumindest als Teilnehmer erforschen wollten. Mit dem Ruhrgebiet sollte die Welt 2010 eine „Metropole neuen Typs“ oder „neuen Stils“ bekommen, eine postmodern polyzentrische Metropole. Und nicht nur neue Bilder vom Ruhrgebiet.

Um dieses Ziel zu erreichen, versprach die Ruhr.2010-Kampagne eine Neudefinition wie Neufunktionalisierung von Kultur, die deren ökonomische und gesellschaftliche Effekte eben nicht auf das Segment Tourismus beschränkt, sondern der ökonomisch maladen und gesellschaftlich provinzialisierten Region in Westdeutschland durch „Kunst und Kultur“ eine Zukunft schafft. Eine Zukunft als Metropole Ruhr, ein Modell für Europa. So sprach der annoncierende Kampagnenleiter. Und nun fällt dem bilanzierenden einzig ein, dass das Ruhrgebiet „einst stark von der Industrie geprägt“ war. Also genau das, was der Bewohner Londons, Paris oder New Yorks und die Berlinerin schon wussten. Kein neues Bild hat es auch nur in das finale Ruhrgebietsschlagwort des Ruhr.2010-Geschäftsführers geschafft, hier herrscht ein „einst“. Wie früher.

Sein Herrschaftsbereich wird größer: „200 Museen, 120 Theater, 19 Hochschulen und 1 Million Fußballfans“ war die Eröffnungsbilanz Essens für das Ruhrgebiet. Vielleicht stimmen diese Zahlen noch, bald werden sie einst gestimmt haben. Bei ihrer Verkündung hatte Regierungspräsident Büssow noch keinen Kämmerer für seinen Mut zur Theaterschließung belobigt, war Schalke Zweiter und Bochum Erste Liga.

Schon in der „Kabinenansprache zur Halbzeit des Kulturhauptstadtjahres“ hatte „Ruhrort 2010“ nicht nur lokalkolorierte Metaphern gebraucht, sondern für 2011 „Verbrannte Erde“ in der dann ehemaligen Kulturhauptstadt befürchtet. Die Betriebsmittel für die wenigen Projekte und Institutionen, die das Jahresende überdauern werden, müssen wesentlich aus den kommunalen Haushalten bestritten werden, die jetzt schon Not leiden. Wie diese Kabinenansprache, widmete sich „Ruhrort 2010“ insgesamt und in allen Teilen aber nicht der Frage, ob man den turnusmäßig abgegebenen Versprechen einer immer anders verheißenen, immer aber goldenen Zukunft für das Ruhrgebiet glauben kann. Gegenstand unserer künstlerischen und theoretischen Forschung war die neue Richtung, die der sympathische Größenwahn dieser Kulturhauptstadtbewerbung und ihr Bewerbungserfolg einschlugen. Diese Richtung nahm nicht nur den Gegenstand unserer bisherigen künstlerischen und theoretischen Forschung in den Blick und verhieß seine Veränderung, sondern auch die Methoden jener Forschung und verhieß eine enorme Aufwertung ihrer Reichweite.

Denn neu an „Ruhr.2010“ war, dass nicht ein kulturelles Erbe oder eine gegenwärtige Konzentration europäischer Kulturgüter für hauptstadtwürdig erkannt wurde. „Kultur durch Wandel, Wandel durch Kultur“ behauptete vielmehr den kulturellen Wert der gesellschaftlichen Folgen, die sich für eine Region daraus ergeben, „einst von der Industrie geprägt“ und drum zum „Strukturwandel“ gezwungen zu sein. Die Europäische Union zeichnete also einen Umgang mit einem industriellen Erbe aus, der es als kulturelles Erbe erst sichere und der selbst ein europäisches Kulturgut darstelle. Also nicht nur den Nichtabriss von Zechen, Kokereien und Gebläsehallen, nicht nur die „200 Museen, 120 Theater, 19 Hochschulen“, deren Bau- und Betriebsmittel dem von den Arbeiterinnen und Arbeitern einst geschöpften Mehrwert entstammen.

Sondern auch den Umgang mit dieser „Herrschaft des einst“, mit dem Umstand, dass hier 5,4 Millionen Menschen leben, die zu einem großen Teil nicht mehr Mehrwert schöpfen, in einer Infrastruktur, deren industrieller Weiterbetrieb zu einem großen Teil nicht mehr rentabel ist, in Städten, deren Haushaltssicherungskonzepte zu einem großen Teil die urbanen Funktionen gefährden, die zu sichern ein Haushalt da ist. Als „Kultur durch Wandel“ wurden 5,4 Millionen Experimente ausgezeichnet, der alltägliche Umgang mit diesen Problemen, die Suche nach hier besonders dringlich notwendigen und deshalb jeden Tag neu versuchten Lösungen.

Und noch neuer war das Kulturvertrauen, das sich im Teilmotto „Wandel durch Kultur“ aussprach. „KunstundKultur“ selbst wurden gemustert und sollten zum Zukunftsbau tauglich sein. Nicht länger nur Überbau, Schmuck, Luxusgut und Minderheitenprogramm, sondern – wenn nicht Bauherrn, so doch – Architekten einer „Metropole neuen Typs“. Zumindest aber eines kreativen Viertels. Verantwortlich eben nicht nur für die imageförderliche Produktion von Bildern, für einen weichen Vorteil in der Standortkonkurrenz, sondern harte facts schaffend, standortsichernd tätig sein. Dieses neue Kulturvertrauen war keine Erfindung der Ruhr.2010 Bewerbung. Aber sie stellte es an besonders prominenter Stelle in einen besonders sichtbaren Vordergrund.

Die Tauglichkeitsgaranten für Kunst und Kultur, die Vehikel ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit sind einerseits die wachsende ökonomische Bedeutung eines seit etwa 10 Jahren eigens definierten Wirtschaftssektors, der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die Definitionen sind strittig, wer genau dazu zählt also auch. Einigkeit besteht darin, daß Beschäftigte dieses Sektors und von ihnen geschöpfte Werte immer mehr werden. Dieser Sektor ist also zukunftsfähig, ihn braucht das Ruhrgebiet, er ist das aktuelle Stärkungsziel der Strukturwandelstrukturen. Mit dieser wachsenden Bedeutung eng verbunden ist die Überzeugung, Kreativität sei das entscheidende Antriebsmittel für ökonomisches Wachstum. Der europäische Kultur- und Kreativsektor kann als eine wichtige Quelle für die europäische wirtschaftliche Dynamik angesehen werden, da er (…) Potenziale zur Freisetzung von Kreativität, Innovation und Unternehmungsgeist gezeigt hat. 1Und da, so die aktuelle Hoffnung aller Strukturwandler, Kulturförderer und von solchem Wandel, solcher Förderung profitieren Wollender, Künstlerinnen und Kulturschaffende kreativ sind, muss man sie nur auf die richtige Weise fördern, und der Laden läuft. Wo diese Programme an die Routinen der Strukturwandler andocken und etwa Medienunternehmen zu günstigen Mieten in alten Industriebauten unterbringen, funktioniert die Umsetzung solcher Förderprogramme recht zügig. Wo sie – um seiner ökonomischen Zukunftsfähigkeit willen – das „kreative Profil“ eines Stadtteils bestimmen, schärfen und durch Fördermaßnahmen verbessern sollen, begegnen sie einer gegenläufigen Kürzungstendenz in den Kulturetats, die sie auch aufgrund unzureichender Erfahrungen und Strukturen derzeit nicht einmal kompensieren können. Die Verbindung von Wirtschafts- und Kunstförderung bleibt oft bei den Schlagworten Kreativität, Innovation, Unternehmungsgeist und Kreativwirtschaft stehen, die Parole vom Aufstieg der Kreativen Klasse elektrisiert bisher vor allem die Kulturpolitiker und -verwalter, nicht unbedingt den Kämmerer.

Auf diese Karte zu setzen, fiel allerdings den Verantwortlichen für die Kulturhauptstadtbewerbung leicht, weil sie im Spiel Kulturhauptstadtbewerbung Trumpf ist und weil das Ruhrgebiet so viele andere Karten nicht auf der Hand hatte, zukunftsbautechnisch noch nicht aus dem Schneider ist.

„Ruhrort 2010“ hat diese Strategie, hat die Motti der Bewerbung ernster genommen, als sie möglicherweise gemeint waren. Das ergab zunächst einmal das gute Gefühl, als „Kreative“ zu Siegern im Klassenkampf erklärt zu werden, und einen neuen Job: die Metropole Ruhr herzustellen und die Zukunft der Region, Deutschland, Europas zu sichern. Allerdings ergaben sich auch etliche Fragen.

Ob „KunstundKultur“ wirklich uns meint, war nur eine davon. Ob die wachsende Bedeutung unserer Tätigkeit, subjektiv stets empfunden, ökonomisch zunehmend als Forderung erfahren, auch objektiv, ja arithmetisch zu konstatieren wäre. Und ob diese Tätigkeit sich durch die Übernahme einer solchen Verantwortung nicht verändern würde. Es galt die Frage zu erörtern, was „die Kunst“ in solcher Funktionalisierung nun tun soll. Und ob sie das tun kann und soll oder bleiben lassen soll und kann. Als künstlerische wie theoretische Erforscher der Grundlagen unserer gesellschaftlichen Gegenwart an ihren Rändern angetreten, wurde jetzt nicht nur unsere Grundlagenforschung für unüberbietbar anwendungsrelevant erklärt. Man nahm uns auch den Rand weg. Er sollte zur neuen Mitte, zur Metropole, zumindest aber zum neuen Prenzlauer Berg werden.

„Ruhrort 2010“ versuchte in künstlerischer wie theoretischer Produktion Klarheit darüber zu gewinnen, was eine Kultur, die durch Wandel existiert, spezifiziert. Und es versuchte zu klären, welchen Anspruch ein „Wandel durch Kultur“ sowohl gegenüber jenen erhebt, die diesem Wandel unterworfen sind, als auch gegenüber denen, die bisher als Kulturschaffende angesprochen, nun zu gesellschaftlichen Wandlern ernannt werden. Und welche Folgen dies hat.

Die einzelnen Projekte von „Ruhrort 2010“ versuchten Antworten auf diese Fragen zu finden, ohne sich selbst als „die Kunst“ zu setzen. So verfielen wir nicht fruchtlosen Gegenüberstellungen von „reiner Kunst“ und verunreinigender Funktionalisierung und nicht dem Glauben, es handele sich beim Programm „Wandel durch Kultur“ nun um einen tatsächlichen politischen oder gesellschaftlichen Auftrag, den man annehmen, erfüllen, verweigern oder subvertieren könnte. Es galt, gleichzeitig Part of the Game zu sein, d.h. als „die Kunst“ innerhalb dieses Spiels zu agieren und seine Regeln, die anderen Akteure, die Bank forschend zu identifizieren. Das Ruhr.2010 Projekt „Kreativ.Quartiere“, das als eines der wenigen vielleicht und ganz vielleicht in Ruhrort fortgeführt werden soll, taugt nicht als Beispiel für Gentrifizierung. Es fehlt die Zentrumsnähe.

Zum Gegenstand wurde ganz selbstverständlich dieser Rand, der Mitte werden soll, dass und wie er es soll. Dazu erforschten wir „Ruhr.2010“, das Ruhrort-Festival „Hafen der Kulturhauptstadt“ und machten wir selbst Kultur: Die Theater- Tanzperformance „Vor der Mündung“ wurde erarbeitet, die Fotoausstellung „Part of the game“, die Installation „Ihr Kellerkinder“, täglich gab es eine Late Afternoon Show von Lokal Heroes, die ins temporär pulsierende Ruhrort auch dann noch lockten, als sie wesentlicher Restpuls waren, ein Seminar umkreiste die theoretischen Grundlagen der Begriffe „Kreative Klasse“, „Kreativwirtschaft“, „Kreativ.Quartier“ und Kreativität bis zu deren Fall. Eine temporäre Zweigstelle, der „Freihafen“, bildete zusammen mit dem für-Ruhrort-in-Ruhrort-etablierten Lokal Harmonie die Großes-Haus–Laborbühne Dichotomie, wenn auch überaus reflektiert, ab. Es wurde produziert und präsentiert, es gab Vernissagen und Premieren, und nach 17 Tagen war es dann auch vorbei. Das Festival.

Der einst von diesem Festival geprägte Rand ist ein Anderer als vorher. Ein wenig. Vor der Mündung

 

So, jetzt sind wir wieder hier. In Ruhrort. Nach Wochen der Arbeit in Theorie und Praxis. Was hält dich noch hier?

Ruhrort ist Leben von Restsubstanz. Das ist zunächst genauso unspannend, wie es klingt. Analytisch betrachtet kann es aber auch spannend sein.

Ruhrort – schon ein Nichtort?

Nein, kein Nichtort. In Ruhrort ist das Fortbestehen einer Gesellschaft zu erleben, die in ihrer Formation längst überholt ist. Die sich aber einbildet, dass ihre ollen Häuser immer noch etwas repräsentieren. Wenn sie etwas repräsentieren, dann aber etwas längst Vergangenes. Das wissen die Ruhrorter übrigens selbst am besten. Deswegen reden sie so gern über die Vergangenheit. Es ist nahezu unmöglich, mit Ruhrortern über die Gegenwart zu sprechen, geschweige denn über Zukunft. Weil Zukunft nicht mit ihnen gemacht wird, sondern ohne sie, gegen sie.

Ihre Gegenwart ist also eigentlich Vergangenheit. Und eine Zukunft gibt es nicht?

Sie malen sich auf jeden Fall keine Zukunft aus, die irgendwie anders ist als das Weiterleben von überkommener Substanz. Das ist meine Wahrnehmung. Sie kriegen ja nicht mal mit, dass nebenan der größte Binnenhafen Europas oder – je nach Zählung – der Welt seine Millionenumsätze macht. Sie kriegen auch nicht mit, was die geschäftliche Tätigkeit der Franz Haniel & Cie. GmbH in der ganzen Welt bewirkt. Sie freuen sich über die nette Nachbarfamilie und wenn die hier mal ´ne Laterne aufstellt. Als wir nach Ruhrort gekommen sind, haben wir gedacht: Wow, jetzt sind wir quasi im Auge des Taifuns. Auf dieser Insel treffen gegensätzliche Kräfte aufeinander, die so zusammengezwungen garantiert eine explosive Spannung erzeugen: eine altbürgerliche Restsubstanz, die für vergangene Größe steht und von dieser alten Größe zehrt, und auf der anderen Seite hat man hier mit Haniel tatsächlich einen absoluten global player im internationalen Kapitalismus und ist umgeben vom größten Binnenhafen der Welt. Da muss sich doch was reiben, da muss doch richtig die Post abgehen. Dachten wir. Aber nö.

Und dann kamt ihr. Als Störfaktor, oder wart ihr doch auch interessant?

Beides nur ein wenig, logisch. Aber das sind natürlich Zusammenfassungen, die ich hier von mir gebe. Und die basieren mehr auf der Arbeit der letzten zwei Jahre als auf der Erfahrung vom diesjährigen Festival. Dieses hat immerhin sichtbar gemacht, dass es auch in Ruhrort Leute gibt, die im Hier und Jetzt leben.

Gab es die Überlegung, den Ruhrortern das Wort zu geben?

Klar, damit haben wir angefangen. 2008 haben wir uns selbst den Auftrag gegeben, Ruhrort zu erforschen als Beispiel, an dem sich gesellschaftliche Verhältnisse, in denen wir stehen, erkennen und zeigen lassen. So wie wir das vorher in Essen-Katernberg und in Duisburg-Bruckhausen getan haben. Dort wie hier standen am Anfang Gesprächsreihen mit Menschen, die am jeweiligen Ort leben und/oder arbeiten. Und Seminare, mit diesen Menschen als den Experten für das uns je interessierende gesellschaftliche Segment. Das hat in Ruhrort auch gut funktioniert: Zu erzählen haben hier alle sehr viel. Aber die Frage ist irgendwann: Was für ein Wissen spricht aus den Erzählungen dieser Experten? Und vor allem: Was machen diese Erzählungen sichtbar, erkennbar? In Ruhrort offenbaren sie in der Regel nur bürgerliches Bewusstsein. Aber das kenne ich ja schon. Und es interessiert mich nicht mehr. Das in seinem Horizont Erscheinende noch weniger.

Was ist dann euer Interesse hier?

Ruhrort würde mich interessieren, wenn die hier antichambrierende Kreativwirtschaftslobby tatsächlich ernst machte mit ihrem Plan, Ruhrort als ein von ihnen so genanntes "Kreativ.Quartier" zu entwickeln. Das fänd ich spannend, da wäre ich gerne dabei. Nicht bei einer Gentrifizierung Ruhrorts, hiergegen vertraue ich dem passiven Widerstand der Ruhrorter, aber bei einer künstlerischen Belebung des Stadtteils, die diesen tatsächlich verändert. Das gäbe unserer Arbeit hier ein anderes Umfeld und eine andere Basis. Vielleicht kämen wir dann auch zu neuen Ergebnissen. Denn wenn wir, wie in "Vor der Mündung", uns die Harmoniestraße als Bühne aussuchen, nehmen wir sie hundertprozentig ernst als das, was sie ist. Und sind so natürlich gefangen in dem Potenzial, das diese Straße hergibt. So suchten wir – das merkt man dem Stück glaube ich an – zuletzt im Kleinsten, im Minimalsten, in Konstellationen von Unscheinbarkeiten eine verändernde Kraft, die möglicherweise doch hier entstehen könnte. Das so Gefundene ist trotzdem wahrscheinlich fast nur unsere Zutat.

Dann waren auch die Zukunftsvisionen eine Zutat, von denen aus ihr euer Stück entwickelt habt?

Wir haben unsere Arbeit nicht mit dem Plan begonnen, hier eine Zukunft einzupflanzen. Das war vielmehr ein Effekt der Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Realität. Leute, die neu hier hinkommen, erzählen uns regelmäßig begeistert weiter, was ihnen hier als erstes erzählt wird: "Habt ihr schon gehört, früher gab es hier 148 Kneipen!!" Toll. Mich begeistert das gar nicht mehr, im Gegenteil. Jeder weiß, wie viele Schiffe hier früher im Hafen gelegen haben, jeder weiß es ganz genau. Aber keiner weiß, wie viele es 2010 sind, geschweige denn, wie viele es 2020 sein werden und woher sie kommen und wohin sie und mit welchen Waren und in wessen Auftrag und zu wessen Profit fahren. Deswegen haben wir, TAD und TuP, die wir schon länger hier arbeiten, bereits in der Konzeption von "Ruhrort 2010" darauf hin gearbeitet, nicht noch einmal in diese Vergangenheitsklebe hineinzukommen. Dass wir in "Vor der Mündung" zuletzt konsequent nur über Gegenwart und Zukunft gehandelt haben, ist Resultat dieses Abstoßungsprozesses.

Also ist das Stück nicht übertragbar auf andere Orte?

Das Stück ist selbstverständlich überhaupt nicht übertragbar. Natürlich wären Idee und Konzept abzulösen, aber das Stück als solches, die Inszenierung, ist ja nicht mal ein Haus weiter zu rücken. Die hängt mit diesem Ort zusammen, mit dieser Straße, mit diesem Straßensegment, mit den Menschen, die wir genau hier durchs Bild laufen sehen. Man sieht z.B. jetzt diesen Typen mit dem grünen Käppi und der Sonnenbrille und der Alditüte in seiner linken Hand in dieses Ladenlokal gucken. Das sieht man. Aber ob er und ob das, was er in diesem Moment hier tut, der Ausgangspunkt einer zukünftigen revolutionären Bewegung ist: Man weiß es nicht. Doch sehr wahrscheinlich ist es nicht.

[Die Tür geht auf, der Mann mit der Alditüte betritt das Lokal. Siehe Track "Ein Ruhrorter" auf der DVD]

Wie wichtig waren die Passanten im Stück?

Die realen Menschen in Ruhrort sind die Hauptdarsteller, wir sind nur die Nebendarsteller.

Aber die wissen doch gar nicht ...

Nee, das sind ja auch die besten Schauspieler, die nicht spielen. Hier sind sie zudem Teil eines Stückes, von dem sie nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Eigentlich nehmen wir nur den saublöden, gerade in Ruhrort allzu oft vernommenen Spruch auf: "Ach, Theater macht ihr? Theater hab ich jeden Tag." Wenn sie eh schon wissen, dass sie die ganze Zeit in einem Stück spielen, können sie es auch mal vor Zuschauern tun. Und so daran mitwirken, Realität erkennbar zu machen.

Ist das dann die Moral von der Geschicht`?

Vielleicht – dass die Realität grundsätzlich anders wahrnehmbar wird als sonst: letztendlich als veränderbare. Das ist generell ein Grund, warum wir Theater machen. Im Theater besteht die Möglichkeit, eine Realität herzustellen, die nur aus Wirklichem besteht, deren eigene Gesetze es aber zugleich ermöglichen, mit diesem Wirklichen als Material zu arbeiten, es also neu zu konstellieren, es auch bestimmt zu negieren und so sein mögliches Anderssein zu erfahren. Hier haben wir uns dazu entschlossen, den geschützten Raum, den man sonst im Theater herstellt, zu verlassen und dasselbe Prinzip anzuwenden auf einen realen Raum. Entscheidend ist, dass wir die in diesem Raum vorgefundene Realität genauso ernst nehmen wie sonst die im Theaterraum hergestellte – so ernst, dass wir uns sie gerne auch als fundamental veränderte vorstellen. Viele Anwohner haben diese Intention in der Probezeit auch wahrgenommen. Warum regt man sich auf wie Schmitz` Katze, wenn ein Schauspieler ein paar Tage auf der Straße rumsteht, immer am selben Fleck? Sie haben das tatsächlich als einen gefährlichen Eingriff in ihre Realität wahrgenommen.

Und jetzt?

Und jetzt sitzen wir hier und schauen auf die Straße, auf den Ort und … na ja, jetzt ist es wieder wie vorher. Die Simulation von Leben in Ruhrort ist vorbei.

Ist das jetzt die gefürchtete Resignation oder doch Nachhaltigkeit?

Wenn "Ruhr.2010" in Bezug auf Ruhrort von Nachhaltigkeit redet, dann natürlich im Rahmen ihres Projektes, hier Kreativwirtschaft anzusiedeln und den Stadtteil auf Trab zu bringen und wieder einer ökonomischen Nutzung zu unterwerfen. Das ist natürlich überhaupt nicht mein Interesse. Ich hab überhaupt kein Interesse an diesem Stadtteil an und für sich. Aber, wieder zurück zum Stück: es soll natürlich nicht alles vorbei sein, wenn der Vorhang fällt. Der hier ja nicht einmal – oder gerade deswegen nicht und nie bei uns – existiert. Deshalb sind wir auch zum Ende mit dem Text bei den Zuschauern gelandet. Wir haben sie aus unserer imaginären Zukunft heraus thematisiert und ihre Teilhabe an der von uns beschriebenen Realität mitreflektiert. Dass sie eben nicht nur Zuschauer sind, sondern selbst Akteure in und Mitproduzenten dieser Realität.

Also wollt ihr sie am liebsten ohne Entladung entlassen, ohne Vorhang und Applaus?

Wenn sich im Theater irgendeine Spannung aufbaut, warum soll die sich immer noch in der gleichen Sekunde und am selben Ort wieder entladen? Es ist doch viel besser, sie bleibt erhalten und setzt sich fort, indem jemand rausgeht und durchlädt und schießt.

 


Nr. 53 hardware medien kunst verein, Dortmund – Satellite Footsteps

 

Vorhaben

Satellit / Grenze / Fußabdruck solle als Workshop in Kooperation mit den KünstlerInnen und Kooperationspartnern Lisa Parks (Professorin für Film- und Medienwissenschaften, University of California, Santa Barbara) und Francis Hunger (Künstler, Kurator, Leipzig) stattfinden. Dabei wurde ein produktiver und kritischer Umgang mit den Grenzziehungen durch Satellitenfußabdrücke angestrebt. Diese nicht-statischen und nicht-sichtbaren Grenzziehungen sollten im Rahmen des Workshops diskutiert und sichtbar gemacht werden. Ein Fußabdruck (engl. Footprint) kennzeichnet das Gebiet, in dem ein Satellit empfangen werden kann und den ein Satellit selbst auch sehen kann (z.B. mit Fototechnik). Um die Dynamik der Situation zu adressieren, soll zusätzlich eine mediale Aufarbeitung der Workshopergebnisse erfolgen, z.B. unter Verwendung der Google Earth Software.

Vorbereitung

In der Vorbereitungsphase wurden von Francis Hunger und Lisa Parks verschiedene Szenarios diskutiert und neben der vorbereitenden Organisation letzten Endes drei Phasen des Workshops identifiziert: 1. Einleitende öffentliche Vorträge zum Thema "Satelliten" mit einem Kurator (Francis Hunger), einer Kulturwissenschaftlerin (Prof. Lisa Parks) und einem Wissenschaftler (Nils Sparwasser), um die Teilnehmer in das Thema einzuführen und der lokalen Öffentlichkeit neue Einsichten in den Zusammenhang von Satellitentechnologie und Kunst zu vermitteln. 2. In der zweiten Phase konnten sich die Workshopteilnehmer mit diesen Informationen kreativ auseinandersetzen, Zeit für eigene Recherchen erhalten und vor Ort, in Dortmund, Material sammeln, um sich mit der Frage des von Grenzen und Fußabdrücken von Satelliten auseinanderzusetzen. Hier wurde eine sehr offene Form gewählt, d.h. es wurde bewusst nicht vorstrukturiert, was die Teilnehmer genau erkunden sollten, sondern in einer Diskussion sollte herausgearbeitet werden, welche Aspekte sie bearbeiten möchten. 3. Die Form der geplanten Publikation/Veröffentlichung sollte ebenfalls mit den Teilnehmern gemeinsam abgestimmt werden.

 

Durchführung

Werbemaßnahmen

Auf die Teilnahmemöglichkeit am Workshop (Open Call) wurde per E-Mail-Verteiler aufmerksam gemacht. Da hier verschiedene Medienkunst-relevante Mailinglisten adressiert wurden, E-Mails weitergeleitet wurden, aber auch Veröffentlichungen in Blogs stattfanden, ist von einer großen Streuung auszugehen. Als Rückantwort kamen 48 Einreichungen, aus denen 11 Teilnehmer ausgewählt wurden. Die Möglichkeit zur Teilnahme wurde auch über die lokale Tagespresse kommuniziert.

Auf die öffentlichen Vorträge wurde über Mailingliste, Blogs und die lokale Presse, sowie durch eine Postkarte, die an ca. 600 Interessierte bundesweit versendet wurde, hingewiesen. Aufgrund der hohen sommerlichen Temperaturen und der Ferienzeit (1.-3. August) kamen weniger Besucher als erhofft, ca 30.

Für den Satelliten/Grenzen/Fußabdrücke wurde zudem eine eigene Micro-Website produziert, die auf alle Aspekte (Open Call, Vorträge, Materialien, Linkliste, Kontaktmöglichkeit) einging, siehe http://www.hmkv.de/satelliteborderfootprint/.

 

Workshop

Am Workshop nahmen Lena Brueggemann (D), David Halbrock (D), Franziska Windisch (D), Anselm Bauer (D), Frank Hoppe (D), Elena Marcevska (UK/MAC) Gabriel Menotti (UK), Max Neupert (D), Ursel Quint (D), Barry Roshto (D) und

Tatjana Vukelic (SER) teil. Bei der Auswahl wurde sowohl Wert gelegt auf eine relevante Bewerbung, als auch auf Fragen des Gender-Mainstreaming. Der Workshop entwickelte sich auf Wunsch der Teilnehmer in der ersten Phase sehr stark in Richtung Wissensvermittlung, so hielt Lisa Parks nach dem öffentlichen Vortrag noch einen weiteren internen Vortrag und einzelne Teilnehmer teilten ihr Wissen, z.B. zum Global Positioning System oder zu Geo-Informations-Systemen. Im zweiten Teil spielte dann das Erproben des Theoretischen im öffentlichen Raum in Dortmund eine Rolle. Verschiedene Gruppen teilten sich dazu auf unterschiedliche Stadtteile auf, um dort das Vorhandensein von Satellitenempfangsantennen zu dokumentieren und ggf. auch mit den Nutzern zu sprechen und zu erfragen, wofür sie diese nutzen und welche dahinterliegenden Informationen sie über die benutzen Satelliten haben. Die Auswertung ergab eine angeregte Diskussion über ethnische Communities, Integration und Satelliten-Nutzung, aber auch Vorurteile, Veränderung des Stadtbildes und ästhetische Reflektionen zum Thema Satellitenantenne.

 

Publikation

Die Workshopteilnehmer einigten sich im Verlaufe auf zwei Formen der Publikation. 1. Ein Wiki, in dem alle Teilnehmer und Interessierte Informationen zum Thema öffentlich ablegen können und das erweiterbar ist.[1] 2. Eine abschließende Publikation, die als Buch und PDF erscheint.

Auf die ursprünglich angestrebte Veröffentlichung mittels Google Earth wird letztendlich verzichtet, da eine Mehrheit der Teilnehmer Bedenken anmeldete: Spätestens seit der Diskussion um Google Street View entwickelt sich ein gesunder Skeptizismus gegenüber Google, denn man muss erkennen, dass die kostenlose Zur-Verfügung-Stellung von Daten durch Google, immer auch mit Interessen des Google-Konzerns verbunden ist.

Die Publikation ist dreiteilig angelegt. 1. Ein eigens verfasster Essay von Lisa Parks über Satelliten und Fußabdrücke 2. Eine grafische Aufstellung aller Satelliten, deren Fußabdruck Dortmund (und das Ruhrgebiet) überlagert. 3.) Arbeitsergebnisse der TeilnehmerInnen, die aus dem Wiki übernommen werden.

Auswertung

Ein Großteil des Vorhabens konnte erreicht werden. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn ein stärkeres Öffentliches Interesse an den Vorträgen geherrscht hätte. Ebenfalls wäre eine stärkere Sichtbarkeit des Workshops selbst in der Region während seiner Durchführung wünschenswert gewesen. Aufgrund der allgemeinen Verdichtung von kulturellen Themen zur Ruhr.2010 war es schwierig über die Presse eine größere Öffentlichkeit zu schaffen, da kein Interesse an einer Berichterstattung angesichts kommender Großereignisse (wie z.B. ISEA Ruhr.2010) bestand. Es gab einen Pressebericht in einem Prospekt, drei Presseberichte in regionalen Zeitungen, sowie zwei Online-Presseberichte. Der Workshop selbst hat zur Zufriedenheit aller Beteiligten stattgefunden. Die Publikation soll einer weiteren Verbreitung der Ergebnisse dienen und fungiert somit als weiterer Multiplikator. Individuelle künstlerische Ergebnisse des Workshops werden sicherlich erst im Verlauf des nächsten Jahres sichtbar, dies liegt in der Natur der Sache.

 

Die Teilnehmer verabredeten sich zu einem erneuten Treffen während der ISEA Ruhr.2010 mit dem Ziel, für die ISEA 2011 in Istanbul ein Panel und Workshop zum Thema vorzuschlagen. Hier deutet sich bereits eine erfolgreiche Netzwerkbildung an. Auch die Fortführung des Wiki und Erstellung der Publikation sorgt für eine Nachhaltigkeit.

 

Die Form des Workshops mit öffentlichen Vorträgen ist ein wichtiges Format, um neben der reinen Ausstellungstätigkeit (des HMKV) für eine kreative und produktive künstlerische Haltung zu geben, die neue künstlerische, wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Horizonte öffnet, sowie die Verzahnung der Region Ruhrgebiet mit internationalen Entwicklungen fördert.

 

 

Nr. 60 Alarm Theater e.V., Bielefeld - Tanz um den Hexenkessel

 

Aufführungstermin

Werkschau: 04.12.2010 um 18.00 Uhr im AlarmTheater

 

Personal für die Produktion und Aufführung

Regie und Inszenierung: Dietlind Budde und Harald Otto Schmid

Tanz: DansArt

Kostüme und Bühnenbild: Suzanne Austin in Zusammenarbeit mit der Musik- und Kunstschule Bielefeld

Buch: Sandra Kurz

Musik: Johannes Strzyzewski

Durchführung: In Kooperation mit der Musik – und Kunstschule Bielefeld wird unter der Regie des AlarmTheaters mit ca. 300 Künstlern aus Schauspiel, Tanz und Musik ein Musical inszeniert. Die Laiendarsteller wurden im März 2010 an drei Casting-Terminen von der Projektleitung und der Regie sowie den Verantwortlichen für Tanz und Musik ausgewählt.

Im Oktober 2010 startete das Projekt mit einer 1-wöchigen Intensivphase, der dann regelmäßig 1 x pro Woche Proben folgten. In diesen Zeiten waren die Akteure für das Schauspiel in der Zeit von 17.00 – 21.00 Uhr im AlarmTheater, um einzelne Szenen-vorgaben einzuüben und umzusetzen. Parallel wurden für die Bereiche Tanz und Musik Proben an anderen Orten durchgeführt.

In regelmäßigen Projektbesprechungen wurde und wird das Musical mit den Hauptverantwortlichen weiterentwickelt. Dazu gehören sowohl Änderungen einzelner Textpassagen, das Koordinieren der Szenen mit der Musik, sowie die Inszenierung und Abstimmung mit der Licht- und Tontechnik. Die Ablaufpläne für Regie und Technik werden regelmäßig überarbeitet und aktualisiert, sodass die Szenenübergänge optimiert und reibungslos erfolgen können.

In der Intensivphase vom 18. – 22. Oktober 2011 wurden die Abläufe der Szenen in dem von Suzanne Austin entwickelten Bühnenbild und den Originalkostümen mit allen Akteuren einstudiert. Diese Zeit war die Grundlage für den Präsentationstag aller Gruppen, der am 04.12.2010 im AlarmTheater stattfand und hierbei alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen zum ersten Mal zusammen kamen.

Als Appetizer wurde das Programm am 30. September dem Kulturdezernenten Herrn Udo Witthaus und der Presse vorgestellt.

 

Fazit: Da es sich bei dem Musical um ein Stück handelt, das von dem Leiter der Kunst- und Musikschule ganz neu entwickelt wird, befindet sich das Projekt in einer permanenten Weiterentwicklung. Die Koordination der beteiligten Verantwortlichen aus Schauspiel, Tanz und Musik erfordert sehr viel Zeit und Kreativität, die es gilt, mit den 300 Akteuren umzusetzen und einzustudieren.

Da die beteiligten Laiendarsteller neben ihrer Berufstätigkeit nur in ihrer Freizeit proben können, verdient dieses Engagement jedes Einzelnen hohen Respekt. Durch die Werkschau im Dezember wurde der Zusammenhalt und das Engagement der Teilnehmer und Teilnehmerinnen noch mal wesentlich verstärkt. Die Motivation der Teilnehmer ist ausgesprochen gut, sodass die Probentermine mit sehr viel Freude und Bereitschaft wahrgenommen werden.

 

Pressestimmen: „Wenn es solche Projekte gibt, ist das ein Grund, nach Bielefeld zurückzukehren.“

(Udo Witthaus, neuer Kulturdezernent der Stadt Bielefeld in der NW vom 01.10.2010)

 

 

 

2. Vergaberunde

 

Nr. 99 Bahnhof Werl – Akademie für sinnvoll vergeudete Freizeit

 

Das Jugendkulturprojekt „Akademie für sinnvoll vergeudete Freizeit“ wurde mit den Teilnehmern im Zeitraum vom 11.10.10 bis 17.10.10 durchgeführt. Am Samstag und Sonntag dieser Woche wurden die Ergebnisse in Form eines multimedialen Stücks im Kulturbahnhof Werl, wo auch ein Großteil der Proben- und Entwicklungsarbeiten stattfanden, präsentiert.

Es ging während des Projektzeitraums darum, den Teilnehmern zu vermitteln, dass das Aufwachsen und Leben in einer Kleinstadt nicht bedeutet, dass man aus der Welt ausgeschlossen ist und keinen Einfluss und keine Präsenz in der Weltöffentlichkeit haben kann. Die thematischen Schwerpunkte unterstützten die Jugendlichen dabei, eine differenzierte Reflexion ihres eigenen Lebens vorzunehmen. Theater, Texterstellung und eigene Videos sowie Musik bildeten hier die Medien, um dies darzustellen und öffentlich zu präsentieren.

Das dabei entstandene Bühnenstück wusste die Besucher zu begeistern. Das Projekt wurde auch in den lokalen Medien im Vorfeld ausgiebig begleitet und erhielt sehr gute Besprechungen.

 

 

Nr. 8 Kraftstation Remscheid – Made in Japan

Japans vielfältige Jugendkultur taucht immer wieder in Form von Mangazeichnungen, Kleindungsstielen, Musikrichtungen bei den jugendlichen BesucherInnen der Kraftstation auf. Im Kalenderjahr 2010 konnten wir diesem Phänomen im Rahmen einer japanischen Kulturwoche auf dem Grund gehen und wurden von dem Ergebnis sehr überrascht.

 

Umsetzung einer Projektidee: Da wir in unserer Arbeit immer wieder auf verschiedene Einflüsse japanischer Jugendkulturen gestoßen sind, war es eine spannende Reise, diese besondere Kulturwoche zu planen. Wir haben unsere Woche letztlich vom 29.11.2010 bis zum 3.12.2010 durchgeführt. So hatten wir genug Planungszeit um auch die verschiedenen kulturellen Einflüsse aufzugreifen und die Jugendlichen tatsächlich mitzunehmen.

Wir waren sehr überrascht wie sehr dieses Projekt auf Interesse stieß. Bereits durch eine bloße Ankündigung auf unserer Internetseite meldeten sich verschiedene Jugendliche, die sich gerne einbringen wollten. So organisierten sie beispielsweise eine Visual Kei Modenshow als Teil der japanischen Woche. Wir fanden glücklicherweise auch einen Referenten, der uns die Symbolik dieses Kleiderstils näherbringen konnte.

Neben der Modenshow boten wir für unsere jungen BesucherInnen der Teenie-OT einen kleinen Workshop „Süßes Sushi“ backen. Hier konnte sie sich thematisch an das Projekt andocken und so konnten auch unsere jüngsten BesucherInnen an unserem Projekt teilnehmen. Während unserer Recherche sind wir natürlich auf die Animeszene gestoßen. Für uns war schnell klar, dass wir auch einen Filmabend anbieten möchten. Letztlich habe wir uns für Prinzessin Mononoke von Hayao Miyazaki entschieden und diesen in unserem großen Veranstaltungssaal gezeigt.

Leider mussten wir – anders als geplant – unsere Mangata auf Grund eines Auslandaufenthaltes auswechseln. Glücklicherweise konnten wir als Alternative Nina Werner finden, die mit einigen Remscheider Jugendlichen eine Ausstellung vorbereitete. Hier wurde zum einen eine Auswahl ihrer Werke als auch von Jugendlichen entworfene Mangas ausgestellt. Zum Teil sind diese während eines Workshops mit Nina Werner entstanden. Da die Ausstellung so schön geworden ist, hängt sie zum Teil noch immer in unserer Halle und wird nach wie vor gerne besichtigt.

Am Donnerstag wurde es sehr verrückt in unserer Veranstaltungshalle. Hier zeigten einige Models der Gruppe Visual Shoxxx den Kleidungsstil des Visual Kei. Hier wurde die Nähe zur theatralischen sowie symbolhaften Bedeutung sehr deutlich.

Das neu erworbene Wissen konnte dann auf dem Highlight unserer Projektwoche – das THE FOOL Konzert – überprüft werden. Bereits um 7:00 Uhr morgen warteten die ersten Fans bei Schnee und Eis vor unserer Halle. Japanfans aus ganz Deutschland sind nach Remscheid gekommen und haben ein buntes friedliches Fest gefeiert. Wir waren sehr überrascht, wie bunt und kreativ die J-Rock Szene ist. Interessant war es auch zu beobachten wie anders Männlichkeit und Weiblichkeit definiert ist.

Das Projekt hat viel Aufsehen und Medieninteresse in unserer Region erregt. Zudem haben wir unglaublich viele Nachfragen per Mail und Telefon bekommen. Auch einige Kulturschaffende haben uns angesprochen und nach Tipps für ähnliche Projekte gefragt.

Für uns als Jugendhaus war das Projekt sehr erfolgreich. Viele neue Jugendgruppen haben unser Haus besucht. Durch den kompakten Zeitraum von einer Woche konnten wir sie gut kennenlernen und sie auch als zukünftige BesucherInnen erreichen. Mit Sicherheit werden wir noch mal ein J-Rock Konzert anbieten, da wir sehen konnten, dass hier ein absoluter Bedarf da ist.

 

 

Nr. 97 Theater Gegendruck, Recklinghausen – Südafrika-Projekt

Das Südafrika-Projekt wurde wie im Antrag geplant vom 01.06.-31.12.10 durchgeführt.
Es umfasste entsprechend dem Förderantrag die Erarbeitung und Aufführung des Stücks „Die Insel“ von Athol Fugard durch das freie Theater Gegendruck sowie zwei Informationsabende mit dem Anti-Apartheid-Aktivisten Denis Goldberg in Bochum und Recklinghausen.


1.) Das Theaterprojekt „Die Insel“
Die Proben für die Inszenierung der „Insel“ begannen Anfang Juni 2010.
Dabei stand für das Ensemble am Beginn eine umfangreiche Informationsphase zur Geschichte Südafrikas mit Schwerpunkt der Zeit des Apartheid-Regimes. So wurde anhand von biografischen Zeugnissen, historischen Darstellungen sowie Filmen und Fotodokumentationen der zeitgeschichtliche Hintergrund des Stücks vom Ensemble gemeinsam erarbeitet.
Auch die deutsche Übersetzung des Stücks war Gegenstand einer intensiven Diskussion unter den Mitwirkenden. Hier ging es im Besonderen darum, die in der Originalfassung vorhandene Sprachmischung aus Englisch und afrikanischen Dialekten adäquat ins Deutsche zu übertragen.

Bereits in dieser Phase des Probenprozesses erwies sich wie erhofft die Besetzung „mit internationalem Hintergrund“ für das Vorhaben als sehr vorteilhaft. Die russisch- und türkischstämmigen Protagonisten konnten ihre eigenen Sozialisationserfahrungen ebenso einbringen wie die Darstellerin Christa Kabarira, die aus Ruanda stammt und authentisch Erfahrungen aus ihrer Biografie beitragen konnte.

Von Anfang an herrschte dann bei den szenischen Proben bei allen Beteiligten eine hohe Motivation, die aus der Thematik des Stücks aber auch aus dem Zusammenwirken verschiedener Kulturkreise und der Sparten Musik, Tanz, Schauspiel schöpfte. Besonders die Mitwirkung von Christa Kabarira, die Original-Tänze ihrer Heimat für die Bühne adaptierte und das vielstimmige „Orchester“ der afrikanischen Trommeln von Frank Haverkamp (der lange in Afrika gelebt und studiert hat), das jeder Szene die charakteristische Begleitung geben konnte, beflügelten die Probenarbeiten bis zur Premiere am 9. Oktober 2010 auf der Hinterbühne des Ruhrfestspielhauses Recklinghausen.
Diese fand ein begeistertes Publikum. Über 100 Besucher/innen, darunter viele Jugendliche, fanden sich trotz Ferienbeginn ein und diskutierten noch lange nach Ende der Aufführung mit den Mitwirkenden über die Thematik des Stücks.
Auch die Presse-Reaktionen waren sehr positiv. So schrieb die Recklingäuser Zeitung: „Das Attribut anspruchsvolles, freies Theater mit politischem Tiefgang zu sein, hat das Ensemble einmal mehr bestätigt“. Und die Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung lobte: „Wieder eine Produktion auf hohem Niveau.“

Eine weitere Aufführung der „Insel“-Inszenierung fand am 7.November 2010 im Bochumer Kulturzentrum Bahnhof Langendreer statt. Auch diese war ein großer Publikumserfolg. Das Parkett des Zuschauerraums war bis auf den letzten Platz gefüllt und es gab am Ende langen begeisterten Beifall für die Akteure.

Weitere Aufführungen der „Insel“ sind in Vorbereitung:
u.a. am 25.2.11 in den Flottmann-Hallen Herne sowie Anfang März 2011 im Grillo-Gymnasium.

 

2.) Informationsveranstaltungen mit dem Anti-Apartheid-Aktivisten Denis Goldberg

Auch die Veranstaltungen mit Denis Goldberg fanden wie geplant statt:

Am 2.11.10 im Bahnhof Langendreer Bochum (in Zusammenarbeit mit dem Bahnhof Langendreer und der Bochumer Initiative Südliches Afrika) und am 3.11.10 im soziokulturellen Zentrum Altstadtschmiede Recklinghausen, das anstelle des ursprünglich vorgesehenen Alternativen Kulturzentrums die Veranstaltung übernahm.

Die Einladung von Denis Goldberg erwies sich als Glücksfall. Er las nicht nur aus seiner Autobiografie „Der Auftrag“. Er schilderte auch authentisch und bewegend über seine Jahre im Gefängnis und über seinen Kampf für ein freies Südafrika. Dabei gelang es ihm seine Zuhörer von der ersten Minute an zu fesseln und den Bogen zu schlagen zur heutigen politischen und sozialen Situation des heutigen Südafrika, die immer noch von den leidvollen Erfahrungen der Apartheid-Zeit geprägt ist.

Das offene und tolerante Auftreten von Denis Goldberg, der im Anschluss an seinen Vortrag geduldig jede Frage beantwortete, hinterließen beim Publikum einen tiefen Eindruck.
Erfreulicherweise waren bei beiden Veranstaltungen junge Besucher/innen in der Überzahl. In Bochum war ein berufsvorbereitender Kurs eines Bildungsträgers mit seinem Dozenten anwesend, in Recklinghausen die 10. Klasse einer Gesamtschule mit ihrer Lehrerin.

 

3.) Fazit

Das Ziel des Südafrika-Projekts von Theater Gegendruck war, mit einer Theateraufführung sowie einer Veranstaltung mit einem Zeitzeugen anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 einer nachwachsenden Generation erlebbar und begreifbar zu machen, mit welchen großen Opfern der Kampf für Humanität und Demokratie in Südafrika verbunden war.
Dieses Ziel konnte voll und ganz erreicht werden.
Vor dem Hintergrund des auch in unserem Land vorhandenen rassistischen und diskriminierenden Gedankenguts ist es umso erfreulicher, dass viele junge Menschen die Veranstaltungen des Südafrika-Projekts besucht und ihre Lehren ziehen konnten.

Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es besonders erfreulich, dass auch 2011 weitere Aufführungen der „Insel“ stattfinden werden, und so auch ein Anlass gegeben wird, anhand des Beispiels „Südafrika“ weiter mit dem Publikum über eine Gesellschaft zu diskutieren, die ein friedliches Miteinander verschiedener Nationalitäten und Kulturen ermöglicht.

 

 

Nr. 17 Theater am Schlachthof, Neuß – Unart – Jugendwettbewerb für multimediale Performance

Einmal mit einem eigenen Projekt 15 Minuten auf der Bühne stehen! In verschiedenen Städten erhalten jeweils acht Gruppen die Chance dazu! Vorschlagen kann man jedes Thema, jede Umsetzung, jede Form, die wichtig erscheint. Einzige Bedingungen sind, dass das Projekt etwas mit dem eigenen Leben zu tun hat, mindestens zwei Kunstformen (wie z. B. Theater, Film, Tanz oder Musik) miteinander verbindet und selbst ausgedacht ist.
Das Theater vermittelt einen künstlerischen Coach, der die Jugendlichen bei ihrer Arbeit unterstützt. Der Coach steht dann als erster Zuschauer im Probenprozess Rede und Antwort. Er greift die Ideen auf, kann mit unterschiedlichen Performance-Ansätzen bekannt machen oder professionelle Techniken für die Umsetzung vermitteln.
Bei den Finalrunden Juni 2010 wählen die Jugendlichen selber die zwei interessantesten Projekte aus jeder Region aus. Diese sind dann zur unart-Tournee in alle vier Städte eingeladen: „Best of unart“ findet im November 2010 auf verschiedenen Bühnen statt. Kooperationspartner sind Die Börse in Wuppertal, Hundertmeister in Duisburg, das Kölner Künstler Theater und angefragt sind das zakk in Düsseldorf und das Theater im Depot in Dortmund.

1. Jede Stadt, jedes Theater/Zentrum macht eine Ausschreibung mit dem Hinweis auf das Gesamtprojekt. 

2. In jeder Stadt suchen sich die Jugendlichen ihre Partner für ihr gemeinsames Projekt.

3. Die Jugendlichen selber wählen die schönsten, interessantesten Projekte in einer öffentlichen Veranstaltung aus

4. Tournee der Gewählten durch alle vier Städte

5. Eventuell vergibt man Preise

6. Entweder jede Stadt/Theater/Zentrum stellt einen künstlerischen Coach oder wir stellen ein Team zusammen, das alle betreut

 

Ausschreibung für Jugendliche: 

1. Ihr stellt euer Team auf und schreibt auf, zu welchem Thema und mit welchen Mitteln ihr eine multimediale Performance entwickeln wollt. Sie darf nicht länger als 15 Minuten dauern. Und auch für Auf- und Abbau der Bühne habt ihr nur jeweils 15 Minuten Zeit.
2. Was zählt, ist die originelle Idee und ein spannender Aufführungsplan. Eure Beschreibung muss konkret sein und klar machen, was ihr wie realisieren wollt.
3. Füllt den Bewerbungsbogen genau aus. Fügt, wenn möglich, Skizzen, Texte, Fotos oder Video-Clips bei, die eine Beurteilung eurer Idee erleichtern.
4. Wenn in allen Städten die Jurys getagt haben, erhalten alle ausgewählten sofort Nachricht. Bei den Proben wird jede Gruppe von einem Künstler gecoacht.


Wer Ideen hat und mitmachen will, aber noch allein ist, kann unter einer Website, einem Blog (der noch eingerichtet werden muß) ein Team suchen, andere Leute kennen lernen, die Mitspieler suchen.
Wenn ihr ausgewählt seid, vermitteln euch die Theater Profis aus unterschiedlichen Kunstsparten (also Schauspiel, Musik, Tanz, Video usw.), die euch mit ihrem Können und ihrer Erfahrung unterstützen. (Die Coaches der unart-Gruppen 2010 stellen sich in einem Blog vor.)
Diese künstlerische Betreuung ist für alle geförderten Gruppen kostenlos.
 

Im April 2010 begannen wir mit der Organisation des Projektes Unart. Wir entwickelten ein Anschreiben, welches wir an alle bekannten Schulen, Jugendclubs u.ä. und an alle sonstigen Kontakte des TAS schickten. Aus den vielen Antworten auf unseren Aufruf suchten wir passende Jugendliche aus und luden zu Castings mit den Coaches Teo Adebesi und Ralf Borgartz ein. Im Rahmen dieser Castings und Gesprächsrunden entstanden zwei Projekte am TAS und eins an der Studiobühne Siegburg. In Siegburg wurde mit sechs Jugendlichen ein autobiografisches Stück, angelehnt an das Theaterstück „Klassenfeind“, über Mobbing an Schulen entwickelt und im November in Siegburg und auch am TAS dem Publikum mit großem Erfolg gezeigt. Im TAS entwickelten sich zwei Projekte. Ein Projekt in Anlehnung an die Erzählung Kassandra von Christa Wolf mit Schauspiel und Videoinstallationen über das Außenseiterdasein. Das zweite Projekt entstand in Anlehnung an das Theaterstück Mondscheiner, in dem es um Wünsche und Zukunftspläne von drei Jugendlichen geht. Das Stück Kassandra wurde im TAS und im Theatermuseum Düsseldorf aufgeführt, das Stück Mondscheiner aus Krankheitsgründen bisher nur in Neuss. Geplant sind jedoch Aufführungen in Siegburg und Bochum im nächsten Jahr. Ebenso geplant ist eine Abschlussveranstaltung, die aus organisatorischen erst im Jahr 2011 stattfinden kann. Bisher war das Projekt ein großer Erfolg und hat sein Ziel, Jugendliche für das Theater zu begeistern und zu gewinnen, voll erreicht.

 

 

Nr. 91 Erik Biembacher/ Sozialpalast, Münster – Kunstprojekt Sozialpalast 2010

 

Idee

sozialpalast 2010 ist das fünfte sozialpalast-Kunstprojekt in Münster. Als Ort wurde diesmal das Wartehäuschen auf dem Bahnsteig zwischen Gleis 9 und 12 auserkoren. Bereits 2007 wurde eine Anfrage an das Bahnhofsmanagement gestellt mit der Absicht die Wartehäuschen künstlerisch zu nutzen. Damals wurde aus sicherheitsrelevanten Gründen abgelehnt.

Die ursprüngliche Idee für diese Jahr war das Zusammenspielen aller vier Wartehäuschen gleichzeitig. Aus technischen Unwegbarkeiten wurde diese Idee allerdings verworfen und zugunsten einer Konzentration auf einen Bahnsteig geändert. Hierfür in Frage kam der Gleisabschnitt 9/12 aus drei Gründen: Es ist der Fernverkehr-Bahnsteig, es ist ebenso der Bahnsteig der Bahnhofsmission und er hat Nachbarbahnsteige.

 

Organisation, Vorbereitung, Planung

Im Januar wurde die Idee in einem Gespräch bei Herrn Ermeling im Kulturamt der Stadt Münster vorgestellt und im Falle einer Realisation des Projekts wurde eine Unterstützung aus den Mitteln der allgemeinen städtischen Kulturförderung in Aussicht gestellt.

Noch vor einer offiziellen Anfrage beim Bahnhofsmanagement, war der Gang zur Leiterin der Bahnhofsmission, Frau Dorothea Bücker, ebenfalls im Januar 2010.

Die Bahnhofsmission war als Unterstützerin sofort dabei. Meine Kooperationserwartungen an sie bestanden in der Vermittlung zum Bahnhofsmanagement Herrn Konnes und Herrn Luers. Außerdem in der Bereitstellung von Lagerraum für Technik und Backstage-Raum für Mitarbeiter und Musiker.
Nicht zuletzt in der Mithilfe, Catering, Ortsvertraute, Logistik-Partnerin.

Der Gewinn der Bahnhofsmission sollte in der öffentlichkeitswirksamen Mitarbeit und den Spendeneinnahmen liegen.

Weitere Nutznießer des Projekts waren die Flaschensammler, die über die Bahnhofsmission am Bahnhof organisiert sind.

Es wurden Förderanträge an insgesamt vier Stellen gestellt: dem Kulturamt der Stadt Münster, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, dem Fonds Soziokultur und dem LAG NW.

Bewilligt wurden die städtischen Mittel, die Landesmittel und die Mittel des LAG.

Für die Mithilfe am Projekt wurden für die Kameraarbeit und den Aufbau Katrin Schnieders gewonnen, zudem M. Hirzel für die Audiotechnik und Rita Roring für die Öffentlichkeitsarbeit.

 

Die Musikerinnen wurden von vornherein in der dt-sprachigen Songlyrik eingegrenzt. Es sollten Songschreiber gefunden werden die mit den situationistischen Wegbarkeiten am Ort spielen können, Stimmungen aufgreifen und thematisieren.

Außerdem sollten sie stets von ausserhalb mit dem Zug zum Bahnhof anreisen.

Erster Musiker war Tom Liwa aus Duisburg, weiter Gespräche gab es mit der Musikband die Erdmöbel aus Köln. Schließlich wurde Desiree Kläukens aus Duisburg gewonnen und mit ihr Gisbert zu Knyphausen aus Berlin. Roger Trash als Münsteraner, der mit dem Zug nach Hause kommt. Erst später wurde die Hamburger Newcomer-Band Hoppetosse entdeckt und gewonnen. Zwischendurch gab es eine Anfrage an Bernadette La Hengst aus Bielefeld/Berlin, die für August leider absagen musste.

Als Extragast für den ersten Abend mit Roger Trash wurde der Soester/Kölner Komiker Johann König gewonnen, der bereits 2006 zusammen mit Roger Trash im sozialpalast vertreten war.

 

In einer Probeveranstaltung am 18.03. wurde das Wartehäuschen erstmalig bespielt. Es war ein technischer Test und die Gelegenheit Film und Bildaufnahmen zu machen für Videotrailer, Flyer, Anzeigen, Plakat, etc..

 

Der WDR -Studio Münster produzierte im Vorfeld des Auftakts mit Roger Trash einen Vorbericht zum Projekt, gesendet in der Lokalzeit am 28.05. 2010.

 

Alle Termine im Überblick:

Roger Trash-29.05., Samstag
Desiree Klaeukens und Gisbert zu Knyphausen-12.06., Samstag

Tom Liwa-24.07., Samstag

Hoppetosse-28.08., Samstag

 

Umsetzung

Sozialpalast 2010, ein Sommermärchen

Am 28. Januar 2010 kommt ein jüngerer, sympathischer Mann in die Bahnhofsmission, um mit mir zu sprechen. Er stellt sich vor als Eric Biembacher, Diplom Designer, und erzählt mir, dass er das Projekt "Sozialpalast" leitet, Musik an besonderen Orten, genreübergreifende Kunstinstallationen im öffentlichen Raum, gefördert aus Mitteln der öffentlichen Kulturförderung, wzb. der Stadt Münster, dem LWL und dem LAG. ( sozialpalast.de/kunst )

Den "Sozialpalast 2010" würde er sehr gerne im Wartehäuschen auf Gleis 12 veranstalten: "Können Sie sich vorstellen mitzumachen?

Die Bahnhofsmission als weiterer Förderer und Unterstützer beim Projekt Bahnsteigkonzerte? Zum einen, um die Deutsche Bahn ins Boot zu bekommen, denn sie ist der Hausherr im Bahnhof, ohne sie ist das Projekt von vornherein gestorben, und zum weiteren Bahnhofsmission als Anlaufstation, Lagerraum, Aufsicht, Cateringservice ".

Ich finde das Ganze von Anfang an spannend, Eric Biembachers Schilderungen sind begeisternd, und ich habe große Lust mitzumachen.

Öffentlichkeitsarbeit, Ehrenamtsgewinnung und Fundraising, diese Dinge fallen mir spontan ein.

Der Sicherheitsbeauftragte und stellvertretende Bahnchef, Herr Konnes, kann relativ unkompliziert gewonnen werden. "Wenn die Bahnhofsmission mit im Boot ist, kann ich mir das für die Deutsche Bahn eventuell auch vorstellen."

Das wäre doch mal etwas Außergewöhnliches in Münsters Bahnhof, der leider oft mit sehr negativer Presse belegt ist.

Und nun beginnt für Eric Biembacher die direkte Planungsphase:

Idee -- Konzeption und Umsetzung.

Wir dürfen in mehreren Etappen miterleben, wie das Ganze konkrete Formen annimmt: Vier Bahnsteigkonzerte, von 22:00 Uhr bis 24:00 Uhr, samstags, im beleuchteten Wartehäuschen, das Publikum hat freien Zutritt und sitzt oder steht um den "Glaspalast" herum.

Plakate werden gedruckt, aufgehängt, verteilt, -- auch mit dem Logo der Bahnhofsmission.

Und der Part Bahnhofsmission? Wie soll der nun konkret aussehen?

Zunächst einmal wird unser Vorratsraum auch zu einem Lagerraum umfunktioniert, das heißt, alles, was zur Ausstattung des Wartehäuschens nötig ist, wird bei uns, auf engstem Raum, stationiert. Ich staune nicht schlecht, was alles aus dem Auto ausgeladen und auf den Kofferkuli umgeladen wird: Verstärkeranlage, tütenweise Kabelrollen, Gummimatten, Wolldecken, Lautsprecher, Stehlampen aus den 70iger Jahren, ein Perserteppich, ein Karton mit Glühlampen und so weiter und so weiter, ---

Damit habe ich nicht gerechnet, wo soll das alles hin?

Aber bei Bahnhofsmissionen ist ja bekanntlich (fast) alles möglich. -------

Ich habe auch nicht daran gedacht, dass all die Sachen bei uns bleiben sollen von Mai bis Mitte September.

Welche Überraschungen erwarten uns noch?

Im Vorfeld der Konzerte gibt es Zusammenkünfte mit Herrn Konnes, DB Sicherheit, Polizei, priv. Sicherheitsdienst, Eric Biembacher und mir.

Sicherheit von Reisenden und die Sicherheit der Zuhörer stehen hierbei ganz oben an.

Züge, die an Gleis 9/12 während der Konzertzeit halten oder durchfahren sollen, werden nach Möglichkeit auf andere Gleise geleitet.

Während der Konzertabende zeichnet auch die Bahnhofsmission für die Sicherheit des Publikums mit verantwortlich und soll darauf achteten, dass die Zuhörer einen Sicherheitsabstand zum Gleis einhalten. (Man vertraut Bahnhofsmission und hört auf uns.)

Und dann ist es so weit, am 29.05.2010 startet das erste Konzert bei schönstem Wetter.

Um 18:00 Uhr bin ich mit Herrn Biembacher in der Bahnhofsmission verabredet.

Alle untergestellten Sachen müssen zum Wartehäuschen gebracht werden.

Ein Tontechniker kommt, und eine junge Frau verfolgt alles und jeden mit ihrer Filmkamera.

In der Bahnhofsmission kochen wir Kaffee für die Akteure, Schnittchen werden geschmiert. Keiner kann diese so appetitanregend anrichten wie Burgi Marquart.

Ganz wichtig auch: Unsere Toilette darf benutzt werden.

Roger Trash, der Musiker dieses Abends, unterstützt von Schlagzeug und Keyboard, wird von uns auf dem Parkplatz Ost abgeholt und mit seiner Gitarre und den anderen Instrumenten auf Gleis 12 gebracht (geplant war das Abholen vom Zug, aber er wohnt in Münster und kommt darum mit dem Auto).

Nach und nach trudeln Zuhörer ein. Der Bahnsteig füllt sich um das Wartehäuschen herum, Gäste kommen gezielt, aber auch zufällig, Reisende, die aus dem Zug aussteigen, fühlten sich angezogen, die einen bleiben lange, andere hören eine Weile zu.

Punkt 22:00 Uhr erklingen die ersten Gitarrenakkorde, Schlagzeug und Keyboard sorgen für den passenden Sound zur knarzigen Stimme von Roger Trash, ca. 200 Zuhörer stehen und sitzen um das erleuchtete Glashäuschen herum.

Eine wirklich einzigartige Atmosphäre, für die Musiker im Glashaus und für das Publikum um das Glashaus herum

Unweigerlich hat man das Zitat im Kopf, -- wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. -- Aber die Musiker werfen nur Noten und Liedertexte aus dem Glashaus heraus und die Zuhörer zum Glück nicht ihre Flaschen in das Glashaus hinein.

Flaschen, -- das war die nächste Überraschung, an die wir im Vorfeld nicht gedacht haben.

Fast alle Gäste halten eine Flasche in der Hand, meistens eine Bierflasche, die sie dann geleert auf dem Bahnsteig abstellen.

Mitarbeiterinnen aktivieren unsere Wäschekörbe, sammeln die Flaschen ein und deponieren sie in unserem Toilettenraum.

 

Während des Konzertes betreiben vier bis fünf Mitarbeitende der Bahnhofsmission mit viel Engagement Fundraising. Sie steigen mit Dienstkleidung, Liporellos, Flyern, Visitenkarten und den drei sehr antiquarischen Sammeldosen, die wir noch aus grauer Vorzeit besitzen, zwischen dem Publikum herum und erzählen von unserer Arbeit. Dabei ergeben sich sehr interessante Gespräche und Begegnungen mit überwiegend jungen Leuten. Ziel unserer Gespräche ist durchaus auch eine Nachhaltigkeit. Ein junger Mann, der viel über Bahnhofsmissionsarbeit erfahren möchte, sagt am Ende unseres Gespräches zu mir: "Das finde ich alles toll, das hätte ich mir so nicht vorgestellt, -- super! -- Wenn ich mal im Ruhestand bin, dann komme ich auch zu euch."

Die Spendenbereitschaft ist enorm groß, wenn auch die Geldstücke eher klein sind.

Um 23:00 Uhr erscheint dann noch Johann König, der Komiker. Er wird schon vom Publikum erwartet und kommt von seinen Auftritt im H1. Es ist ihm deutlich anzumerken, wie sehr er diese ganz besondere Bahnsteigatmosphäre genießt.

Mit dem Einfahren des ICEs aus München, um 23:59 Uhr, endete das Konzert.

Nun gilt es, das Wartehäuschen wieder in seinen Originalzustand zu versetzen,

alles muss raus und in der Bahnhofsmission verstaut werden.

Roger Trash hat Geburtstag an diesem Tag, alle Mitwirkenden versammeln sich in der Bahnhofsmission.

Um 2:15 Uhr, am Sonntag, ist Schicht. Burgi Marquart und ich fahren die Musiker und ihre Instrumente wieder mit dem Aufzug nach unten, räumen in der Bahnhofsmission alles auf, schließen ab und schwingen uns auf unsere Räder. Um 2:45 Uhr liegen wir im Bett.

Montag, bei Schichtbeginn, eröffnen wir den Run auf die leeren Flaschen. Ein Fest für die Flaschensammler.

Das zweite Konzert am 12.06. bringt alle, die für den sicheren Ablauf der Veranstaltung verantwortlich sind, an den Rand des Machbaren, und die Nerven werden nicht geschont.

Gisbert zu Knyphausen und Desiree Klaeukens sind die Musiker des Abends. Alles läuft zunächst ab, wie beim ersten Konzert, auch das Wetter verwöhnt uns mit sehr angenehm warmen Temperaturen. Alle sind bester Stimmung, voller Spannung und Vorfreude. Dass Gisbert zu Knyphausen ein so starker Publikumsmagnet ist, das ist für uns die nächste Überraschung.

Das Publikum trudelt ein, nach und nach kommen immer mehr Menschen, mindestens 650 säumen das Wartehäuschen. Das geht an die Grenzen der Bahnsteigkapazitäten am Gleis 9/12.

Zwei Sicherheitskräfte, zwei Polizisten, wir von der Bahnhofsmission und nicht zuletzt Herr Konnes gehen nun ständig an den Bahnsteigkanten entlang, um zu verhindern, dass Zuhörer auf die Gleise fallen.

Die Herausforderung schlechthin sind an diesem Abend einige Radfahrer, die an genau dieser Bahnsteigkante entlang balancieren müssen, um den Zug auf Gleis 11 nach Enschede zu erreichen. Ich gehe mutig voran und scheuche die Zuhörer noch ein wenig zur Seite, viel Raum ist nicht da, die Radfahrer folgen. Ich bin erleichtert und froh, als dieses Manöver erfolgreich beendet ist.

Alle geben an diesem Abend ihr Bestes, das Publikum verhält sich vorbildlich, die gute Stimmung zieht sich durch den gesamten Abend und ist an keinem Punkt gefährdet. Ein Konzertabend der Extreme. Ca. 1000 Flaschen müssen eingesammelt und in unseren Räumen untergebracht werden. Alle Helfer wachsen über sich hinaus. Die Flaschensammler stürmen am Montag unsere Räume, und innerhalb einer halben Stunde ist die Bahnhofsmission wieder flaschenfrei. Vor dem nächsten Konzert findet eine sehr intensive Sicherheitskonferenz bei Herrn Konnes statt. Das dritte Konzert am 24.07., bei traumhaftem Wetter, mit Tom Liwa, einem Künstler, der aus Duisburg kommt, fällt leider mit dem bedauerlichen Unglück bei der Love Parade zusammen. Trotzdem finden sich ca. 200 Zuhörer ein.

Die Stimmung aber ist sowohl beim Publikum, als auch bei Tom Liwa, gedrückt. Unsere Mitarbeitenden stehen an diesem Abend als Tröster und Helfer den Zurückkehrenden bei, die das furchtbare Geschehen miterlebt haben. Der Künstler beendet das Konzert etwas vorzeitig. Alles andere spielt sich ab, wie die Male zuvor.

28.08.2010, Samstag, die Hoppetosse aus Hamburg rücken an.

Sechs junge Musikanten kommen mit Nahverkehrszügen aus Hamburg. Burgi Marquart und ich sind nun schon recht routiniert, alles läuft wie geschmiert. Leider ist es unverhältnismäßig kühl für einen lauschigen Augustabend, aber wir erleben ja heiße Musik, sympathische junge Menschen, interessierte, fröhliche Zuhörer und einen entspannten Sicherheitsdienst. Ein rundherum gelungener Abend, --- noch einmal viele Informationen über die Bahnhofsmission an die Jugend gebracht, Interessantes von den Künstlern erfahren, ein letztes Mal unsere Uraltsammeldosen zum Einsatz gebracht, die übrigens bei dem jungen Publikum sehr viel Beachtung gefunden haben, noch einmal für weitere zwei Wochen alle Utensilien bei uns untergestellt, Flaschen gesammelt, Künstler mit Kuchen und Schnittchen versorgt. Ende: Sonntag, 2:30 Uhr. -- Schade eigentlich. --

Ich danke den Mitarbeitenden, die ihre Freizeit geopfert haben, um das Projekt mit persönlichem Einsatz zu unterstützen. Besonders aber Burgi Marquart, sie hat mit ihrer Tatkraft, Erfahrung und Freude bei allen 4 Konzerten bis zum Ende mit mir ausgehalten.

Beim letzten Konzert verwöhnt sie die jungen Musiker mit einem ihrer berühmten selbstgebackenen Kuchen. Auffallend war immer wieder die Freude aller Projektbeteiligten, ganz besonders der netten Filmerin, ihre Bereitschaft, ihre Freundlichkeit, ihre unkomplizierte Art, ihre Offenheit, ihr selbstverständlicher Einsatz, das Fehlen von Starallüren, keine Schwellenprobleme zwischen Kunst und Sozialstation.

Mich persönlich hat dieser Sozialpalast mit allem drum und dran sehr bereichert.

Die Bahnhofsmission ist um 780,00 € reicher geworden und vielleicht auch um einen Ehrenamtlichen, der erleben konnte, was bei Bahnhofsmission alles möglich ist. Zeitungsberichte haben unseren Bekanntheitsgrad gesteigert, ....

Ich bedanke mich nicht zuletzt bei Eric Biembacher und bei Herrn Konnes, ohne diese Beiden hätten wir das alles nicht erlebt. Im nächsten Jahr wird es übrigens einen Film im Kino geben über das Gesamtprojekt Sozialpalast 2010, der sicherlich auch noch einmal viel Publikum anlockt. Ich freue mich schon heute auf ein Wiedersehen und bin gespannt, wie und wann die Nachhaltigkeit in der Bahnhofsmission ankommt.

 

Nachbearbeitung

Jeder Termin wurde im Vorfeld über Presse, Anzeigen, Flyer und Plakate, sowie der Internetseite und Newsletter beworben. In der Nachbearbeitung jedes Termins wurden auf der sozialpalast-Website Fotos und Presseberichte veröffentlicht.

Die filmische Nachbearbeitung besteht im Wesentlichen aus der Weiterverwertung der Kameramitschnitte. Geplant ist ein Langfilm im Kinoformat, der alle vier Termine dokumentiert. Zur Kino-Premiere ist die offizielle Bekanntgabe der erzielten Spendeneinahmen von 780 Euro durch das Projekt vorgesehen.

Geplanter Kinostart ist Anfang 2011.

 

 

Nr. 93 Kreativhaus, Münster - Emotions! – Tanztheater 50plus

 

Im Sommer 2010 begann ein spannendes Projektvorhaben, das seinen krönenden Abschluss in zwei gefeierten Aufführungen am 19. und 20.11.2010 im Kreativ-Haus fand.

 

Fünf Frauen im Alter zwischen 45 und 67 Jahren hatten sich zusammengefunden, um gemeinsam zu tanzen. Unter der künstlerischen Leitung der Tänzerin und Choreographin Juliette Boinay wurde innerhalb eines halben Jahres die abendfüllende Tanztheater-Choreographie „Emotions!“ erarbeitet.

 

Im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit standen die Lebensgeschichten, die Träume, Sehnsüchte und Verluste der Frauen. Durch die intensiven Proben, den Mut und die Offenheit der Frauen, entstand ein künstlerisches Ergebnis, das vom Publikum an zwei aufeinander folgenden Abenden im Kreativ-Haus begeistert gefeiert wurde.

 

Die Choreographie überraschte nicht nur mit fünf Tänzerinnen um die fünfzig, sondern auch mit berührenden Interpretationen von durch das Altern erworbenen Erfahrungen und dem individuellen Stil der einzelnen Protagonistinnen. Frauen in der Lebensmitte – das bedeutet Lebenserfahrung künstlerisch umgesetzt im Tanz. Vor allem aber waren die Aufführungen eine Demonstration weiblichen Selbstbewusstseins, das sich nicht aus dem Wissen körperlicher Attraktivität und Jungsein speist, sondern aus Authentizität und Ehrlichkeit im Umgang mit sich selbst.

Die Presse schrieb dazu: „Die Tänzerinnen im `gefährlichen Alter` bewiesen mit ihrem zweimal vierzigminütigen Programm, dass starke Gefühle kein Privileg der Jugend sind. Wenn Lebenserfahrung auf Zukunftsängste prallen, Erwachsenenpflichten dominieren, wo Teenagerträume noch lebendig sind, da blitzt und donnert es oft heftig.“ (Westfälische Nachrichten, 22.11.2010)

 

 

Nr. 88 Kulturausbesserungswerk Leverkusen – Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Ein Science-Fiction Theaterprojekt des W.Erk-Theaters mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Kulturausbesserungswerk

 

Inhalt: In nicht allzu ferner Zukunft: Blade Runner, Sondereinheiten der Polizei, jagen in den

radioaktiven Staubwolken der Städte entflohene Androiden - Roboter in Menschengestalt. Rick

Deckard ist einer dieser speziell ausgebildeten Polizisten. Mit allen Mitteln versucht er, die

Menschheit vor der Unterwanderung durch künstliche Wesen zu bewahren. Aber auch die

Androiden sind auf der Suche. Was macht Menschen zu Menschen?

Träumen Androiden eigentlich? Anscheinend schon. Sonst würden sie nicht gelegentlich ihre
Arbeitgeber töten, zur Erde fliehen und ein besseres Leben, ein Leben in Freiheit, suchen.

 

Bericht: Basierend auf dem Science-Fiction Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ von Philip K. Dick, (später verfilmt von Ridley Scott als „Blade Runner“) haben wir ein Science-Fiction Theaterstück entwickelt.

Anhand der Konfrontation zwischen Mensch und Androide, wird die Frage thematisiert, welche spezifisch menschlichen Eigenschaften den Menschen als solchen auszeichnen. Oder noch einfacher gesagt: Was macht den Menschen zum Menschen? Wo beginnt Rassismus?

Ein eigenes Projekt, das die gesamte kreative Energie und Lust an der Auseinandersetzung der Menschen in unserem autonomen Zentrum bündelt und in das jeder der Lust hat, im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten, einbezogen zu werden.

 

Ziel war ein gemeinsames Projekt mit ca. 40 jungen Männern und Frauen, für die das Leverkusener Kulturausbesserungswerk ein wichtiger Bezugspunkt geworden war, oder werden soll. Die von Dick gewählte Thematik „Empathie“ stellt eine interessante und außergewöhnliche Möglichkeit dar, mit Hilfe des Theaters und der Rollenarbeit an dieses Thema heranzuführen.

Wir haben das gemeinsame Projekt, mit 32 jungen Männern und Frauen besprochen, diskutiert, geprobt und aufgeführt. Das Alter der SchauspielerInnen lag hauptsächlich in der Altersgruppe der 16- bis 27-jährigen, aber auch Ältere konnten eingebunden werden. Das Stück hat, neben dem künstlerischen Aspekt, dazu beigetragen, die Diskussionskultur untereinander auszubauen. Von Anfang an waren alle mit Begeisterung bei der Sache.

 

Ein Team professioneller Handwerker aus dem KAW baute die anspruchsvolle Bühne, die nicht aus, wie geplant, 4 Bühnen, sondern aus 8 Bühnen mit zwei Videoinstallationen bestand, die alle gleichzeitig bespielt wurden. Dafür wurde die Halle komplett ausgeräumt. Aufgrund des größeren Aufwandes und der Koordination der großen Gruppe mussten wir die ersten Aufführungen auf Februar 2011 schieben. Die Hauptprobenphase hat im Juli 2010 begonnen und war 2010 abgeschlossen. Wir haben das Stück 6 Mal mit großem Erfolg bei Publikum und Presse aufgeführt.

Damit die Musik nicht nur als Untermalung funktioniert haben alle Beteiligten zusammen einen Schlusssong im Chor performt, was, durch den Choruntericht bei Saskia Buggert, noch einmal zur Stärkung der Gruppe beigetragen hat. Die 32 Darstellerinnen und Darstellern und die Gewerke Licht- und Tontechnik, Videotechnik, Bühnenbau, Bühnenbild, Plakatentwicklung, Kostüm, Make, Fotografie, Requisite, Musik, die (bis auf Licht- und Tontechnik und Chorleitung) alle auf der Bühnen agiert haben, sind alle gestärkt und glücklich aus diesem Projekt hervorgegangen, alle hätten es gerne öfter gespielt und sind und mit Sicherheit auch beim nächsten Theaterprojekt dabei.

 

 

Nr. 89 Kulturausbesserungswerk Leverkusen – 2880 Grand Prix du Film

 

Der 2880 - Grand Prix du Film in Leverkusen ist ein Schnellfimfestival.

Den angemeldeten Teams wird Freitag Abend ein Titel und ein Genre zugelost. Nach 48 Stunden am Sonntagabend muss der fertige Film in Leverkusen abgegeben werden.

 

2010 haben sich 46 Teams auf der 2880-Homepage angemeldet.

Am 3. September 2010 erfolgte die Auslosung der Team-Titel-Genre Kombination.

Der Live-Stream wurde gesponsort, hatte aber leider auch nocht so hohe Kapazitäten, dass nicht so viele Leute folgen konnten. Um 20h wurden die Kombinationen auf unserer Homepage veröffentlicht.
Nach 48 Stunden wurden 32 Filme abgegeben, die zum Titel und Genre produziert worden waren. Zwei Wochen später wurden die Filme von einem Publikum bewertet, dass aus allen Filmen 11 Finalisten, einen Musikfavoriten und Schauspielfavoriten wählten.

Eine Woche später fand die große Gala im Kulturausbesserungswerk statt.

Die 11 vom Publikum gewählten Finalisten traten noch einmal gegeneinander an, die Jury bewertet die Filme und das Gewinnerteam wird mit dem großen „2880 –Kurzfilmpreis“ ausgezeichnet, sowie „Beste Filmmusik“, „Bester Schauspieler“ und „Beste Schauspielerin“

Die Jury bestand aus: Lilli Tautfest, Barbara Teufel, Wolfgang Meier, Christoph Krachten, Charlotte Fecher

Jury für Musik: Thorsten Pätzold - Jury für Schauspiel: Susanne Ritter

Die 11 Finalisten in der Reihenfolge der Platzierung:

Team                                                   Titel                                                                 Genre

 

08 15                                                   Zwischen den Zeilen                                         Krimi

f³:fettfilmfactory                         Eine Tüte Gemischtes                                      Tragödie

Thumb Cinema                         Mein Federmäppchen ist immer noch im Raum Heimatfilm Kopfbild                                             Opa hat ein Nasenfahrrad                                  Film Noir FaxenDicke                                       Ein Hauch von Nichts                                                Film Noir MusikAuge                                        Der Film Film                                                   Krimi schnippschnappchaoscut.                        Das Mikro Universum                                        Dokumentar Filmrausch                                           Fremdkörper                                                    Actionfilm

Scene Take                                          Akuter Handlungsbedarf                                    Komödie Muntervideo                                        Jede Trennung klaut ein Lieblingslied                  Romanze

ToMMYFiLM                                        Vom Duschen und Kochen                                Western

 

Zwei der Filme bei youtube:

http://www.youtube.com/watch?v=BHaEPaYF3XQ&fmt=22

http://www.youtube.com/watch?v=VC2isDp49FA

Wir haben Jugendliche und Junge Erwachsene aus ganz NRW erreicht. Hauptsächlich aber aus Leverkusen, Köln und Umgebung.

Die Teams untereinander vernetzten sich. Der Teamgeist ist groß und auch der Ergeiz einen guten Film zu machen, obwohl es in dem Sinne keine Preise gibt.

Einige Filme, die bei 2880 entstanden sind liefen – auf unsere Initiative hin, beim Festival in Bielefeld (eingeladen und nominiert – Film Noir „Opa hat ein Nasenfahrrad“), bei den Cologne Clips, in Haltern und München, bei Heimatfilm bei center tv.

Zwei Teams haben ihren Film als Bewerbung für die Kunsthochschule für Medien verwendet.

www.2880-filmfestival.de

Wir bedanken uns für die Förderung, ohne die das Festival nicht hätte stattfinden können.

 

 

Nr. 34 aufabwegen, Köln – Geräuschwelten 2010

 

Im Jahre 2010 wurde das Projekt „geräuschwelten“ von aufabwegen durchgeführt, welches mit Mitteln der LAG Soziokulturelle Zentren NW e.V. und des Kulturamts Münster gefördert wurde.

Ziel des Projektvorhabens war es, der zeitgenössischen elektronischen Musik von internationalem Format in Münster ein Forum zu geben und darüber hinaus, wenn es die Mittel zulassen, an weiteren Stellen in NRW diese selten gehörte Musikform zu präsentieren, in Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltern. Die vier Mal pro Jahr in der blackbox in Münster stattfindenden Minifestivals haben sich als Reihe etabliert, die ein zwar kleines aber überregionales Publikum (zum Teil mit Reichweiten in die

Niederlande oder Belgien hinein) anlockt. In den Konzertabenden in Münster wird darauf geachtet, dass verschiedenste Positionen und ästhetische Ansätze vorgestellt werden, um dem Publikum ein Gefühl für die Bandbreite und die aktuellen Strömungen der Sparte zu geben. Oft spielt das Zusammenbringen von Klang und Bild (auch bisweilen auf problematische Art) eine große Rolle in den Performances.

Besonders hervorzuheben sind der Auftritt des Avantgarde-Geigers Aranos, der aus einer Gypsy Musik-„Dynastie“ rund um Prag stammend sich in den letzten Jahrzehnten von seinem Exil in Irland aus zu einem echten Einzelkämpfer und vielbeachteten Performer entwickelt hat. Petr Vastl reicherte seine Performance um tänzerische Momente an; der Auftritt von Aranos in Münster (der sonst zumeist nur bei Festivals spielt) war ein echtes Highlight. Auch die Vorführung der Turntable- Künstler Institut für Feinmotorik (BRD/Schweiz) war ein echter Hingucker: in einem Aufbau mit acht Plattenspielern, die alle nicht mit Schallplatten bespielt, sondern mit ihrem Innenleben als Klangerzeuger verwendet wurden, zeigte das Quartett den kurzen Weg von der Clubkultur zur Noise-Musik eindrucksvoll auf.

Zusätzlich zu den Konzerten in Münster war es aufabwegen möglich, durch Kooperationen zwei Konzerte in Düsseldorf zu realisieren. Zum einen ein Gastspiel des internationalen Percussionskünstlers Z’ev aus London im Salon des Amateurs und zum anderen ein Duo-Auftritt des belgischen Projektes Microphonics gemeinsam mit dem Dortmunder Gitarristen N in der Düsseldorfer Galerie Slowboy. Folgende Konzerte fanden in 2010 im Rahmen der geräuschwelten statt:

24.04. Institut für Feinmotorik (D, CH) & mecha orga (GR), blackbox/cuba-cultur, Münster

19.06. Ditterich von Euler-Donnersperg (D), Kouhei Matsunaga (J), Jan van Hasselt (D), blackbox cuba-cultur, Münster

20.10. Z’ev (UK) & DJ Zipo, Salon des Amateurs, Düsseldorf

30.10. KK Null (J) & John Wall (UK) & Microphonics (B) & N (D), blackbox/cubacultur, Münster

02.11. Microphonics (B) & N (D), Galerie Slowboy, Düsseldorf

03.12. Aranos (CZ/IRE) & Aki Onda (J) & Rapoon (UK) blackbox/cuba-cultur, Münster

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Veranstaltungsreihe erfolgreich war und dass es gelungen ist, zeitgenössische Projekte aus dem Bereich der experimentellen elektronischen Musik in einem internationalen Kontext zu präsentieren. Es muss betont werden, dass eine Förderung dieser „schwierigen“ und nicht am Markt kommerziell funktionierenden Musikform ein wichtiger Grundstein dafür ist, diese Gattung überhaupt angemessen präsentieren zu können. Soweit dies möglich war, habe ich Flyer/Werbeträger gesammelt und diese der Dokumentation beigefügt.

 


Nr. 82 BAF Köln – Spielraum Soziokultur

 

In diesem kulturpädagogischen Projekt sind verschiedene spielpädagogische Aktionen im Rahmen soziokultureller Arbeit konzipiert und durchgeführt worden.

Hintergrund das Projektes war die Veränderung von Kindheit und der Lebensräume von Kindern im öffentlichen Raum, wodurch auch die pädagogischer Arbeit mit Kindern vor die Notwendigkeit gestellt ist, sich weiter zu entwickeln.

 

Ziele des Projektes

Ziel des vorliegenden Projektes war es, Spielkultur zu stärken, zu vermitteln und weiterzugeben.

Kinder sollten durch die Spielaktionen in ihrer Fantasie, Kreativität und Eigentätigkeit gefördert werden.

Im Rahmen des Projektes sollte eine Begegnung verschiedener Altersstufen und sozialer und kultureller Gruppierungen stattfinden.

Durch das Projekt sollte eine Möglichkeit geschaffen werden, auf dem Hintergrund des Konzeptes soziokultureller Arbeit spiel- und kulturpädagogische Angebote zu konzipieren, auszuprobieren und zu überprüfen.

Zudem sollte Spiel und Begegnung im öffentlichen Raum unterstützt und verstärkt werden.

 

Zielgruppe

Zielgruppe des Projektes waren zum einen die Kinder aus dem offenen Kindertreff. Dieser ist ein Angebot für Kinder von sechs bis zwölf Jahren aus dem Stadtteil, der vorrangig von Kindern mit Unterstützungsbedarf/ häufig mit Migrationshintergrund besucht wird. Darüber hinaus sollten auch andere Kinder und Familien aus dem Stadtteil erreicht werden, die nicht regelmäßig am Kinderbereich teilnehmen.

Beim Spiele-Cafe wurden Familien aus der ganzen Stadt angesprochen

 

Durchführung des spielpädagogischen Projektes

Das Projekt hat im Zeitraum September bis Dezember 2010 im Kinderbereich der Alten Feuerwache stattgefunden. Unter dem Thema „Die Feuerwache spielt“ wurden fünf Spiel-Aktionen für Kinder im Hof bzw. im Stadtteil sowie ein monatliches Spiele-Cafe und eine Halloween-Party für Familien durchgeführt. Das spielpädagogische Projekt wurde in einem gesonderten Flyer veröffentlicht.

 

1. Spiel-Aktionen im Hof bzw. Stadtteil

Ziel der Spielaktionen war es, öffentliche Spielsituationen zu schaffen sowie Spielaktionen in der Feuerwache zu öffnen, so dass nicht nur die „Kindertreff-Kinder“, die regelmäßig in den Kinderbereich kommen, daran teilnehmen und eine stärkere Mischung von Kindern zustande entsteht.

Im September und Oktober haben zwei öffentliche Spiel-Aktionen für Kinder im Hof der Alten Feuerwache stattgefunden. Der ca. 2.000 qm große Innenhof wird als öffentlicher Raum im Stadtteil genutzt und besonders Kinder und Familien halten sich gerne dort auf.

 

24.9.2010: Piratenspiele für viele

Zu dem Thema „Piraten“ wurde eine Spielekette durchgeführt, die mit einer Rahmengeschichte eingeführt wurde. Als Piratencrew-Anwärter haben vierzehn Kinder aus dem Kindertreff an einer Auswahl von Spielen aus verschiedenen Bereichen (Darstellendes Spiel, Bewegungsspiele, Kooperationsspiele, Schwungtuchspiele) wie z.B. Schiffbruch oder Einbeinlauf teilgenommen, um sich als Piraten zu qualifizieren und einen Piratenschatz zu finden.

8.9.2010: Die lustigsten Ballspiele aus aller Welt

Diese Spiel-Aktion war so konzipiert, dass Kinder zu jedem Spiel neu dazu kommen konnten. Es wurden unterschiedliche Ballspiele zusammengestellt, die verschiedene Fähigkeiten, Interessen und Ziele aufgreifen (Gruppenballjongelage, Zombieball, Wer ist flink, gewinnt, Überkreuz-Volleyball, Ballstafette nach Zeitvorgabe). Es haben sechszehn Kinder (hauptsächlich aus dem Kindertreff) teilgenommen, die Kinder haben im Laufe des Nachmittags gewechselt, es sind kaum neue Kinder dazu gekommen.

15.10.2010: Abenteuer-Geländespiel im Fort X

Diese Spielaktion wurde mit dreiundzwanzig Kindern in einem nahe liegenden Park durchgeführt. Da die Aktion in den Herbstferien stattfand, haben einige Kinder mitgemacht, die nicht regelmäßig am Kindertreff teilnehmen. Dieses Mannschaftsspiel wurde je nach Alter, Interessen und Fähigkeiten der einzelnen Kinder auf verschiedenen Ebenen gespielt: Es wurden Luftballons versteckt und gesucht, Kinder der Gegenmannschaft gefangen, Schnick, Schnack, Schnuck um die Lebendsbändchen gespielt und auch Strategie eingesetzt.

21.10.2010: Detektiv-Abenteuer in der Stadt

Diese Spielaktion fand im Rahmen der Literaturwoche und ebenfalls in den Herbstferien statt. Es haben vierundzwanzig Kinder – fast alle aus dem Stadtteil – teilgenommen, auch viele Kinder, die nicht regelmäßig den Kindertreff besuchen, so dass die sozialen und kulturellen Hintergründe sehr unterschiedlich waren. Als Grundlage für das Stadtspiel wurden Auszüge aus Kölner Kinderkrimi „Auf der Suche nach Marlar“ vorgelesen. Daraus ergab sich für die Kinder die Aufgabe, sich in kleinen Gruppen als Detektive der Alten Feuerwache auf die Suche nach dem entführten Elefantenmädchen zu begeben. Unterwegs waren vielfältige Aufgaben zu lösen, Spuren zu finden und verdächtige Personen zu befragen.

12.11.2010: Geisterspiele für viele

Diese Spielekette wurde in einen großen Innenraum der Alten Feuerwache durchgeführt und trotz Ankündigung nur von Kindertreff-Kindern (zwölf TeilnehmerInnen) in Anspruch genommen. Nach einem Grusel-Einstieg mit Musik wurde eine Zusammenstellung unterschiedlicher Spiele inszeniert (Ratespiel, Ballspiel, Bewegungsspiel, Spiel mit Sinneswahrnehmung, Darstellendes Spiel), die durch das Thema „Geister“ verbunden wurden.

 

2. Spiele-Cafe

Von September bis Dezember 2010 wurde einmal im Monat sonntags nachmittags ein Spiele-Cafe für Kinder und Familien im Kinderbereich der Alten Feuerwache angeboten.

Unter verschiedenen Themenstellungen (Brettspiele im Hof, Spannende Abenteuer-Spiele, Neue Spiele von der Spiele-Messe, Spiele unter´m Weihnachtsbaum) wurden zwanzig bis dreißig Brettspiele/ Gesellschaftsspiele ausgewählt.

Auswahlkriterien waren neben dem Thema die Berücksichtigung verschiedener Altersstufen, das Aufgreifen verschiedener Fähigkeiten und Interessen oder die Eignung als Familienspiel für Kinder und Erwachsene.

Die ausgewählten Spiele wurden auf einer mit Stoff verkleideten Treppe ansprechend präsentiert, einige besonders attraktive Spiele waren bereits auf den Tischen aufgebaut. Es wurden sowohl aktuelle Brettspiele als auch Spiele-Klassiker vorgestellt.

Für das Spielen standen Kindern und Familien im großen Raum sieben Tische und im kleinen Raum drei Tische zur Verfügung.

Die BesucherInnen des Spiele-Cafes wurden zunächst begrüßt und bei der Auswahl der Spiele beraten. Wesentliche Aspekte dabei waren das Alter und die Anzahl und Zusammensetzung der Personen.

Häufig wurden auch Personengruppen zu einem gemeinsamen Spiel zueinander vermittelt, wenn z.B. in Familien unterschiedliche Altersgruppen vertreten waren, ein einzelner Elternteil mit einem Kind gekommen war, Kinder einzeln waren oder kein freier Tisch mehr zur Verfügung stand. Dadurch entstanden Kontakte unter den BesucherInnen und auch sehr gemischte Gruppierungen.

In der Regel erhielten die BesucherInnen die Spielregeln der Spiele erklärt und konnten bei Regelunsicherheiten auch während des Spiels nachfragen.

Als zusätzliche Attraktivität wurde im Spiele-Cafe eine kleine Auswahl von Getränken und Gebäck angeboten. Die „Theke“ wurde selbstständig von älteren Kindern aus dem Kinderbereich übernommen, die teilweise das Gebäck wie z.B. Muffins auch vorher zubereitet haben.

Im Anschluss an die Spiele-Messe im Oktober 2010 wurden ausgewählte neue Brettspiele präsentiert.

Zudem hat ein renommierter Spiele-Erfinder, der seine Werkstatt im Stadtteil betreibt, das Spiele-Cafe besucht und dort sein neues Spiel vorgestellt.

 

Das Spiele-Cafe wurde von sehr unterschiedlichen Personengruppen besucht. Zum einen nahmen Kinder aus dem Kinderbereich (häufig aus sozial schwächeren Familien) teil, einige haben auch Eltern oder Geschwister mitgebracht. Ansonsten waren es meist Familien oder einzelne Eltern mit Kind. Teilweise kamen die Familien aus dem Stadtteil, so dass sie andere BesucherInnen kannten. Der Einzugsbereich anderer Familien waren benachbarten Stadtteile, das ganze Stadtgebiet bis zum weiteren Umland.

Die Kinder und Familien kamen aus sehr unterschiedlichen sozialen Milieus (von Roma bis zur gehobenen Mittelschicht).

Auch die kulturellen Hintergründe waren sehr verschieden. An einem Nachmittag waren Familien mit Menschen aus sieben verschiedenen Kulturen und Nationen vertreten. Häufig haben auch einzelne Mütter oder Väter mit Kindern oder alleinerziehende Eltern das Spiele-Cafe besucht.

Durchschnittlich haben 60 Kinder und Eltern am Spiele-Cafe teilgenommen.

 

3. Halloween-Party

Am Sonntag, den 31.10.2011 wurde im Kinderbereich der Alten Feuerwache eine Halloween-Party durchgeführt. Angesprochen wurden Kinder und Familien aus dem Stadtteil (die Aktion wurde nur dort angekündigt).

Für eine Party-Atmosphäre sorgten Gruseldekoration, Bravo-Hits und Kleinigkeiten zu Essen und Trinken, die von den Kindertreff-Kindern ausgegeben wurden. Viele Kinder kamen verkleidet oder haben die Möglichkeit genutzt, sich im kleinen Raum des Kinderbereiches als Geister und Vampire zu schminken. Im Mittelpunkt des nachmittags standen Tanzspiele und Geisterspiele, die im großen Raum des Kinderbreiches durchgeführt wurden und bei denen sich auch viele Eltern beteiligt haben.

An der Halloweenparty haben ca. neunzig Kinder und Eltern teilgenommen. Bei dieser Aktion wurde eine breite Mischung von sozialen und kulturellen Gruppierungen erreicht. Verbindend wirkte der Bezug auf den Stadtteil, da sich viele Kinder und Familien z.B. durch Schule, Kindergarten u.ä. kannten.

 

4. Resumee

Die Durchführung des spielpädagogischen Projektes hat das Konzept der pädagogischen Arbeit im Kinderbereich der Alten Feuerwache gestärkt und erweitert.

Besonders positiv bewerten wir die verstärkte Einbeziehung von Familien, deren Ansprache dem Hintergrund der Ganztagsschule für außerschulische Angebote besonders wichtig geworden ist.

Das Spiele-Cafe ist sehr positiv angenommen worden und soll weiter fortgesetzt werden. Auch die Halloweenparty hat viele Kinder und Familien aus dem
Stadtteil in den Kinderbereich integriert und soll wiederholt werden.

Die thematischen Spielaktionen im Rahmen des Projektes haben nur in den Herbstferien eine öffentliche Spielsituation im Stadtteil bewirkt und sind ansonsten eher im Rahmen des Kindertreffs verblieben.

Hier bleibt die Frage offen, ob die Öffentlichkeit im Hof nicht ausreichend ist, ein längerer Probelauf und mehr Öffentlichkeitsarbeit oder ein noch öffentlicherer Platz für solche Aktionen notwendig wäre.

 

 

Nr. 83 Gruppe Lady*bug, Köln - _fest 2010 3.-5. September

 

Mit einer zunächst recht großen und heterogenen Gruppe an ehrenamtlichen Organisator_innen gingen wir daran im autonomen Zentrum in Köln ein queerfeministisches Festival zu veranstalten. Einige von uns waren Teil der Ladyfest: Play Gender Crew 2008 und wollten sich aber von den Begriff der lady stärker distanzieren. Deshalb überlegten wir uns den Namen _fest, da der Unterstrich anstatt des Binnen-I zulässt, dass sich auch Menschen angesprochen fühlen, die sich abseits einer Zweigeschlechtlichkeit definieren oder auch gar nicht geschlechtlich positionieren wollen oder können. Diese Überlegungen sollten auch inhaltlich widergespiegelt werden. Da kurz vor Beginn des Festivals dem Autonomen Zentrum der Strom abgestellt wurde, kamen auf uns zusätzliche Kosten und Logistikbemühugen zu, aber mit der Hilfe von Generatoren konnten wir für einen reibungslosen Ablauf an den 3 Tagen sorgen.

Mit insgesamt ungefähr 500 Besucher_innen über das Wochenende verteilt fanden unsere Workshops, Vorträge, Konzerte, Theaterstücke und Kunstinstallationen ein interessiertes Publikum um deren Versorgung und Unterbringung wir uns ebenfalls versuchten zu kümmern, bzw, etwas dementsprechendes zu vermitteln als auch eine Kinderbetreuung anzubieten um auch anderen sonst benachteiligten Gruppen (in dem Fall Eltern) die Teilnahme an allen Veranstaltungen zu ermöglichen. Sicherlich sind wir nicht all unseren Ansprüchen gerecht geworden, so dass wir zum Beispiele keine Barrierefreiheit herstellen konnten, aber viele Dinge sind auch besser gelaufen als noch vor 2 Jahren. So gab es die Möglichkeit englischen Simultanübersetzungen der Events beizuwohnen und es gab Schutz- und Rückzugsräume für sich diskriminiert fühlende Personen.

Insgesamt sind wir sehr zufrieden mit den Ergebnissen des bunten Programms und dessen politischen Auswirkungen innerhalb Kölns.

 

 

 

 

Nr. 80 zakk, Düsseldorf – Localworldtunes

 

Zeitrahmen - Ursprünglich war der Startschuss der Bewerbungsphase für September vorgesehen, worauf Ende Oktober, November und Dezember die Konzerte folgen sollten. Wegen Krankheit musste aber das gesamte Projekt um zwei Monate verschoben werden, so dass erst Ende Oktober mit der Bandakquisition begonnen werden konnte. Die Workshops fanden dann Ende November statt und die Konzerte in den Monaten Dezember und Februar 2011.

Bewerbungsphase - Wegen Krankheit musste die Ausschreibungsdauer von 4 auf 3 Wochen verkürzt werden, da man ansonsten kein Konzert mehr in 2010 hätte planen können. Als Medienpartner konnten wir das Jugendportal www.youpod.de sowie das Musikportal www.musikszene-duesseldorf.de gewinnen und hatten über diese sowie über unser eigenes Interkulturnetzwerk (Vereine, Initiativen, Einzelpersonen, städtische Stellen wie z.B. Jugendamt) die Bewerbungsinfos gestreut.

Die Formulierung der Ausschreibung gestaltete sich etwas kompliziert, da man ja explizit MusikerInnen mit Migrationshintergrund ansprechen wollte. Deshalb musste man in der Ausschreibung „positiv diskriminieren“, indem man nach „Bands mit Migrationshintergund“ suchte.

Dennoch verlief die Phase der Bandakquisition ausgesprochen positiv. Innerhalb der drei Wochen hatten sich 23 Bands beworben. Damit bestätigte sich unsere Annahme, dass eine erhöhte Nachfrage bei interkulturellen Bands nach Professionalisierung besteht. Die meisten Bewerbungen kamen von Bands aus dem Rockbereich sowie von Singer/Songwritern.

Für die Workshops wurden, wie geplant, 9 Bands ausgewählt. Die Auswahl der Bands erfolgte in erster Linie auf Basis ihrer Professionalität, die nicht zu hoch sein sollte, da man mit dem Projekt die Bands professionalisieren wollte.

Außerdem wurde darauf geachtet, dass die Bands mit Hinsicht auf die späteren Veranstaltungen musikalisch und qualitativ nicht zu weit von einander entfernt lagen.

 

Workshops - Da der Projektantrag nicht in vollem Umfang bewilligt wurde, musste auf die Künstlergesprächswerkstatt verzichtet werden. Ansonsten konnten die vier Workshops wie geplant in Umfang und Inhalt stattfinden. Alle Workshops fanden an unterschiedlichen Terminen innerhalb von zwei Wochen Ende November statt. Dieser kurze Zeitraum war mit Absicht gewählt, damit die MusikerInnen im Thema bleiben konnten. Die Teilnahme an den Workshops war verpflichtend für den späteren Auftritt, so dass alle TeilnehmerInnen an allen Terminen anwesend waren.

Die TeilnehmerInnen wurden im Anschluss an jeden Workshop gebeten, einen Evaluationsbogen auszufüllen, damit wir die Qualität der Workshops sowie die WorkshopleiterInnen überprüfen konnten. Hieraus konnte abgelesen werden, dass der Workshop Presse- & Öffentlichkeitsarbeit von den Bands als besonders wertvoll empfunden wurde.

 

Konzerte - Da die Workshops erst im November stattfanden, konnte mit den Konzerten erst im Dezember begonnen werden. Von den geplanten drei Konzerten konnten leider nur zwei Rockabende am 15.12. und am 15.02. stattfinden. Das dritte Konzert sollte ein Singer/Songwriterabend mit 3 Bands werden und im Januar stattfinden. Zwei von den drei Musikergruppen hatten uns leider einen Tag vor dem Konzert wegen Krankheit absagen müssen. Ein Nachholtermin wäre wegen der engen Terminlage im zakk erst im April möglich gewesen, so daß wir uns dazu entschieden, das Konzert ganz abzusagen.

Bei den anderen beiden Konzerten gab es auch zwei Absagen von zwei Bands und der Publikumsrücklauf war leider schlechter als erwartet. Es ist anzunehmen, dass dies vor allem am Wochentag (jeweils Dienstags, kein Wochenendtag) und an den Werbebemühungen der Bands lag. Trotz des intensiven Werbeworkshops und dem Drängen auf einen frühzeitigen Beginn der Werbemaßnahmen, hatten einige Bands erst sehr spät (eine Band sogar gar nicht) die Plakate und Flyer abgeholt, die wir ihnen kostenfrei zur Verfügung gestellt hatten.
Dennoch kam am Abend der Konzerte eine gemütliche und fast schon familiäre Stimmung unter den Gästen auf, da die Bands ihr Publikum immer wieder persönlich ansprachen, sie nach vorne an den Bühnenrand baten und mit ihnen gemeinsam sangen. Auch im Vorfeld hatten sich die Bands beim Aufbau als sehr zuverlässig und pünktlich erwiesen und waren auch sehr dankbar und zufrieden mit Licht, Ton und Location. Die meisten Bands aus den Workshops blieben positiv in Erinnerung, bedankten sich für die Unterstützung und gestalteten ihren Konzertabend mit frischen Ideen und viel Motivation. Durch den Ausfall eines Konzerts ist auch unser Eigenanteil geringer ausgefallen, als ursprünglich geplant. Der Eigenanteil ist von geplanten 43% auf 36% gesunken.

Dokumentation - Als Dokumentation wurde eine kommentierte Checkliste der Workshops angefertigt, die allen Bands als PDF zugeschickt wurde und ab sofort allen interessierten Bands als Download zur Verfügung steht.

Nr. 74 balou e.V., Dortmund - Immer machst du so´n Theater!

 

Ein generationenverbindender Kunst-Theater-Workshop

13. und 14. November 2010 (10-15 Uhr)

 

Da das Angebot „Immer machst du so’n Theater!“ aus terminlichen Gründen und krankheitsbedingt von Teilnehmer/innen und Interessierten nicht am geplanten Termin in den Herbstferien 2010 wahrgenommen werden konnte, erfolgte eine Verschiebung und Umwandlung des Projekts in einen - inhaltlich weitgehend identischen - Workshop am 13. und 14. November 2011.

 

7 Kinder zwischen 6 und 11 Jahren und 4 Erwachsene hatten sich angemeldet, um an einem Wochenende im November gemeinsam Theater zu spielen und zu gestalten. Unter Anleitung der Theaterpädagogin Birgit Schwennecker und der Künstlerin und Kunsttherapeutin Silke Bachner ließen sie sich auf das Abenteuer ein, mit der jeweils anderen Generation über große und kleine Gefühle zu sprechen und sie in Szene zu setzen.

Der Workshop begann mit theaterpädagogischen Übungen und Spielen, die dazu dienten, dass sich die einzelnen Teilnehmer/innen kennen lernen konnten und sich ein Gruppengefühl zu bilden begann. In einer Spiegelübung z.B. wurden die Teilnehmer/innen paarweise zusammengestellt. Ein Partner stellte ein Gefühl mimisch dar, dass der andere dann so spiegelte und zurückgab, wie er es aufnahm. Eine andere Übung fand in Kleingruppen statt. Hier wurde den Gruppen ein Gefühl vorgegeben, dass sie dann in Skulpturen, dargestellt von den Personen, präsentierten. Die nicht beteiligten Teilnehmer/innen sollten erraten, welches Gefühl dargestellt wurde.

Anschließend sammelten die Teilnehmer/innen Begriffe rund um das Thema Gefühle und schrieben oder malten sie auf eine Pappe. Während die Gruppe zu Beginn noch zögerlich war, kam sie nach und nach ins Thema, so dass das Papier am Ende voll war und sogar einige Begriffe überschrieben. Die Kinder und die Senior/innen stellten fest, wie vielfältig Gefühle sein können und dass es mehr gibt als z.B. Wut und Freude.

Eine Phantasiereise führte die Gruppe in ein Haus mit mehr oder weniger Räumen. Jeder Raum war für ein Gefühl da. Je mehr Gefühle die Teilnehmer/innen in sich entdeckten, desto mehr Räume hatte ihr Haus, durch das sie hindurchgingen. Im Anschluss an die Phantasiereise wurde das Erlebte reflektiert. Seine Eindrücke hielt jeder in einer Collage fest, die aus Zeitschriftenbildern und Zeichnungen zusammen gesetzt wurden. Anschließend beschrieb jeder sein Bild. Die Atmosphäre war dabei sehr offen und persönlich.

Für Masken, welche die unterschiedlichsten Gefühle darstellten, wurden Vorlagen aus Ton gefertigt und dann mit weißem Seidenpapier bekleistert.

Zum Abschluss wurden einige Spiele gespielt. So überquerten die Teilnehmer/innen im Spiel z.B. eine Straße von einem Bürgersteig zum nächsten immer in unterschiedlicher Gemütsverfassung. In einer großen gemeinsamen Runde verabschiedeten sich die Teilnehmer/innen dann für den ersten Tag.

Der nächste Tag begann mit der Fertigstellung der Gefühlsmasken. Diese sollten am selben Tag auch noch zum Einsatz kommen.

Die Teilnehmer/innen wurden in zwei altersgemischte Gruppen aufgeteilt. Jede Gruppe bekam mehrere Kärtchen mit Begriffen wie „Hummeln im Hintern“, „Starr vor Angst“, „Schmetterlinge im Bauch“ oder „Blind vor Wut“. Aus diesen Schlagwörtern entwickelten die Gruppen mit viel Spaß kleine Szenen. Zur Umsetzung wurde ihnen eine große Auswahl an Requisiten zur Verfügung gestellt. Die Szenen wurden im Anschluss der jeweils anderen Gruppe vorgeführt und fanden großen Beifall. Alle Übungen und Darbietungen wurden von den Kursleiterinnen fotografisch festgehalten.

Nach einer kleinen Pause, in der Zeit für informellen Austausch und generationenübergreifende Gespräche war, gab es für die neu zusammengestellten Gruppen eine Szenenvorlage. In der kurzen Geschichte entdeckten Geister die Gefühlswelt. Die Szene sollte rein pantomimisch umgesetzt und mit den Masken unterstützt werden. Zusätzlich suchten die Teilnehmer/innen Musik aus, zu der sie die Szene spielen wollten. Der Effekt der Darbietungen war überraschend. Auch hier spielte die eine Gruppe wieder für die jeweils andere.

Anschließend gab es eine Wunschauktion, durchgeführt von den Kursleiterinnen. Jede/r Teilnehmer/in bekam eine bestimmte Anzahl an Erbsen als Zahlungsmittel. Aus einem Sack wurden einzelne Wünsche gezogen, z.B. „Weniger Hausaufgaben, „Mehr Zeit für mich“, „Mehr Mut, meine Meinung zu sagen“ und so fort. Die Teilnehmer/innen konnten ihre Wünsche ersteigern – ohne zu wissen, welche Wünsche im Sack noch vorhanden sein würden. So konnten sich die einzelnen Teilnehmer/innen darüber klar werden, wo ihre Prioritäten lagen.

In einer Feedbackrunde zum Abschluss machten die Teilnehmer/innen deutlich, wie viel Spaß sie in dem Workshop gehabt hatten. Eine Seniorin freute sich besonders, mit den jungen Menschen gearbeitet zu haben, da sie selbst sonst gar keinen Kontakt zu Kindern hatte. Und ein Junge, der zugab, eigentlich nur wegen seinem besten Freund mitgekommen zu sein, war sehr überrascht, dass er so viel Spaß gehabt hatte und mit den älteren Menschen Theater spielen konnte, ohne ständig Anweisungen zu bekommen und ermahnt zu werden.

Das Miteinander der Senior/innen und der Kinder war sehr respektvoll. Auf dieser Grundlage konnte ein ehrlicher Austausch stattfinden. Dabei stellten die verschiedenen Generationen fest, dass der Unterschied gar nicht so groß war – Jung und Alt hatten durchaus die gleichen Gefühle. Was sich zum Teil unterschied, war die Art und Weise, in der die Gefühle Ausdruck fanden.

Die Ziele des Projektes, Berührungsängste abzubauen, die Sichtweisen der anderen Generation aufzuzeigen und Verstehen zu wecken, konnten verwirklicht werden. Die Ergebnisse des Projektes wurden fotografisch dokumentiert.

 

 

Nr. 76 Stadtteilzentrum Adlerstrasse, Dortmund – Hier spielen wir!

 

Die Tatsache, dass der Spielplatz Falkenstraße nur begrenzt als Spielraum insbesondere für kleinere Kinder genutzt werden kann (Verschmutzung, Vandalismus, geringe Ausstattung) haben eine Reihe von Eltern aus der Nachbarschaft zum Anlass genommen, sich für diesen Ort zu engagieren.

Mit Unterstützung durch das Quartiersmanagement und das Stadtteilzentrum Adlerstraße (Spielplatzpatenschaft) wurden seit April 2010 folgende Maßnahmen entwickelt und umgesetzt:

 

·     Abstimmungstermine mit dem Jugendamt (51/4-3-1, Frau Lohse) und dem Tiefbauamt (Abteilung 66/7, Herr Hundorf)

·     Antrag auf Projektmittel an die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokulturelle Zentren NW e.V. und an den Quartiersfonds des Quartiersmanagements für das Projekt „hier spielen wir – Kinder eignen sich ihren Spielraum kreativ (wieder) an“

·     Ankauf und Akquise von mobilen Spielmaterialien für den Spielplatz

·     Vorbereitung und Durchführung eines Spielplatzfestes am 19.09.2010 (s.u.)

·     Ankauf von Steinen aus Spendenmitteln bei der Firma Imberg (lagern dort)

·     Bau eines Schuppens zur Unterbringung der Spielgeräte

·     Antrag auf Benennung des Spielplatz bei der Bezirksvertretung West

 

Die Stadt Dortmund hat in den Abstimmungsgesprächen stets deutlich gemacht, dass die Anliegen der Anwohner/-innen nachvollzogen werden und das bürgerschaftliche Engagement unterstützt wird. Es wurde jedoch auch klar formuliert, dass keinerlei Ressourcen zur Verfügung stehen. Daraufhin wurden alle Maßnahmen durch Spenden und Projektmittel finanziert. Das Tiefbauamt hat sich nun bereit erklärt, die baulichen Maßnahmen zu unterstützen/ zu übernehmen so dass eine fachgerechte Durchführung gewährleistet ist.

Mit einer Presseaktion werden die Namensgebung Falkennest (vorausgesetzt dem Antrag wird stattgegeben) sowie die baulichen Maßnahmen der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Die auf dem Stadtteilfest gemalten Bilder werden als Plakate gestaltet und vor Ort angebracht. Sie sollen darauf verweisen, dass hier ein Kinderspielplatz ist und kein Hundeklo. Die Gestaltung übernimmt eine der Mütter und die Finanzierung erfolgt aus den beantragten Mitteln. Voraussichtlich im Februar werden die Banner hängen.

Die mobilen Spielgeräte werden in einem Schuppen auf dem Gelände des Stadtteilzentrums Adlerstraße untergebracht. Der Schlüssel soll im Café Corso hinterlegt und damit spätestens ab Januar 2011 den Stadtteilbewohner/-innen zur Verfügung gestellt werden.

Im kommenden Jahr soll sich eine Spielgruppe gründen, die in Zusammenarbeit mit örtlichen Kindergärten/ Familienzentrum regelmäßig die Fläche nutzt und bespielt.

 

Bericht zum Spielplatzfest am 19.09.2010

Engagierte Eltern aus der Umgebung machten es sich zum Ziel, den Ort (Spielplatz Falkenstraße) attraktiver zu gestalten und wieder stärker in das Bewusstsein vor allem der Familien zu rücken.

Als ersten Schritt organisierten sie ein Fest, das am 19. September allen Nachbarn zeigte, was auf der Fläche möglich ist: „So voll war es hier noch nie,“ war eine viel gehörte Meinung. Hierzu stellten die Eltern mit Unterstützung des Stadtteilzentrums Adlerstraße und des Quartiersmanagements ein breites Programm auf die Beine. Das Kindertheater Lari Fari begeisterte mit lustigen Geschichten und fröhlicher Musik die vielen Kinder, die gekommen waren. Spannung kam beim spontanen Rennen mit Dreirädern auf, die das Familienzentrum Josef Bartoldus gespendet hatte. Und auch die Erwachsenen kamen bei Kaffee und Kuchen ins Gespräch: „Ich wusste gar nicht, dass hier ein Spielplatz ist,“ bestätigte eine Mutter das Gefühl der Organisatorinnen. Sofie Eichner freut sich, dass ihr Plan aufgegangen ist: „Toll, dass heute so viele Familien gekommen sind. So sollt es am besten jeden Sonntag sein!“

Zur dauerhaften Aufwertung des Spielplatzes hatte sie sich gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen noch etwas Besonderes einfallen lassen: eine Spielkiste, die Bezirksbürgermeister Friedrich Rösner den Kindern der Nachbarschaft überreichte. Die Kinder nahmen die Kiste sofort in Beschlag und freuten sich, dass sie auch über das Fest hinaus am Spielplatz verbleiben wird. Zur Finanzierung der Spielzeuge stellte Maria Dannert vom Stadtteilzentrum Adlerstraße mit den Müttern einen Antrag auf Unterstützung im Rahmen der Projektmittel der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V. und aus Mitteln des Quartiersfonds beim Quartiersmanagement. „Die Jury war sofort begeistert von dem Engagement und Ideenreichtum der Eltern. Außerdem trifft das Vorhaben ein Kernproblem des Stadtteils. Wir müssen die verbliebenen Orte, an denen sich Kinder frei entwickeln und austoben können, schützen,“ fasst Quartiersmanagerin Helga Beckmann zusammen.

Um dies nachhaltig zu gewährleisten, wurden im Rahmen eines Flohmarkts und des Kuchenverkaufs Spenden gesammelt, die in die attraktivere und kindgerechtere Gestaltung fließen sollen. Man kann also gespannt sein, was sich in den kommenden Monaten noch tut. Einen passenden Namensvorschlag haben sich die Kinder rund um Falken- und Adlerstraße auch schon ausgedacht: Falkennest!

 

 

Nr. 71 Alarm Theater, Bielefeld – Nostalgia

 

Performance mit weiblichen und männlichen Inhaftierten verschiedener Kulturen in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld – Brackwede I

 

Aufführungstermine im Gefängnis

Aufführungstermine:       14.12.2010 um 18.00 Uhr vor den männlichen Inhaftierten

15.12.2010 um 12.00 Uhr vor Schülern und Schülerinnen

16.12.2010 um 19.00 Uhr vor den weiblichen Inhaftierten

jeweils in der Mehrzweckhalle der JVA Brackwede I

 

Personal für die Produktion und Aufführung

Regie:                                                  Dietlind Budde

Gesang & musikalische Leitung:            Marion Meisenberg

Dramaturgie:                                        Harald Otto Schmid

Produktionsassistenz:                           Anna Zimmermann

Licht- und Tontechnik:                           Hannes Witte, Paul Harms

Büroorganisation:                                  Sigrid Feldmann
 

 

Förderer, Sponsoren und Unterstützer der OWL Tournee

Gefördert durch:            LAG Soziokultureller Zentren NRW

 durch:  Justizvollzugsanstalt Brackwede

 

Beschreibung Durchführung :

Im Rahmen des EU Bildungsprogramms „ESPRIT“ LEBENSLANGES LERNEN - GRUNDVIG LERNPARTNERSCHAFT treffen sich die Partner aus Italien, Frankreich, Deutschland und Ungarn in den jeweiligen Ländern, um die Theaterarbeit im Gefängnis kennen zu lernen bzw. vorzustellen. Die Idee für das Projekt NOSTALGIA (Sehnsucht) ist im Rahmen dieses EU-Bildungsprogramms entstanden, da wir selbst seit einigen Jahren keine praktische Theaterarbeit mit Gefangenen durchführten. Im Vorfeld fanden Gespräche mit der Gefängnisleitung und der Verwaltung statt in Bezug auf Zeit, Umfang und Machbarkeit der praktischen Theaterarbeit und um bei den Insassen für das Projekt sowohl weibliche als auch männliche Gefangene zu gewinnen. Es nahmen insgesamt 7 Frauen und 7 Männer aus der Justizvollzugsanstalt Brackwede I ab Probenbeginn im September 2010 daran teil. Die Proben fanden 1x wöchentlich jeden Montagabend (17.00 – 18.30 und 18.45 – 20.15 Uhr) alternierend in getrennten Gruppen nach Feierabend statt, da ein großer Teil der Inhaftierten einer regelmäßigen Arbeit nachgingen. Die Teilnehmer verfassten als Grundlage für das Theaterstück eigene Texte und Lieder, die ihre derzeitige Situation, Träume und Wünsche, Sehnsüchte und Ziele wiedergaben und auch als Botschaften an die Welt außerhalb der Gefängnismauern gesendet werden sollten. Anhand dieser Texte entwickelte sich unter der Regie des AlarmTheaters eine Inszenierung, die ihren Höhepunkt in zwei Aufführungen vor den Mithäftlingen, getrennt nach Frauen und Männern und einer öffentlichen Vorstellung vor 120 Schülern und Schülerinnen des 10. Jahrgangs der Johannes -Rau-Schule, einer Hauptschule aus Bielefeld und zwei Schulklassen des Oberstufenkollegs der Universität Bielefeld, sowie Mitgliedern des EU-Projektes aus Italien, Frankreich und Ungarn und der Bielefelder Presse statt. Im Anschluss an die Vorstellung konnten die Zuschauer Fragen an die Akteure und Regie stellen. Sämtliche Vorstellungen können als einen großen Erfolg gewertet werden, zumal die Zeit für gemeinsame Proben nur an acht Tagen möglich war. Die Akteure haben sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in Bezug auf Disziplin und Kooperation äußert konzentriert und engagiert eingebracht, ihre Scheu, vor Anderen aufzutreten überwunden und eine imposante Bühnenshow präsentiert. Das Abstimmen der Termine, die Organisation der Räumlichkeiten und das Aufbauen des Bühnenbildes erforderte unter den nicht alltäglichen Rahmenbedingungen einen hohen Verwaltungs- und Sicherheitsaufwandaufwand, der von den Mitarbeitern des AT und den Bediensteten der JVA geleistet wurde und für den wir sehr dankbar sind.

Fazit

Durch die intensiven Proben und Gespräche hat sich eine enge Verbindung zu den Häftlingen ergeben, die auch über die Projektzeit hinaus durch Briefkontakt und Gespräche weiterhin besteht. Mit Hilfe eines speziell für das Projekt entwickelten Fragebogens wurden die Akteure im Januar 2011 gebeten, ihre Empfindungen, Eindrücke und Kritik mit etwas Abstand zurück zu melden. Die gute Zusammenarbeit und das künstlerische Potential der Frauen und Männer hat uns dazu inspiriert über ein neues bzw. weiterführendes Projekt mit einigen Inhaftierten nachzudenken und es evtl. schon im nächsten Jahr umzusetzen. In einem Nachgespräch mit den Bediensteten der JVA im AlarmTheater im März 2011 wurden die z. T. schwierigen organisatorischen Abläufe thematisiert. Aber auch die ganz persönlichen Eindrücke, die während der Proben- und Aufführungszeit gewonnen wurden, da das Personal die Inhaftierten sonst nur in einem anderen Kontext wahrnehmen. So äußerte sich beispielsweise der Sozialarbeiter: „Es war sehr authentisch, da sind Sehnsüchte angesprochen worden und der Wunsch, sich zu öffnen. Das war ausgesprochen mutig, vor allem bei den Männern. Sie haben uns auch z.T. hinterher ihre Texte gezeigt. Es war für Niemanden mit Gesichtsverlust verbunden.“

Pressestimmen

„…Inhaftierte der Justizvollzugsanstalt Brackwede rühren Zuschauer mit ihrer Inszenierung zu Tränen…“ (Westfalenblatt 16.12.2010

 

„…Die Lieder und Texte haben die Schüler sehr berührt…“ (Neue Westfälische 17.12.2010)

 

 

Nr. 70 Schuhfabrik Ahlen - Jugendliche im Stadtbild – vom Störfaktor zur Wertschätzung

 

Baustein 1: „Die Tafelfreunde“ – Jugendliche bitten zu Tisch

Unter dem Motto „Ahlen isst zusammen“ luden Jugendliche und das Bürgerzentrum Schuhfabrik zum gemeinsamen Essen ein. An einer langen Tafel wurde am Samstag, dem 3. Juli ab 12.00 Uhr gemeinsam gegessen. An 60 Biertischgarnituren, die eine Länge von 120 Metern ergaben und ab der Marienkirche aufgestellt wurden, lockten Spaghetti und Tomatensauce. „Ahlen isst zusammen“ zeigte wie Jugendliche sich positiv im Stadtbild und der Gemeinschaft einbringen, indem sie aktiv an der Entwicklung und Umsetzung dieses besonderen Tages mitgearbeitet haben. Service, Deko, Auf- und Abbau lagen in der Hand der Schülerinnen und Schüler der Overberg Schule. Weitere Jugendliche und junge Erwachsene sorgten für ein kleines Rahmenprogramm mit Musik und der Gestaltung eines Wunschbaumes. Daran wurden die von BesucherInnen auf Zetteln geschriebenen Wünsche von den Jugendlichen angebracht (eine Idee von den Jugendlichen, die in der Türkei weite Verbreitung hat). Junge Menschen als Bereicherung in der Stadt zu sehen und sie mit frischen Ideen als kreatives Potenzial wahrzunehmen, war ein Ziel der Jugendkulturarbeit der Schuhfabrik. Der Projektbaustein sollte auch deutlich machen, was Ahlen an seinen Jugendlichen hat. Leider war es an dem Tag dermaßen heiß, das nur wenige Menschen den Weg in die Stadt fanden und warme Speisen nicht wirklich interessant waren. Trotzdem war die Resonanz bei den beteiligten Jugendlichen und Besuchern sehr positiv. Wichtig war auch die Zusammenarbeit im Vorfeld bei der Planung und Organisation mit den Jugendlichen. Sie wurden in alle Entscheidungsprozesse eingebunden und konnten ihre Vorstellungen mit einbringen. Insgesamt beteiligten 20 Schülerinnen und Schüler im Alter von 15-17 Jahren mit und ohne Migrationsgeschichte an dem Baustein.

 

Baustein 2: „Bewegte Bilder“ – ein Imagefilm von und mit Jugendlichen

Verwaiste Schulhöfe, leere Bushaltehäuschen, kein Nachwuchs für Sport, Musik, Kultur und Arbeit. So könnte auch Ahlen aussehen, wenn die derzeitige demographische Entwicklung rasant zu Ende gedacht wird. Eine Stadt in der kaum noch junge Menschen leben und am gesellschaftlichen Zusammensein teilnehmen. Mit dieser drastischen Fragestellung motivierte und provozierte das Bürgerzentrum junge Menschen dazu ihre Situation darzustellen. Der entstandene Film soll bewusst für Diskussionsstoff sorgen.

Insgesamt engagierten sich 19 Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Migrationswurzeln im Alter von 14-24 Jahren an der Produktion des Kurzfilms. Die TeilnehmerInnen beteiligten sich kreativ, engagiert und zielorientiert an den Arbeitsschritten: Ideenschmiede, Ausarbeitung des Konzepts, Darsteller- und Locationsuche, Organisation und Durchführung der Aufnahme auf dem Schulhof von Schülerinnen und Schülern aus drei Klassen, agieren vor der Kamera, Texte für den Kommentar schreiben und sprechen, Filmschnitte auswählen.

Einer der spannendsten Tage des Bausteins war sicherlich der Dreh auf dem Schulhof der Bodelschwinghschule. Aus den drei angesprochenen Schulen (Bodelschwinghschule, Städtische Realschule und St. Michael Gymnasium) versammelten sich zu einem festgesetzten Zeitpunkt insgesamt 700 Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenhof. Sie führten als gemeinsame Choreographie eine kleine Geste durch und gingen dann wieder sternförmig auseinander. Der professionelle Kameramann wurde auf dem Dach der Schule positioniert und die TeilnehmerInnen übernahmen Einweisungs- und Organisationsfunktionen für den reibungslosen Ablauf. Gerade dieser sehr gut gelungene Aufnahmetag motivierte die beteiligten Jugendlichen, mit verstärktem Engagement weiter an dem Projekt zu arbeiten.

So entstand der Kurzfilm „ohne ist öde“ von und mit jungen Leuten, der mit Witz und Ironie verblüffende Einblicke auf eine „Stadt ohne Jugendliche“ wirft, indem er deutlich macht, wie vielfältig die Ahlener Jugend ist. Spätestens dann wird klar, dass die jungen Menschen eine Bereicherung für die Stadt und das gesellschaftliche Leben darin darstellen.

Die Präsentation des Kurzfilms findet Ende Februar im Bürgerzentrum Schuhfabrik statt. Im Anschluss daran wird der Film zwei Wochen im örtlichen CinemAhlen vor den Nachmittagsvorführungen gezeigt. Auch auf Youtube wird der Film veröffentlicht. Natürlich erhalten die beteiligten drei Schulen und alle TeilnehmerInnen jeweils ein Exemplar.

 

Baustein 3: „Stehende Bilder“– eine Postkartenkampagne

Aus dem vorab beschriebenen Projektbaustein wurden interessante Bilder ausgewählt, um eine weitere Visualisierungs- und Präsentationsmöglichkeit zu nutzen. Mit Unterstützung eines Grafikdesigners wurden Bilder in Postkarten umgearbeitet. Drei Motive wurden von den beteiligten Jugendlichen mit ausgesucht und entworfen. Sie werden den Schulen zu Verfügung gestellt und an Auslegestellen in Ahlen verteilt. An diesem dritten Baustein beteiligten sich vier Teilnehmer des zweiten Bausteins im Alter von 19-22 Jahren.

 

Abschließende Bewertung

Projektziel war es das Image von Jugendlichen in Ahlen zu verbessern und junge Menschen als Bereicherung der Stadt wahrzunehmen, so dass sie als kreatives Potenzial gesehen werden. Das Projekt sollte auch deutlich machen, was eine Stadt an ihren Jugendlichen hat.

Obwohl ein Imagegewinn ohne groß angelegte Evaluierungsmaßnahmen nicht leicht zu messen ist, wurden mit der zu dem Projekt veröffentlichten Presse wichtige Schritte in diese Richtung gegangen. Hier erregte für den 2. Baustein auch die Massenaktion des Drehs mit 700 Statisten besonders große Aufmerksamkeit. Auf der einen Seite wurde das Projekt so bei den beteiligten SchülerInnen und LehrerInnen und auf der anderen Seite in der Öffentlichkeit durch die in lokalen Zeitungen erschienenen großen Artikel bekannt.

Sicher werden die Präsentation des Films und der Postkarten (die ja auch auf den Film hinweisen), die zweiwöchige Ausstrahlung im Kino und die Veröffentlichungen im Internet auf Youtube, den Seiten der Schulen und der Schuhfabrik für weitere Aufmerksamkeit sorgen.

Wir freuen uns nach diesen verschiedenen öffentlichen Präsentationen auf hoffentlich zahlreiche Kommentare von Jugendlichen und Erwachsenen. Wir wollen sie hören, vielleicht finden wir sie auch im Gästebuch unserer Homepage und werden die Reaktionen sammeln.

 

 

Münster, den 4.8.2011