Bericht über die Projektmittel 2015 der LAG NW

 

Inhalt

1. Gesamtübersicht

2. Darstellung der einzelnen Projekte

 

1. Gesamtübersicht

 

Die LAG NW hat 2015 mit den Mitteln des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen 38 Projekte von 34 Zentren/ Initiativen und KünstlerInnen gefördert.

Es gab insgesamt 83 Anträge von 70 Zentren/ Einrichtungen/Initiativen/KünstlerInnen mit einem Gesamtkostenvolumen von 1.783.996 € und einem Zuschussbedarf von 373.796 €. Der Beirat hat in zwei Sitzungen Ende 2014 und Mitte 2015 und einem Mailverfahren für Nachrücker über die Anträge befunden und die genannten 38 Anträge bewilligt. Diese Ergebnisse wurden auf den jeweiligen LAG NW Tagungen vorgestellt, diskutiert und letztendlich entschieden.

Nach der Abrechnung betrugen die Gesamtausgaben der geförderter Projekte 729.989,27 €. Dabei betrug der Anteil des Landes mit 130.000 € = 17,8 %. Insgesamt wurde 1 Projekt mit 5.000 € und mehr gefördert. 32 Projekte erhielten 3.000 € und mehr und 5 Projekte wurden jeweils mit weniger als 3.000 € aus Landesmitteln finanziert.

Die Leistungen Dritter (vor allen Dingen der Kommunen und andere, teilweise öffentliche Förderungen sowie Eintritte u.a.) betrugen 433.506,42 €, das entspricht 59,39 %. Die Leistungen der Kommunen waren jedoch weit höher, denn sie sind entweder Bestandteil innerhalb einer direkten Kooperation und/oder Bestandteil der Zuschüsse zu den Betriebs- und Programmkosten der jeweiligen Zentren. Auf der anderen Seite sind hier auch Landesmittel enthalten, die von anderen Stellen bewilligt worden sind. Die Eigenleistungen der Träger lagen insgesamt bei 166.483,25 €. Das sind 22,8 %.

Die Gesamtkosten verminderten sich um den Betrag von 7.733,73 €, das entspricht ca. 1,04 % Abweichung vom ursprünglichen Kostenplan.

Grundsätzlich haben die Zentren in allen Kunst- und Kultursparten (Musik, Theater, Literatur, Medien) sowie spartenübergreifende Projekte durchgeführt. Tendenziell sind die Projekte in erster Linie der Stadtteilarbeit, der Kulturpolitik und dem Kinder- und Jugendbereich zuzuordnen.

 

 

2. Darstellung der einzelnen bewilligten und durchgeführten Projekte

 

 

Antrag Nr. 2: Alarm Theater, Bielefeld - MAL GUCKEN; OB ES MICH GIBT

 

Performance mit Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt Bielefeld–Brackwede I und Ensemblemitgliedern des AlarmTheaters sowie Kooperation mit Künstlern aus Bielefeld und OWL

I PERFORMANCE

Im Zukunftslabor MAL GUCKEN, OB ES MICH GIBT ist eine gleichnamige Performance entstanden, die das AlarmTheater als ‚work in progress‘ gemeinsam mit weiblichen und männlichen Inhaftierten des geschlossenen Justizvollzugs der JVA Bielefeld-Brackwede I entwickelt hat. Erstmals standen Akteure „von drinnen und draußen“ gemeinsam auf der Bühne. Unter der pädagogischen und künstlerischen Leitung von Dietlind Budde und Harald Otto Schmid und dem Einsatz von Text, Musik und Video entstand eine kunstübergreifende, von den Akteuren biographisch geprägte Collage, die Fragen nach Würde und Menschlichkeit eines Lebens hinter Gittern stellt. Vor allem aber fand eine Begegnung zwischen Menschen, die eine große Leidens- und Lebenserfahrung haben und Menschen, die Leid und Leben kreativ umsetzen. Es entstand ein Dialog auf Augenhöhe, der Möglichkeiten aufzeigte, diese Erfahrungen zu transformieren und dabei weitere Fragen aufwarf: Wer lernt hier was oder wer hilft hier wem? In der Beantwortung dieser Fragen zeigte sich zum einen die berührende Authentizität der Akteure, zum anderen entstand eine Interaktion mit dem Publikum, das sich fragt: Wie muss die Situation in Gefängnissen sein, um auf ein Leben draußen vorzubereiten?

Im Durchführungszeitraum fanden zunächst wöchentliche Proben in der JVA nach Feierabend der Inhaftierten(montags 17.00 - 20.00 Uhr) und ab Juni mehrfache wöchentliche Proben und Intensiv-Probentage (freitags 10.00 – 17.00 Uhr, samstags 10.00 – 13.00 Uhr) statt.

Die Durchführung des Projekts erforderte unter den nicht alltäglichen Rahmenbedingungen einen hohen Organisations-, Verwaltungs- und Sicherheitsaufwandaufwand.

 

I.1 Aufführungstermine

Premiere: 17.08.2015, 19.00 Uhr vor den männlichen Inhaftierten

Aufführungstermine: 18.08.2015, 19.00 Uhr vor den weiblichen Inhaftierten

19.08.2015, 19.00 Uhr vor öffentlichem Publikum

20.08.2015, 11.00 Uhr vor Schülern und Schülerinnen

(Johannes-Rau-Schule, Laborschule, Berufskolleg TOR 6)

20.08.2015, 19.00 Uhr vor öffentlichem Publikum

jeweils in der Mehrzweckhalle der JVA Bielefeld-Brackwede I mit anschließenden Publikumsgesprächen.

Das Sitzplatzkontingent von 125 war bei allen Vorstellungen belegt.

Die Nachfrage des Publikums war wesentlich größer als das Sitzplatzangebot.

 

I.2 Personal für die Produktion und Aufführung

Regie:                                                 Dietlind Budde, Harald Otto Schmid

Regieassistenz:                                    Paul Rose

Rauminstallation:                                  Rebecca Budde de Cancino

Licht- / Tontechnik:                               Felix Lautenbach

Öffentlichkeitsarbeit:                            Annika Bochnig

Büroorganisation:                                 Sigrid Feldmann/ Louisa Wagener

Planung, Assistenzen u.a.:                   Britta Bornhoeft-Graute, Henrike Knappe, Katrin Reckers

Tanz:                                                  Diego Cancino

Musiker:                                              Marcel Barros, Luka Kleine

Ton:                                                    Bolius Tour Audio

 

II Künstlerkooperationen

An der offenen Lernbegegnung nehmen bisher folgende Künstler teil:

Marie-Pascale Gräbener, Bielefeld - Dipl. Grafik. Design, Bildende Künstlerin, Zeichnerin, Performerin in Playstation Mitglied: Künstlerinnenforum Bielefeld-OWL e.V.

Marcus Beuter, Oerlinghausen - Klangkünstler, elektroakustischer Komponist und Improviser

Mitglied: Cooperativa Neue Musik e.V., Dt. Gesellschaft für elektroakustische Musik

Laureline Koenig, Oerlinghausen - Geschichtenerzählerin, Stimmimprovisatorin

Anna Degenkolb, Bad Salzuflen - Bildende Künstlerin

Mit den beteiligten Künstlern aus Bielefeld und OWL haben verschiedene Treffen stattgefunden. Das AlarmTheater hat dabei den Künstlern entsprechend ihrer künstlerischen Realität verschiedene Fenster der Zusammenarbeit angeboten.

Individuellen Kick-Off-Treffen folgten Proben-Hospitationen und Besuche der Vorstellungen in der JVA. Diese waren und sind eingebettet in Dialoge mit dem AlarmTheater, insbesondere mit den künstlerischen Leitern Dietlind Budde und Harald Otto Schmid.

Am 28. August fand ein erstes gemeinsames Nachtreffen mit den Künstlern im AlarmTheater statt. Im Mittelpunkt standen dabei Reflexion und Austausch über das Projekt sowie erste Aussichten auf die Projektentwicklungen der Künstler für 2016 sowie die Möglichkeiten zur Schaffung von Netzwerken und möglichen Kooperationen in den Jahren 2016 und 2017.

Erste Ideen |Kontakte | Gespräche der Künstler mit Einrichtungen für Menschen in besonderen Lebenssituationen gehen u.a. zu folgenden Einrichtungen:

Familienwelten in Bielefeld

Migrationssensible Hilfen zur Erziehung & Angebote zur Förderung interkultureller Kommunikation (anerkannt als Träger der Freien Jugendhilfe)

Diakonie Herford, Gruppe Regenbogenkids oder Drogenberatung Detmold

Diese sind die Einrichtungen in OWL, die mit Kindern suchterkrankter Eltern arbeiten.

Vlotho – Projekt mit jugendlichen und erwachsenen Migranten über Kooperationspartner der Sprachvermittlung

Am 07. September nehmen die Künstler am zweiten Nachtreffen des AlarmTheaters in der JVA mit den inhaftierten Akteuren teil.

Das AlarmTheater wird zusätzliche Fenster der Praxiserfahrung für die Künstler öffnen: In weiteren Projekten des AlarmTheaters in 2015 können die Künstler andere Momente mit marginalisierten Personen erfahren.

Die geschlossene Justizvollzugsanstalt ist ein spezieller und nicht alltäglicher Ort. Die Künstler waren und sind sehr im Respekt gegenüber den Menschen in der JVA.

Sie haben zu unterschiedlichen Zeiten und Zeiteinheiten – abhängig von ihren Verpflichtungen – an den Proben und Vorstellungen teilgenommen und dabei die Licht- und Schattenseiten der Entstehungsprozesse des Projekts, zu denen Probleme und Auseinandersetzungen mit den Akteuren gehören, erlebt.

Die erste Auswertung unserer Erfahrungen legen den Rückschluss nahe, dass die Transferleistungen entgegen unserer ursprünglichen Annahme und Planung (von der Theorie zur Praxis) umgekehrt erfolgen:

über Arbeitsassistenzen der Künstler von der Praxis in die Theorie.

Das AlarmTheater hat den Künstlern(außen und im AT) den vielfältigen Prozess der eigenen Arbeitsweise gezeigt und bietet in der Begleitung auch weitere Arbeitsassistenzen an.

 

Die Rückmeldungen der Künstler gehen dahin, dass sie angetan sind von der aufrichtigen und ernsthaften Arbeitsweise, der Ehrlichkeit des Umgangs miteinander und dem Erlebnis einer Sinnhaftigkeit. Im Mittelpunkt steht nicht der Austausch über die ästhetischen Mittel der Künstler, sondern die Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit für die beteiligten Menschen.

 

III Zwischenfazit

Es konnten im ersten Jahr folgende Ziele umgesetzt werden:

- Sensibilisierung von Künstlerinnen, Künstlern und Publikum in OWL für sog. ‚Schattenbereiche‘, Menschen am Rande der Gesellschaft‘

- Ermutigung von Künstlerinnen und Künstlern mit Randgruppen zu arbeiten. Die Künstler entwickeln eigene Projekte.

- Initiierung einer Lern- und Entwicklungskultur der beteiligten Künstlerinnen und Künstler an ihren Orten der Region OWL durch Beteiligung, Begleitung und Dialog

- Anregung zu gesellschaftspolitischen Diskussionen bis hin zu menschlicher Aufrüttelung

wurden bei Künstlern, Publikum und Mitarbeitern in der JVA mit dieser authentischen und berührenden Theaterperformance erreicht und führen zu nachhaltig wirkenden Eindrücken, Gesprächen und Reflexionen.

Damit ermöglicht dieses qualitativ hochwertige Theaterprojekt der Gesellschaft einen anderen Blick auf Menschen am Rande unserer Gesellschaft. Das Projekt MAL GUCKEN, OB ES MICH GIBT ist ein positiver Multiplikator für sozial verantwortliches Handeln.

Im Ausblick des Kompetenz-Transfers und der Profilierung für 2015, 2016 und 2017 stehen:

Entwicklung von Inhalten und Formaten zur Begleitung einer Lern- und Entwicklungskultur

Möglichkeiten von Kunst im sozialen Raum als Initiative und Networking in OWL, die am runden Tisch gemeinsam entwickelt werden. Die Arbeit des AlarmTheaters basiert auf Vertrauen. Vertrauensprozesse brauchen Zeit.

 

 

Antrag Nr. 4: Bahnhof Langendreer Afrikafest Akwaaba / Gasandji & Moh! Kouyaté

 

Der Bahnhof Langendreer veranstaltet zweijährlich das Festival Ruhr International an der Jahrhunderthalle, ein globales Fest der Begegnung mit Musik, Theater, Kabarett, Kleinkunst, Literatur, Kinder- und Jugendprogramm, Diskussionen. Aus dem Veranstalterkreis entstand die Idee, in den Zwischenjahren ein kleineres Festival mit dem Schwerpunkt „Afrika“ zu etablieren, um längerfristig zu einem einjährigen Festivalrhythmus zu gelangen. Zum Start wollten wir in 2015 ein eintägiges Fest im Bahnhof Langendreer mit Konzerten, Kabarett, Film, Kinderprogramm, Informations- und Diskussionsveranstaltungen durchführen. In vielen Ländern Afrikas fokussieren sich Probleme von Armut, Gewalt und Krieg. Dieses sind Hauptursachen von Flucht und Migration innerhalb Afrikas und nach Europa. Gleichzeitig existieren in vielen Ländern Afrikas moderne Kunst- und Kulturszenen, die traditionelle kulturelle Einflüsse mit aktuellen Entwicklungen verbinden. Beide Seiten sollten beim Festival thematisiert werden.

Im Juni 2015 verhängte die Stadt Bochum überraschend eine Haushaltssperre und eine vorläufige Mittelfreigabe von lediglich 70 %. Projektmittel wurden keine mehr ausgezahlt. Somit wurde auch der avisierte Zuschuss der Stadt zum geplanten Afrikafest gestrichen. Aufgrund dieser finanziellen Situation hat der Bahnhof Langendreer entschieden, das Afrikafest nicht wie geplant stattfinden zu lassen, obwohl bereits die gesamte Werbung beauftragt war (Plakat in der Anlage). Da der Bahnhof aber bereits Verträge mit den Künstlern Gasandji und Moh! Kouyaté geschlossen hatte, wurde entschieden, dieses Doppelkonzert durchzuführen. Dieses Vorgehen wurde auf der 2. Sitzung des Beirates 2015 vorgestellt und so gebilligt.

Das Konzert am 15.8. war gut besucht und vor allem musikalisch ein voller Erfolg. Wir hoffen, dass es uns in 2017 gelingen wird, einen neuen Anlauf zu einem Afrikafest zur Etablierung eines einjährigen Festivalrhythmus für Ruhr International zu unternehmen.

 

 

Antrag Nr. 6: Brotfabrik, Bonn-Beuel - „Nicht warten, Tee trinken“ - ein Kulturprojekt für Kinder und Jugendliche aus Syrien

 

Entstand als Projektidee beim sommerlichen „Kunst ohne Strom“-open-air-Programm im Bonner Stadtteil Dransdorf, wo wir, d.h. die Brotfabrik Bühne, die Jugendkunstschule arte-fact und Bonner Künstler/innen seit drei Jahren soziokulturelle Basis-Arbeit in einem ansonsten kulturell nicht „versorgten“ Ortsteil leisten. Neben dem kostenlos-und-draußen-Sommer-Programm organisieren wir gemeinsam mit dem Stadtteilverein seit Mitte 2014 regelmäßige Kinder-Theateraufführungen. Hier bekamen wir auch die Informationen über die nicht weit davon entfernte zweite Bonner Unterkunft für syrische Flüchtlinge in fußläufiger Nachbarschaft zur „Grünen Spielstadt“ (unserem Sommer-Aufführungsort) und dem Stadtteilverein.

Da der Zugang zu den Geflüchteten nicht ohne weiteres möglich ist – aus nachvollziehbaren Gründen sind die Unterkünfte nur nach Absprache zugänglich – ging der erste Weg der Projektentwicklung über die städtischen Ämter. Wir erfuhren schnell, dass es keine zentrale Anlaufstelle gibt, sondern dass viele Dienststellen viele Kompetenzen unter sich aufteilen – das kostete immens Zeit. Schließlich kam die Auskunft bzw. Bitte der Integrationsbeauftragten, unseren Fokus statt auf Dransdorf (wo bereits viele Angebote für Geflüchtete stattfänden) auf den Stadtteil Duisdorf zu legen. Dort seien zwei Unterkünfte mit Flüchtlingen aus Balkanstaaten „nicht versorgt“. Nach zwei Ortsterminen mit Kultur- und Sozialamtsvertretern entwickelten wir einen Arbeitsplan für diese beiden Heime, der auf dem ursprünglichen Konzept für Dransdorf aufbaute. Konkreter Projektstart war dann im August nach wochenlangen Verhandlungen über den Kooperations- und Nutzungsvertrag, v.a. über Haftungsfragen.

 

Vorgesehen waren offene, niedrigschwellige, regelmäßige Angebote, geplant ein wöchentlicher Termin (ca. 90 Minuten) jeweils für Kinder im Grundschulalter und von 10 – 14 Jahren zunächst für einen Zeitraum von ½ Jahr. Wir gingen davon aus, dass Übersetzer während der Zeit anwesend sind, die Angebote selber sollten aber möglichst ohne Sprache funktionieren, d.h. im Mittelpunkt standen Zeichnen/Malen und Musik/Rhythmus. Von städtischer Seite war die Unterstützung durch Jugendpfleger vorgesehen, die aber bis Projektende nicht eingestellt waren. Da aber die meistens Kinder gut Deutsch sprachen, gab es keine Verständigungsprobleme.

Die Angebote sollten zunächst so niedrigschwellig wie möglich sein und auf der Ebene der nonverbalen Kommunikation funktionieren. Um allen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich dort zu beteiligen und ihnen so nach ihrer wahrscheinlich traumatischen Erfahrung von Flucht und Verfolgung und der belastenden Wohnsituation eine Normalität im Alltag anzubieten.

Alle Künstler sollten auf jeden Fall Erfahrung in der Arbeit mit Kindern in sozial schwierigen Zusammenhängen haben. Hilfreich war dabei der Pool von Musikern, bildenden u.a. Künstlern aus den drei Jahren von „Kunst ohne Strom“, von denen viele selbst hier im Exil leben.

Die beiden Unterkünfte unterschieden sich sehr in der Zusammensetzung ihrer Bewohner: Hüttenweg: dort leben viele Familien mit kleinen Kindern, Alter Heerweg: viele Einzelpersonen, nur wenige Kinder

Den Projekt-Aushang mit den Infos zu Zeiten und Inhalten hat niemand wirklich wahrgenommen, so sprechen wir die Bewohner direkt an - sie sind sehr offen und interessiert und es entsteht schnell Kontakt.

 

Als Einstieg bringen wir Fahnenstoffe mit und kleiden mit Hilfe der Bewohner die Bäume auf dem Grundstück in bunte „Kleider“, die Bewohner sehen nun dass hier etwas passiert und sprechen uns darauf an. Die Kinder im Hüttenweg erwarten uns schon nach dem 2. Mal und geben sich untereinander Bescheid wenn wir da sind.

Wir arbeiten zunächst draußen. Es wird gemalt und gezeichnet. Immer wieder taucht die Deutschlandfahne als Motiv auf und die jew. Flagge des eigenen Landes (Albanien, Armenien, Serbien u.a.). Im Heerweg sind auch Jugendliche und Erwachsene interessiert, hier regen wir das Zeichnen von konkreten Motiven an.

 

In den Herbstferien können wir die Räume der nahe gelegenen Johannisgemeinde nutzen.

Wir holen die Kinder aus dem Hüttenweg jeden Tag ab und bringen sie wieder zurück, da sie alleine nicht gehen dürfen. Aus dem Alten Heerweg unterstützt uns ein junger Mann aus Ägypten - er bringt vier syrische Geschwister mit, für die er nun als „Dolmetscher“ fungiert. Die drei Mädchen aus Burundi, die bisher immer beim Projekt dabei waren, wohnen plötzlich nicht mehr im Alten Heerweg, und ein kleiner Junge von dort traut sich nicht alleine mitzugehen.

Wir gestalten kleine Kulissen aus Umzugskartons (Häuser und Landschaften) und Masken für den letzten Tag, an dem eine Schauspielerin mit den Kindern arbeitet.

Die Kinder sind drinnen viel wilder, die Älteren tragen untereinander heftige Machtkämpfe aus. Hier spiegelte sich deutlich der Stress der Flucht, die enge Wohnsituation und Unruhe in den Einrichtungen, der die Kinder in den Ferien im Besonderen ausgesetzt sind. Insgesamt kann man aber auf ein positives Projekt schauen, da „Türen“ geöffnet wurden und ein vertrauensvoller Kontakt zwischen Dozenten und Kindern entstand, auf dessen Ebene man gut arbeiten konnte.

Neben den offenen Ateliers sind für das Folgeprojekt Ausstellungen, Theater-, Musik-, und Tanzaufführungen und gemeinsame Projekte mit anderen Kindern geplant. Arbeits- und ggf. Präsentationsort ist der noch zu errichtende „Spielecontainer“, später auch die Grünanlagen rund um die Unterkunft, und ab Sommer die „Grüne Spielstadt“ mit ihren Gemeinschaftsgärten. Nach unseren Erfahrungen aus „Kunst ohne Strom“ kann auch die Verbindung von künstlerischem Arbeiten und Gärtnern eine Rolle spielen, auch weil wir uns hier Anknüpfungspunkte für die Kinder und Jugendlichen aus ihrer Heimat erwarten.

Nachtrag: für einen begrenzen Zeitraum im ersten Halbjahr 2016 hat die Stadt Bonn die Projektkosten übernommen, auch für das zusätzlich Projekt in der Gemeinschaftshauptschule Bonn-Pennenfeld, wo in Förderklassen gearbeitet wird.

Projektveranwortlich: Brotfabrik Bühne gGmbH, Jürgen Becker, Kreuzstr. 16, 53225 Bonn

in Zusammenarbeit mit der Jugendkunstschule arte-fact Bonn, dem Stadtteilverein Bonn-Dransdorf e.V. und der Stadt Bonn

 

 

Antrag Nr. 7 Platzhirsch Festival der Artenvielfalt 2015, Duisburg

 

Termin: 14. Bis 16. August 2015

Veranstalter: Kultursprung e.V.

Kernteam Platzhirsch Orga/Planung:

Musik/Booking:            Sebastian Schwenk, Sascha Bertoncin, Thorsten Töpp, Tim Isfort

Non-Musik: Elisabeth Höller, Josef Tobias, Klaus Brüggenwerth, Luise Hoyer, Wolfram Lakaszus

Festival/Platz Orga:      René Wolf, Sebastian Schwenk

Förderwesen:    Luise Hoyer, Wolfram Lakaszus

Workshoporga: Luise Hoyer, Wolfram Lakaszus

ÖA, Internet etc: Sascha Bertoncin, Wolfram Lakaszus

Finanzen/Technik: Stefan Höhnerbach

 

Das zum dritten Mal ehrenamtlich organisierte und durchgeführte Festival fand an 22 Locations rund um den Dellplatz statt, die 3 Tage lang parallel bespielt wurden. Es gab über 120 Veranstaltungen aus den Sparten Musik, Theater, Tanz, Kunst, Literatur - teilweise spartenübergreifende Projekte – und ein eigenes Programm für Kinder. Beteiligt waren mehrere hundert Künstler und Künstlerinnen verschiedener Sparten und weit über 100 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zusätzlich zum Planungsteam. Gemäß der Zielsetzung des Festivals wurden erneut ungewöhnliche Spielorte mit teilweise unerwarteten Inhalten bespielt, in der Absicht, Überraschungen möglich zu machen und Gäste in für sie ungewohnte „Kultursituationen“ zu locken.

Die große Rundbühne auf dem Dellplatz, das Literatur- und Kunstprogramm und die Veranstaltungen für Kinder waren für alle frei ohne Tagesticket oder Festivalbändchen zugänglich.

Das Musikprogramm bildete wie jedes Jahr den größten Anteil am Platzhirsch und setzte sich aus Beiträgen unterschiedlichster Musikrichtungen zusammen.

 

Ein Beispiel für eines der außergewöhnlichen Projekte hierbei:

Das Tieftonsymposium – hierbei präsentierten 20 Musikerinnen und Musiker in der St. Joseph Kirche auf dem Dellplatz ihre ausschließlich tieftönenden Instrumente in verschiedenen musikalischen Besetzungen oder solo dem interessierten Publikum und beantworteten Fragen zu Klangerzeugung, Klangspektrum, Historie und Bau. Am Abend spielten die beteiligten MusikerInnen ein gemeinsames Konzert mit speziell für ausschließlich tieftönende Instrumente bearbeiteten Arrangements und eigens dafür komponierten Stücken.

Beteiligt am Tiefton-Symposium war ebenfalls das von Schülerinnen und Schülern der Globus Gesamtschule in einem vorgelagerten Workshop selbst gebaute Tubulum, ein aus Sanitärröhren gebautes und mit Flip Flops gespieltes Perkussionsinstrument.

Auch in Projekten anderer Sparten wurde die Vorgehensweise, mit vorhergehenden Workshops möglichst viele unterschiedliche Menschen an der Festivalgestaltung zu beteiligen, intensiviert.

Herausragendes und ungewöhnlichstes Beispiel war im Bereich Theater 2015 das Projekt „Tense in Sense“ der Theaterwissenschaftlerin Karolina Zernyte aus Vilnius, die mit ihrem Team eine Woche vor Beginn des Festivals anreiste und mit sehbehinderten, blinden und sehenden Menschen (mit verbundenen Augen) ein Theaterstück für alle Sinne – außer dem Sehsinn – entwickelte. Öffentliche Generalprobe und Aufführung dieses Stückes fanden im Lehmbruck Museum statt und waren eines der unbestrittenen Highlights des Platzhirschen. Das Projekt ermöglichte gleichzeitig die Mitarbeit an einem sehr außergewöhnlichen Vorhaben und die Chance zu völlig anderer und ungewohnter Wahrnehmung der Umwelt.

Für den Bereich Tanz sei die Performance von Adriana Kocijan „Es bleibt vielleicht am Abhang die Nacht“ besonders erwähnt, eine dem Butoh verwandte Bewegung über eine Spielfläche aus Glasscherben und im Kirchenschiff als Aufführungsort ein überraschendes bis verstörendes Experiment mit großem Nachhall.

 

Bildende Kunst spiegelte 2015 beim Platzhirsch ebenfalls den ihr eigenen Facettenreichtum – auch mit außergewöhnlicher Präsentationsform: Erstmals gab es eine Vernissageralley, die – ähnlich einer Kaffeefahrt durch die Ausstellungsorte – in zügiger Geschwindigkeit und anregender Begleitung durch einen großen Teil der bildenden Kunst des Festivals führte – die Chance zu intensivem und konzentriertem Kunstgenuss mit fachlicher Information.

Auch in der Bildenden Kunst gab es einige Möglichkeiten der Mitwirkung. Ein Beispiel: Der Schilderwald der Artenvielfalt. Kinder und Erwachsenen mit und ohne Behinderungen malten die Artenvielfalt wie sie sie sehen auf nachgebildete Verkehrsschilder aus Holz – hierbei gab es nur Gebote und Wunschschilder, keine Verbote. Der Schilderwald war Teil der Platzdeko des Festivals.

Spartenübergreifendes hin zur Literatur auch hier: Die Veranstaltung mit Franz-Joseph van der Grinten ermöglichte einen Einblick in die Werke des Zeichners, Druckgrafikers, Malers und langjährigen Kurators und Museumsleiters. In seiner Ausstellung im Künstler- und Atelierhaus Goldstrasse las van der Grinten dazu noch aus seinem 2013 erschienenen Gedichtband.

Neben den Mitmachangeboten für Kinder auf dem Platz aus dem Kinderprogramm hier ein besonderer Hinweis auf die 2015 begonnene Reihe mit Kinderhörspielen des Deutschlandradios Kultur, die die Kinder in einer gemütlichen Kuschelecke anhören konnten und die diesmal besonders die Hörspielmusik des Duisburger Komponisten und Musikers Wolfgang van Ackeren vorstellte. Ein weiteres Highlight: Artie, der Artomat – entstanden in einem Workshop von Jugend trifft Kunst im Lehmbruck Museum. Ein Automat, mit dem über Bildschirm und Tastatur kommuniziert werden kann und der dann Kunst auspuckt...

 

Kennzeichnend für den Geist des Platzhirsch Festivals ist vielleicht am meisten „Harry, der Frühstücksmob“, ein riesiges, gemeinsames Mitbring-Frühstücks-Picknick auf dem Dellplatz am Sonntag Vormittag. Das Frühstück ist der Auftakt zum Platzhirsch Familientag auf dem Dellplatz, bei dem auch musikalisch speziell die Interessen von Kindern berücksichtigt werden. Leider hat es 2015 dabei geregnet – ein schöner Beweis für die erfolgreiche Idee, die hinter diesem Festival von BürgerInnen für BürgerInnen steckt: Der Harrymob fand trotzdem gut gelaunt statt – statt unter strahlender Sonne sehr lustig unter schnell zusammengeschobenen Zelten.

Fazit:

Dies kann nur ein kleiner Einblick in den Artenreichtum des Festivals sein. Auch 2015 war das Platzhirsch Festival der Artenvielfalt erneut ein überzeugender Beweis für die Power und Vielfalt der Duisburger Freien Szene, für ihre gute Vernetzung regional, überregional und im Ausland. Das Festival wurde wie schon in den beiden vorangegangenen Jahren begeistert aufgenommen, die Organisatoren von beteiligten KünstlerInnen als „entspannteste Orga ever“ gelobt.

Möglich ist ein so umfangreiches Unterfangen nur durch den Einsatz sehr vieler ehrenamtlich tätiger Menschen in allen Bereichen (Wert der geleisteten ehrenamtlichen Arbeit pro Jahr zwischen 50.000 und 60.000 Euro) sowie durch das Engagement von Gastronomie, Kirche, Schulen, Kindergärten und anderen Bildungs- und Betreuungsinstitutionen sowie vieler KünstlerInnen. Die Finanzierung wäre nicht möglich ohne die Hilfe wohlgesonnener Sponsoren und ohne Förderung aus unterschiedlichen öffentlichen Töpfen. Ein Festival dieser Größenordnung zu etablieren benötigt mindestens fünf erfolgreiche Jahre. Wir hoffen, diese Phase zu überstehen und dieses wunderbare Projekt in Zukunft ein wenig weiter abseits vom Rande des finanziellen Absturzes steuern zu können. Das Projekt tut Duisburg gut.

 

 

10) Poesie Pamela Granderath  Poesie auf Reisen!

1. Kurzbeschreibung

Poesie auf Reisen ist und war ein gemeinsames Projekt der Poetry Slam Szene NRW. Mit diesem Projekt wollten wir die Vielfalt von Literatur und den Akteuren sichtbar machen und an WerkstattteilnehmerInnen und BesucherInnen vermitteln. Ausgewählte Poeten und Poetinnen aus NRW sollten 10 Tage durch das Bundesland NRW eine Reise machen – mit Stationen in Münster, Düsseldorf, Köln, Aachen und Siegen.

Die unterschiedlichen Methoden der Literaturvermittlung sowie der Austausch der Autoren sollten in diesem Projekt diskutiert und ausgetauscht werden. Wie kann diese Form der Bühnenliteratur effektiv an junge Menschen vermittelt werden? Welche Stilmittel, welche Arbeitsformen haben sich als zielführend erwiesen und wie können potenzielle WerkstattleiterInnen geschult und ausgebildet werden?

 

2. Projektumsetzung

In NRW gibt es die meisten Poetry Slam Veranstaltungen im Vergleich zum deutschsprachigen Raum. Es gibt über 100 Poetinnen und Poeten, die regelmäßig auf den Bühnen unterwegs sind. Der Treff beim Poetry Slam hinter der Bühne bietet oft Möglichkeiten sich über Texte, Bühnenerfahrungen, Veranstaltungen und Werkstätten zu unterhalten, allerdings reicht die Zeit nicht für intensive Gespräche. Vieles wird angerissen, aber nicht konkret und zielorientiert weiter besprochen. Poesie auf Reisen! soll ein Forum bieten, um länger über Texte und Verfahren zu sprechen. Werkstätten sollen weiterentwickelt werden, Lehrpersonal und Veranstalter miteinbezogen werden. Die Poesiereise wurde auf Grund der fehlenden Finanzierung gekürzt, so konnten auch nicht alle Termine und Planungen so umgesetzt werden wie es zu Beginn geplant wurde. Die Städte Aachen und Siegen wurden ausgelassen, da es mit den örtlichen Veranstaltern und Schulen immer wieder zu Terminverzögerungen gekommen ist.

 

2.1 Werkstätten in Schulen

Es wurde Kontakt zu den Schulen aufgenommen. In Münster hatte eine Schule großes  Interesse an den Werkstätten, so dass hier die Slam Poetinnen und Poeten in die Schulen mit einer Aufführung und einem Workshop durchführen konnten. In Düsseldorf wurden die Slam Poetinnen und Poeten auf mehrere Tage aufgeteilt, so dass hier der Austausch nicht so durchgeführt werden konnte wie geplant.

D.h. der angedachte Austausch konnte nicht im direkten verfahren, sondern musste durch Interviews und Emailaustausch organisiert werden. Hier wurden auch die unterschiedlichen Arbeiten der Einrichtungen (Andreas Weber für das Cuba, Christine Brinkmann für das zakk) festgestellt. Schule ist nicht gleich Schule und langjährige Kooperationen werden selbstverständlich anders gepflegt.

 

3. Ziele des Projektes

Einige Ziele des Projektes konnten erreicht werden. Der Austausch, die Kommunikation unter den Poetinnen und Poeten, gerade im Bereich der Werkstätten wurde erweitert und ein Austausch und Erfahrungen über Werkstätten konnte umgesetzt werden. Arbeiten mit den Schulen konnte diskutiert und erlebt werden. Problemstellungen gerade in Kooperation mit Schulen wurden festgehalten. Es wurde festgestellt, dass ein Kulturzentrum als Partner eine wichtige Institution ist. Denn die Partnerstädte ohne Kulturzentrum hatten es sehr schwer auf dem Gebiet. Das Lehrer*innenkollegium hat mit einigen Kulturzentren „feste“  Partnerschaften.

Die Idee des Projektes sollte noch mal diskutiert und strukturiert werden. Hier bietet es sich an eine feste Projektleitung zu installieren, die mit den Partnerstädten und mit Schulen in regelmäßigen Kontakt ist. Da das Projekt aber von vielen freien Künstler*innen organisiert wurde, musste hier festgestellt werden, dass es schwierig ist, Treffen zu organisieren und einen stetigen Austausch zu gewährleisten.

 

Antrag Nr. 12: zakk GmbH, Düsseldorf - RapLab – Beats & Bilder aus deinem Block

 

Das intermediale Stadtteilprojekt RapLab wurde vom zakk in Kooperation mit dem FilmClub der Filmwerkstatt Düsseldorf in dem Zeitraum vom 31. August bis zum 17. Oktober 2015 organisiert.

Das aus einem HipHop- und einem Videoworkshop bestehende Projekt lud Jugendliche mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zwischen 16 und 25 Jahren dazu ein, mithilfe von Videos und HipHop-Songs Düsseldorfer Stadtteile, die sonst nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen, aus ihrem eigenen Blickwinkel darzustellen und so ihren Interessen und Bedürfnissen in der Stadt Gehör zu verschaffen.

In den mehrtägigen Workshops befassten sich die Teilnehmer*innen mit Fragen wie: "Was sollte sich in meinem Stadtteil ändern, was muss bleiben? Warum sind manche Stadtteile mehr im öffentlichen Fokus als andere und wie kann man das ändern? Welche Interessen bestimmen die Entwicklung in den Stadtteilen und welche bleiben unberücksichtigt? Wie ist es möglich, sich in diese Entwicklungsprozesse einzumischen?"

Der HipHop-Workshop wurde von der Düsseldorfer Gruppe Mental Movement (MM), bestehend aus MC Mars One (Onur Kepenek), MC Busy Beast (Ugur Kepenek) und DJ LKWD (Timo Ziegert), künstlerisch angeleitet. Nils Kemmerling & Christina Karababa leiteten den Videoworkshop in der Düsseldorfer Filmwerkstatt.

Das Projekt brachte Jugendliche dazu, sich mithilfe unterschiedlicher Medien künstlerisch mit

ihrem Lebensumfeld auseinander zu setzen. Mit dem Fokus auf weniger bekannte Stadteile von Düsseldorf neben Kö, Altstadt und Oberkassel ist das Projekt eine Reaktion auf eine zunehmend von wirtschaftlichen Interessen geprägte Stadtentwicklung, die immer mehr Menschen v. a. die Jüngeren mit ihren Interessen unberücksichtigt lässt.

Beide Workshops (Video und HipHop) liefen unabhängig voneinander. Die entstandenen Videos und HipHop-Songs wurden erst in der Abschlussveranstaltung am 17. Oktober in der Halle des zakk vor rund 400 Besucher*innen auf der Bühne und auf fünf in der Halle installierten Leinwänden zusammengebracht.

 

Zielgruppe

Die gesamte Gruppe bestand aus 24 Teilnehmenden zwischen 16 und 25 Jahren von denen ein Teil eine Zuwanderungsgeschichte bzw. Fluchtgeschichte hat. Von den 24 Teilnehmenden nahmen 7 am Videoworkshop und 17 am HipHop-Workshop teil. Ersterer fand im Rahmen des Jungen Filmclubs der Filmwerkstatt statt, wodurch teilweise auf eine bereits bestehende Gruppe zurückgegriffen werden konnte, aber auch 2 neue Teilnehmer*innen dazu gewonnen werden konnten. Durch die verschiedenen Akquirierungswege (zakk-Netzwerk, Werbung im öffentlichen Raum und in den kooperierenden Jugendeinrichtungen in Eller, Rath, Oberbilk und Flingern-Süd) aber vor allem auch durch die Verbindung zweier Medien in einem Projekt konnte eine hinsichtlich sozialer Herkunft und Interessenschwerpunkten sehr heterogene Gruppenzusammensetzung gewährleistet werden.

 

Zeitraum und Ablauf

Der HipHop-Workshop startete am 31. August 2015. Zum Kennenlernen und um von vorneherein

den Zusammenhalt innerhalb der gesamten Gruppe zu stärken, wurden alle Teilnehmer*innen zu

Beginn ins zakk eingeladen. Inhalt und Ablauf des Workshops wurden erläutert. MM gab Inputs

zur Geschichte des HipHop, schilderten ihren eigenen Werdegang sowie Techniken und

Stylrichtungen im HipHop. Am Tag darauf begann die Workshopphase, in der sich die

Teilnehmenden auf die vier Stadtteile aufteilten. In den darauf folgenden zwei Wochen gab es pro

Stadtteil in den o. g. Jugendfreizeiteinrichtungen jeweils vier Workshoptage (im Wechsel immer in

zwei Stadtteilen gleichzeitig von 16 bis 19 Uhr), in denen die vier Gruppen aus 3-5 Leuten einen

oder mehrere Song-Texte zu ihren Stadtteilen schrieben. Die Gruppen wurden jeweils von einem

der MCs von MM künstlerisch angeleitet und von einem/einer zakk-Mitarbeiter/in betreut.

An diesen vier Tagen wurden Reim- und Erzähltechniken sowie das Arrangement eines Beats und

dann eines ganzen HipHop-Tracks von Grund auf erläutert. In lockerer Atmosphäre wurden

Hörbeispiele vorgestellt, inhaltlich diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht, gemeinsam gerappt aber

auch konzentriert in Ruhe an den eigenen Passagen oder Texten gearbeitet. Am Ende jedes

Workshoptages wurden am Mikrofon die neuen Zeilen ausprobiert und Stück für Stück zu einem

gesamten Track aus mehreren Strophen, Refrain und Hookline zusammengesetzt. Jede

Stadtteilgruppe entwickelte so mindestens einen Track, in denen auf ganz unterschiedliche Weise

die Stadtteile, ihre Vorzüge und Nachteile aus Sicht der Jugendlichen thematisiert wurden.

Drei Wochen später, in den Herbstferien, folgte der zweite Teil des Workshops. Alle

Teilnehmer*innen trafen sich hierfür eine Woche lang, täglich von 10 bis 16 Uhr im zakk, vor allem

um die geschriebenen Tracks zu proben. Darüber hinaus wurden auch neue Texte in neuen

Zusammensetzungen geschrieben, mit Beats unterlegt und eingeübt. Insgesamt entstanden im

gesamten Projekt 14 HipHop-Tracks. DJ LKWD kümmerte sich mit den Teilnehmenden gemeinsam

um die Fertigstellung der Beats und fertigte Aufnahmen von den Stadtteilstracks an. Außerdem

wurde in dieser Woche ein erstes Zusammentreffen zwischen der Video- und der HipHop-Gruppe

organisiert, in den beiden Gruppen einen Einblick in die Arbeit der anderen bekamen. In einer

Gesprächsrunde hatten alle die Gelegenheit, Fragen zu den unterschiedlichen Herangehensweisen

zu stellen, die auch sehr rege genutzt wurde.

Ein Tag vor der Abschlusspräsentation am 17.10.2015 traf sich die HipHop-Gruppe nochmals im

zakk zu einer Generalprobe, in der diesmal auf der Clubbühne über eine große Anlage alle Tracks

in der geplanten Reihenfolge aufgeführt wurden.

 

In den Räumen der Filmwerkstatt Düsseldorf fanden die ersten Treffen des Video-Workshops in

unregelmäßigen Abständen ab Juni 2015 statt und endeten ebenfalls in einer Kompaktwoche in

den Herbstferien. In den ersten Wochen wurden die Teilnehmer*innen auf das Thema und das

Medium Videoinstallation eingestimmt und es wurden Beispiele aus der künstlerischen Praxis

vorgestellt. Es wurden erste videografische „Fingerübungen“ zum Thema und zur Bedienung der

Technik gemacht und eine inhaltliche Konzeption erarbeitet. Schnell war klar, dass die Installation

als 5-Kanal-Videoinstallation großformatig im Raum präsentiert werden soll. Um sich die Wirkung

der Installation im Raum besser vorstellen zu können und die technische Konzeption auf seine

Realisierbarkeit hin einfacher überprüfen zu können, hat die Filmgruppe einen langen

Produktionstag dazu genutzt, ein maßstabgetreues Modell des Installationsorts (die große Halle im

zakk) im Maßstab 1:25 aus Pappe anzufertigen.

 

Mit Fertigstellung des Modells wurde den meisten Teilnehmenden erst richtig bewusst, in welchen

Dimensionen sich die Installation bewegt und mit was für einem großen Aufwand an dieser zu

arbeiten ist.

Ab diesem Punkt wurde die Zeit bis zur Kompaktwoche von den Jugendlichen dazu genutzt

eigenständig Videomaterial entsprechend ihrer thematischen Fragestellung zu sammeln und zu

produzieren. Die Gruppe hat sich immer wieder getroffen und das Material gesichtet, bewertet

und gesichert. Ziel in diesem Produktionsstadium war es, einen möglichst großen Pool an

Videomaterial nach unterschiedlichen Kriterien zu schaffen, aus dem dann in der Kompaktwoche

Inhalte nach dramaturgischen Gesichtspunkten für die Installation ausgewählt werden konnten.

Um noch effizienter zu arbeiten, gab es noch zwei lange Samstagtreffen, in denen die Gruppe

zusammen Videomaterial produziert hat. Hierzu zählen z.B. Straßenporträts in Interviewform mit

Bewohnern aus den unterschiedlichen Stadtteilen.

 

In der Kompaktwoche wurde täglich von 10:00 bis 18:00 gearbeitet und das gesammelte

Videomaterial aufgearbeitet und teilweise auch noch vor Ort produziert. So wurden z.B. von

einigen Rapper*innen Porträts vor Greenscreens gemacht, alte Fotos der Stadteile abgefilmt und

Stadtgeräusche-Sounds für die Vertonung der Installation rausgesucht und geschnitten.

Die Aufbereitung (Auswahl, Schnitt, Farbkorrektur) nahm sehr viel Zeit in Anspruch.

Nachdem alles Videomaterial zur Endsichtung fertig war, wurde analog (mit Papier und

Ausdrucken) eine 8m lange Timeline zur Abfolge und Aufteilung der Bilder auf die fünf Leinwände

angefertigt. Dieser Produktionsschritt diente dazu, gemeinsam mit den Teilnehmer*innen eine

Dramaturgie für die Installation zu bestimmen und diente den leitenden Künstler*innen Christina

Karababa und Nils Kemmerling dazu einen finalen Schnitt der fünf Einzelfilme zu einer Installation

anzufertigen.

Da diese Arbeit sehr komplex und aufwändig ist, haben wir das letzte Zusammenfügen der Filme

und den Aufbau und das Einrichten vor Ort ohne die Teilnehmer*innen durchgeführt.

Am 17.10. fand vor rund 400 Besucher*innen in die Halle des zakk die Abschlusspräsentation statt.

In der ersten Stunde nach dem Einlass wurde die Videoinstallation mit dazugehörigem

Stadtgeräusche-Sound auf fünf großformatigen Leinwänden im Veranstaltungsraum präsentiert.

Den Besuchern und Teilnehmern wurde so ermöglicht, in Ruhe und fokussiert die Installation zu

betrachten und inhaltliche Zusammenhänge einfacher wahrnehmen zu können, bevor die

Rapper*innen in der Installation auftreten und ihre Songs performen. Um 20 Uhr begann dann der

Auftritt der Rapper*innen, die ihre eingeübten Tracks fehlerlos ablieferten. Um mehr Publikum für die Abschlussveranstaltung zu generieren, wurden für den Abend der Abschlusspräsentation

weitere lokale Düsseldorfer Rapper*innen eingeladen. Tice, Epos Crew und Mental Movement

traten im Anschluss an die RapLab- Teilnehmer*innen auf und rundeten den Konzertabend ab. Bei

einer Open Mic Session in der Kneipe des zakk, in der jede(r) ans Mikrofon durfte, wurde dann

noch der gelungene Abschluss des Projekts gemeinsam gefeiert.

 

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Ab Juni 2015 wurde das Projekt öffentlich beworben. Zum einen durch das Auslegen von Flyern in

Einrichtungen aus dem zakk-Netzwerk und Plakatierungen im öffentlichen Raum, zum Anderen

über direkte Ansprachen der Jugendlichen in den Stadtteilen v. a. in den kooperierenden

Jugendeinrichtungen sowie online (zakk-Webseite www.zakk.de/raplab , Facebook

www.facebook.com/RapLabDuesseldorf und auf Youpod – Jugendportal der Stadt Düsseldorf

http://www.youpod.de). Der Illustrator und Künstler Mexer (Max Fiedler) wurde mit dem Design

der Flyer und Plakate beauftragt. Da die Anmeldungen zum Projekt zu Beginn sehr schleppend

liefen, sahen wir uns gezwungen mehr Plakate und Flyer drucken zu lassen und aufzuhängen, als

ursprünglich geplant.

Während der Workshopphase wurden lokale Pressevertreter eingeladen, um über das Projekt zu

berichten. Dadurch sind die folgenden Berichte entstanden:

Der Düsseldorfer Lokalsender Center TV über RapLab:

www.centertv.de/mediathek/musikalischer_workshop/

Die Westdeutsche Zeitung am 08.10.2015 über RapLab: www.wz.de/lokales/duesseldorf/kultur/was-meinen-stadtteil-ausmacht-in-beats-und-bildern-1.2034249

 

Besonders erfreulich war, dass das Bord Magazin von Airberlin über das Projekt berichtet hat und

die Texte teilweise in Comics hat übersetzen lassen:

RapLab-Comic im Magazin von Air Berlin 11/15 (ab Seite 48): http://inklive.

com/emagazines/airberlin/2216/november-2015/#48

Das Magazin lag während des gesamten Monats November in allen AirBerlin Flügen von und nach

Düsseldorf aus.

 

Dokumentation

Sowohl der HipHop- als auch der Videoworkshop wurden durch Fotografien und Filmaufnahmen

dokumentiert, teilweise von Teilnehmer*innen oder dem zakkTeam, meist aber von der

ehrenamtlich tätigen Fotografin Christin Wenger. Katharina Peters erstellte im Auftrag des zakk

zudem eine Kurz-Dokumentation.

 

Fazit

Die Projektinitiatoren wollten mit dem Projekt Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie

künstlerische Fähigkeiten entwickeln und ihre Sicht auf ihr Lebensumfeld darstellen können.

Durch die Thematisierung von Stadtentwicklungsprozessen beispielsweise im Bereich der

Immobilienwirtschaft und der Politik lernten die Teilnehmer*innen sich mit Einflussnahmen auch

auf ihren Stadtteil kritisch auseinanderzusetzen und wurden so ermutigt, sich einzumischen und

Gesellschaft, Kultur und Zukunft mitzugestalten. Durch die intensive künstlerische Betreuung und

den Austausch mit den anderen Teilnehmer*innen, konnten die Jugendlichen ihre künstlerischen

Fähigkeiten ausbauen und Verständnis für die unterschiedlichen Blickwinkel und

Herangehensweisen entwickeln. Als Mittelpunkt des Projektes, welches auch über die

Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregte, und nicht zuletzt durch die Auftrittsmöglichkeit vor

einem großen Publikum erfuhren sie eine hohe Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Besonders durch die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Jugendeinrichtungen und Akteuren

in den Stadtteilen konnten Jugendliche erreicht werden, die bisher nicht ihren Weg ins zakk

fanden. Durch die gemeinsamen, intensiven Arbeitsphasen bauten sie eine Bindung zum Haus auf,

die auch ihre Aufmerksamkeit für andere Kulturformate im zakk und Kultur im Allgemeinen

weckte. Umgekehrt konnten auch die Jugendeinrichtungen ihren Besucher*innenkreis mithilfe des

Projektes erweitern. Als Resultat des Projektes nehmen nun auch einige Teilnehmer*innen an

anderen Werkstätten, wie z. B. der Schreibwerkstatt "Inklucity" teil. Eine Teilnehmerin absolvierte

sogar ein Praktikum in der Veranstaltungstechnik des zakk, ein anderer bewarb sich für eine

Voluntärstelle in der Abteilung für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Die Gruppendynamik im Projekt hat die Erwartungen der Initiatoren sogar noch übertroffen.

Die Begeisterung für HipHop und Video machte das gemeinsame Arbeiten in den Kleingruppen

trotz manchmal sehr unterschiedlicher Charaktere und Altersstufen völlig unproblematisch und

sehr produktiv. Dies zeigte sich auch im Zusammenkommen der gesamten Gruppe, in den sich die

Anerkennung für die Arbeit der anderen Gruppen zeigte und zu einem sehr solidarischen Umgang

unter den Teilnehmenden beitrug. Dies gilt vor allem auch für das Aufeinandertreffen von Video und

HipHop-Gruppe, welches half, vorhandene Vorurteile und Fehlvorstellungen zwischen

Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Milieus abzubauen. In dem Zusammenkommen der

Stadtteilgruppen entfaltete sich eine unerwartete kreative Dynamik, die nicht nur neue HipHop-

Tracks sondern auch neue Freundschaften und HipHop-Gruppen hervorbrachte.

So brachte das Projekt u.a. eine neue zehnköpfige Düsseldorfer HipHop-Gruppe hervor und holte

kreative Köpfe aus ihren Wohnzimmer auf die Bühnen Düsseldorfs. Dies zeigte sich auch schon, als

sich einige der RapLab-Teilnehmer*innen spontan bereit erklärten, ihre Songs oder sogar eigens

dafür geschriebene am 26.10. bei "Beats against Racism" in Düsseldorf-Garath zu performen:

http://g.report-d.de/duesseldorf/Duesseldorf-2015/Beats-Against-Racism---Konzert-in-Garath

Durch die Wiederbelebung des Formats Open Mic Session und dem Zusammenbringen etablierter

Düsseldorfer Rapper*innen am 17.10. im zakk hat das Projekt nicht zuletzt zu einer

Wiederbelebung der gesamten Düsseldorfer HipHop-Szene beigetragen. Für alle Teilnehmenden des Videoworkshops war die Konzeption und Realisation der

Videoinstallation die erste intensive Auseinandersetzung mit diesem Medium. So gut wie kein

Teilnehmender konnte sich vorher etwas unter dem Begriff der „Videoinstallation“ vorstellen. Zu

sehr ist die Wahrnehmung des Mediums Video geprägt durch narrative Erzählformen. Diese

aufzubrechen und einen künstlerisch anderen Blick auf Stadt und Alltag, als weitere Form einer

Ausdrucksmöglichkeit von Jugendlichen, zu provozieren, ist uns hundertprozentig gelungen.

Für eine Teilnehmerin hat sich der Wunsch an der KHM in Köln zu studieren gefestigt und sie

befindet sich aktuell in der Bewerbungsphase. Weitere Teilnehmende produzieren aktuell

vermehrt künstlerische-nicht-narrative Filme und denken und reden ganz anders (und offener!)

über künstlerische Bildgestaltung und Ausdrucksformen.

Für die Kooperationspartner zakk und Filmwerkstatt war es das erste gemeinsame Projekt, was

dazu führte, dass nun auch weitere gemeinsame Projekte durchgeführt werden. Für das Jahr 2016

ist bereits das nächste gemeinsame Projekt "In Bewegung" bewilligt worden.

Darüber hinaus konnte das zakk seine Kontakte in die Stadtteile intensivieren, wovon zurzeit

speziell in Düsseldorf-Rath das Stadtteilprojekt "zakk findet Stadt" profitiert.

 

 

Antrag Nr. 13: Für e. V. Essen - KulturTunnelRuhr

 

EIN PROJEKT DES „NETZWERK-X für Kunst & Soziales – Netzwerk-x.org“

"Böse Zungen und die Alltagserfahrung behaupten, zwischen den Ruhrgebietsstädten wären Lücken. Oder Grenzen. Des Nachts führen keine Bahnen, und tagsüber seien die Autobahnen verstopft. Dabei gibt es eine viel schnellere Form der Fortbewegung durch das Ruhrgebiet: Während es sich durch die alten Stollen aber nur noch schwimmen lässt, haben Künstler­Innen im Ruhrgebiet neue Tunnel gebildet, die ihre Arbeiten miteinander verbinden.

Die Standorte der StadterfinderInnen ohne öffentlichen Auftrag verbinden sich durch das untergründige Walten der NetzwerklerInnen zu einem virtuellen Verkehrsnetz, welches im Projekt Kultur Tunnel Ruhr genutzt werden soll. Der Tunnel ist dabei Symbol der Abkürzung, der Verknüpfung im Untergründigen. Kultur Tunnel Ruhr erforscht die subtilen Beziehungen zwischen Orten, Menschen, Kunsträumen und Kunstformen und greift dabei stets über lokale und weiter noch über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus.

Unsere Großväter erzählten uns noch, wie sie einst in Duisburg unter Tage gingen und in Dortmund wieder auftauchten. Die Arbeiten entstehen stets auch in Auseinandersetzung mit den je konkreten und je sehr spezifischen Arbeitsorten (z.B. Lokal Harmonie, DU; Kunsthallen Rottstraße 5, BO; kitev-Turm, OB), sie untersuchen diese Orte und suchen sie mit ihren (räumlich entfernten) Nachbarorten zu verbinden. Zwischen diesen Orten gibt es keine realen Türen und oft nicht einmal eine direkte Bahnverbindung, statt dessen Stadtgrenzen, die im Konkreten das Ruhrgebiet noch immer mehr prägen als die Idee einer einheitlichen Region oder gar Metropole.

 

Kultur Tunnel Ruhr will – neben und mit der Produktion von drei hochwertigen künstlerischen Produktionen, für die sich KünstlerInnen aus dem Ruhrgebiet mit internationalen Künstler­Innen verbinden und die je in drei verschiedenen Orten/Städten präsentiert werden (= insg. 12 Veröffentlichungen) – einen nachhaltigen Beitrag dafür leisten, diese Grenzen zu überwinden: indem sie zwar nicht aufgelöst werden, aber getunnelt." netzwerk-x.org/kultur-tunnel-ruhr-2015/

Wir, einige Menschen, die sich im Netzwerk X organisiert haben, haben das Projekt „Kultur Tunnel Ruhr“ 2015 erfolgreich und plangemäß durchgeführt. Wie vorgesehen wurden im Projekt Verbindungen zwischen Kulturorten im Ruhrgebiet hergestellt. Mit einer internationalen Künstler*innengruppen entstanden drei in sich geschlossene Performance-Produktionen, die jeweils die Produktionsbedingungen vor Ort reflektierten. Insgesamt besuchten mehr als 600 Personen die Aufführungen. Durch das Projekt wurden die Verbindungen zwischen den Orten langfristig gestärkt und wechselseitige Zugänglichkeit in die jeweiligen Organisationsstrukturen geschaffen. Ebenso bedeutsam, wie der diskursive Prozess zwischen den Orten und den jeweiligen Protagonist*innen, war der künstlerische Prozess, der auf der Webseite netzwerk-x.org/kultur-tunnel-ruhr-2015/ nachzuvollziehen ist.

 

Wir denken, dass die Reflexion der Arbeitsbedingungen und die Popularisierung dieser Reflexionen, sowohl innerhalb der Kunst- und Gesellschaftsarbeiter*innen, als auch in der Öffentlichkeit Grundstein einer progressiven Entwicklung des Arbeitsfelds von Kunst- und Gesellschaft, wie auch der Gesamtgesellschaft ist. Kultur Tunnel Ruhr wurde diesem hohen Anspruch gerecht. Es stellt in seiner Gesamtheit eine solidarische Beziehungsweise dar, wie sie gesamtgesellschaftlich ausgebaut werden sollte. Die progressive und solidarische Logik des Projekts ermöglichte eine sinnvolle und ausschließlich ästhetisch reglementierte Produktionsweise, wie sie für Kunst selbstverständlich sein sollte. Weiterhin verbesserungswürdig bleibt die gesellschaftliche Inklusion künstlerischer und gesellschaftlicher Arbeit und die damit verbundene Bereitstellung entsprechender solidarischer und kollektiv nutzbarer Infrastruktur. Damit einher geht auch eine selbstbewusste Einbringung prozessbezogener, singulärer Produktionserfahrungen gegenüber Institutionen, die sich nicht mehr rechtfertigen können.

 

SICK DANCING PRINCESS IN OBERHAUSEN 05.11.2015

„Aus dem Tunnel schreitet die Sick Dancing Princess in die erlösende Gefangenschaft. Zwischen Masken und inszenierter Selbstüberwindung führt der Weg in den symbolischen Tunnel. Dort bleiben die Verhältnisse außen vor und die Geister erscheinen im Dunkeln hoffnungsvoll.“

Die Performance „Sick Dancing (Oberhausen)“ stellt die 4 Performaer*innen als eine Art Tableaux auf. Joscha Hendrix Ende eröffnet die Inszenierung mit einem aus dem Off gesprochenen Monolog über die Möglichkeiten; über das, was noch zu tun wäre. Ausgehend vom Fensterblick über den Vorplatz des Oberhausener Hauptbahnhofs benennt er, Geschwindigkeit und Intensität stetig steigernd, Ende idealistische und praktische Perspektiven als Modalitäten; als dass was noch getan werden kann, soll, muss. In seiner Stimme spiegelt sich die damit praktisch einhergehende Erschöpfung, der Gesellschaftsarbeiter*innen, wie derer, die den Kitev-Turm errichtet haben. Aus der Erschöpfung wird später Hilflosigkeit und aus dieser aggressiver Wahn, während er den Bühnenraum betritt. Paulina Almeida bittet das Publikum in den Kitev-Turm. Almeida spielt mit Sara Hasenbrink mit dem Interieur, der Infrastruktur des Kitev-Turms. Sie turnen an Stangen und machen Kopfstand im Klo. Der Funktionsraum wird zum Kunstraum, das ästhetische Regime übernimmt. Almeida spricht Forderungen an die Kunst aus, die sozial und inklusiv sein müsse. Ihr Gestus ist voller Überzeugung. Sie spricht aus persönlicher Erfahrung. Julius Gabriel taucht den Raum in Klang.

Hendrix Ende tritt hervor und steigert seine Suada zu der Anklage: „Ist unsere größte Stärke nicht, dass wir uns gegenseitig zur Sau machen können.“ Der solidarische Selbstanspruch, den sich das Netzwerk X als Organisation gibt, wird ins asoziale Gegenteil verkehrt. Die Möglichkeit der freien Kooperation, ist die Möglichkeit sich endlich gegenseitig zu beschimpfen. Noch tragischer als diese Freiheit der Asozialen ist deren Spiegelwelt: Die Welt der Kulturförderung in der niemand die Hand beißt, die ihn füttert. In neo-feudaler Manier können Förderer vor Künstler*innen auflaufen und ihnen Fördermittel gönnen. Die gesellschaftliche Arbeit bleibt, ganz in kapitalistischer Weise, nur möglicherweise nötig, nur dann, wenn sie bezahlt wird und die Notwendigkeit des Nachweises, macht den Arbeitsprozess gar zu einem auf Probe. Wer nicht abrechnen kann, muss zurück zahlen. Die Kunst- und Gesellschaftsarbeit als solche ist wertvoll auf Widerruf. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, warum Hendrix Ende immer lauter schreit, während Sara Hasenbrink ihn versucht mit roter Wolle einzuknoten, bis sie letztendlich auf dem gefesselten und geknebelten Hendrix Ende steht. Der Manie des um sich tretenden Hasardeurs ist nur noch körperlich beizukommen. Er wird zerdrückt, entpuppt sich als Masochist und macht seine Wut somit austauschbar. Der zerdrückte Hendrix Ende kriecht in ein bereit stehendes Zelt.

 

Julius Gabriel hat, während er zuvor musikalisch begleitete, die Bühne verlassen und kehrt als selbstverliebte, größenwahnsinnig, narzisstische Künstlerparodie zurück. So zumindest der Subtext. Gabriel hat mit internationalen Spitzen-Jazz-Musikern gespielt und ist von der barocken Enttäuschungslust Hendrix Ende's weit entfernt. Dementsprechend macht er während seines nun folgenden Solos zusätzlich Liegestützen. Er ist von ungeheurer Kraft. Er erinnert die Erschöpften an ihre Eigenverantwortung: „Ihr habt euch diesen Frust selbst ausgesucht.“ Paulina Almeida spricht über Engel, bevor sie mit Sara Hasenbrink in einen extatischen Butoh-Tanz übergeht, der alle vorangegangenen Verdinglichungen hinfällig macht und den Raum für die Rückkehr in die Tunnel-Erzählung öffnet. Im Zelt rollend rufen Hasenbrink und Hendrix Ende nach dem Ausgang. Sie rollen blind voran: „Ist hier schon Duisburg?“ Fragen sie. Sie kommen in Oberhausen heraus. Es gibt keinen Tunnel. Das Ruhrgebiet hat einen mangelhaften Nahverkehr und die Metropole Ruhr ist die neoliberale Eisschrank-Variante einer solidarischen Zusammenwachsens über Lokalpatriotismen und dazugehörige Idenitäts-Neurosen hinweg.

 

SICK DANCING PRINCESS IN DUISBURG 06.11.2015

„Karnevalesk stolpert die Sick Dancing Princess durchs Lokal. Mit zwei Rollen vorwärts kommt Jay Angel (Julius Gabriel) zu sich. Vom Fenster schreit sie: “Arschlöcher!” Wir rufen: “Graben! Graben! Graben!” Mit ein wenig Projektion wird es angenehm zu wissen, dass noch etwas unter der Erde verborgen bleibt.“

In Duisburg wiederholt sich die Performance beinahe, doch die Anfangs Suada weicht einem kabarettistischen Intro. Das Lokal Harmonie und der Stadtteil Ruhrort wird großmäulig aufs Korn genommen. Hendrix Ende wird geknebelt. Die Unmöglichkeit der Kritik bzw. die Unmöglichkeit der Haltung des Psychopathen wird aufs Korn genommen. Alle lachen. Am Ende stehen die Protagonist*innen auf der Straße und aus dem Fenster wird sich über die Lautstärke beschwert.

 

SICK DANCING PRINCESS IN WITTEN 07.11.2015

„Die Sick Dancing Princess kommt direkt vom Podium. Wieder mal haben ihr alle zugesichert, dass es keinen Weg gibt und Veränderungen die Sache nur schlimmer machen. “Politisierung nützt den Extremisten”, schreien die Wände. Wir schlagen uns selbst und kommen nicht ohne Spaltung durch die nächste Tür.“

Die Sick Dancing Princess (Witten) erhält ein unerwartetes Intro, als dass Hendrix Ende im Rahmen seiner Probenarbeit zu einer Kulturveranstaltung gereist ist, um dort über die ungleiche finanzielle Ausstattung von überregionalen Ruhrgebiets-Image-Projekten gegenüber Beziehungs- und Prozessorientierten Unternehmungen zu sprechen. Woran es auch immer lag, der hegemoniale „Es-Ist-Wie-Es-Ist-Da-Kann-Mann-Nichts-Machen“ Diskurs (=Produktionsverhältnis) hatte seine kalte Schulter gezeigt und die linksradikalen Parolen im Trotz Allem ließen die Sprachen von Kunst, Kultur und Qualität mit der von politischer Reflexion, Widerstand und Repression zusammen laufen. Hendrix Ende will diesmal in die Falle gehen, weil das besser ist, als mit viel zu wenigen zu kämpfen und zu leiden, bevor dieselbe Falle zuschnappt.

 

SICK DANCING PRINCESS IN ESSEN 08.11.2015

„Die S.D. Princess läuft rückwärts, kommt aus dem Zelt (aka Tunnel), verheddert sich, verpasst die Party und verkündet die Freiheit im Kapitalismus in der Fußgängerzone. Wir drehen die Kameras beiseite und trinken; Gegenmacht.“

Die letzte Aufführung der Sick Dancing Princess findet im sog. Kreativ-Quartier Essen City Nord statt. Dort ist vorerst alles verloren, als dass die neoliberale Stadtentwicklung hier einen Scheinriesen baut und ein paar Ahnungslose oder parallel Interessierte, dies halt machen müssen. Aber auch dies stimmt nicht ganz und deswegen läuft in Essen alles rückwärts. Die Protagonist*innen steigen aus dem Zelt, welches sie in Duisburg bestiegen haben. Sara Hasenbrink registriert die Neuankömmlinge. Irgendwas mit Bürokratie, irgendwas mit Verhedderung. Fäden spinnen sich durch den Raum. Almeida schreibt Agitprop-Parolen aus den 80ern an die Scheiben. Am Ende stoßen wir zusammen mit dem Publikum auf das Ende des Kapitalismus an und beschmieren die Straße.

Klaus Steffen führt im zweiten Teil direkt in den Tunnel hinein. Der Kultur Tunnel wird Teil von Steffens Ruhrgebietsmythologie, die er durch zahlreiche Persona in seinen Shows und Darbietungen in Szene setzt. Der Kultur Tunnel ist ein Ort ohne Hoffnung in dem Steffen schwarzes Wasser trinkt und zum Ende ein bitter-fröhliches Lied anstimmt: „You never get out of the tunnel. You never get out alive.“ Gabriel und Eraslan liefern dazu einen düster-melancholischen Soundtrack, der teilweise raumakustische Elemente verstärkt und imitiert. Die düstere Kulturkritik die Steffen vorbringt ist in ihrer Radikalität bedrückend, jedoch bedrückend erfahrungs-gesättigt. Steffens beklagt, was die Situationistische Internationale als „Rekuperation“ beschreibt. Die Begriffe „Kultur“, „Ruhr“ und auch „Kunst“ werden hegemonial nur noch als Marken verwandt. Steffen zieht daraus die Konsequenz, dass er damit nicht gemeint sein kann und zieht die Tunnel Metapher heran, um die paradoxe, kafkaeske Situation der Kunst- und Gesellschaftsarbeiter*innen im Ruhrgebiet zu thematisieren. Während diese an Gesellschaft und Region arbeiten, sich für „Wandel durch Kultur“ interessieren und dies als tägliche Praxis ins Werk setzen, sind diese Worte für die Verwerter des Kulturbetriebs Teil einer Marketing-Strategie. Das Hamburger „Not In Out Name“ Manifest beschreibt das Missverhältnis zwischen Kunst machen und City-Marketing wie folgt:

„Liebe Standortpolitiker: Wir weigern uns, über diese Stadt in Marketing-Kategorien zu sprechen. Wir sagen: Aua, es tut weh. Hört auf mit dem Scheiß. Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen. Wir wollen weder dabei helfen, den Kiez als „bunten, frechen, vielseitigen Stadtteil“ zu „positionieren“, noch denken wir bei Hamburg an „Wasser, Weltoffenheit, Internationalität“ oder was euch sonst noch an „Erfolgsbausteinen der Marke Hamburg“ einfällt. Wir denken an andere Sachen. An über eine Million leerstehender Büroquadratmeter zum Beispiel und daran, dass ihr die Elbe trotzdem immer weiter zubauen lasst mit Premium-Glaszähnen“ https://nionhh.wordpress.com/about/

Stefan Schroer schlägt für das Ruhrgebiet vor:

„Das Experiment einer nachhaltigen Förderung von Basiskultur steht ja noch aus. Angesichts desolater kommunaler Haushaltslagen und weil auch wir das Ruhrgebiet als eine Einheit sehen, fordern wir deren Förderung ja ebenfalls „von oben“, also aus dem 4,8 Millionen Euro starken RVR-/Landesetat zur sogenannten RUHR.2010-Nachhaltigkeit. Und dass im aktuellen Stadium der kapitalistischen Regulation hierzulande eigentlich alles Wirtschaftsförderung sein muss, steht einem solchen Experiment nicht einmal entgegen. Aktuell wird intensiv eine neue Imagekampagne für das Ruhrgebiet gefordert, nicht zuletzt von der hier ansässigen Wirtschaftslobby. Die Kampagne solle authentisch sein, orientiert am Berliner „arm aber sexy“-Slogan. Sehr peinlich für die Logoisten der kulturell attraktiven „Metropole Ruhr“ und auch für die zig lokalen Hochglanzbroschüren-Photoshoper. Unser Vorschlag ist einfach: Gebt in den nächsten fünf Jahren mal die Hälfte des Etats von Urbane Künste Ruhr und ECCE in einen Fördertopf für im Ruhrgebiet aktive, lokal bis regional und zum Teil ja auch selbständig national bis international vernetzte Initiativen, lasst jenen Topf maßgeblich von diesen Initiativen selbst verwalten und erlaubt, aus dem bereitgestellten Etat auch strukturelle und investive – also nicht auf immer nur ein Projekt bezogene, sondern die alltäglichen Arbeiten befördernde, unterstützende, neue ermöglichende – Maßnahmen zu bestreiten.“ netzwerk-x.org/kreativwirtschaft-ist-eine-falsch-bezeichnung-stimmen-aus-dem-netzwerk-x-zur-ruhr2010-nachhaltigkeit/

 

Klaus Steffen übernimmt das Schlusswort: "Sie sind auf Ihre Kosten gekommen, wie gering sie auch gewesen sein mögen. Der offene Gullideckel weist den Weg:
tiefer und tiefer hinab, die schwarzen Kanäle der Megalopolis sind der Lebensraum der, bei Tageslicht betrachtet, Zu-kurz-gekommenen – Kulturschaffende und Kulturabschaffende teilen das Schicksal aller uneinsichtigen Halblebendigen und weltgewandten Untoten –

Sie wissen es einfach nicht: bin ich schon tot oder muss ich mich noch weiter anstrengen um mein Ziel zu erreichen, die Stiegenleiter finden, die wieder hinausführt aus diesem finsteren unterirdischen Tunnel?

Ruhrwelt UNDERGROUND und das Unvermeidliche (diesmal aus Plastikmüll):

Auf unserem Einbaum aus alten PET-Flaschen treiben wir durch die Black Waters und begegnen der versammelten Geisterbelegschaft der Versorgungsbetriebe sowie einer Unmenge anderer frühzeitig Betriebsabgängiger und Berufsverunfallter in einer atonalen, anstrengenden und zutiefst kulturpessimistischen “Nacht der watenden Leichen.“

Sie waren dabei, wenn Lärm, Krach und sogenannte posthörbare Musik sich mit Deltablues und volkstümlichen Melodien zu einem unerträglichen Klangabwasser vermischen, dass wir in den Rauschkanälen speichern, um die ausgetrockneten Innenstädte der Metropolregion mit konzentrierter Negativität zu fluten!

Wenn Sie also wie wir glauben, dass diese Existenz und diese Region nicht nüchtern zu ertragen sind besuchen Sie uns im KULTUR TUNNEL RUHR.“

„Die Widersprüche spannen sich zu einem undurchdringlichen Netz, dem keine Dialektik gewachsen ist.
Also produzieren wir neue Klischees (Zizek), desperate Zerrspiegel ersetzen unsere faltige Lebensweise.
Der Krieg ruft und große Heldentaten (Zentrum für politische Schönheit), es wird Zeit für Privilegien. Wer küsst die Leiche auf dem Tisch (Unsichtbares Komitee), wer verteidigt die europäischen Werte? Wir: das Kultur Tunnel Ruhr Team mit dem schönsten Weihnachssketch seit Loriot.”

In Witten erarbeitet die dritte Produktionsgruppe einen Sketch. Jetzt stehen schwarzer Humor und absurdes Theater auf der Tagesordnung. Die Probenarbeit fand in der „Gustav Landauer Bibliothek“ statt, die im Trotz Allem in Witten beherbergt ist. Das Trotz Allem musste mittlerweile wegen einer Mieterhöhung die Räume kündigen (Stand: 08.2016). Während der Probenzeit sucht das „Mars One Projekt“ Menschen, die zum Mars fliegen sollen, als Helden, um dort zu leben und zu sterben. Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit veröffentlicht ein Buch und fragt „Wer, wenn nicht wir?“ Helden scheinen gefragt. Wir verknüpfen die innerlinken Spaltungsdebatten, die die kundige Leserin den Buchrücken der Bibliothek entnehmen kann, mit dem Heroismus der Mars-Bewerberinnen und des Politkünstlers. Für die Errichtung eines Kultur Tunnels kann uns Heroismus nicht helfen. Nur eine breite Bewegung von Kunst- und Gesellschaftsarbeiter*innen hätte die Möglichkeit, von der Gesellschaft einzufordern, dass ihre Reproduktion bezahlt werden muss. Auf der Bühne geben wir Thatcher Recht: „There is no such thing as society.“ Gesellschaft ist Beziehung und die stellen wir her, also Schluss mit der Vera*****. Wir drücken den Selbstzerstörungsknopf: „Zerstört die Kreativquartiere“, singen wir. Uns ist jedes Mittel recht! Wir wollen Mars, Mann werden, Produzenten, Geschichte machen. Wir fordern das „One Way Ticket To Mars.“ Es ist zum Weinen. Die negative Katharsis: auf diesen Beziehungen wollen wir eine andere Welt bauen und wenn sie vollständig verschwunden sind, dann bleibt dies als Spur, zur Orientierung oder in der Erinnerung oder im Netz: netzwerk-x.org/kultur-tunnel-ruhr-2015/

Der Autor war Teil des Projekts und setzt dieses fort, wie er es vor Beginn des Projektzeitraums getan hat. Joscha Hendricksen für KULTUR TUNNEL RUHR

KULTUR TUNNEL RUHR - Eine Reproduktion von Stefan Schroer, Sarah Berndt, Julius Gabriel, Luisa Saraiva, Justus Förster, Paulina Almeida, Anil Eraslan, Klaus Steffen, Joscha Hendrix Ende und Georg Mallitz

PROJEKTKOOPERATIVE KULTUR TUNNEL RUHR

WITTEN – TROTZ ALLEM
Das Trotz Allem ist ein soziokultureller Freiraum, den alle Menschen selbst gestalten können. Im Gegensatz zu den vorhandenen Angeboten in Witten sind wir nicht auf Konsum ausgerichtet.

http://trotzallem.blogsport.de/ueber-uns/

DUISBURG – LOKAL HARMONIE
Das Lokal Harmonie ist alltäglich ein Ort der Produktion: für künstlerische, soziokulturelle und konzeptionelle Arbeit, für kulturelle Bildung, für interdisziplinäre Begegnungen und für gedanklichen Austausch.
http://www.lokal-harmonie.de/homepages/ueber

OBERHAUSEN – KITEV
kitev (Kultur im Turm e.V.) wurde 2006 von Ateliers Stark und Tank-FX gegründet und ist ein Labor für ausgefallene Interventionen, beheimatet im Wasserturm des Oberhausener Hauptbahnhofs.
http://kitev.de/page/wir-sind-kit

ESSSEN – DENKODROM e.V. / KARO
Der Denkodrom e.V. versteht sich als Ausrichter dillettierender Künste und freudiger Auseinandersetzung mit den Avantgarden und ihrem Scheitern. Im Rahmen von KULTUR TUNNEL RUHR ist er für die Gastspiele im KARO zuständig.
www.Denkodrom.de

 

 

Antrag Nr. 17: ‚Cirq’ouleur 2015‘ – 3. Internationales Festival für Neuen Zirkus – Flottmannhallen Herne

 

Vom 12.03. – 15.03.2015 in den Flottmann-Hallen Herne

Das 3. Festival für zeitgenössischen Zirkus wartete gegenüber den beiden ersten Ausgaben mit einigen Neuerungen auf:

1. Statt einer Aufführungsserie verteilt auf mehrere Wochenenden erfolgte eine Komprimierung auf nur vier aufeinander folgende Tage.

2. Verstärkte Zusammenarbeit mit regionalen und überregionalen Kooperationspartnern.

3. Zusätzliches Rahmenprogramm bestehend aus Workshops, Gesprächsrunden, Netzwerktreffen und Live-Musik.

Die wesentliche und wichtigste Entscheidung und zugleich Neuerung betraf die Komprimierung des Festivals auf nur 4 Tage bei gleichzeitigem Ausbau des gesamten Angebots mit zusätzlichem Rahmenprogramm. Hintergrund dieser Entscheidung war die Erfahrung, dass bei einer Aufführungsserie keine wirkliche Festivalatmosphäre entsteht, dass Publikum nicht länger als notwendig verweilt und auch zwischen den beteiligten Künstlern kein Kontakt und vor allem kein Austausch am Veranstaltungsort möglich ist. Ein kompaktes Festival mit mehreren Programmpunkten am Tag, dazu die Einbindung gleich mehrerer Kooperationspartner, so die Idee, sollte all dies ermöglichen. Es hat, das sei hiermit vorweggenommen, unterm Strich wunderbar funktioniert.

 

Die gesamte Organisation, Planung und Durchführung war jedoch eine enorme logistische und koordinatorische Herausforderung, die teilweise die Grenzen der Belastbarkeit und des Möglichen überschritt. Zumal aufgrund des äußerst begrenzten Budgets zu wenig Personal zur Verfügung stand und der frühe Termin innerhalb des Kalenderjahres aufgrund des Förderantrages erst einen sehr späten Beginn der Organisation ermöglichte – trotz Genehmigung des Antrags auf einen sog.

„frühzeitigen“ Maßnahmebeginns.

 

Um ein solch kompaktes Festival in der Sparte Zirkustheater zu organisieren, mussten diverse Kriterien hinsichtlich der ausgesuchten Produktionen erfüllt werden:

1. Qualität der ausgesuchten Produktionen

2. Terminliche Durchführbarkeit

3. Technisch-räumliche Durchführbarkeit

4. Finanzielle Machbarkeit

Qualitativ gute und abendfüllende deutsche Zirkustheaterproduktionen sind nach wie vor Mangelware. Um ausländische Produktionen kommt man daher nicht herum. Diese sind jedoch in der Regel äußerst kostenintensiv, wobei oftmals die Nebenkosten, insbesondere die Fahrt- und Transportkosten, höher als die eigentlichen Gagen sind. Hinzu kommt in der Regel ein enormer technischer Aufwand mit benötigten Aufbauzeiten von bis zu zwei weiteren Tagen. Doch auch im europäischen Ausland, wie z.B. Frankreich, Belgien, Niederlande, Finnland und Großbritannien, in denen es eine wesentlich größere Zirkustheaterszene gibt, liegen gute Produktionen nicht auf der Straße. Klappt ein ins Auge gefasstes Gastspiel nicht wegen terminlicher, technischer oder finanzieller Bedingungen, gestaltet sich die Suche nach geeigneten Alternativen u. U. recht langwierig.

Bei diesem kompakten Festival kamen jedoch noch weitere Variablen ins Spiel. Nur der ersten bzw. den ersten beiden Produktionen (bei zwei zur Verfügung stehenden Aufführungsräumen) konnte mindestens ein zusätzlicher Aufbautag eingeräumt werden. Alle anderen Produktionen mussten an ein und demselben Tag aufbau- und spielbar sein.

Die vorhandene Technik musste pro Tag für zwei bis drei Aufführungen ausreichen, um teure Anmietungen zu vermeiden, die den finanziellen Rahmen gesprengt hätten. Unter den insgesamt 7 eingeladenen Produktionen konnten neben zwei ausländischen Inszenierungen - beide deutsche Erstaufführungen - immerhin 5 deutsche Stücke gebucht werden. Darunter eine Werkschau mit Kurzstücken, eine Familienvorstellung sowie zwei Produktionen zum Schwerpunkt ‚Artistik und Physical Theatre‘.

 

Als Auftakt- und Eröffnungsveranstaltung wurde sich bewusst für die Produktion „B-Orders“ der Palästinensischen Zirkusschule entschieden. Ein sehr mutiges, nahegehendes und beeindruckendes Stück mit klarer politischer Aussage, dass nicht unbedingt den Erwartungen vieler Ehrengäste auf einen ausschließlich leichten, unbeschwerten Abend gerecht wurde, jedoch nachhaltigen Eindruck hinterließ. Was etwas später noch in anderer Form bestätigt wurde. „B-Orders“ wurde kurz nach den Vorstellungen in Herne zum weltweit größten Theaterfest, dem Fringe Festival, nach Edinburgh eingeladen und dort mit dem Total Theatre & Jacksons Lane Award für Zirkusproduktionen ausgezeichnet.

Die geplante Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern wurde auf unterschiedliche Art umgesetzt. Im Hauptprogramm konnte zusammen mit dem Forum Neuer Zirkus Berlin eine Werkschau zeitgenössischer Artistik in Deutschland auf die Beine gestellt werden. Im Rahmenprogramm gab es in Kooperation mit dem Theaterpädagogischen Institut und dem Zirkus- und Artistikzentrum e.V., beide aus Köln, unter dem Titel „Making of – Labor Cirque Research‘ ein spezielles Angebot, bei dem interessierten Besuchern Einblicke in den Entstehungsprozess einer bereits erarbeiteten Produktion gewährt wurden.

Darüber hinaus wurde zusammen mit der Initiative Neuer Zirkus NRW zum ersten Male zu einem Netzwerktreffen von Künstlern, Organisatoren, Veranstaltern und sonstigen Interessierten aus der Region eingeladen mit dem Ziel, einen Stammtisch für Neuen Zirkus im Ruhrgebiet zu gründen. Zusätzliches Rahmenprogramm fand u.a. in Form zweier Workshops mit beteiligten Artisten statt, wobei sich erstaunlicherweise und anders als erwartet der Workshop für Jugendliche einer großen Beteiligung mit ca. 15 TeilnehmerInnen erfreute.

 

Äußerst förderlich für die Festivalatmosphäre war ebenfalls das Livemusikprogramm im Anschluss an die Abendvorstellungen der ersten drei Tage. Hier wurde auf eine Auswahl von Gruppen wert gelegt, die a. zum Zirkus passende Musik, wie z.B. Zigeunerjazz, Balkanbeats, Folk und Swing im Repertoire hatten, b. rein akustisch spielen konnten und c. möglichst noch aus der näheren Umgebung stammten. Außer dem Konzert am Eröffnungsabend waren die anderen Auftritte öffentlich, hier mischte sich das Theaterpublikum mit interessierten Konzertbesuchern.

 

Fazit:

Die Entscheidung der zeitlichen Komprimierung des Programms zugunsten der Schaffung einer Festivaltmosphäre mit größeren Möglichkeiten zur Kommunikation und zum Austausch vor, zwischen und nach den einzelnen Hauptveranstaltungen hat sich als absolut sinnvoll herausgestellt. Das Publikum mischte sich wunderbar aus interessierten Normalbürgern, teilweise sogar Familien mit Kindern in den Abendstunden, als auch Fachpublikum aus der Region und dem gesamten Bundesgebiet. Die genannten Maßnahmen haben enorm dazu beigetragen, das 3. Festival für Neuen Zirkus, Cirq’ouleur, als eines der innovativsten und wichtigsten seines Genres in Deutschland zu etablieren. Und das in einer Region, in der es bisher keinerlei Fortbildungs- oder Ausbildungsstätte für Zirkus und Artistik gibt.

 

 

Antrag Nr. 21: Kulturausbesserungswerk, Leverkusen - MultipleTap Festival

 

Das MultipleTap Festival hatte das Ziel, wichtige innovative Strömungen der japanischen Kulturszene in Deutschland bekannt machen, die bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren haben. Bei dem zuvor in Tokyo, London und Mexiko City veranstalteten Festival handelt es sich um die Performances Japanischer Avantgarde Musiker, die an zwei Abenden hintereinander in verschiedenen Konstellationen miteinander – teilweise improvisierend – einen Querschnitt japanischer Gegenwartsmusik präsentieren, 2015 erstmals bereichert durch darstellenden KünstlerInnen.

Die Kooperation mit dem Mitveranstalter Katsuyoshi Kou war synergetisch äußerst fruchtbar, insbesondere durch die geteilte Planung der Anreise, sowie die Unterstützung durch die Japan Foundation, wodurch es möglich wurde, dieses Format nach den genannten Weltstädten nun auch in Leverkusen umzusetzen.

 

 

Antrag Nr. 22: Kulturzentrum BÜZ, Minden - „Mail Art Goes To School“

 

Mailart ist im Kulturzentrum BÜZ ein Instrument der kulturellen Bildung. In dieser zeitgenössischen Kunstform sind wir führend in unserer Region. Im weltweiten internationalen Mailart-Netzwerk senden sich Künstler und Kulturschaffende gegenseitig Kunst per Post und Post per Kunst zu. Im Projekt CITY OF THE FUTURE war es uns 2014 gelungen, ein eigenständiges regionales Subnetz aus Schulen in der Region aufzubauen mit Strahlkraft weit über Ostwestfalen hinaus, wobei wir ein hohes Maß an Synergien freisetzen konnten. Die hierdurch geworfenen Strukturanker konnten wir im Jahr 2015 im Anschlussprojekt „Mail Art Goes To School“ etablieren und erweitern, indem wir den SchülerInnen praktische Kompetenzen sowohl als Kulturschaffende wie als Kulturarbeiter vermittelten. Die Stadt Bielefeld führte uns wegen dieses Projektes als „Kulturagenten“.

 

Die schon am letzten Projekt teilnehmende Friedrich-Wilhelm-Murnau-Gesamtschule Bielefeld und die Ratsschule Melle beteiligten sich mit eigenen neuen Mailart-Subprojekten So erreichten wir einen generationsübergreifenden Transfereffekt für die neu am Projekt teilnehmende Käthe-Kollwitz-Realschule und den Treffpunkt Altentagesstätte am Johanniskirchhof. Auch diese beiden neuen Kooperationspartner hatten eigene Subthemen und boten außerschulische Lernorte für effiziente Workshops. Die Schule Nr.8 in Puskino/Russland beteiligte sich mit eigenen Beiträgen.

 

Modul 1 (März 2015): Alle TeilnehmerInnen lernten in ihren Einrichtungen Grundlagen der Kunstform Mailart kennen. In Workshops mit den Mailartistinnen Angela Pähler, Petra Weimer und Julia Wagner erarbeiteten und versandten sie weltweit die Einladungskarten in englischer Sprache für ihre jeweiligen Themenstellungen: Friedrich Wilhelm Murnau-Gesamtschule, Bielefeld: Artistamp Show & Die Munau-Marke

Treffpunkt Altentagesstätte am Johanniskirchhof und Käthe-Kollwitz-Realschule,Minden: Our School Moves, Ratsschule, Melle: Schräge Marken, Queer Stamps

 

Modul 2 (April 2015): Die eingegangenen Exponate wurden gesichtet, und die TeilnehmerInnen erarbeiten Kriterien für die Präsentationen. Der Katalog der Ausstellungen wurde vorbereitet, gedruckt und versandt als Teil des Gesamtprozesses. Er dokumentiert die Vielfalt der künstlerischen Exponate plus den Entstehungsprozess.

 

Modul 3 (Juni 2015): Unser Kooperations-Netzwerk machte sich sichtbar; die Ausstellungen wurden aufbereitet und durchgeführt nach Koordination mit den Trägern bezüglich Ort, Aufbau, Dauer:

auf dem Stadtteilfest Minden-Rodenbeck,

in der Kreissparkasse Melle,

in der Stadtbibliothek Stieghorst,

und im Zverev-Zentrum für Moderne Kunst/Moskau.

 

Auf jeder der Vernissagen verkauften Schüler in unseren eigens aufgebauten Kunstpostämtern offiziell frankaturgültige Postwertzeichen, die die Deutsche Post mit den Motiven von Schülern aller beteiligten Schulen gedruckt hatte.

Am Ende trafen sich alle Beteiligten zur Auswertung:

Die Projektteilnehmer begaben sich zunächst selbst in die Rolle der gestaltenden Künstler, und lernten anschließend in den Workshops und der unterrichtsbegleitenden Projektarbeit von uns und den Mailartkünstlern:

wie ein weltweites Künstlernetzwerk funktioniert,

wie sie ein eigenes Projekt einbringen und betreuen,

welche Organisationsschritte erforderlich sind und wie sie den zeitlichen Ablauf gestalten,

wie sie die Öffentlichkeitsarbeit betreiben,

wie sie Ausstellungsorte finden und akquirieren, um dort die Präsentationen durchzuführen

wie sie die Dokumentation planen, durchführen und versenden an alle Künstler.

 

Ergebnisse:

Lokal und regional fand das Projekt ein für uns und die Kooperationspartner erfreuliches Medienecho,

das ihre Leistung würdigte und einer breiten Leserschaft nahebrachte. Wir konnten unsere Netzwerkstrukturen um weitere Partner in Ostwestfalen erweitern. Die Schüler wurden selbst direkt aktive Teilnehmer im weltweiten internationalen Netzwerk der Mailart. Und gestalten inzwischen selbst künstlerische Beiträge zu neuen Mailarteinladungen aus aller Welt.

 

Aber auch unsere Workshop-Leiter haben von den Schulen gelernt:

die Informationen und Inhalte adressatengerecht differenziert auf dem Eingangsniveau der beteiligten Schulen und Institutionen zu gestalten,

die Themenwahl enger an den in den Schulen vorgegebenen Curricula des Kunstunterrichts zu orientieren, deshalb diesmal die Themen-Wahl FACE, passend zum Thema PORTRAIT in allen Schulen und auch in den Malkursen des Treffpunkts Johanniskirchhof,

und noch effektiver unsere Module an die Unterrichts-Einheiten im Schulalltag anzupassen.

 

Die teilnehmenden Institutionen haben sich dabei in ihren Eigenarten und Gemeinsamkeiten kennengelernt. Erfreuliches Ergebnis unsrer generationsübergreifenden Workshops war, wie interessiert und konstruktiv die Senioren und Junioren sich austauschten und zusammenarbeiteten.

 

Diesen Aspekt bauen wir im Folgeprojekt aus, ebenso erweitern wir unsern Aktionsradius auf ganz Ostwestfalen und mehr Partnerschulen. Ein angestrebtes Ziel bleibt die Verankerung der Mailart als Unterrichtseinheit in den schulinternen Curricula.

 

Insgesamt erreichten wir 250 Teilnehmer und 3.000 Zuschauer. Wir führen jetzt im Jahr 2016 ein Folgeprojekt „THE FACE OF MAILART“ durch in noch engerer Anlehnung an die schulinternen Curricula für der Kunstunterricht.

 

 

Antrag 24: Sojus Monheim Projektbericht „Ein neues Jetzt“

 

Zielgrade des Projektes ist eine Neuorientierung des Sojus 7 und seines ehrenamtlichen Teams. Zentral waren über ein dreiviertel Jahr monatliche Treffen zur Neubestimmung des Sojus 7. Hier gab es lange Debatten darüber, wie man neue Ehrenamtliche gewinnen kann und wie das Programm für jüngere Menschen attraktiver gestaltet werden kann. Zudem wurde intensiv besprochen, wie zukünftig das Sojus 7 gestaltet werden sollte und auch baulich verändert - wenn die Stadt Monheim am Rhein das Gebäude erwirbt und dringend nötige Renovierungen und Umbauten anstehen sollten.

Da das momentane Ehrenamtsteam schon etwas in die Jahre gekommen ist, wurden diverse Maßnahmen zur Verjüngung und für den Dialog mit anderen ggf. neuen Nutzer*innen-Gruppen angepackt.

Zu diesem Zweck wurde entschieden nicht nur jüngere Musiker*innen aus dem Rock`n`Roll-Bereich anzusprechen, sondern sich auch auf die Suche zu machen nach jüngeren Genres. So entstanden zwei Veranstaltungsformate. Einmal ein rockiges Newcomer-Festival, bei dem die jungen Bands selber auch Teil des Organisations-Team wurden und eine Open Space mit Street-Art, Dj´s und Lichtkünstler*innen an zwei Tagen. Hier konnten alle Altersgruppen experimentieren – jedes Angebot war als offenes Mitmach-Angebot angelegt.

 

Newcomer-Festival

Nach erfolgreichem Anwerben unterschiedlicher Bands wurden drei ausgewählt im Sojus 7 mehr oder minder das erste Mal auf der Bühne zu stehen. Das Altersspektrum reichte von 13 bis 25 Jahren. Von der Planung, über die Werbung, bis zur Durchführung waren die jungen Musiker*innen eingebunden. Bspw. Wurde auch der Flyer von einem Band-Mitglied layoutet. Das Konzert war ein großer Erfolg. Es war sehr gut besucht und neben Familie und Freunden der Bands, fanden Jugendszenen ein, von denen so manch Ehrenamtlicher nicht wusste, dass es sie in Monheim noch gibt.

Open Space – Open Mind

Mit diesen Projekttagen sind zahlreiche Ideen der Diskussionsrunden umgesetzt worden. Zum einen wurde mit neuen Genres (fürs Sojus7) experimentiert. Es wurden zahlreiche aktive Künstler*innen gewonnen, die ihre Kunst an die Gäste vermittelten. Hier herrschte reger Austausch und die unterschiedlichen Streetart-Licht-, und Musik-Künstler*innen ließen sich gegenseitig inspirieren und alle Gäste waren Teil davon. Es gelang auch einem neuen Publikum das Haus zu öffnen: ein breites Altersspektrum fand sich ein und bastelte eigene Sticker, schwang die Spraydose oder malte Licht-Graffitis an die Hallenwände des Sojus7.

Eine angesetzte Exkursion in ein anderes soziokulturelles Zentrum fand leider nicht statt, da eine Terminfindung erfolglos war. Dies verweist auch auf die strukturellen Schwächen des momentanen Ehrenamtsteams: viele sind beruflich oder familiär so eingebunden, dass die mit ihrem ehrenamtlichen Engagement an ihre zeitlichen Ressourcen geraten. Umso mehr versuchen alle vor Ort aktiv zu sein.

 

 

Antrag Nr. 26: Ringlokschuppen Mülheim - Aus dem Flüchtlingscamp auf die Bühnen des Ruhrgebiets

 

Im Sommer 2015 hat Ringlokschuppen Ruhr gemeinsam mit der Veranstaltergemeinschaft Odyssee – Kulturen der Welt die Sierra Leone´s Refugee All Star Band nach Deutschland eingeladen, um mit Musikern aus Flüchtlingslagern in Deutschland ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Die Sierra Leone´s Refugee Allstar Band stand mit ihrer mittlerweile über 10- jährigen Bandgeschichte unter dem Slogan „Aus dem Flüchtlingscamp auf die Bühne der Welt“ stellvertretend für Menschen, die sich trotz menschenunwürdiger Bedingungen nicht den Mut nehmen lassen und aktiv werden. Alle Musiker der Band mussten Ende der 90-ziger Jahre das kriegsgeschüttelte Sierra Leone verlassen und haben sich in einem Flüchtlingscamp in Guinea zusammengefunden, anfangs um ihre Leidensgenossen im Camp zu unterhalten.

 

Die Leitung des Projekts hatte der Musiker und Aktivist Heinz Ratz.

Sein Projekt „Strom und Wasser“ hat in den letzten Jahren ausgedehnte Touren durch Deutschland gemacht. Dabei waren immer MusikerInnen engagiert, die Ratz während seiner Arbeit mit Flüchtlingen in Flüchtlingsheimen kennengelernt hat.

Beide Projekte – Sierra Leone`s Refugee Allstars und Strom und Wasser – haben im Sommer 2015 ein gemeinsames Programm erarbeitet. Proben fanden im Bahnhof Langendreer vom 18.-22. Juli 2015 statt. Dieses gemeinsam entwickelte Programm haben die beiden Gruppen im Rahmen des Roadfestivals „Odyssee" im Sommer 2015 in Hagen, Recklinghausen, Mülheim und Bochum präsentiert.

Das Festival „Odyssee“ war besonders geeignet, weil es ein eingeführtes Festival ist und pro Konzertdurchlauf in den vier Revierstädten zwischen 7000 und 8000 Besucher anzieht. Zu den einzelnen Veranstaltungen wurden über die Organisationen der Flüchtlingsarbeit und Selbsthilfegruppen gezielt Flüchtlinge aus den Einzugsgebieten der vier Städte eingeladen. Über den Zuspruch der Flüchtlinge in den einzelnen Städten haben wir uns sehr gefreut und damit war unser Ziel, diese Zielgruppe besonders anzusprechen, erreicht.

 

 

Antrag Nr. 29: cuba-cultur, Münster - Jazz Today 2015 Bandleaderinnen

 

Dank der Förderung durch die LAG konnten, wie geplant vor Allem junge Jazzmusikerinnen mit eigenen Projekten vorgestellt werden. Als bereits schon bekanntere Vertreterin haben wir auch ein Konzert der Saxophonistin Angelika Niescier mit in die Reihe aufgenommen. Der besondere Zuspruch zum Auftaktkonzert mit der bereits in New York etablierten und aus dem Münsterland stammenden Ingried Laubrock schlägt sich auch in den erzielten Einnahmen nieder.

Bis auf das Mette Rasmussen – Chris Corsano – Duo konnten alle bereits im Antrag erwähnten Konzerte erfolgreich durchgeführt werden. (Für Mette Rasmussen konnte stattdessen für April diesen Jahres im Kontext von Soundtrips-NRW eine Tournee durch NRW organisierte werden.)

Als Kurator und Ideengeber wirkte der junge Münsteraner Saxophonist Tobias Brügge im Projekt mit. Eine zweite Auflage des Projekts unter gleicher Überschrift ist bereits in Planung.

 

 

Antrag Nr. 30 Bettgeschichten - Reise-Geschichten aus dem Hotelbett

Erste Lesung 23.05.2015 - 17.00 Uhr
Zweite Lesung 23.05.2015 - 20.00 Uhr
Personal für die Produktion und Aufführung:
Projektleitung: Andreas Weber
Projektassistenz: Stefan Schwarze
Helfer: Andreas Lating
Grafik: Gesa Weber
 
Künstler und Autoren: Katinka Buddenkotte (Köln); Andy Strauß (Münster); Volker Surmann (Berlin); Andreas Weber (Münster)
 
Beschreibung / Durchführung :
Vier Autoren der jungen Literaturszene erwarteten das Publikum in den Hotelzimmern des Vier Sterne Hotels „Kaiserhof“. Mit Andy Strauß, Andreas Weber, Katinka Buddenkotte und Volker Surman waren es vor allem Lesebühnenautoren, Slam- und Reisepoeten, die für die Literaturperformance eingeladen wurden.
In den Suiten des Hotels lagen die vier Autoren in den Betten und lasen Geschichten, die teilweise für die Performance von ihnen geschrieben wurden. Geschichten vom Reisen, von den Hotels, vom Tourleben als Reisepoet und von der Einsamkeit oder Zweisamkeit in den nächtlichen Bettburgen. Unterschiedlichste Textgattungen, Lyrik und Prosa, kamen zusammen, auf Blatt, in Buch gab es Nachdenkliches, Humoristisches, Tragisches. Das Publikum saß vor den Betten auf dem Teppich, dem Bettrand oder auf eines der wenigen Sitzmöbel der Hotelzimmer.

Projektergebnis:
TatWort, die Wortbühne des cubas, steht vor allem für ein junges studentisches Publikum. Seit Jahren besuchen sie zahlreich die Poetry Slams und Lesebühnen des Kulturzentrums. Auch wenn das Literaturprogramm des cubas generationsübergreifend ausgerichtet ist, erreichen wir mit unseren Literaturveranstaltungen vor allem ein studentisches Publikum, was eben auch sonst die Clubparties im Haus besucht.
Bettgeschichten - Reise-Geschichten aus dem Hotelbett sprach neben unserem Stammpublikum Kulturinteressierte an, die wir sonst selten bei uns als Gäste begrüßen dürfen. Neben dem slam - affinem Publikum konnten wir mit dem Projekt andere Szenen, Generationen erreichen. Neben der Lust auf junge Literatur war es auch die Neugierde auf einen ungewöhnlichen Kulturort, die so machen neuen Gast ansprach.
Die Freude einen neuen Ort kennenzulernen, der sich sonst für den Münsteraner selten öffnet, füllte schnell den kleinen Veranstaltungsraum „Hotelsuite“. Neben der Auswahl der Künstler, die sicher auch lockten, war es auch die Ortsauswahl, die ansprach.
Das Publikum war durch die Nähe zu den Autoren, durch Gespräche zwischen, nach und vor den Textvorträgen immer auch Teil der Bühne, teil der Performance.
Fazit: Bettgeschichten - Reise-Geschichten aus dem Hotelbett weckte Neugierde und nicht nur beim Publikum Lust auf mehr Hotelgeschichten. Bei den anschließenden Künstlergesprächen, die sich zwischen den Autoren und dem Publikum ohne gelenkte Moderation entwickelten, kam es durch die intime Schlafzimmeratmosphäre zu spannenden Fragen und Diskussionen.
Pressestimmen Westfälische Nachrichten: „Heiteres Quartett im Bett … Andy Strauß räkelt sich gemütlich lesend im Bett des Zimmers 120. …Bettgeschichten verwandelte das Hotelbett in eine intime Lesebühne.“ (Heike Eickhoff)

 

 

Antrag 36 Schrägstrichtheater „Münster zeigt Persönlichkeit“

 

Kurzbeschreibung des Projektes

Das Projekt begann im März 2015 mit der Suche nach LebensexpertInnen mit Behinderung, die am Projekt teilnehmen möchten. Die Proben begannen im Mai und das Ensemble setzte sich aus 14 Personen mit unterschiedlichen Behinderungen (Blind, körperliche Behinderung, geistige Behinderung, chronisch krank, nichtbehindert), sowie dem Gebärdenchor mit ca. 25 TeilnehmerInnen (gehörlos, schwerhörig, sehbeeinträchtigt, lernbeeinträchtigt) zusammen. Die Proben fanden am Wochenende statt. Wir begannen damit, die Spielorte kennen zu lernen. Im Heimat,- und Lepramuseum nahmen wir an einer Führung teil. Die ersten Ideen wurden der Gruppe vorgestellt z. B. eine Teilnehmerin spielte auf dem Klavier im Heimatmuseum selbst komponierte Lieder. Der Gebärdenchor stellt seine Lieder vor. Es entwickelte sich die Idee einen Raum im Lepramuseum abzudunkeln und das Publikum von einer blinden TeilnehmerIn führen und Erfahrungen machen zu lassen. Da wir erst zur Generalprobe Publikum hatten, wurde das Ensemble in den Proben zum Publikum und wir entwickelten gemeinsam die Szenen weiter.
Bei den Aufführungen wurde das Publikum in vier Gruppen aufgeteilt und jede dieser Gruppe von einem/r FührerIn mit Behinderung zu den Stationen geleitet. JedeR der Führer hatte eine eigene zusätzliche kleine künstlerische Performance auf dem Weg. Die Stationen mit ihren Darbietungen waren folgende:
Lepramuseum: Dunkelraum mit Sinneserfahrungen (geführt werden, fühlen, essen) im Dunkeln. Begleitet von einer blinden Lebensexpertin. Im Zelt vor dem Lepramuseum: Sinneserfahrungen mit eingeschränkter Sicht (Simulationsbrillen) begleitet von einem Lebensexperten mit Retinitis Pigmentosa.
Heimatmuseum: Das Publikum bekam MP3 Player und Kopfhörer. Sie konnten sich im Museum frei bewegen und hörten den Lebensbericht eines Lebensexperten mit Behinderung. Es gab 5 verschiedene Berichte.
Vor der Waldschule: Der Gebärdenchor der Caritas Emsdetten sang zwei Lieder in Gebärdensprache.
In der Aula der Waldschule: Eine blinde 16 jährige Lebensexpertin sang selbst komponierte Lieder. Dazu wurden auf zwei Projektionsflächen Portraits von Kindern aus unterschiedlichen Schulen Münster Kinderhaus (Förderschulen, Hauptschule) gezeigt.
Im Wald: Eine Künstlerin mit Behinderung brachte eine Performance mit Gießkannen zum Thema Waldsterben dar.
Vor der Kirche: Anfang mit Aufteilung der Gruppen und Abschluss mit einem gemeinsamen Lied in Gebärdensprache.
Die geplanten sechs Aufführungen fanden im September 2015 statt, zwei mit Gebärdensprachdolmetscher, zwei mit Audiodeskription und zwei barrierefrei für RollstuhlfahrerInnen.

 

Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Projekt
Eine große Schwierigkeit im Projekt war die Barrierefreiheit, da die beiden Museen nicht barrierefrei sind und unter Denkmalschutz stehen. Weiterhin ist ein Dunkelraum für gehörlose Menschen nicht nutzbar. Wir wählten nach langen Überlegungen die Lösung von den sechs Aufführungen jeweils zwei für unterschiedliche Gruppen barrierefrei zu halten. So gab es zwei Aufführungen mit Gebärdensprachdolmetscher, zwei mit Audiodeskription und zwei für RollstuhlfahrerInnen. Wir bauten draußen ein großes Zelt der „eingeschränkten Sicht“ auf, hier konnte das Publikum verschiedene Seheinschränkungen kennen lernen. Dieses Zelt war barrierefrei für RollstuhlfahrerInnen und gehörlose ZuschauerInnen.
Eine weitere Schwierigkeit bestand in der Dezentralität der Aufführungsorte. Da die einzelnen KünstlerInnen ihre Arbeit an auseinanderliegenden Orten vorstellten entwickelte sich das Gruppengefühl, das ansonsten gerade die neuen SpielerInnen unterstützt, nur allmählich. So entstanden Ängste und Verunsicherungen im Probenprozess. Mit den Aufführungen entwickelte sich dann jedoch ein immer stärkeres Gruppengefühl, immer größerer Spielfreude und ein sehr begeistertes Ensemble.

In der Zukunft müsste man bei solch einem performativen Aussenprojekt, mit dezentralen Spielorten und einzelnen Kunstaktion dem Gruppengedanken früher Rechnung tragen.

Kooperationspartner:
Das Heimatmuseum, Lepramuseum, die Waldschule Kinderhaus und die Kirchengemeinde St. Josef sind Kooperationspartner des Projektes. Die Zusammenarbeit war sehr gut. Wir hatten einen Schlüssel vom Museum und konnten dort proben. Die Kooperationspartner haben das Projekt beworben und unterstützt.

Öffentlichkeitsarbeit /Resonanz auf das Projekt /Nachhaltigkeit:
Die Resonanz auf das Projekt war durchgängig gut (siehe Presse). Das Publikum war tief berührt von den zum Teil sehr persönlichen Darbietungen der Ensemblemitglieder. Trotz des sehr regnerischen Wetters waren die Vorstellungen gut besucht. Die Werbung ist an alle Vereine und Verbände der Behindertenhilfe gegangen und macht auf diese inklusive Arbeit aufmerksam. Es gibt bereits Anfragen, ob wir diese Aktion auch an anderen Orten aufführen können.

 

Kosten:

Bei der Finanzierung haben sich Verschiebungen ergeben. Um Barrierefreiheit für die unterschiedlichen Behinderungen zu gewähren, haben wir von den 6 Aufführungen jeweils 2 barrierefrei für gehörlose Menschen, 2 für blinde Menschen und zwei für RollstuhlfahreInnen. Die Kosten für den Gebärdenspachdolmetscher sind dadurch geringer als geplant, allerdings hatten wir Mehrkosten in anderen Bereichen. Der Braillekartendruck war sehr kostenintensiv. 75 % dieser Kosten sind nun von der Stiftung Siverdes getragen worden.

 

 

Antrag Nr. 39: Stephan US und Amira Hammami, Münster – Lulu banal - Die mobile Koch-Kunst-Küche, die den Freiraum schmackhaft macht

„...Wenn ihr gegessen und getrunken habt, seid ihr wie neu geboren; seid stärker, mutiger, geschickter...“ aus Götz von Berlichingen, 1. Akt von Johann W. von Goethe

Kalte Vorspeise

Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes, Überwachung, Mietpreissteigerungen, Verdrängung von Vielfalt zugunsten einzelner Bevölkerungsschichten und, und, und.... alles Schlagworte, die im Zuge der Gentrifizierung urbaner Räume fallen. Und bei den in diesen urbanen Räumen verwurzelten Bewohnern wächst das Gefühl diesem Wandel mit Ohnmacht und Resignation gegenüber zu stehen...

Eine typische Beobachtung in vielen Städten dieses Landes und weltweit - so auch in Münsters sogenanntem Hafenviertel, dem Hansaviertel. Wir, Amira Hammami und Stephan US, arbeiten und leben beide in diesem Viertel und beobachten genau diesen Prozess. Vor gut 10 Jahren wurde in dem Hafenviertel der sogenannte „Kreativkai“ von Seiten der Stadt installiert. Künstler, Architekten, Designer, etc. bevölkerten in kurzer Zeit diesen Raum, die entsprechende Gastronomie lies nicht lange auf sich warten. Ein riesiges ehemals gewerbliches Gelände, die Osmohallen, standen zum Verkauf. Investoren mit typischen neoliberalen Zukunftsplänen standen auf der Matte. Ein riesiges Einkaufszentrum und schicke hochpreisige Loftwohnungen sollen entstehen und auch die andere Seite, die sogenannte B-Side des Hafens ist schon komplett mit Gastronomie, Bürokomplexen, etc. verplant. Und das Geschäft läuft und läuft immer besser, der Kultur- und Eventtourismus hat seine Maschine angeworfen. Es gab viel politischen Widerstand von Seiten einiger Gruppierungen und der Bevölkerung, doch am Schluss siegten die ökonomischen Interessen einiger weniger Lobbyisten und Politiker. Die Baukräne schwingen sich nun durch die Luft...

Doch ist alles getan und wirklich Schluss? Wir meinen: Nein! Wir sind erst bei der kalten Vorspeise.

 

Suppe

Eine andere Beobachtung, die wir in „unserem“ Viertel machen, ist, dass sich viele Menschen sehr mit diesem Viertel identifiziert haben und auch noch tun, sich aber genau das Gegenteil dieser Entwicklung wünschen: mehr Plätze für Gemeinsinn, Vielfalt und Gemeinschaft, Suppenküchen, freie Räume für alle mit ihren Eigenarten und Potentialen, und das Bedürfnis nach mehr Sozialem. Viele dieser Menschen leben und arbeiten schon lange in diesem alten Arbeiterviertel, sie haben es mitgeprägt durch ihre Aktivitäten, die das Ökonomische mit dem Sozialem zu verbinden verstehen: von der Ököbäckerei, dem alternativen Fahrradladen, dem Spielzeugladen, der nur Gebrauchtes verkauft, den kleinbürgerlichen Schrebergärten, dem Kleinen Bühnenboden, der bald schließen muss, bis zum jungen Szenelokal, wo aber immer noch Menschen sitzen können, die nie etwas verzerren und alleine sind. Dieses Viertel ist in seiner Substanz offen und vielfältig – ein wunderbarer Eintopf... Wäre da nicht das Gefühl der Angst und der Ohnmacht gegenüber den gesetzten Veränderungen im Viertel, dieses Gefühl keine andere Wahl zu haben, als zu gehen oder sich anzupassen. Doch haben wir wirklich keine Wahl?

Wir meinen: Nein! Die Suppe ist noch nicht ganz gelöffelt. Wir begegnen Tag täglich Menschen mit ihren Geschichten, Ideen und Wünschen bezüglich des Viertels. Gemeinsam möchten wir ein Forum ermöglichen, von dem aus diese weitergesponnen werden können. Die Umsetzung der unglaublich vielen Ideen bedarf der Vernetzung und der Tat. Es gibt so viele kleine Gruppierungen und Einzelne in diesem Viertel, die es gilt zusammenzubringen. ... und die Hauptspeise kommt jetzt.

 

Hauptspeise – Lulu banal

Lulu = arabisch für Perle - banal = einfach

In dieser Gemengelage von neoliberalem Wandel, der Angst und Ohnmacht der „Einheimischen“ in mitten des Wandels und der Substanz von Offenheit und Vielfalt in diesem Viertel eröffneten wir ab April 2015 eine mobile Koch-Kunst-Küche,

die, die einfache Perle – Lulu banal sichtbar macht

die, einen offenen Raum schafft

die mit guter Kochkunst satt machen kann und dann, wie es Goethe schon geschrieben hat

„..wie neu geboren; ... stärker, mutiger, geschickter...“ macht

die, die tatsächlichen Potentiale in diesem Viertel hervorkommen lässt

die ein Raum der Begegnung und Vernetzung sein kann

die niemanden ausgrenzt und ein Ort gegen die Vereinzelung ist

die ein Raum für Möglichkeiten ist, das Viertel im Tun neu zu gestalten

die eine Basis für Gemeinsames und Gegenteiliges sein kann

die Fragen stellt wie: Wie will ich eigentlich meine Stadt gestalten? Und was will ich dafür tun?

Die zwischen Kochen und Kunst keinen Unterschied macht

die von vielen gestaltet werden kann

die den Freiraum schmackhaft macht

Große Ziele, die hier beschrieben werden, doch wenn wir genau schauen und fast jeder hat es schon einmal erlebt, kann das einfache Zusammensein bei gutem Essen und Trinken genau diesen Raum eröffnen. Dieses Experiment starteten wir in im Viertel:

 

Vorbereitungs-, Speise – und Aktionsplan von März - Oktober 2015:
Im März starteten wir im Hansaviertel einen Aufruf uns für Lulu banal und unserer Küche Geschirr, große Kochtöpfe und alles was man für eine Küche und zum Essen braucht und jemand nicht mehr braucht, uns zu spenden. Die Resonanz war überwältigend und wir hatten innerhalb eines Monats soviel Geschirr, dass wir einen Aufruf machen mussten uns kein Geschirr mehr zu bringen. Von einer Kirchengemeinde bekamen viele sehr große Töpfe, Schüsseln und zwei alte mobile Gaskocher, die sie immer für ihre Zeltlage benutzten.

Mitte April bauten wir mit Hilfe von 10 Freunden und Helfern das Atelier im Speicher 2 zu einer Küche um. An einem Wochenende war das Grundgerüst der Küche eingerichtet.

Mittwoch 29. April 2015 um 18 Uhr vor dem Speicher II, Hafenweg 28, 48155 Münster direkt am Wasser

Sonntag 03. Mai 2015 um 13 Uhr vor dem Speicher II, Hafenweg 28, 48155 Münster direkt am Wasser

Mittwoch 06. Mai 2015 um 19 Uhr vor dem Speicher II, Hafenweg 28, 48155 Münster direkt am Wasser

Vom 8.-10. Mai machten wir Lulu banal während der Open-House-Tage im Atelier 1.7 im Speicher II und draußen (bei gutem Wetter).

Am Mittwoch 20. Mai 2015 um 19 Uhr kochte Lulu banal auf dem Platz Meppener Strasse/Ecke Lingener Strasse, 48155 Münster unter den zurzeit blühenden Kastanienbaum.

Am Freitag 22. Mai 2015 um 16.00 Uhr bot Lulu banal die erste Kaffeetafel auf dem kleinen Platz Meppener Strasse/Ecke Papenburger Strasse, 48155 Münster an.

Am Dienstag 26. Mai 2015 um 19 Uhr kocht Lulu banal auf dem Platz Meppener Strasse/Ecke Lingener Strasse, 48155 Münster unter dem Kastanienbaum.

Am Donnerstag 04. Juni 2015 (Fronleichnam) um 13 Uhr kochte Lulu banal zu Mittag auf dem Platz Meppener Strasse/Ecke Lingener Strasse, 48155 Münster unter dem Kastanienbaum.

Freitag 05. Juni 2015 um 18 Uhr lud Lulu banal zur abendlichen Tafel und eigentlichem Hafenfest auf dem kleinen Platz Meppener Strasse/Ecke Papenburger Strasse, 48155 Münster.

 

Am Montag 08. Juni 2015 um 13 Uhr kochte Lulu banal Mittagessen auf dem neuen Platz, wo sich Dortmunder Str. und die Hamburger Str. im Hansaviertel begegnen. Wir starteten zu diesem Termin auch den Aufruf für die Aktion „collective brain“

„Wir möchten gerne mit Eurer Beteiligung ein kollektives Gehirn bauen und es am 2. Juli Mitten im Herzen Münsters vor dem Rathaus in die Welt hinausschicken. Das Gehirn soll natürlich einigen Inhalt in sich tragen. Dafür brauchen wir Deine/Eure Mitwirkung: „Was würdest Du einem

kollektiven Gehirn, einem kollektiven Geist, für das Hansaviertel beisteuern, damit sich das Hansaviertel auch in Zukunft zu einem Viertel für Alle wandeln kann?“ Jede Antwort kommt in einen rosa Luftballon, aus denen dann am 2. Juli ein gigantisches „collective brain“ wächst. Die Antworten fliegen aber nicht nur in die Welt hinaus, sondern werden gleichfalls den politischen Instanzen Münsters überreicht.“

Mittwoch 10. Juni 2015 um 19 Uhr lud Lulu banal ans Wasser zur abendlichen Tafel vor dem Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster (Wasserseite).

Vom 12. – 14 Juni 2015 war Lulu banal zum Kochen und Performen in die Hauptstadt in der Kulturfabrik Moabit, Lehrter Str. 35, 10557 Berlin http://kunstundkantine.de/ eingeladen.

Am Samstag 20. Juni 2015 um 18 Uhr tafelte Lulu banal auf und zwar vor und in und durch die Produzentengalerie SO66, Soester Strasse 66, 48155 Münster. Zu diesem Termin erschienen über 100 Menschen und es war ein reines Fest. Ich, Stephan US, führte zu diesem Termin noch eine Video-Klang-Performance an der Abbruchkante vor einem Abrissbagger zum Thema Gentrifizierung durch.

Am Montag 22. Juni 2015) um 12.30 Uhr kochte Lulu banal zu Mittag auf dem kleinen Grünstreifen am Hansaring 45, 48155 Münster (beim Raketenkaffee). Bei dieser Aktion erschien das Gesundheitsamt. Wir hatten eine Anzeige bekommen; von wem wissen wir nicht. Der Beamte vom Gesundheitsamt wollte unser Küche schließen. Wir machten für den nächsten Tag einen Termin mit ihm in unserer Basisküche im Atelier aus. Nach langer Diskussion und dem Wohlwollen des Beamten (Er fand das Projekt richtig gut!) haben wir einige kleine Auflagen bekommen, so dass wir weiter machen konnten.

Mittwoch 24. Juni 2015 um 19 Uhr lud Lulu banal zur abendlichen Tafel auf den Hansaplatz, 48155 Münster (Eingang von der Schillerstrasse aus). Dort bauten wir unter den Bäumen eine lange Tafel auf und als Gast und Bewohner des Hansaviertels gab Kabarettist Michael Tumbrinck (www.tumbrinck.de) ein spezielles Programm für und um das Hansaviertel zum Besten.

Am Dienstag 30. Juni 2015 um 18 Uhr kochte Lulu banal zu Abend Am Mittelhafen, 48155 Münster (dort, wo das Hafenbecken endet)

 

Am Donnerstag 02. Juli 2015 um 12.00 Uhr kochte Lulu banal zu Mittag direkt am Zaun zur Brache, wo das E-Center entstehen soll: Hafenweg 28, 48155 Münster (Straßenseite gegenüber dem Speicher 2). Danach bauten wir gemeinsam das „collective brain“ auf und gingen gegen 15.30 Uhr gemeinsam mit den Antworten bis zum Rathaus am Prinzipalmarkt. Dort schickten wir die über 100 Antworten in die Welt hinaus und auch an die politischen Instanzen, den Parteien und Bürgermeisterkandidaten.

Freitag 03. Juli 2015 um 18 Uhr lud Lulu banal unter dem Motto „Es ist noch nicht Alles gegessen“ zum abendlichen Reste-Essen vor dem Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster. Jeder sollte seine „Reste“ zum gemeinsamen Reste-Essen-Austausch mitbringen. Das auch am Hafen noch nicht alles gegessen ist, wie die Planungen am Hafen sind und was man noch dagegen tun kann, wurde uns an diesem Abend von Rainer Bode von der Initiative ZukunftHafen e.V.i.G. http://www.zukunfthafen.ms/ kundgetan. Es wurde viel und lange an diesem sommerlichen Abend diskutiert.

 

Dann machten wir eine kleine Sommerpause und studierten Rezepte im gebeutelten Griechenland.

Das nächste Essen war dann der 24. Juli 2015 um 19 Uhr im Innenhof der Lila Leeze, Dortmunder Str. 11, 48155 Münster. Es kamen ca. 100 Menschen zu diesem wunderbaren Auftakt nach der Sommerpause.

Lulu banal lud zum abendlichen Picknick am Dienstag 28. Juli 2015 um 19.30 Uhr auf der Wiese Bremer Platz (die Grünfläche am Bahnhof zwischen Bremer Straße und Soester Straße) ein. Doch aufgrund schlechten Wetters

Am Sonntag 02. August 2015 um 13 Uhr lud Lulu banal zum Mittagstisch auf den Hansaplatz, 48155 Münster (Eingang von der Schillerstrasse aus).

Unter dem Motto „Is(s)t doch kinderleicht“ lud Lulu banal und das Rumpelspielchen am Montag 03. August 2015 um 12 Uhr alle Kinder (auch mit ihren Eltern) zum Kochen am und im Rumpelspielchen, Hansaring 35, 48155 Münster www.rumpelspielchen-muenster.de ein. Wir schnitzten aus allerlei Gemüse ein Hansaviertel, wie es uns gefällt.

Zu einem Trauerkaffee luden wir am 09. August 2015 um 16 Uhr an der Alten Post, Hansaring 64, 48155 Münster.

Am Mittwoch 12. August 2015 um 19 Uhr kochte Lulu banal Abendessen auf dem neuen Platz, wo sich Dortmunder Str. und die Hamburger Str. im Hansaviertel begegnen.

Am Freitag 14. August 2015 um 19 Uhr kochte Lulu banal zu Abend Am Mittelhafen, 48155 Münster (dort, wo das Hafenbecken endet)

Lulu banal lud zur abendlichen festlichen Tafel am Mittwoch 19. August 2015 um 19 Uhr auf der Wiese Bremer Platz (die Grünfläche am Bahnhof zwischen Bremer Straße und Soester Straße) ein.
Am Dienstag 25. August 2015 um 18 Uhr kochte Lulu banal Abendessen auf dem Hansaplatz, 48155 Münster (Eingang von der Schillerstrasse aus).

Zu einem Trauerkaffee luden wir am 30. August 2015 um 16 Uhr an der Alten Post, Hansaring 64, 48155 Münster (Einfahrt an der Star-Tankstelle), soll doch die Alte Post einem Edeka-Center weichen. Bevor es zu spät ist und der Abrisshammer über Nacht vollendete Tatsachen schafft, wollten wir uns wenigstens würdevoll von diesem wunderschönen Gebäude verabschieden und Neues schmieden.

Am 5. September 2015 trafen wir uns ab 12 Uhr auf dem Hansaplatz, 48155 Münster (Eingang von der Schillerstrasse aus). Dort starteten wir, um die Wahlplakate von „Wir sind die Bürger/Meister!“ am Hansaring, an der Bremer Strasse und an der Wolbecker Strasse auf zuhängen. Danach gab es ab 15 Uhr Nachmittagessen, nicht wie angekündigt auf dem Hansaplatz, sondern an der B-Side des Hafens (auf der anderen Wasserseite gegenüber vom Speicher 2). Dort fand fast zeitgleich am 5. September ab 16 Uhr das Alternative Hafenfest statt! Wer dort mitmachen wollte, konnte sich anmelden: http://rettedenhafen.wix.com/2015

Am Dienstag 29. September 2015 um 18 Uhr kochte Lulu banal Abendessen vor dem Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster (an der Wasserseite

Am Sonntag 04. Oktober 2015 kochen wir am Erntedankfest um 13 Uhr Mittagessen vor dem Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster (an der Wasserseite). Bei schlechtem Wetter findet das Essen im Atelier 1.7, Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster statt. Bitte Geschirr und Besteck mitbringen! Wer uns beim Aufbau der Tafel helfen will, bitte melden!

Am Freitag 09. Oktober 2015 kochte Lulu banal um 18 Uhr ein abendliches Mahl vor dem Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster (an der Wasserseite).

Am Dienstag 13. Oktober 2015 um 18 Uhr kochte Lulu banal Abendessen vor dem Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster (an der Wasserseite).

Am Samstag 31. Oktober besetzten wir früh morgens die Alte Post symbolisch. Lulu banal machte Frühstück und kochte danach Mittagessen. Zahlreiche Gruppen waren an der symbolischen Besetzung beteiligt. Der WDR berichtete auch darüber.

Am 29.11.2015 wurde Lulu banal von der GutesMorgenMünster, eine Plattform für zukunftsweisende Projekte für die Stadt Münster in einer Laudatio von Kasper König, dem Kurator der Skupturen Projekte 2017, aus BestPracticeProjekt ausgezeichnet.

Lulu banal in kurzen Zahlen

Unzählige wirklich schöne Begegnungen mit Menschen aus dem Viertel

mindestens 1800 Portionen Essen gekocht

ein Superbrain aus 105 Antworten in rosa Luftballone

35 Kochaktionen

im Durchschnitt 33 Euro Gewinn pro Kochaktion gemacht

20 neue Bürgermeisterkandidaten

1 Anzeige bekommen

1 Preis als BestPracticeProjekt gewonnen

 

Öffentlichkeitsarbeit

Was Lulu banal ist, wann und wo wir im Hansaviertel für Alle kochten und was wir vor hatten,
konnte jeder im Internet unter: www.archiv-des-nichts.de oder www.facebook.com/lulubanalkueche

 

Für alle, die kein Internet nutzen, hatten wir folgende Institutionen und Geschäfte im Viertel gefunden, die mit uns kooperierten:

Eiscafè Grava, Wolbecker Str. 43, 48155 Münster

Portugiesische Spezialitäten, Wolbecker Str. 72, 48155 Münster

Fleischerei Erpenbeck, Dortmunder Str. 17, 48155 Münster

Rumpelspielchen, Hansaring 35, 48155 Münster

Lila Leeze, Dortmunder Straße 11, 48155 Münster

Gator’s Pizza, Hansaring 44, 48155 Münster

Rümpelfix, Bremer Straße 42, 48155 Münster

Speicher 2, Hafenweg 28, 48155 Münster
Dort hängten wir immer die aktuellen Informationen und Termine rund um Lulu banal aus.

Je nach Aktion verteilten wir auch Flugblatter und Infoblätter im Hansaviertel, wodurch wiederum viele uns unbekannte Menschen angesprochen wurden. Die öffentliche Tafel und die Küche war aber der wesentliche Kommunikationspunkt für das Projekt.

 

Resümee

Wir haben mit Lulu banal alle von uns gesetzten Ziele erreicht. Die große Resignation im Viertel ist einem Interesse und einer neuen Bereitschaft etwas auf die Beine zu stellen, gewichen. Durch Lulu banal haben sich viele neue Kooperationen und neue/alte Netzwerke aktiviert, Nachbarschaften und Unbekannte sich kennengelernt und ein neuer politischer Wille hat sich formiert – und das alles mit gutem Essen. Und der Wille und das Bedürfnis von uns den Menschen im Viertel ist – Lulu banal macht weiter... Wir wissen noch nicht wie, aber...

Danke an die Förderer!

 

 

Antrag Nr. 42 Theater am Schlachthof Neuss Rudelzwang und Mitläufertum

 

Das Theater am Schlachthof hat mit Jugendlichen aus dem Jugendclub Spielstarter und dem

Jugendclub des Düsseldorfer Schauspielhauses auf der Grundlage von William Goldings Klassiker

"Herr der Fliegen" ein Projekt über die Entstehung von Gewalt in Gruppenprozessen auf die Bühne

gebracht.

Das Buch/Theaterstück/Film versucht zu erklären, wie Gewalt entsteht, was Gruppendruck mit

Jugendlichen macht, ob der Mensch von sich aus böse ist und wie Mitläufertum Gewalt hervor

bringen kann. Der Leiter unseres Jugendclubs Spielstarter (und ebenfalls des Jugendclubs am

Düsseldorfer Schauspielhaus) hat alle theaterbegeisterten Jugendlichen aus Neuss und Düsseldorf

angesprochen und dann aus Ihnen zwei Gruppen (D und Ne) gebildet, die, wie in der Vorlage, die

beiden rivalisierenden Gruppen dargestellt haben. Das Stück hat sich thematisch sehr an die Vorlage

angelehnt, die Dialoge wurden aber von den Jugendlichen aktualisiert. Neben der eigentlichen

theaterpädagogischen Arbeit und der Entwicklung des Stücks wurden drei Workshops zum Thema

Selbstverteidigung, Gewaltdarstellungen im Theater und Selbstbehauptung angeboten.

Gezeigt wurde das Theaterstück dann ab Mai 2015 im Theater am Schlachthof. Es waren tatsächlich

einige Schulklassen in den ausverkauften Vorstellungen und es kam dann zu sehr gelungenen

Gesprächsrunden nach den Vorstellungen zwischen Schülern und jugendlichen Schauspielern.

 

 

Antrag Nr. 43 Theater am Schlachthof Neuss „How my parents met“

 

"How my parents met" ist ein semi-biografisches Theaterprojekt, bei dem sich jugendliche

Teilnehmer mit den ersten Begegnungen ihrer Eltern oder anderer Verwandter und den damaligen

(jugendlichen) Lebenswelten auseinandergesetzt haben.

Wie haben sich meine Eltern kennen gelernt? Wie lebten junge Menschen damals im Vergleich zu

heute? Wie wurde kommuniziert, gefeiert, gelebt, geliebt?

Für dieses Stück haben Jugendliche und junge Erwachsene Geschichten von Paaren aus ihrer

Verwandtschaft recherchiert und präsentieren diese szenisch, musikalisch und videospielerisch in

einem Crossover-Mix auf der Theaterbühne. Dieser Theaterabend ist eine Hommage an ein paar Eltern, deren Anfänge augenzwinkernd und mit einer Prise kreativer Freiheit nacherzählt werden.

Das Stück wurde sowohl in der Theaterfabrik Düsseldorf als auch im Theater am Schlachthof Neuss

gezeigt. Die jugendlichen Teilnehmer kamen aus dem Jugendensemble des TAS, aus der jungen

Theatergruppe Looters und aus den Schauspielkursen der Theaterfabrik Düsseldorf.

Die Zusammenarbeit war sehr erfolgreich (siehe Presseartikel), der Zuschauerzuspruch gerade in

Neuss hätte besser sein können.

 

 

Antrag Nr. 47: Kraftstation, Remscheid - Modern Family -… oder die Suche nach dem selbstbestimmten ICH

 

Ich bin nicht da! Bin mich suchen gegangen, wenn ich wieder da bin, bevor ich zurückkomme, sagt mir: Ich soll auf mich warten. (Quelle: Facebook Zitat)

 

1. Projektablauf und Veränderungen

Das Soziokulturellen Zentrum Kraftstation benutzte in dem Projekt „Modern Familie“ kulturelle Ausdrucksweisen um das gängige Normsystem in Frage zu stellen und für Jugendliche eine größere Identifikationsfläche zu bieten. Eine Projektreihe die mit alten Rollenmustern und Klischees bricht. Ursprünglich wollten wir durch die Kombination aus drei neuen Programmformaten Vortrag mit Workshop, Theaterperformance und einem Queerkonzert unsere Besucher*innen sensibilisieren und mit der Öffentlichkeit in den Diskurs gehen.

Bevor wir in die Umsetzungsphase des Projektes gingen, besuchten wir das schwullesbische Jugendzentrum Anyway in Köln und nahmen verschiedene Beratungsangebote an. Aufgrund der Beratung veränderten wir die Vorgehensweise des Projektes. So entwarfen wir zuerst einen Parcours der die eigene Geschlechtsidentität beleuchtete. Hierfür gewannen wir Christin Pomp, die über einen Monat ausgewählte Themen in unser Jugendzentrum spielerisch, bzw. performativ in einzelnen Gruppen und im Offenen Bereich thematisierte. Zeitgleich wurde eine anonyme Umfrage zu LGBTI Themen gestellt. Die Ergebnisse wurden in einem öffentlichen Vortrag präsentiert und in einem wissenschaftlichen Kontext gestellt.

Um unser Bild nach außen zu Verändern haben wir verschiedene Plakate auf gehangen und immer wieder Facebookpost zu LGBTI Themen gepostet. Also Höhepunkt haben wir PULK FIKTION mit ihrem Gesellschaftsspiel „Die Konferenz der wesentlichen Dinge“ zu Gast in unserem Haus gehabt. Hier thematisierten wir die eigenen Normen in zwei Vorstellungen und verschiedenen Theaterpädagogischen Workshops.

 

2. Eine besondere Theatervorstellung

„Ich feiere das voll!“ (Marcel, 12 Jahre) So äußert sich spontan einer der jugendlichen Teilnehmer*innen der Abendvorstellung der „Konferenz der wesentlichen Dinge“ am 27. November 2015 im soziokulturellen Jugendzentrum Kraftstation in Remscheid.

Die über die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren geförderte Theatervorstellung ist für unser Zentrum ein sehr spezielles Format gewesen. Zum einen konnten lediglich 20 Personen an dieser Performance teilnehmen und zum anderen wurde eine generationsübergreifende Publikumsstruktur angestrebt. Trotzdem hat uns die Idee einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Familie“ sehr gereizt.

Unser Zentrum wird größtenteils von Bildungsbenachteiligen Jugendlichen und Kindern besucht. Oft sind gerade sie mit schwierigen Familiensituationen konfrontiert. Für uns ist es deshalb ein sehr spannendes Anliegen gewesen „Familie“ gemeinsam mit unseren Besucher*innen neu zu betrachten.

Der wuchtige und beeindruckende Konferenztisch wurde bereits einen Tag zuvor in unserer Halle aufgebaut und zog sofort das Interesse der Jugendlichen und Kinder auf sich. Zur ersten Vorstellung haben wir Kinder aus einer Offenen Ganztagsgrundschule mit ihren Eltern und Erzieherinnen eingeladen. Das völlig ungewöhnliche Theaterformat sorgte zunächst für Irritation, die dann sogleich in große Spielfreude umschlug. Die lebhafte und sprunghafte Vorstellung hat es tatsächlich geschafft, das Interesse der Kinder über einen Zeitraum von eineinhalb Stunden aufrecht zu erhalten. Dabei kamen viele lustige, locker Situationen zustande, die dann jedoch auch wieder in nachdenkliche und ruhige Momente übergeleitet wurden.

Die Abendvorstellung der „Konferenz der wesentlichen Dinge“ bewarben wir frei. Hier nahmen Jugendliche und Kinder aus dem Offenen Bereich der Kraftstation und theaterinteressierte Besucher*innen aus Remscheid teil. Hier kam neben den spielerischen Genuss, ein sehr spannender und tiefgründiger Austausch zustande. Die Teilnehmer*innen selbst bezeichneten die „Konferenz der wesentlichen Dinge“ als besondere und sehr wertvolle Erfahrung.

Pulk Fiktion ist mit der Konferenz gelungen, das Thema „Familie“ sehr nah an der Lebenswirklichkeit unserer jugendlichen Besucher*innen zu verhandeln. Deshalb gewann sie gerade im Generationsmix der Abendvorstellung an Bedeutung und wurde als Ventil zur Meinungsäußerung genutzt.

Der spielerische Aufbau der „Konferenz“ zeigte sich für unsere Besuchergruppen als geeignetes Format. Das Theatererlebnis mit Inhalt und klugen Methodenwechsel versetzte alle in ihrem Bann. Es präsentierte sich inhaltlich und in seiner Umsetzung als Herausforderung, ohne dabei belehrend oder bloßstellend zu seinen. Es wurde ein Raum zum Andersdenken geöffnet und eine selbstbestimmte Rezeption ermöglicht. Die „Konferenz der wesentlichen Dinge“ würde ich daher als ein hervorragendes künstlerisches Erlebnis bezeichnen.

Wir haben unsere Vorstellungen als Theaterexperiment beworben. Das Experiment ist voll aufgegangen.

 

3. Ein Imagevideo

In einem dritten Projektabschnitt entschieden wir uns für dazu einen Imageclip zu drehen. Hierfür luden wir Besucher*innen unseres Zentrums zur Beteiligung ein. An einem Mittwoch wurde ganztägig der Dreh angesetzt. Im Vorfeld wurden ein Text und die verschiedenen Szenen mit den Jugendlichen erarbeitet. Am Ende wurde ein sogenannter One Shoot gedreht. Mit dem Imagevideo wollten wir für LGBTI Jugendliche ein Signal setzen und ein offenes Haus werden. Wir glauben, das ist uns sehr gut gelungen.

 

4. Ausblick und Resümee

Wir konnten mit dem Projekt „Modern Family“ sehr viele Jugendliche erreichen. Gerade durch die Änderungen ist es uns möglich gewesen, nah an unserer Zielgruppe zu bleiben und sie mitzunehmen.
In 2016 haben wir an der Rote Karten Aktion teilgenommen und haben uns noch einmal deutlich positioniert. . Auch bleiben wir weiterhin an diesem Thema dran. So werden wir im Herbst 2016 erstmalig ein LGBTI Café anbieten und eine Mädchen Theatergruppe gründen.

 

 

Antrag 48 Lindenbrauerei Unna Crossroads + Eric Clapton - 70 Jahre -

 

Projektbeschreibung

Das Kulturzentrum Lindenbrauerei feierte 2015 sein 25 jähriges Bestehen. Viele Projekte wurden in den vergangenen Jahren durchgeführt, wobei das Musikprojekt zum Jahresende immer einen besonderen Stellenwert hatte. Aus einem Traditionstermin der Kultband aus den Gründerjahren „Prager Holz- und Blechensemble“ entwickelte sich mit Hilfe der Musikarbeitsgemeinschaft der Lindenbrauerei (eine auch schon fast 25 Jahre ehrenamtlich arbeitende Gruppierung zur Mitgestaltung des Musikprogramms des Kulturzentrums) ein Themenabend, in den immer mehr Musiker und Bands eingebunden wurden. Inzwischen stehen zu musikalischen Oberthemen bis zu bis zu 10 Amateurbands (ca. 55 Amateurmusiker) aus Unna und Umgebung auf der Bühne. In 2015 sollte, gerade mit dem Hintergrund des 25. Jubiläums, das Augenmerk auf junge Bands gelegt werden. Die Integration der jungen Musikerinitiative TON. Hier tummeln sich Bands der härteren Fraktion, die es zu überzeugen gilt, diese Herausforderung anzunehmen, und sich dem Projekt zu öffnen. Nur durch die Integration von jungen Bands kann diese traditionelle Veranstaltungsreihe überleben.

Die Interpretationen der Songs und der Szenen wurde durch Profimusiker gelenkt und in Form gebracht. Hier wurden, wie in den letzten Jahren auch, viele Möglichkeiten eröffnet mit der Musik und den Zusammenstellungen der Bands zu hantieren. Dies in ein Konzerterlebnis bündeln zu lassen, war die durchaus schwierige aber spannende Aufgabe des musikalischen Leiters. Es hieß hier Rücksicht zu nehmen auf den musikalisch- dramaturgischen Rahmen als auch auf das Können und die Fertigkeit der einzelnen Musiker richtig zu beurteilen und zu fördern.

Besonders spannend war aber diesmal die Herausforderung für junge Bands aus Unna, sich mit dem älteren musikalischen Verständnis praktisch auseinanderzusetzen, moderne Arrangements und Spieltechniken mit klassischen zu mischen.

Eine gegenseitige Toleranz bzw. Akzeptanz war unausweichlich, eine Vermischung der Bands durch austauschen einzelner Musiker wurde geplant, und somit wurde eine Initiativzündung zur Gründung neuer Band und Bandprojekte in Unna gesetzt.

Die Band „Eric, where is Layla“ ist hierfür das aktuelle Beispiel.

Unna ist über die Stadtgrenzen hinaus für gerade solche Projekte bekannt, und diese Art von Projekten hat gezeigt, wie wichtig Sie für die Unnaer Musikszene sind, aber auch für das gesamte östliche Ruhrgebiet und die Hellwegregion eine soziokulturelle Vorreiterrolle darstellen.

Für 2015 war folgendes Thema naheliegend:

Eric Clapton wurde 2015 70 Jahre alt, ein Jubiläum, dass Aufmerksamkeit verdient:

Eric Patrick „Slowhand“ Clapton, (* 30. März 1945 in Ripley, Borough of Guildford, Vereinigtes Königreich) ist ein englischer Blues- und Rock-Gitarrist und -Sänger. Er ist 20-facher Grammygewinner und ist als einziger Musiker dreifaches Mitglied der „Rock and Roll Hall of Fame“. Clapton prägte die Entwicklung des Bluesrocks seit den 1960er Jahren wesentlich mit und gilt als einer der bedeutendsten Gitarristen. Auf der im Jahr 2011 aktualisierten Liste der 100 Greatest Guitarists of All Time der US-amerikanischen Musikzeitschrift Rolling Stone findet sich Clapton auf Rang 2.

Sein Lied „Tears in Heaven“ ist für viele Grundschulen Thema sowohl im Religions- als auch Englischunterricht.

Clapton ist auch der Organisator des Crossroads Guitar Festivals. Das Crossroads Guitar Festival ist ein Musikfestival und Benefizkonzert, das seit 2004 alle drei Jahre stattfindet. Die Einnahmen der Festivals kommen dem Crossroads Centre zugute, einem Drogentherapiezentrum auf Antigua, das in den 1990er Jahren von Eric Clapton zusammen mit Richard Conte gegründet wurde.

Die Musik Ag der Lindenbrauerei sah dieses Festival und die musikalische Geschichte Eric Claptons als ideale Grundlage, sowohl die Tradition der Jahresabschlussprojekte in der Lindenbrauerei fortzuführen, als auch neue Ansätze zu integrieren.

Die Aufführung fand im Kühlschiff der Lindenbrauerei am 19.12.2015 statt.

Teilgenommen haben die Musikgruppen Fitches, Jahm!, Heartland, Fab, Sonic und Groove Jet, Marius Tilly Band. Interessierte Einzelmusiker / SängerInnen ohne Bands wurden zusätzlich in dieses Projekt eingebunden, und es wäre nicht das erste mal, das hier ein dauerhafter, nicht immer so leichter Einstieg in die Unnaer Musikszene geebnet wurde.

Das Projekt war so angelegt, dass genreübergreifende Ausdrucksformen nicht nur gewünscht, sondern provoziert und ermöglicht wurden.

 

 

Antrag Nr. 49: Die Börse, Wuppertal - Durcheinander – Miteinander - Ein Musik- und

Tanztheaterprojekt mit Kindern und Jugendlichen

 

Als zweiten Teil unseres Projektes „Durcheinander–Miteinander“, dessen erster Teil in Kooperation mit der Gesamtschule Else-Lasker-Schüler und dem Insttitut Apeiros mit dem Erarbeiten von Tanzvideos entstand, führten wir in Kooperation mit der Grundschule Hesselnberg ein Musik- und Tanztheaterprojekt zum Thema „Zusammenleben - Individuum und Gemeinschaft“ durch.

Zwei Projektgruppen in den Bereichen Musik und Gestaltung wurden einmal wöchentlich innerhalb des Unterrichts an der Grundschule Hesselnberg angeboten. Parallel dazu entwickelte eine weitere Gruppe eine Choreographie zum gleichen Thema. Die Elemente Musik, Gestaltung und Tanz wurden dann in einer Endprobenphase zu einem Tanztheaterstück mit Lifemusik zusammengeführt und im Kommunikationszentrum "die börse" aufgeführt.

Unser Projekt richtete sich an Kinder und Jugendliche, die zu einem sehr hohen Anteil einen Migrationshintergrund haben und vonseiten der Familien im Hinblick auf kulturelle Bildung wenig gefördert werden.

Am Beginn des Projektes stand die gemeinsame Themenfindung für das zu entwickelnde Musikstück in zwei vorbereitenden Treffen vor den Sommerferien. Zum Thema Durcheinander –Miteinander assoziierten die Kinder das Themenfeld rund ums Kochen: Das Durcheinander, das beim Kochen entsteht, Turbulenzen um geschmackliche Vorlieben und die Schwierigkeit Abläufe aufeinander abzustimmen, das Chaos, das dabei in der Küche entsteht und zum Schluß das gemeinsame Essen als harmonisches Familienerlebnis.

In der Gruppe Musik wurde dann nach den Sommerferien aus Improvisationen mit klingenden Alltagsgegenständen und der eigenen Stimme die Bühnenmusik entwickelt. Entstanden ist ein selbst entwickelter Küchenrapp und einige gemeinsame Klangimprovisationen mit unterschiedlichen Instrumenten, in denen die Kinder lernten, aufeinander zu hören und auch mal leise Töne zu spielen.

Innerhalb der Gruppe Gestaltung wurden die Bühnenelemente und Kostüme von den Kindern selbst gestaltet. Es wurden Küchenutensilien aus Pappmache gebastelt, Lebensmittel dargestellt und eigene Kostüme für alle Beteiligten aus den bereichen Tanz, Musik und Gestaltung genäht.

Dem Tanzworkshop lag keine feste Choreographie zugrunde. Durch gezieltes Aufwärmtraining wurde zunächst das Körperbewusstsein und die Bewegungsfähigkeit geschult. Das wichtigste Arbeitsprinzip war die Suche, das Ausprobieren und eine völlige Offenheit, was das Ergebnis angeht. Für die beteiligten Kinder war die freie Improvisation eine große Herausforderung, an die sie sich erst nach und nach heran tasten mussten. Die kontinuierliche Probenarbeit hat sie jedoch dazu ermutigt, eigene Bewegungen zu entwickeln. Das so entwickelte Bewegungsmaterial wurde dann zu festgelegten Choreographien fixiert und in eine feste Reihenfolge gebracht.

Eine besondere Herausforderung, auch im Zusammenspiel der Künstler mit Lehrern, Betreuern aus dem offenen Ganztag war die sehr intensive dreitägige Endprobenphase in der börse, bei der die Elemente Musik, Gestaltung und Tanz zu einem Tanztheaterstück mit Lifemusik zusammengeführt wurde.

Das entstandene kurze Stück wurde am 30. September in einer gut besuchten Nachmittagsvorstellung im Kommunikationszentrum "die börse" aufgeführt und kam bei Eltern, Lehrern, Mitschülern und Geschwisterkindern sehr gut an.

 

 

Antrag Nr. 60 Vorwort zur Dokumentation des Zukunftskongress Soziokultur - Vorwärts und wohin!

 

„Zukunft muss menschenfähig werden - nicht umgekehrt….Im Wort Zukunft steckt kein Schwung mehr, auch wenn noch so viele Zukunftskongresse veranstaltet werden. Zukunft ist mehr Drohwort denn Frohwort. Dass aus dem herrlichen Wort "Zukunft" so etwas Abscheuliches wie "Zukunftsfähigkeit" gemacht wird, ist zum Heulen. Das Wort "zukunftsfähig" ist ein verlogenes Wort, weil es so tut, als gäbe es eine feststehende Zukunft, für die man sich fähig machen müsse. Es gibt aber keine Zukunft, von der man sagen könnte, dass es sie einfach gibt. Es gibt nur eine, die sich jeden Augenblick formt - je nach dem, welchen Weg ein Mensch, welchen eine Gesellschaft wählt, welche Entscheidungen die Menschen treffen, welche Richtung die Gesellschaft einschlägt …. Zukunftsfähigkeit muss daher neu definiert werden, nämlich so: Wie wird die Zukunft fähig für die Gesellschaft? Wie wird sie fähig für ein Leben, das mehr ist als ein Überleben? Zukunft sollte so sein, dass Menschen heil und zufrieden leben können.“ (Heribert Prantl, SZ, 25. Mai 2015)

 

Vielleicht hätten wir in Prantls Sinne den Kongress etwas anders hätten durchführen müssen. Vielleicht ein späteres Mal. Deswegen auch diese Dokumentation, um uns, gerade auf der Grundlage von Prantls Aussagen, noch mal zu vergewissern, welche Fragen noch offen sind bzw. was nochmal gedacht und wie weiter gehandelt werden sollte. Aber seine Grundaussage ist die, dass wir selber die Zukunft gestalten. Wir sollten daher nicht warten, was auf uns zukommt, sondern selber formulieren, wie wir uns die soziokulturelle Praxis vorstellen und welchen gesellschaftlichen Beitrag wir da leisten wollen und können.

Zwei Jahre lang haben wir über Sinn, Zweck und Inhalt des Kongresses diskutiert. Das Konzept dafür hin und her gewälzt. Leute eingeladen, Absagen gesammelt, wieder neu überlegt und konzipiert. Und es hat funktioniert. Ca. 160 Menschen waren dabei, über die Hälfte aus den Mitgliedseinrichtungen der LAG NW. Damit hat sich auch eine unserer zentralen Hoffnungen, möglichst viele KollegInnen aus den Zentren an dem Diskurs zu beteiligen, erfüllt. In der Einladung zum Kongress hieß es: „Es ist an der Zeit, Fragen zu stellen: Viele alte Fragen neu zu formulieren. So manche neue Frage zum ersten Mal.“ Einige Beispiele hat Christine Brinkmann, zakk Düsseldorf und Vorsitzende der LAG NW, in ihrer Eröffnungsrede angesprochen: „Wie die anderen Zentren auch, diskutieren wir ständig im Haus über die Zukunft unseres soziokulturellen Zentrums: Wohin geht die Reise des zakks? Welche Wege wollen wir auf dieser Reise gehen? Und wie können wir unsere Überlegungen bezüglich Kunst/Kultur, Personal, Politik & Stadt in Praxis übersetzen? Worüber reden wir also, wenn wir mit diesen zwei Tagen sowohl eine Bestandsaufnahme der Soziokultur als auch eine Positionsbestimmung für deren Zukunft vornehmen wollen? Können wir uns den aktuellen Herausforderungen und den abgeleiteten Detailfragen widmen, ohne im Trubel des Alltagsgeschehens unsere Orientierung zu verlieren“.

Florian Malzacher sorgte für einen provokativen Einstieg: "Nicht Spiegel, sondern Hammer - Kunst als soziales und politisches Werkzeug“. Zwischen Theorie und konkreter Praxis bewegten sich Fragen nach dem Verhältnis der Soziokultur zwischen Adorno und Bierverkauf. Diese Spannbreite zwischen der Adorno’schen affirmativen Kultur und der konkreten Praxis stellte sich als groß heraus. Angelehnt an die Aufbruchzeit der siebziger Jahre („Das. Ist. Unser. Haus!“) haben wir die Rolle der Soziokultur und möglichen Freiräumen in der Stadtentwicklung und entlang der Urbanitätsdebatte beleuchtet. Die These: „Etabliert - und das ist gut so?! Soziokultur von der Bewegung zur Institution - mit und ohne Marsch“ problematisierte die neue Rolle der Soziokultur zwischen Stadttheater und den neuen Subkulturen. "Von der Subkultur zum Mainstream … und zurück?" hieß der Titel der Podiumsdiskussion, die vom WDR 3 Forum im Radio übertragen wurde. Erreichen wir noch die junge Generation mit unseren Angeboten? Welche Rolle spielt die Soziokultur bei der interkulturellen Öffnung der Kultur? Am zweiten Tag heizte uns Feridun Zaimoglu ein mit der Frage, "Die Welt verändern - mit Kunst und Kultur?", die er sehr differenziert, aber auch selbstkritisch beantwortete. Der Blick auf die Zukunft wurde dann konkreter: Was kommt nach Poetry Slam? Und ‚wohnen’ die jungen Menschen wirklich nur noch im Social Media? Und wie kann die vielbeschworene Teilhabe unter den aktuellen Rahmenbedingungen mitgestaltet werden?

Wesentlich ist für die LAG NW als Veranstalter, dass es auch nach dem Kongress weitergeht. Wir haben in der Abschlussrunde versprochen, dass wir uns im Herbst/Winter 2015 an unseren Thesen und Ansprüchen messen lassen wollen: Haben wir mit den Erkenntnissen und Vorschlägen vom Kongress weiter gearbeitet und Ergebnisse erzielt? „Vorwärts und wohin!“ lautete das Kongressmotto. Zur Überprüfung dient u.a. auch diese Dokumentation, die die bisherigen Texte, Protokolle und Vorträge zusammenfasst und damit auch zur weiteren Diskussion einlädt.

 

 

Antrag Nr. 61 Bunker Ulmenwall Orchestra 2015

 

Im Rahmen eines mehrtägigen Musikworkshops während der Konzeptförderung für Soziokulturelle

Zentren hatte sich 2013 das Bunker Ulmenwall Orchestra formiert, welches in charakteristischer

Weise der Annäherung von Jazz und Jugendkultur Rechnung trug und Profis und

Nachwuchsmusiker*innen sowie Erfahrung und Talent erfolgreich miteinander in Austausch

und Zusammenarbeit setzte. (zum ausführlichen Konzept siehe Projekt-Antrag)

Mit der Projekt-Unterstützung der LAG konnten die Resultate nach Beendigung der Konzeptförderung

nun in weiteren Zentren der LAG präsentiert werden.

Die 3 Konzerte fanden in Bielefeld (Bunker Ulmenwall), Gütersloh (Alte Weberei in Kooperation

mit Wolfgang Hein) und in der Musikhochschule Münster (in Kooperation mit Erhard Hirt

vom cuba) statt. Das ursprünglich im domicil Dortmund geplante Konzert wurde sehr kurzfristig

vom Veranstalter aufgrund kollidierender Terminschwierigkeiten abgesagt, weswegen

Bielefeld zum alternativen Auftrittsort wurde. Das Konzert im domicil wird 2016/2017 nachgeholt.

Die Gelder wurden gemäß dem Finanzplan in ihren Bereichen mit Mehrausgaben verwendet,

dadurch erhöhte sich der Eigenanteil dementsprechend.

 

 

Antrag Nr. 62 Artsenico Dortmund Projekt „50 Menschen“

 

Projektablauf

Unser Vorhaben, 50 Menschen in einer Ausstellungsperformance zu präsentieren, wurde im April eingeleitet durch Werbung in den Internet-Medien und direkte Ansprache. Bis zum Juli konnten wir 64 Menschen aus unterschiedlichen sozialen Umfeldern, Berufen und Motivationen gewinnen, am Projekt teilzunehmen. Von allen „Exponaten“ wurden an einem Ort Fotos gemacht. Bei diesen 64 Treffen wurden gleichzeitig Interviews geführt, die später in die Soundcollage für die Ausstellung integriert wurden. Durch kalkulierte Ausfälle, waren am Ende zu den Präsentationen exakt 50 Personen Teil des Kunstwerks.

Die Presse hat mehrfach über unser Vorhaben berichtet. Ein Redakteur der Ruhr-Nachrichten war selbst Teil von „50 Menschen“. Der Sounddesigner und Techniker Jörn Nettingsmeier hat aus Tönen, Musiken und Sprachsequenzen, zusammen mit der künstlerischen Leitung, einen 60-minütigen Soundtrack entwickelt, ebenso wir das Lichtkonzept aus über 50 Scheinwerfern.

Bei Stellproben wurden die genauen Positionen der Exponate entwickelt und festgelegt.

Von allen Mitwirkenden wurden Portraits und Fotos für „Setcards“ erstellt, die während der Vorstellungen dem Publikum zur Verfügung standen.

Die Veranstaltung wurde regional beworben. Printmittel waren mehrere Plakate und Postkarten. Des Weiteren wurden Newsletter und soziale Medien genutzt. Durch die 50 Mitwirkenden war die Breite der Ankündigungen gewährleistet. Die Vorstellungen wurde durch den Fotografen Guntram Walter und dem Kameramann Frank Mählen begleitet.

 

50 Menschen – Eine Ausstellungsperformance von Rolf Dennemann

AM 11. NOVEMBER 2015 | VON TERESA GRÜNHAGE |

Die Verweildauer eines Ausstellungsbesuchers vor einem Kunstwerk beträgt durchschnittlich nur 11 Sekunden, hat eine Museumsstudie des Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle ergeben. Aber wie lang ist die Zeit, wenn das Exponat ein lebendiger Mensch ist? Bei einer Ausstellungsperformance im Theater im Depot in Dortmund waren am vorletzten Wochenende ganz unterschiedliche Reaktionen der Besucher zu beobachten.

In der langen Halle der ehemaligen Straßenbahnhauptwerkstatt stehen 50 schwarze Hocker. Auf jedem liegt ein rundes Schild mit einer Nummer. Aufgestellte Mikrofonständer, zwischen denen sich ein rotes Band spannt, umgrenzen den mittleren Teil der Halle, in dem sich die Hocker befinden. Noch ist der Zutritt für die Besucher nicht gestattet. Da betritt der Ausstellungsmacher die Halle und erklärt, die Ausstellung werde gleich eröffnet. Nach und nach betreten Menschen den Raum durch eine Seitentür, gehen zielstrebig auf einen für sie bestimmten und nummerierten Platz. Es sind junge Menschen, Menschen mittleren Alters, Menschen in einem Rollstuhl, Senioren; Menschen aus der Bevölkerung. Ihr Blick ist fokussiert. Sobald sie ihren Platz erreicht haben, frieren ihre Körper sitzend oder stehend in einer alltägliche Pose ein.

Die Ausstellung ist fertig „aufgebaut“. Die Werke stehen an der richtigen Stelle, das Licht ist genau ausgerichtet, in einer Ecke steht ein Kartenständer mit Informationen zu den einzelnen Exponaten, die Besucher sind bereit. Mit einem Getränk in der Hand kann der erste Ausstellungsrundgang beginnen. Die Besucher strömen in den mittleren Bereich des Raumes. Ausgestattet mit der roten Eintrittskarte, auf deren Rückseite ein favorisiertes Exponat angekreuzt werden kann, werden die ausgestellten „Werke“ nun genauer betrachtet: 50 Menschen, jeder ein Individuum mit einer einmaligen Körperhaltung und Erscheinungsbild, mit einzigartigen Blicken und Gesten. Flüsternd und ein wenig schüchtern bewegen sich die Besucher durch den Raum. Die „Werke“ werden im Vorbeigehen betrachtet, fast niemand bleibt länger als ein paar Sekunden vor einem der ausgestellten Menschen stehen und betrachtet ihn in seinen ganzen Details.

Wie nehmen mich die Exponate wahr?

In einem Museum mache ich mir nie Gedanken darüber, was das Gemälde oder die Skulptur von mir denkt, oder wie sie oder es sich fühlt, wenn ich nur wenige Zentimeter vor ihnen stehe, um ein Detail wahrzunehmen. Hier ist bereits der Blick, den ich über einen fremden Körper genauer gleiten lasse, ein seltsames Gefühl der Distanzüberschreitung, der direkte Blick in die Augen meines eingefroren stehenden Gegenübers eine Überwindung. Während ich an der Nr. 11 vorbeigehe, bemerke ich, dass mir der Blick dieses Ausstellungsexponates folgt. Am Kartenständer greife ich direkt zur entsprechenden Karte, um die Werkbeschreibung zu lesen. Die Beschreibung umgreift ganz wesentliche Aspekte: Name, Wohnort, Emailadresse, Beruf, Hobbies, Größe, Gewicht und Haustiere. Dass dort „Drei Kellerasseln unterm Blumentopf“ als Haustiere angegeben sind, macht das Exponat umso interessanter.

 

Das Beobachten des Beobachters

Das Gefühl, dass nicht ich diejenige bin, die beobachtet, sondern eher die Exponate, die mich beobachten, beschleicht scheinbar auch ein paar andere Besucher, die nach und nach lieber den Blick vom Rand der Halle auf den Ausstellungsraum bevorzugen, anstatt weiter durch den Raum zu spazieren. Distanziert beobachten und umkreisen sie aus der Ferne ihr Lieblingsexponat. Die Atmosphäre des Ausstellungsraums, die zu Beginn der einer verträumten Straßenszene mit Schaufensterbummel glich, wird plötzlich unruhiger. Die Menschenexponate fangen an, sich langsam zu bewegen, zu drehen, ihren Hocker zu umkreisen. Eine Soundcollage, die abwechselnd aus verschiedenen Lautsprechern zu hören ist, scheint ihre Bewegungen zu takten. Pfeifen, Melodien und Gesprächsfragmente der Exponate über ihre persönlichen Interessen und Ansichten eröffnen eine weitere Wahrnehmungsebene auf das Ausstellungsgeschehen. Plötzlich werden wir Besucher aufgefordert von unseren sicheren Randplätzen in die Mitte des Ausstellungsraumes zurück zu kehren. Jeder solle für eine Minute stehen bleiben und sich nicht mehr bewegen. Die Rollen werden gewechselt. Die Besucher werden zu Exponaten und die Exponate zu Besuchern. Ein Spiel mit Perspektivwechseln, bei dem die Besucher zu den eigentlichen Performern des Abends werden.

Sammeln und Gesammelt werden

„Das Ziel von Facebook ist es Freunde zu sammeln“ tönt es aus einem Lautsprecher über mir. Mittlerweile stehen die Exponate wieder an ihrer Stelle und die Besucher flanieren weiter durch den Raum. Zehn Karten aus dem Kartenständer befinden sich bereits in meinen Händen, mehrere Kreuze auf der Eintrittskarte markieren meine „Favoriten“, meine „Likes“. Nach welchen Kriterien ich sie ausgewählt habe, weiß ich selber nicht so recht. Da spricht mich eine junge Frau von der Seite an: „Entschuldigen Sie, ich bin gerade erst hier angekommen. Wissen Sie, was ich hier machen kann? Also, wie ich dort eine Nummer werde? Kann ich mich da einfach zustellen?“

„Wir sind Schaufensterpuppen“ ertönt es derweilen aus dem Lautsprecher über mir und eine Bewegung geht durch die Menschenskulpturenreihen. Langsam fängt jede Skulptur an, sich in ihrem eigenen Bewegungsmodus zu bewegen. 50 individuelle, fast monotone Bewegungen. Jeder tanzt für sich allein. Die Besucher beobachten von den Seitenrändern. Manche wippen im Takt der Musik mit. Plötzlich tanzt eine Skulptur durch die Reihe, umwirbelt andere, die in einer Pose eine Weile einfrieren und dann nach und nach den Raum verlassen.

Du bist ein Kunstwerk!

Der Regisseur Rolf Dennemann lud für seine Ausstellungsperformance 50 Menschen ein, Teil des Kunstwerkes zu werden. Seine Idee war es, mit diesem Projekt zu zeigen, welche Möglichkeiten es gäbe, Ausstellungen anders zu gestalten und die Bevölkerung, um die es geht, miteinzubeziehen. Einbezogen wurden sowohl Menschen aus der Bevölkerung Dortmunds, die sich für eine Teilnahme als „Exponat“ bei Dennemann gemeldet hatten, als auch die Besucher des Abends als Rezipienten auf eine unerwartete Art und Weise. Als „Menschenkunstwerke“ nahmen viele Bewohner der Dortmunder Nordstadt/Borsigplatz teil, die Dennemann im Rahmen des Gewinnerprojektes faktor kunst 2013 „Public Residence: Die Chance“ kennengelernt hatte.

 

 

Antrag Nr 63 . Die Urbanisten Film--Projekt Ruhr.Räume 2015

 

Im Rahmen der Projektförderung wurde 2015 das Filmprojekt „Ruhr.Räume“ von der LAG Soziokultur gefördert. Antragsteller des Projekts, das zwischen Mai und Oktober 2015 durchgeführt wurde, war der gemeinnützige Verein „die Urbanisten“.

Kurzbeschreibung

Die vielen, lebendigen über das Ruhrgebiet verstreuten sozialen Initiativen und Projekte, die sich mit Freiräumen, Leerstandsnutzung und der Gestaltung/ Nutzung urbaner Räume beschäftigen, werden in einem Film dargestellt, um neue Wege der Partizipation und Raumaneignung im Ruhrgebiet stärker sichtbar zu machen.

Beteiligte

Der Film ist ein Gemeinschaftsprojekt von Recht auf Stadt Ruhr, den Urbanisten und dem Regisseur Matthias Coers. Für den Antragsteller die Urbanisten hat Svenja Noltemeyer das Projekt begleitet. Das Dreh-- Team bestand aus dem Filmemacher Matthias Coers, dem Assistenten Grischa Dallmer sowie Martin Krämer, Mila Ellée und Leonie Herrmann von Recht auf Stadt Ruhr, die mit der Vorbereitung, Organisation und Durchführung der Interviews betraut waren.

Ziel

Eines der inhaltlichen Ziele des Films ist es, mit dem alten Mythos des Ruhrgebiets als Region der Malocher und Industrieromantik zu brechen und stattdessen den Scheinwerfer auf innovative Orte und Projekte zu richten, die in der öffentliche Wahrnehmung kaum oder gar nicht auftauchen. Es geht darum, Alternativen sichtbar zu machen, Denkanstöße zu geben und den Menschen in der Region zu zeigen, auf wie vielfältige Art Teilhabe und Mitgestalten möglich sind. Es wird das Ruhrgebiet gezeigt, das jenseits von Klischees existiert, das neue Konzepte ausprobiert sowie urbane Herausforderungen innovativ und tatkräftig angeht. Es wurden deshalb alternative Wohnformen und Ökonomien erkundet aber auch Kämpfe um Raum dokumentiert. Unser Hauptaugenmerk lag auf jungen, neuen Initiativen ergänzt durch Projekte und Gruppen, die schon seit vielen Jahren im Ruhrgebiet tätig sind und ihre Quartiere geprägt haben.

 

Drehtermine Datum Initiativen 27.07.15 Velo Kitchen 28.07.15 Taranta Babu, Protestcamp Phönix West, RaumRäuber 29.07.15 Avanti, Nordpol 30.07.15 Solawi 27.08.15 Syntopia 28.08.15 Black Pigeon, RaumRäuber, Avanti 29.08.15 Transition Town, RIWETHO 30.08.15 Bauwagenplatz Duisburg 28.09.15 Alsenwohnzimmer 29.09.15 Netzwerk X 2 30.09.15 Maarbrücke, Affe, Bärendelle 24.10.15 Zinkhüttenplatz, Lokal Harmonie 25.10.15 Puff Girls, kitev 26.10.15 DU it yourself

Vorbereitung Im Vorfeld der Dreharbeiten wurden die Initiativen intensiv recherchiert. Danach folgte die Kontaktaufnahme und eine Terminvereinbarung für den Dreh. Für den Dreh wurden für die jeweiligen Initiativen Interviewleitfäden erstellt. Auch die Organisation der Unterkünfte für Matthias Coers und Grischa Dallmer (Regie, Kamera, Ton) gehörte zum Aufgabenfeld. Nachbereitung Nach den Drehtagen wurde durch Matthias Coers und Grischa Dallmer das Einspielen des Materials übernommen. Die Sichtung des Materials übernahm die Projektgruppe aus Recht auf Stadt Ruhr und die Urbanisten. Dazu gehörten auch das Paraphrasieren und Teilauswerten der Interviews sowie das Gewichten von Szenen (verwertbar oder favorisiert). Veröffentlichung Die Nachbearbeitung verzögerte sich aus organisatorischen Gründen von Frühling auf Spätherbst 2016. Es hat auch ein Nachdreh stattgefunden (11.03.16 -- 13.03.16), in dem kitev, RIWETHO (Interview), Black Pigeon (neue Location -- Anarchistisches Zentrum ein weiteres Mal besucht wurden. Zudem wurden Experteninterviews mit Bastian Pütter und der Kampagne A.F.F.E. im Alibi (neues linkes Zentrum in Essen) aufgenommen und Landschaftsaufnahmen (Ruhruni Bochum, Horrorhaus Dortmund) ergänzt. Die Premiere ist für Oktober 2016 im Bahnhof Langendreer geplant.

Weiteres Vorgehen

Nach der Premiere werden wir Screenings organisieren und zu Diskussionsrunden einladen und somit die Massentauglichkeit des Mediums Film nutzen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Unser Ziel ist es, durch die im Film gezeigten Projekte mehr Menschen zu ermutigen, eigene Ideen zu verwirklichen, Diskurse über Recht auf Stadt im Ruhrgebiet anzustoßen und dem Phlegma eines „Woanders ist es auch scheiße“ entgegen zu wirken. Dortmund, Juli 2016

 

 

Antrag Nr. 64 Kulturhaus Neuasseln e.V. Dortmund

 

Philoxenia cultura Garten auf Zeit Urban-Gardening als Kunstinstallation Sommer 2015

Von Juli bis September 2015 verwandelte das Projekt „Philoxenia cultura“ den Dortmunder Berwordtplatz in einen „Garten auf Zeit“, der durch die Symbiose aus Kunst, Natur und Sozialem besticht. Das Ziel, so im öffentlichen Raum eine Plattform für Akteure in der Nachbarschaft zu schaffen und Dünger für das bestehende Netzwerk der Institutionen und Organisationen rund um den sonst eher unbelebten Berswordtplatz in der östlichen Innenstadt zu sein, wurde mehr als erreicht. In den fast drei Sommermonaten haben die Initiatorinnen der Kulturpflanzen über 500 Menschen jeglichen Alters und aus ganz unterschiedlichen Kulturen aus dem Viertel dazu bewegt, (ästhetisch) in diesem Garten mitzuwirken. Zu den beiden angefragten Grundschulen und ihren Ganztagsbetreuungen, einer Realschule, dem Flüchtlingsheim (Trägerschaft Caritas), der Ideenwerkstatt und dem Nachbarschaftstreff „Ka!sern“ stießen noch das nahe Familienzentrum Am Ostpark und punktuell das Bethel-Haus „Von-der-Tann-Straße“ dazu. In den zahlreichen Workshops, auf Festen und in Mitmachaktionen entstanden ein origineller „Zaungarten aus Dosen“, eine bepflanzte Kofferskultuptur, Tonköpfe mit wachsenden Haaren auf Stäben, Hochbeete aus Europaletten, ein witzige Gießkannen-Performance, EatArt, florale flüchtige Kreidebilder, Apfelmus, eine interkulturelle Rezeptsammlung, eine Draußen-Ausstellung mit Fotocollagen usw.. Die Symbiose aus Kunst, Natur und Sozialem im Projekt wurde nicht nur durch die eigene Zuordnung zur Bewegung des Urban Gardenings offensichtlich. Die Suche nach neuen Modellen aktiver urbaner Kultur als Gegenpol zur passiven, individualisierten Konsum- und Wegwerfgesellschaft spiegelt sich auch in der ästhetischen Auseinandersetzung wieder. Die Verwendung von vermeintlichen Abfallmaterialien wie alten Europaletten, ausrangierten Koffern, alten Konservendosen sowie Schrott reihen sich in Trends wie „Upcycling“ und „Do-it-yourself“ (D.I.Y) ein.

 

Die Workshops und Mitmachaktionen begeisterten viele Akteure, weil es ihnen die Augen auf die Wertigkeit ihrer eigenen materiellen Welt öffnete. Nicht nur ist die Verwendung dieser Materialien kostengünstiger, sie zeigt auch, dass eine Rückbesinnung auf schon Vorhandenes und die Neubewertung von bereits Produziertem sowie Arrangements unerkannter Schätze auf die Stärkung von Zivilgesellschaft und Integration übertragbar scheint. Die räumliche Nähe des Flüchtlingsheims zum anvisierten Berswordtplatz und zu den teilnehmenden Schulen sowie zur Kita Am Ostpark ebnete so manche Schwelle und bot Gelegenheit, sich menschlich zu nähern - zumal eher das Tun als das Sprechen beim gemeinsamen Werken und Gestalten im Mittelpunkt stand. Dennoch hemmten die Sprachbarrieren und die Unsicherheit ob der ungewissen Zukunft in Deutschland auf Seiten der Flüchtlinge deren Lust auf Begegnung mit der Nachbarschaft immer wieder. Zu bedenken ist auch, dass sich die Lust auf Kommunikation durch das Leben vieler Flüchtlinge in beengten ehemaligen Klassenräumen erschöpft. Bilanzierend gab es aber eine ganze Reihe von sehr gelungenen Momenten der interkulturellen Begegnung. In der Planungsphase entstand die Idee, die grünen Flächen rund um den Berwordtplatz in einen Gemeinschafts-(nutz)garten zu verwandeln. Der Platz schien auch deshalb besonders geeignet, weil er als räumlicher Schnittpunkt zwischen den teilnehmenden Institutionen und der Nachbarschaft in den Mietshäusern gewissermaßen „neutralen“ Boden darstellte. Die Pläne, die grünen Flächen wie gedacht zu nutzen, wurden jedoch durchkreuzt von der nicht erteilten Nutzungserlaubnis durch die Stadt Dortmund. Einigen konnten sich die Stadt Dortmund und die Kulturpflanzen dann auf mobile, vorrübergehende Lösungen, die sich mehr und mehr zu Lösungen mit Charme entwickelten: Der geplante Kiosk auf dem Platz bestand aus einem Lastenfahrrad mit quietschgelbem Sonnenschirm; Der Garten entstand als vertikaler Zaungarten, weil der die Schulhöfe umgebende u. an den Platz angrenzende Zaun im „Hoheitsgebiet“ der Schulen liegt; Die den Platz umgebenden, vernachlässigten Beet Flächen wurden von bepflanzten Tonköpfen auf Stäbenbevölkert; Die Hochbeete im Hof des Flüchtlingsheims wurden so angelegt, dass sie mit einem Hubwagen zumindest für die Präsentation auf den Platz geschafft werden konnten; Die Bewässerung der Pflanzen wurde nicht durch sperrige, große Wassertanks gewährleistet, sondern durch den nahen Brunnen.....

 

Der mobile Kiosk: Gießkannen, Infos und Aktionen Zweimal pro Woche stand der mobile Kiosk auf dem Berwordtplatz und prägte in dieser Zeit ein ganz anderes Bild von der möglichen Nutzung öffentlicher Räume. Er weckte die Neugier von nachbarschaftlichen Passanten und war Anziehungspunkt für die vielen Kinder auf ihren Wegen in und aus den Grundschulen. Er lieferte Informationen über das Projekt Philoxenia, regte Gespräche übers Viertel an und lockte durch sein vielfältiges Programm ganz unterschiedliche Menschen an. So wurden an einem Tag mit Kreide großformatige Pflanzenbilder auf den Platz gemalt, an einem anderen entstanden aus Gemüse und Obst EatArt-Tischsets. In der Aktion „Über den Tellerrand kochen“ wurden, aufgeschriebene Rezepte von Frauen aus dem Flüchtlingsheim verteilt, es wurden Dosengesichter für den Zaungarten gestaltet und natürlich wurde gesät, gepflanzt und gegossen. Sobald der Kiosk öffnete, wetteiferten die Kinder ums Gießen mit den knallbunten Gießkannen und rannten zum nahen, sprudelnden Brunnen. Noch heute hängen die Kannen mit einer bloßen Schnur an einem Zaun befestigt neben dem Garten und die Kulturpflanzen haben lediglich einen Blick darauf, ob ausreichend gegossen wird. Dass überhaupt während der gesamten Projektzeit und auch anschließend nichts von den teilweise fragilen Skulpturen zerstört wurde, hat alle NachbarInnen erstaunt! Erfreulicherweise wurde viel gespendet: Menschen, die aus der Presse oder von anderen über Philoxenia cultura gehört hatten, kamen und brachten Blumentöpfe, Gießkannen, Kinderschubkarren, Pflanzen und im September auch Äpfel, die vor Ort zu Apfelmus verarbeitet und sofort genüsslich verspeist wurden. Eine professionelle Märchenerzählerin aus der Nachbarschaft erklärte sich bereit, in den Tagen der Präsentation Kindern der Franziskus-Grundschule Märchen über Kräuter zu erzählen. Das Lastenfahrrad fuhr auch an andere Orte im Viertel wie auf den nahen Davidis-Wochenmarkt. Außerdem war es wichtiger Bestandteil beim Sommerfest im Flüchtlingsheim und beim im Stadtteil tradierten Brunnenfest, an denen parallel Mitmachaktionen für den Zaungarten, die Kofferskulpturen und die Tonköpfe angeboten wurden. Das Projektteam steckte viel Energie in diese Kommunikationsstation, die ja auch als „Informationstankstelle“ für interessierte und neugierige Menschen gedacht war. Manche waren einfach nur neugierig zu erfahren, welche Verwandlung mit „ihrem“ Platz vor sich ging. Manche rauschten aber auch im Alltagsstress vorbei, ordneten den Kiosk in die Schublade „Kommerzielles, Parteien- oder sonstige Werbung“ ein. Einige „trauten“ sich erst ganz zaghaft, nachzufragen oder gar mitzumachen. Wenn es die Ressourcen der Kulturpflanzen erlaubt hätten, stünde dieses Gefährt schon im Januar 2015 da - am besten sogar drei bis vier Mal pro Woche. So wichtig war die Präsenz des Kiosks auf dem Platz als Schnittstelle für Kommunikation, Impuls, Akzeptanz und das Wohlwollen der AnwohnerInner. Die neue Stimmung auf dem Platz erzeugte neue Möglichkeits- und Handlungsräume. Im gemeinsamen Tun wurde das Wurzelwachstum des Stadtteils gestärkt und zumindest zeitweise die sozialen Lücken des Miteinanders zwischen Menschen aus verschiedenen Nationen und Generationen überbrückt.

 

Upcycling: Europalette & Hochbeete Neben der Etablierung des Kiosks als erste wahrnehmbare Veränderung im Stadtteil wurden im August drei große Hochbeete aus Europaletten für den Platz gebaut. Leider ließ die Genehmigung für die Aufstellung auf dem Platz auf sich warten. Da kam es mehr als gelegen, dass im Flüchtlingsheim der Wunsch nach Kräuterbeeten im Hof aufkam. Hintergrund für diesen Wunsch war, dass die BewohnerInnen ab und an selbst kochen und dafür frische Kräuter aus ihrer Heimat verwenden wollten. Ansonsten werden sie mit Fertigessen von einem Menübringdienst versorgt. Damit die Beete wenigstens während der abschließenden Präsentation von ihrem zentralen Platz auf dem Hof des Übergangsheims auf den öffentlichen nahen Berswordtplatz bewegt werden konnten, wurden sie so konstruiert, dass es möglich war, sie Ende September mit einem Hubwagen in einer gemeinsamen Aktion dort hinzuziehen. Um Kontakt zu den BewohnerInnen aufzubauen und die Brücke in den Stadtteil zu schlagen, waren die sehr aktiven Ehrenamtlichen des Heims und eine dort arbeitende, mehrsprachige Sozialarbeiterin von großer Bedeutung. Sie halfen durch ihre Teilnahme den BewohnerInnen zum einen das Projekt einordnen zu können und zum anderen sprachliche Barrieren und persönliche Scheu zu überwinden. Auf einem anfänglichen Treffen lernte man sich so besser kennen. Außerdem wurden mittels Playmobilfiguren im Modell der Hochbeetebau simuliert - das war anschaulich und die deutsche Sprache für das Verständnis so nicht wesentlich. Gleich von Beginn an war ein Fachmann für Gärten, Reinhardt Nigge, im Boot, der nicht nur die nötigen Materialien beschaffte und eine kompetente Beratung lieferte, sondern auch beim eigentlichen Bau und Bepflanzen sehr präsent war. Das war umso wichtiger, weil vor allem die jungen Männer, die sich sowieso oft im Hof des Flüchtlingsheims aufhielten, großen Spaß am Arbeiten mit Hammer, Säge, Tacker, Bohrmaschine, Pickel, Schaufel usw. hatten. Für sie war die männliche Identifikationsfigur sehr wichtig. Um auch die Frauen des Heims zu erreichen, bereiteten die beiden Kulturpädagoginnen Birgit Mattern und Manuela Wenz immer wieder gemeinsam Essen mit frisch geernteten mediterranen Kräutern wie Thymian, Schnittlauch und Oregano zu. Die Rezepte aus der Heimat der beteiligten Frauen wurden zu einer Sammlung mit dem Titel „Über den Tellerrand kochen“ zusammengefasst und am Philoxenia-Kiosk als Austausch für Pflanzen und andere Spenden verwendet. Den geschlechtsspezifischen Zugängen entzogen sich allerdings die Kinder. Sie machten immer neugierig und begeistert mit und bildeten so die Brücke in so manche Familie. Trotz Werbung für die Hochbeete-Aktion konnte allerdings aus dem Stadtteil selbst zunächst nur zwei Männer begeistert werden. Dennoch gab es viele Pflanzenspenden aus dem Stadtteil und es gab viele begeisterte TeilnehmerInnen aus dem Heim selbst und dem Kreis der Ehrenamtlichen. So wurde kurzerhand und ungeplant ein unansehnliches, vernachlässigtes Beet des Hofes bearbeitet und bepflanzt. Dieses Beet und die drei Hochbeete vor den eher hässlichen Waschcontainern gaben dem Hof ein neues, lebendiges Gesicht. Erfreulich ist auch, dass die Hochbeete jetzt, 2016, durch ihre Beweglichkeit der erste Baustein für den neu entstehenden Gemeinschaftsgarten sein werden.

 

Bepflanzte Kofferskulptur - Wie die mobilen Hochbeete wurde auch die entstehende Kofferskulptur auf Europaletten montiert. Entstanden ist die Idee für die Kofferskulptur, weil viele Flüchtlinge neu gespendete Koffer bekamen und die alten zu schade zum Wegwerfen waren. Die bepflanzten Koffer stehen für die unfreiwillige, oft perspektivlose Mobilität vieler Flüchtlinge, der Philoxenia cultura etwas Wachsendes entgegensetzte. Zunächst war die Idee, die Koffer mit Anhängern aus Papier zu versehen, auf denen Gesuche und Angebote zwecks Annäherung und Austausch der Flüchtlinge geschrieben stehen sollten. Aber schon auf dem ersten Fest, auf dem Flüchtlinge und AnwohnerInnen angesprochen wurden, wurde deutlich, dass ihnen die offensichtlich zur Schau gestellte Hilfsbedürftigkeit sehr unangenehm war. Trotzdem wollte Kulturpflanzen an der Skulptur der Koffer festhalten. Das Konzept wurde kurzerhand geändert. Die Koffer wurden mit Pflanzen bevölkert, die ihren Ursprung verteilt in der ganzen Welt hatten, aber inzwischen in deutschen Gärten heimisch sind. Aus einheitlich grau gestrichenen Koffern und Taschen wuchsen dann Mais, Kartoffeln, Chili und Tomaten aus Südamerika und Mexiko, Minze aus Slowenien, Zwiebel aus Afghanistan, Stachelbeeren aus dem Kaukasus, Mangold aus Ägypten usw. Ihre Herkunft war auf Kofferanhängern zu lesen. Die Skulptur stand schließlich für eine wichtige politische Vision des „Gartens auf Zeit“.

Der vertikale Zaungarten: Köpfe aus Dosen Neben dem Upcycling von alten Europaletten beim Bau der Hochbeete stand bei der Aktion „Zaungarten“ die Verwendung von einem weiteren vermeintlichen Abfallmaterial im Mittelpunkt. Aus Großküchen von Krankenhäusern wurden 5- und 10- Liter-Dosen beschafft und mittels Schrott in Köpfe verwandelt, die später mit Kopfsalat und Kapuzinerkresse bepflanzt und schließlich an den zahlreichen Zäunen rund um den Berwordtplaz ihren Platz fanden. Über zweihundert Köpfe wurden in mehreren Reihen übereinander gehängt und durch Schläuche miteinander verbunden, so dass das Gießwasser zum einen optimal genutzt wurde und zum anderen nicht als Tropfwasser den Pflanzen der unteren Reihen schadet. Entstanden sind die originellen metallischen Köpfe zusammen mit BewohnerInnen aller Generationen des Stadtteils auf einem Willkommensfest im Flüchtlingsheim, dem Brunnenfest und am Philoxenia-Kiosk auf dem Berwordtplatz. Des Weiteren wurde gemeinsam mit zwei dritten Klassen der angrenzenden katholischen Franziskusschule sowie Kindergartenkindern des Familienzentrums Am Ostpark und deren Eltern entworfen, gebohrt, geklebt, gestaltet und gepflanzt. Diese Aktion war aufwändig in der Vorbereitung, aber auch sehr effektiv, u.a. weil sie mit der schwierigen Situation der nicht erteilten Nutzung des Platzes konstruktiv umging: Der entstandene vertikale Dosengarten nutzte die im „Hoheitsgebiet“ der Schulen liegenden, die Pausenhöfe umgrenzenden und an den Berswordtplatz angrenzende Zäune. Die einzelnen Gesichter bildeten in ihrer Gesamtheit ein neues Ganzes. Die Fläche des Gartens wuchs über den gesamten Projektzeitraum und trug durch die starkte Beteiligung zu einer starken Identifikation mit dem „Garten auf Zeit“ bei.

 

Köpfe und Figuren: Fotografie und Collage In Begleitung der Künstlerin und Kunsttheratpeutin Silke Bachner wurden aus Ton und Lehm kleine Köpfe geformt, gebrannt, mit flatternden Gewändern aus alten Plastiktüten versehen und bepflanzt. Auf Stäben in ganz unterschiedlichen Höhen thronend bevölkerten die über 150 Figuren die Beete und Baumscheiben auf und rund um den Platz. Durch das bestehende Netzwerk der beteiligten Institutionen im Stadtteil wurde das Brennen der meisten der zahlreichen Köpfe im Brennofen des Bethel-Hauses „Von der Tann-Straße“ möglich. Beteiligt an der Gestaltung der Köpfe waren die AnwohnerInnen die auf dem Willkommensfest im Flüchtlingsheim mitwirkten, aber auch die Berswordt- Grundschule, und deren Ganztagsbetreuung (in Trägerschaft der jüdischen Kultusgemeinde). Des Weiteren partizipierten Kindergartenkinder des städtischen Familienzentrums Am Ostpark und deren Eltern. Der Prozess der Entstehung wurde von der Künstlerin fotografisch dokumentiert. Die entstandenen Fotos wurden von Kindern malerisch verfremdet und großformatig auf wetterfeste Siebdruckplatten aufgebracht. Anschließend wurden die etwa 40 quadratischen Bilder in unterschiedlich großen Formaten in einer „Außengalerie“ unter den großen Platanen des Platzes präsentiert.

Präsentation

Während dieses sommerlichen Projektes sind zahlreiche Gemüsepflanzen, Kräuter und Blumen gewachsen, viele bepflanzbare Skulpture sind durch die Beteiligung von über 500 Anwohnerinnen jedweder Generation und Kultur entstanden, Begegnungen von Menschen, die sich vorher nicht kannten, haben stattgefunden, der öffentliche Berswordtplatz wurde neu belebt, die Bewohnerinnen dieses Stadtteils hatten ihn sich ja Zentimeter für Zentimeter erobert. Der dabei entstandene „Garten auf Zeit“ feierte drei Tage lang (mit Genehmigung der Stadt Dortmund!) in einem Fest die Präsentation der sichtbaren Ergebnisse, aber auch die Akteure selbst. Zeichen dafür waren lange Tafeln, die den Platz ausfüllten und die auf die AnwohnerInnen warteten. Gezeigt wurde auch die Gießkannen-Performance der Willkommensklasse der nahen Ricarda-Huch-Realschule, das Ergebnis eines Kultur-und- Schule-Projektes. Verkauft wurden die fertigen EatArt-Tischsets zugunsten der künftigen Frühjahrsbepflanzung, Gießpatenschaften für den Zaungarten gesucht. Während des Festes wurde geerntet, die Ernte gemeinsam an langen Tafeln zubereitet und gegessen. Eine ehemalige Bewohnerin des Platzes, vertrieben aus Chile, sang spontan zu den Klängen des Akkordeons. Die BewohnerInnen des Flüchtlingsheims und weitere Nachbarn trafen sich auf dem Platz. Besonders erfreulich waren die Sonnenstrahlen während des Festes, die nach einem Aufbau im Regen sehr willkommen waren!

 

Wie geht es weiter? Die Stimmung in Dortmund und Deutschland war eine ganz besondere in diesem „ersten“ Sommer 2015 mit den neu ankommenden Flüchtlingen. Viele Deutsche waren aufgeschlossen und neugierig – bereit, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Die verheerenden Wahlergebnisse der rechtspopulistischen AfD in Rheinland-Pfalz, Baden- Württemberg und Sachsen-Anhalt haben uns gezeigt, dass solche Projekt der sozialen Plastik in ganz Deutschland, nicht nur in sogenannten schwierigen Stadtteilen und an den Rändern der Gesellschaft nötig sind. Sie sind bisweilen mühselige Millimeterarbeit, aber bitter notwendig, wenn die Idee der Menschlichkeit in Europa noch einen Wert hat. Nun, beinahe ein ¾ Jahr nach Projektende, scheint sich endlich der Traum vom nutzbaren Grundstück für einen interkulturellen Gemeinschaftsgarten zu verwirklichen: Glücklicherweise ist der mobile „Garten auf Zeit“ auf dem Berswordtplatz umzugsfähig! Gerade zieht der Frühling ins Land, die ersten Pflanzen auf dem Berswordtplatz und im neuen Gemeinschaftsgarten können sprießen. Um in der gärtnerischen Sprache zu bleiben: Erst diese Vegetationsperiode wird zeigen, welche der Pflanzen von Philoxenia cultura nur einjährige waren und welche mehrjährige sind.... Herzlichen Dank an unsere Kooperationspartnern + Förderern auf Bundes-, Landes- und Stadt- und Stadtteilebene für ihre Unterstützung: Fonds Soziokultur e.V., Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW, LAG Soziokultureller Zentren NRW e.V., Kulturbüro der Stadt Dortmund, Caritas Dortmund, Kulturhaus Neuasseln e.V., Bezirksvertretung Dortmund-Innenstadt-Ost, Friedhofsgärtnerei Toppmöller und natürlich alle Akteuren des Stadtteils! März 2016 Kulturpflanzen (Birgit Mattern, Manuela Wenz)

 

 

Antrag Nr. 66: Tonbande e.V., Dortmund - sozial.kultur TV

 

Das Projekt „sozial.kultur TV“ stellt ein intermediales und interdisziplinäres Projekt dar, das regionalen und internationalen Bezug vernetzt. Realisiert wurde dies durch die audiovisuelle Inszenierung von insgesamt sechs lokalen und internationalen KünstlerInnen (bzw. Künstlergruppen), die im REKORDER auftraten, dem Kulturzentrum des tonbande e.V. Die sechs produzierten Videos bestanden jeweils aus zwei Teilen: erstens ein Portrait der KünstlerInnen und zweitens ein Livemitschnitt der Performance bzw. Veranstaltung.

Die Produktion der sechs Videos erfolgte in Zusammenarbeit mit lokalen Videokünstlern. Die Veröffentlichung der Videos in den sozialen Netzwerken ist ab März 2016 geplant. Die Videos werden unter dem Label „Videorekorder“ im regelmäßigen Abstand online veröffentlicht, unter anderem auf. www.facebook.com/tonbande. Des Weiteren ist eine Veranstaltung in Planung, in deren Rahmen die Videos auch live präsentiert werden.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V. als freundlicher Unterstützer und finanzieller Förderer wurde bei den Videoproduktionen durch Abbildung ihres Logos dankend erwähnt.

Insgesamt wurden 6 Videoproduktionen im Rahmen des Projektes sozial.kultur TV durchgeführt. Die verschiedenen Videoproduktionen spiegeln die Bandbreite des REKORDERs wider und umfassen: Art der Veranstaltung

1 Vortrag zu „Urban Farming“

2 Konzertabend

3 Lesung

4 Barabend mit verschiedenen Gästen, die Schallplatten auflegen („Vinylstammtisch“)

5 Party („Ringelbeats mit Anbassen“)

6 Kulturelles Überraschungsprogramm („Wundertüte“)

Die Resonanz der Veranstaltungsbesucher kann als positiv bewertet werden. Viele zeigten sich sehr gespannt auf die Videos, als sie die Videofilmer am Werke beobachteten. Neben den den zahlreichen Besuchern im REKORDER während der oben genannten Veranstaltungen, spiegelte sich das positive Feedback auch in den positiven Kommentaren in den sozialen Netzwerken wider (Stichwort: „Gefällt mir“).

 

 

Antrag Nr. 67 Theorie und Praxis e.V. DER INVESTOR

 

I. Übersicht

II. Detailberichte zu

1) Herr Paul

2) Was tun? – Reihe Nebenwidersprüche

3) denkodrom e.V.: Nebenwidersprüche

4) ConterBande & DUIY: Duistopoly – 3-2-1 - meins

5) TAD/Tup: Gestern Morgen

a) Der amerikanische Investor

b) Wunderland

c) bischʼṓl

6) Die Investorinnen – Katzentisch

III. Plakate zum Projekt

IV. Pressespiegel

 

DER INVESTOR – Investitionen im „Kreativ.Quartier“ DU-Ruhrort

Das Projekt begann mit einer nicht geplanten Lesung. Da die bürokratischen Prozesse beim in die „Kreativ.Quartier“-Förderung des Landes NRW eingebundenen european center for creative economy mit Sitz in Dortmund länger währten als die geplante Probenzeit für „Herr Paul“, eine auf die Verhältnisse in Ruhrort hin variierte Fassung des Dramas von Tankret Dorst, fielen diese Proben zunächst aus und das Stück wurde im überfüllten Lokal Harmonie als szenische Lesung vorgestellt. Auch der Ruhrorter Investor Jocks, der im veränderten Stück als Herr Jockel vorkommt, wohnte der Lesung bei. Er verließ sie vor Ende. Das Thema, welches uns in den kommenden Monaten beschäftigen sollte, war gesetzt und wurde (und wird bis heute) im Stadtteil intensiv diskutiert. Wenn eines das Projekt mit allen seinen Teilen nachweislich und nachhaltig geleistet hat, dann eben dies. – Im März 2016 wurde „Herr Paul“ dann doch noch als Theaterstück inszeniert und mit großem Erfolg aufgeführt.

 

Ein Herzstück von „Der Investor“ war die kontinuierliche forschende Arbeit von Theorie und Praxis e.V. in Ruhrort. Sie bestand aus einer Gesprächsreihe mit in Ruhrort lebenden, arbeitenden, investierenden Menschen, darunter die Koordinatoren des Kreativquartiers, die für den Bereich Inklusion tätige Quartiersmanagerin, im Ruhrorter Bürgerverein Engagierte und ein reichlich desillusionierter ehemaliger Mitarbeiter des Investorenteams Jocks & Fürst von Urach. Ein mit dem Fürsten selbst verabredetes Interview kam leider nicht zustande. – Monatlich öffentlich fand im Lokal Harmonie „Was tun? – Reihe Nebenwidersprüche“ statt. An den Seminarterminen nahmen Ruhrorter BürgerInnen sowie politisch-theoretisch Interessierte auch aus anderen Städten des Ruhrgebiets teil. Die hier geübte theoretische Arbeit stand im Dialog mit anderen Projektteilen von „Der Investor“. Insbesondere mit der theoretisch-künstlerischen Praxis des denkodrom e.V. in Ruhrort. Ursprünglich geplant als Intervention in einem Haus gegenüber dem Lokal Harmonie, welches aufgrund bereits begonnener Sanierung nur mehr mit seinem Ladenlokal im Erdgeschoss zur Verfügung stand, verlagerte sich die nun ebenfalls „Nebenwidersprüche“ getaufte Praxis in dieses und das benachbarte Ladenlokal und in das Lokal Harmonie. Seine Fortsetzung erfuhr (und erfährt bis heute) die wesentlich von Joscha Hendrix Ende geleistete gedankliche und performative Arbeit im neu in Essen

entstandenen unabhängigen Raum „Alibi“.

Auch die vom Künstler*inen-Duo ConterBande geplante Performance erfuhr eine entscheidende Bereicherung durch die mit Tup befreundete Duisburger Stadtraum- Initiative DUIY. Auf Basis jahrelanger (und vielfältig negativer) Erfahrungen mit der und im Kampf gegen die Stadt Duisburg und ihre selbstzerstörerische Stadtpolitik entstand eine Abwandlung des bekannten Monopoly-Spiels: „Duistopoly“, in welchem die Spielenden im Wettstreit ihre Stadt zugrunde richten. Im Ramen des Projekts „Der Investor“ wurde Duistopoly konzipiert und in einer Erstauflage von zehn Spielen hergestellt. Im Zentrum der Performance „3-2-1 - meins“ stand dann dieses Spiel, das Lokal Harmonie wurde zum Casino.

In der von Tup zusammen mit Theater Arbeit Duisburg verantworteten Reihe „Gestern Morgen“ fand die von Joachim Henn dramatisierte Lesung des Dramas „Der amerikanische Investor“ statt. Außerdem konnte Klaus Steffen zurück nach Ruhrort geholt werden. Im Seminar „Was tun?“ beteiligte er sich als Referent, und vor Weihnachten brachte er seine zusammen mit Thommy Black gestaltete Gala „Wunderland“ nach zwischenzeitlichem Exil nun wieder im Lokal Harmonie. Hinter dem Anschein (und zugleich auch Praxis) einer Unterhaltungsgala für die gesamte Familie verhandelte „der klügste Mensch im Ruhrgebiet“ (J. Hendricksen über Klaus Steffen) das Thema prekärer (künstlerischer) Existenz in einer sich zum Besseren nicht wandelnden Region. Theater Arbeit Duisburg bereicherte selbst diese Reihe innerhalb des Projekts „Der Investor“ mit seiner Arbeit „ bischʼṓl – Gedenkbuch für die ermordeten jüdischen Ruhrorterinnen und Ruhrorter“, die nach Recherchearbeit zur jüdischen Geschichte Ruhrorts und Proben zur Performance im ehemaligen Altarraum des Ruhrorter Gemeindehauses uraufgeführt wurde.

 

Den nachhaltigsten Projektteil von „Der Investor“ erschufen Sarah Berndt und Christina Böckler mit ihrer feministischen Initiative „Katzentisch“. Wesentlich ein (all-gender) Reflexionsorgan, lud der Katzentisch auch Expertinnen ein (u.a. Rosh Zeeba zum Thema feministische Kunst), organisierte einen Ausflug ins Videokunstzentrum im Nordsternturm Gelsenkirchen zur Ausstellung „feminismen“, veranstaltete eine Lesung zum Leben und Wirken der feministischen Kommunistin Alexandra Kollontai und verschwisterte sich mit denkodrom e.V. zur feministischen Lesearbeit. Eine Fortsetzung des Katzentischs im Rahmen des Kreativ.Quartier-Projekts „Ruhrort 300+“ wurde von der Zensurinstanz ecce verhindert mit der (falschen) Begründung, Fortsetzungen seien nicht förderfähig. Der Katzentisch ist nun arm und frei, seine durch das Projekt „Der Investor“ ermöglichte Bibliothek steht weiter allen Interessierten zur Verfügung.

Das Projekt „Der Investor“ begann später als erhofft, dauerte länger (bis April 2016) als geplant. Ebenso seine Abrechnung und die Erstellung dieses Sachberichts, wofür wir uns entschuldigen möchten. Die fiskalischen Mittel wurden nahe am Kalkulierten verausgabt. Sie reichten aus, obgleich die Arbeit umfangreicher war als kalkuliert. Das müssen wir in Zukunft ändern, ja. Dennoch sind wir stolz auf und froh über die vielfältigen, z.T. bis heute reichenden Wirkungen des Projekts. Hierfür danken wir allen, die es gefördert haben.

 

DER INVESTOR – Herr Paul

Was macht „Herr Paul" in Ruhrort?

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Gut für alle / DER INVESTOR“ lud das Lokal Harmonie am 19. Juni 2015 zu einer szenischen Lesung zur Gentrifizierung im Kreativquartier ein. Auf dem Programm stand der Theatertext „Herr Paul" von Tankred Dorst. Doch das 1994 entstandene Stück hat Olaf Reifegerste, einst Gründer des Kreativkreis Ruhrort und langjähriger Koordinator der Duisburger Akzente, auf die aktuelle Lebenssituation im Hafenstadtteil inhaltlich angepasst, textlich eingestrichen und die Lesung in Szene gesetzt.

Besetzung:

Herr Paul: Axel Gottschick

Luise, seine Schwester: Friederike Schmahl

Jockel, ein Ruhrorter Projektentwickler: Peter G. Dirmeier

Lilo, seine Freundin: Silke Roca

Der Graf als Investor: Sascha von Zambelly

Textfassung und Inszenierung: Olaf Reifegerste

Ausstattung (Bühne und Kostüme): Sigrid Trebing

Musik (Komposition und Ton): Wolfgang van Ackeren

Künstlerische Assistenz und Licht: Claudia Gonzalez

 

 

Antrag Nr. 68: Düsseldorfer Künstler e.V., Düsseldorf – 40 grad - urbanart

 

Planung und Durchführung des 40 Grad-Urbanart Festivals vom 21. bis 30. August 2015 auf dem Gustav-Gründgens-Platz in Düsseldorf. Der Platz, die umliegenden Mauern und zwei leerstehende Bürogebäude (innen und außen) wurden künstlerisch gestaltet. Das Rahmenprogramm umfasste Malerei, Graffiti, Performances, Musik, Großprojektionen, Lesungen, Diskussionsrunden. Eingebunden waren hiesige und internationale Künstler. Es fanden während des gesamten Zeitraumes außerdem zahlreiche Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche statt. Eine große Schar an Helfern, Kunst-Pädagogen aber auch eine Sicherheitsmannschaft wurde eingesetzt.

 

 

Antrag Nr. 69: Kabawil e.V., Düsseldorf - „Nileya“ – integriertes Frauen Tanz und Schauspiel Projekt

 

Das Projekt „Nileya“ wurde wie geplant im Zeitraum Juli/August 2015 durchgeführt.

In einer Flüchtlingsunterkunft in Düsseldorf Stockum stellten sich die Akteure von Kabawil vor und hier wurde auch für das Projekt geworben, u.a. durch eine kleine Darbietung mit Tanz und Musik. Leider gab es seitens der dort tätigen Sozialarbeiter/innen nur wenig Unterstützung, u.a. weil diese durch die Anforderungen der Arbeit nur wenige Möglichkeiten dazu sahen. So wurde in mehrfachen Besuchen der Einrichtung der Kontakt zu potenziellen Teilnehmerinnen gesucht und diese für die Wahrnehmung der dafür eingerichteten Angebote Tanz, Musik und Zusammenkommen im Studio von Kabawil geworben. Dies stellte sich als schwierig heraus. Einige der Frauen mussten abgeholt werden, andere sagten zu und kamen nicht. Dennoch blieben die Dozen/innen von Kabawil mit immer wieder kehrender persönlicher Ansprache und persönlichem Begleiten an dem Ziel, die Frauen für das Projekt zu gewinnen. Ein wichtiger Aspekt war auch der, dass die Frauen ihre – meist – Kleinstkinder mitbringen konnten und hier für Betreuung durch Ehrenamtliche aus dem Kabawil Verein gesorgt wurde. Schlussendlich beteiligten sich mehr als 12 geflüchtete Frauen an dem Angebot Tanz mit der Choreografin und Tänzerin Sonja Mota, das exklusiv für Frauen angeboten wurde. Weiterhin nahmen 8-10 hiesige Frauen an dem Projekt teil, so dass eine gute Durchmischung gegeben war. An mehreren Wochenenden wurden Workshops im Studio von Kabawil exklusiv für Frauen angeboten.

 

Zu einem späteren Zeitpunkt wurden weitere Kulturangebote geöffnet für Jung und Alt beider Geschlechter. Hier wurde der Schwerpunkt auf Musik gelegt, da hier die Resonanz am größten war und einige der Geflüchteten auch ein Instrument spielen konnten, während einige Frauen ein großes Interesse an Gesang hatten. Auch wurden die vorher eingeplanten Einheiten zu Schauspiel und Textarbeit zugunsten eines Fotoprojektes gestrichen. Mit den Anteilen Musik (angeleitet durch die Musiker Abiodun Odukoja und Thomas Klein) und dem Fotoprojekt (mit den Künstlern Katja Stuke und Oliver Sieber) konnte eine größere Gruppe von Geflüchteten erreicht werden, die auch bereit waren, in das Studio von Kabawil zu kommen, bzw. an den Fotoprojekt z ur Aneignung von Düsseldorfer Orten mitzumachen.

Mit der Förderung durch die LAG Soziokultur NRW konnte somit ein Start in ein schwieriges Arbeitsfeld ermöglicht werden. Die Öffnung des Projektes auch für männliche Teilnehmer und die Einrichtungen von „Nischen-Angeboten“ (Tanz) für die Frauen hat sich als richtige Maßnahme erwiesen. Im Ergebnis nehmen nun ca. 14 Geflüchtete in unregelmäßigen Abständen die Angebote von Kabawil wahr. Das Projekt „Nileya“ wurde unter der Überschrift „al – ailatu“ fortgeführt, was Familie bedeutet. Die Fortführung des Projektes wurde durch mehrere private Unterstützer/innen und Spenden möglich. „Al – ailatu“ ist als Download dokumentiert unter: www.kabawil.de

 

 

Antrag 71 Rü-Bühne Essen Festival – zusammenspiel INCLUSIV

 

Das Festival wurde vom 27.11.15 – 29.11.15 an der RÜ Bühne Girardetstr.10, 45131 Essen Rüttenscheid durchgeführt. Eingeladen waren 4 inklusive Theater- Musik und Tanz Ensemble aus Essen und der näheren Umgebung. Den Gruppen wurde im Rahmen des Festivals die Möglichkeit gegeben ihr Können unter professionellen Bedingungen einem breiten Publikum vorzutragen. Die Rü Bühne als Veranstaltungsort hat mit diesem Festival ihr Bestreben inklusive Kunst in das laufende Programm zu integrieren Folge leisten können.

 

Während der Vorbereitungsphase wurden wir bereits von zahlreichen Gruppen kontaktiert, die sich für einen Auftritt an unserem Theater im Rahmen von INCLUSIV bewerben wollten. Da das Festival in diesem Jahr aber ehr im kleineren Rahmen stattfinden musste, konnte man einige Interessenten leider nicht berücksichtigen. Positiv zu verzeichnen war, dass sich unter den Zuschauern zahlreiche Gäste befanden, die sonst gerne selber auf der Bühne gestanden hätten, nach dem Motto: Zitat: "Dabeisein ist alles".

 

Die teilnehmenden Gruppen haben dabei eine Bandbreite von Schauspiel, Tanz und Musik auf die Bühne gebracht. Bemerkenswerte ist auch, dass sich durch die Begegnung der regionalen Gruppen z.B. beeinträchtigte Tänzer für Schauspiel, Musiker für Tanz usw. begeistern konnten und daraufhin ihrer Kreativität auch in anderen Genren erproben konnten.

Insgesamt können wir zusammenspiel INCLUSIV als sehr erfolgreiches Projekt betrachten, dass inzwischen auch kulturinteressierte Zuschauer zieht, die mit inklusiver Kunst, bzw. Menschen mit Behinderungen nicht in irgendeiner Form zu tun haben.

Die Durchführung an den drei Tagen wurde von zahlreichen Helfern und Ehrenamtlichen unterstützt und begleitet, denn klar ist, dass Menschen mit Behinderungen oft intensivere Zuwendung benötigen.

Wir wünschen uns für die Zukunft viele weitere inclusive Projekte für unser Theater.

 

 

Antrag Nr. 73: Theater Freudenhaus – Produktion “Butterkuchen – man steckt nich drin“.

 

Zugrunde liegt dieser Theaterproduktion das Buch des Kabarettisten Kai Magnus Sting „Immer ist was, weil sonst wär ja nix“. Die Dramaturgische Bearbeitung erfolgt durch den künstlerischen Leiter des Theater Freudenhaus Rainer Besel in Zusammenarbeit mit dem Autor Kai Magnus Sting. Mit diesem Stück wurde für das Theater Freudenhaus ein neues Format „Das absurde Volkstheater“ kreiert, das vom Publikum und der Kritik begeistert aufgenommen wurde.

Die Proben zur Produktion fanden vom 15. Juni bis zum 8. Oktober 2015 statt. Bei den Proben wirkten die 5 Darsteller, der Regisseur Rainer Besel, die Regieassistentin, ein Techniker (techn. Durchläufe, Hauptproben, Generalproben) und ein Bühnenbauer mit. Die fünf Schauspieler (Gina Brand, Stefanie Otten, Angelika Werner, Chris Kühne, Wolfgang Wirringa) spielen in diesem Stück 21 Rollen. Im Laufe der Arbeit stellte sich heraus, dass eine aufwendigere Kostümierung der Schauspieler nötig wurde, um die verschiedenen Charaktere für das Publikum besser differenzierbar zu machen. Dadurch überstiegen die realen die eingeplanten Kosten.

Die Premiere fand am 9.Oktober 2015 im ausverkauften Theater Freudenhaus statt. Als stückbezogene Aktion wurden passend zum Inhalt des Stückes Butterkuchen an das Publikum verteilt.

Bis Ende Dezember wurde „Butterkuchen- man steckt nich drin“ 13 mal vor ausverkauftem Haus gezeigt. Bis zum 31.12.2015 haben 1300 Zuschauer das Stück besucht.

Die Essener Tages- und Wochenzeitungen, die Monatsmagazine der Region, Hörfunk und Fernsehen wurden informiert. Im Vorfeld gab Pressegespräche sowohl mit dem Autor Kai Magnus Sting, dem Regisseur Rainer Besel, als auch Mitgliedern des Ensembles. Die Presseresonanz in der Vorberichterstattung und die Kritiken der Premiere waren durchweg positiv bis begeistert.

Für die Aussenwerbung wurde ein großflächige Fotoprint gedruckt.

 

 

Antrag Nr. 80: Das Kunstprojekt sozialpalast-Erik Biembacher, Münster - sozialpalast 2015 U-Schlossplatz

 

28.11. bis 19.12.2015 in Münster

Konzeption und Umsetzung: Erik Biembacher, sozialpalast, Künstlergruppe

Konzeption

Die Idee zum Kunstprojekt sozialpalast 2015 entstand bei der Besichtigung und aus darauf folgenden

Überlegungen zur Nutzung des stillgelegten Fußgängertunnels unter dem Schlossplatz in Münster. Insbesondere die beiden gegenüberliegenden Treppen auf dem westlichen Schlossplatz gaben die Anregung eine nach außen und „oben“ sichtbare U-Bahnstation entstehen zu lassen. Nach dem Vorbild Berliner U-Bahnstationen entstand zunächst eine Fotomontage, die sehr früh bereits späteren Bildern entsprachen, welche in der Berichterstattung sehr häufig dargestellt wurden: Die U-Bahnbeschilderung an den beiden Treppenaufgängen auf dem Schlossplatz. Sehr früh auch entstand die konzeptionelle „Idee“ mit dem U-Bahnbegriff auf die Subkultur und die Freie Szene hinzudeuten, weiterhin mit der U-Bahn auch die Großstadt zu assoziieren und damit zu veranschaulichen, dass die Subkultur/ Freie Szene einen wichtigen kulturell gesellschaftlichen Bestandteil einer

Stadt darstellen muss, will die Stadt auch „sexy“ sein. Der U-Bahnbegriff und das Spiel mit den „Elementen“ der U-Bahn, nämlich dem Zug, der Wandgestaltung, dem Interieur, dem Imbiss, der Straßenmusik und anderen gab konzeptionell die Orientierung vor.

 

Vorbereitung/Organisation

Mit dem Tiefbauamt der Stadt Münster als Verantwortliche für den Fußgängertunnel wurde zunächst der Projektzeitraum sondiert. Da es ausgerechnet in 2015 bereits drei andere Projekte gab, die den Tunnel nutzen wollten, wurde der November/Dezember ausgewählt, um ausreichend Vorlaufzeit für den Aufbau zu haben.

Bereits im Mai 2015 konnte der Münsteraner Künstler Kemo Doumawalia für das Projekt und die Wandgestaltung gewonnen werden, sowie Imad Saaleh mit seinem mobilen Falafelimbiß. Matthias Hirzel entwickelte das Soundsystem. Später kam Samuel Treindl für die Gestaltung der Wartebänke hinzu. Das Kuratorium für das Bühnen-Programm der Abende wurde vergeben an Andre Dörfer, Erik Biembacher, Wilko Franz/Reset-Festival, Matthias Hirzel und Hans Vogel.

 

Ein ganz zentrales Element der U-Bahnstation sollte die Videoprojektion eines durchfahrenden Zuges sein. Zunächst gedacht als eine perspektivische Projektion mit drei Kameras, bzw. Projektoren kamen sehr bald insgesamt 8 Kameras zum Einsatz, deren Bilder schließlich in einer Frontalprojektion an einer Wand im Tunnel synchron abgespielt werden sollten, wobei bei einem Abstand von 6 Metern eine maximale Bildbreite von 3 Metern möglich war, dadurch eine Gesamtbreite von etwa 24 Metern „Zuglänge“ entstand. Mit der freundlichen Unterstützung der Kunsthalle Münster, konnten 8 baugleiche Beamer und Player-Kombis eine ausreichende Synchronität der Projektion gewährleisten.

Für die Beschilderung der Eingänge „Schlossplatz“ und „Bäckergasse“ wurden insgesamt 3 gebrauchte

Leuchtkästen verwendet, die mit einer Durchlichtfolie aus einem Schnittplott beklebt und am Treppengeländer jeweils über den Treppen montiert wurden. Die U-Bahnschilder leuchteten bei Dunkelheit während der gesamten Projektdauer.

In Absprache mit der Uni-Münster, als direkte Nachbarin mit dem H1-Gebäudekomplex am Tunnel wurden die 4, später 5 Termine und Uhrzeiten abgesprochen. Mit der gGmbH Westfalenfleiß als Verantwortliche für die Parkflächen auf dem westlichen Schlossplatz und damit für den Bereich der Treppen und deren Zugang, wurde die Platznutzung für den Aufbau und die Zeit der Durchführung vereinbart. Zwei Wochen vor der Premiere am 28.11. begann die konzentrierte Öffentlichkeitsarbeit mit Flyer, Plakatierung, Socialmedia, Website, Pressetermin, Newsletter.

Der weiße sozialpalast-Wohnwagen wurde auf dem Schlossplatz platziert und mit Figuren der Münsteraner Künstlerin Wiebke Bartsch besetzt. Als „leuchtende Vitrine“ während der Öffnungszeiten im Tunnel sollte er bereits Oben auf die Veranstaltungen hinweisen.

 

Umsetzung

Bereits seit 10 Tagen arbeitete Kemo Doumawalia vor Ort im Tunnel an der Wandgestaltung. Hierzu stapelte er gebrauchte Gemüsekisten aus Holz, die er wiederum in Anlehnung an Wandkachel mit Farbflächen bemalte und entlang des ersten Wandabschnitts in zwei Stapelungen positionierte. Im zweiten Wandabschnitt des Tunnels entstanden Malereien mit Acryl auf rückseitigen Werbeplakaten.

Samuel Treindl realisierte mit Teilen von Parkbänken des Grünflächenamtes insgesamt drei Sitzbänke als Wartebänke im Tunnel. Hierzu wurden die zunächst fehlenden Teile für Rückenlehne und Sitzfläche aus stark gebrauchsgeformten Holzbohlen ersetzt, die wiederum mit mehreren Lackschichten belegt wurden und so eine kunststoffartige Oberfläche bekamen. Außerdem entstanden aus 7 Holzstühlen und gleichem Lackton dazu passende lose Sitzelemente.

Matthias Hirzel installierte sein zuvor konzipiertes Soundsystem. Dazu kam eine alte Gesangsanlage aus den 70er Jahren zum Einsatz, deren Stativboxen sichtbar den Bühnenbereich markierten.

Die Termine wurden mit dem geplanten Bühnen-Programm umgesetzt. Zunächst waren 4 Termine immer Freitags gesetzt.

 

Weitere Termine kamen mit dem 19.12. mit Hans Vogel, U-ntergangs_Bahn_Station_3333 und dem

12.12. PSYCHOKILLERS mit DJ Eavo hinzu. Der 28.11. war mit ca. 400-500 Menschen besucht. Am 04.12. kamen etwa 500 Menschen. Am 11.12. ca. 1000 Menschen, am 12.12. ca. 100 Menschen und am 19.12. kamen noch mal ca. 400. Der Tunnel war wie fast an allen anderen Tagen auch von 20Uhr bis ca. 2Uhr geöffnet. Die dpa machte aus der Pressemitteilung und einem Telefoninterview eine Nachricht mit Bild, die wiederum von vielen Zeitungen aufgegriffen und veröffentlicht wurde,

wzb. Rheinische Post, Focus, WAZ, Monopol Magazin, DER WESTEN.

Besonders viel Menschen kamen am 11.12. zu der von Wilko Franz/Reset-Festival kuratierten Veranstaltung mit Dispo, Klar & Schwer.

Es gab ein Interview in der Sendung Scala von WDR5 am 03.12.2015, 12:05

RTL-West TV machte vor Ort einen sozialpalast-Beitrag fü die Sendung vom 10.12.

Die Lokalzeit Münsterland war mit einer TV-Live-Schaltung am 11.12. vor Ort.

Ein Beitrag zu der Sendung WestArt im WDR kam aus zeitlichen Gründen leider nicht zustande.

Nachbearbeitung

In der Nachbearbeitung wurden bisher entstandene Fotos aufgenommen, sortiert und teilweise im Socialweb veröffentlicht. Videoaufnahmen und Mitschnitte wurden zusammengetragen und sollen bald bearbeitet werden. Geplant sind Clips, Mitschnitte und/oder eine Kurzdokumentation. Die Nachbearbeitung soll in der 1. Jahreshälfte 2016 abgeschlossen sein.

 

 

Antrag Nr. 81: Archiv des Nichts, Stephan US, Münster - PPP*2 - *Past.Present.Perform- Festival

 

Münster und das Münsterland mutet an wie eine Insel. Die emsig wirtschaftende, grüne Region und die Stadt Münster mit seiner, von goldenen Lettern geschmückten Prachtstraße verleiten dazu, sich sicher zu fühlen. Es scheint alles gut, alles funktioniert und die großen Probleme, die scheinen woanders zu sein. In einer Zeit, in der tausende Menschen auf der Flucht vor Gewalt und Krieg sind, in der gleichzeitig die Nationalismen mit ihren neu hochgezogenen Stacheldrahtzäunen aufblühen, ist eine sichere Insel natürlich immer willkommen. Doch wie es bei Inseln so ist, grenzen sie sich allein schon durch ihre Seinsweise von dem Außen ab. Die Regeln dieser Inselmentalität und ihre Zusammenhänge wurden in dem zweiten PPP-Festival durch 11 internationale Performancekünstler und -gruppen mit den Eigenheiten der Performance-Art in 20 Aktionen und Performances vehement überprüft, neu geordnet, vielleicht sogar für kurze Zeit gesprengt – mit Irritation, Provokation und Poesie.

Es geht dabei immer um Austausch – Austausch zwischen Aktualität und Historie, von Ernst und Humor, von Mensch zu Mensch, von eigener Biographie und den Erfahrungen vor Ort. Und es geht um ein Spielen - ein experimentelles Spielen, das in Laboren forscht, durch die vielfältigen Blickwinkel und Augenzeugen reflektiert und es uns vielleicht irgendwann möglich macht, in einer Sprache noch vor den Begrifflichkeiten und Definitionen miteinander zu sprechen.

 

Programm PPP*2-*Past.Present.Perform

Am 05. September begann das PPP*-Festival – *Past.Present.Perform. Zwölf internationale und nationale Künstlerinnen, Künstler und Gruppen zeigten 20 Aktionen in Münster und dem Münsterland um geladene und spontane Gäste mit den Eigenheiten der Performance-Kunst zu konfrontieren: Provokation, Irritation, Poesie. Mit der kleinen aber klaren Intervention „Den internationalen Flüchtlingen“ an dem Denkmal am Servatiiplatz setzte der Künstler und künstlerische Leiter des Festivals während der Pressekonferenz ein Statement in den Stadtraum. Wie schon zur Pressekonferenz so sollte sich die kritische und poetische Befragung des öffentlichen Raumes, die politisch-gesellschaftlichen Themen durch die Performance-Kunst in den nächsten zwei Wochen des PPP-Festivals fortsetzen.

Den Entrée bildete das Koch-Kunst-Projekt Lulu banal gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hansaviertels. Am Samstag, den 05.09.2015 um 12 Uhr am Hansaplatz begann damit nicht nur das Festival, sondern auch das erste von drei Aktionswochenenden. In der Aktion „Wir sind die Bürger/Meister!“ installierten sie alternative Wahlplakate zur Oberbürgermeister-Wahl in Münster rund um das Hansaviertel umso dem Viertel noch ein anderes Gesicht zu geben. Nach diesem dezidierten politischen Statement lud Lulu banal zur gemeinschaftlichen Tafel ein.

Die Eröffnung des Festivals machte der polnische Performance-Altmeister Antoni Karwowski ebenfalls am Samstag um 19 Uhr am Ludgeriplatz. Seine Arbeit „N.E.W.S“ arbeitete mit Kurzmitteilungen aus verschiedenen Zeitungen und verschob diese ins Gedächtnis des Publikums. Mit dem Verweis auf die menschlichen Dramen und Probleme, die sich in den Zeitungen verstecken, beschrieb Karwowski einen emotionalen Kompass im öffentlichen Raum.

 

Am Sonntag, den 06.09.2015 zeigte Antoni Karwowski seine zweite Arbeit beim PPP-Festival: „Song for Muenster“. Die Performance setzte die akustische und visuelle Gewalt von Zerstörungen durch Bomben in ein Spannungsfeld zwischen Historie und Gegenwart. Die Aktion fand vor dem Schloss statt.

Nach einem Auftakt der Provokation, Irritation und Poesie ging es auch am zweiten Wochenende mit verschiedenen Aktionen und Performances beim PPP-Festival weiter.

Zu Beginn des Wochenendes machte sich das postdadaistische Kollektiv „Front Deutscher Äpfel“ daran in die Idyllen des Münsterlandes einzufallen. In ihrem Kampf gegen Nationalismen planten sie Interventionen an verschiedenen öffentlichen Orten in Münster und dem Münsterland. Diese Aufmärsche verteilen sich über das zweite Wochenende. In Ahlen wurde der Aufmarsch von der Polizei gestoppt (siehe Presseartikel), ein Hundertschaft Polizisten angefordert, ein Autounfall ausgelöst und Stephan US bekam eine Strafanzeige. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

 

Am Freitag, den 11.09.2015 ab 19 Uhr wagte die belgische Performerin Béatrice Didier den so schweren und doch so schönen Versuch sich durch die Geste des Küssens zu erinnern. Dabei hinterließ sie jeder einzelnen Erinnerung ein kleines, jedoch für alle sichtbares Denkmal. Als Ort für „Kissing x/Let's try to remember you“ diente der Miet-Raum, Augustastraße 2 in Münster. Als Gastkünstlerin erinnerte Amira Hammami mit den Namen syrischer Freunde an die Verbundenheit der Menschen.

Am Samstag, den 12.09.2015 fand dann eine für das PPP-Festival neue Art der Performance statt. Im „PPP-Labor“ trafen die Künstlerinnen und Künstler des jeweiligen Wochenendes aufeinander und agierten in einem Wechselspiel der unterschiedlichen Performancesprachen und -disziplinen zusammen. In dynamischen Bildern kreierten sie neue Handlungsspielräume und schufen damit einen Raum für einen poetischen Prozess in einer Sprache noch vor den Begrifflichkeiten. Zu den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern gehörten Béatrice Didier, Burçak Konukman, die Front Deutscher Äpfel und Stephan US. Los ging es ab 18 Uhr rund um das LWL-Landesmuseum in Münster.

 

Den Abschluss des zweiten Wochenendes bildete am Sonntag, den 13.09.2015 um 15 Uhr der türkische Performance-Künstler Burçak Konukman mit seiner Arbeit „P.I.G.S.“. Die Abkürzung steht für die Staatswirtschaften von Portugal, Italien, Griechenland und Spanien. Die Begrifflichkeit ist in Wirtschaftskreisen mittlerweile ein Tabu, da sie ungewünschte negative Konnotationen hat. Auf der Grünfläche an der Aegidiistraße/Ecke Promenade beschrieb er die Strukturen der „Schuldenstaaten“ Europas zu einem Prozess von Aufbau und Zerfall. Diesen Prozess transformierte er zu einem dynamischen Spiel.

Mit Polizeieinsatz und Staatsschutzkontrolle in Ahlen, poetischen Bildern und energiegeladenen Interventionen im Rücken hatte das PPP-Festival in Münster und dem Münsterland Halbzeit. Ab Mittwoch startete das Festival in die zweite Hälfte.

 

Die kompakte Festivalwoche eröffnete Jan Enste, Mitglied des Duos Jae Pas aus Münster, mit der Performance "Sag mir wo die Blumen sind". Jan Enste vollzog dabei eine poetische Geste, ein Zeichen im wahrsten Sinne des Wortes. Es war ein Kommentar zum Zeitgeschehen, es war eine universelle Geste allen Menschen gegenüber, ein Geschenk, in der die Schönheit der Blumen gleichzeitig zum Fremdkörper in den normierten Geschäften und Räumen der Innenstadt wurde. Der Start war ab 11 Uhr an den Blumenständen auf dem Wochenmarkt am Domplatz.

Am Donnerstag, 17. September vollzog der Leipziger Künstler Jascha Riesselmann ab mittags ein Ritual der menschlichen Entwicklung und wiederholte dieses immer wieder. Dabei nimmt er in der Performance „Ulala“ immer wieder Kontakt zum Boden auf. Los geht es ab 13 Uhr in der Ludgeristraße und am folgenden Nachmittag jeweils für eine Stunde an folgenden Orten im Münsterland: Emsdetten, Coesfeld und Borken.

 

Später am Abend zeigte die Münsteranerin Amria Hammami ihre erste Soloaktion. In einem türkischen Vereinsheim in der Soester Straße 36-38 widmete sie sich dem kollektiven Ego, welches immer neue Feindbilder produziert und hielt dieses mit ihrer eigenen Bildsprache für einen Augenblick an.

Nach einem besonderen ersten PPP-Labor fand am Freitag um in Münster 19 Uhr am Hörster Friedhof im Dreieck von Bohlweg, Piusallee und Karlstraße das zweite PPP-Festival statt. Auch hier traten die Künstlerinnen und Künstler der letzten Festivalwoche miteinander in Interaktion und probierten neue Bilder aus. Beteiligt waren unter anderem Amira Hammami, Bean, Christiane Hommelsheim, Kurt Johannessen und Jascha Riesselmann.

Zum Abschluss des PPP-Festivals gab es noch einmal zwei Tage mit fünf verschiedenen Aktionen. Zu den Akteuren am Samstag und Sonntag gehörten Bean, Christiane Hommelsheim, Kurt Johannessen und Stephan US.

Die britische Künstlerin Bean setzte sich in ihrer Arbeit A mit der ganzen Schwere der Stille auseinander. Von 11 Uhr bis ca. 19 Uhr am Samstag, den 19.09.2015 begab sie sich in einer Langzeit-Performance in Transformationsprozesse von Andacht, Leid und Erlösung. Als Handlungsraum für diese stets fließenden Übergänge diente die Jacobuskirche in der Von-Ossietzky-Straße 16, 48151 Münster.

 

Ebenfalls am Samstag, den 19.09.2015 zeigte der norwegische Performance-Künstler Kurt Johannessen eine Aktion, die mit einer ganz eigenen Zeit/Raum-Ästhetik arbeitete. Ab 14 Uhr begann er mit Sevententh Conversation die Langsamkeit des natürlichen Wachstums in und durch die Salzstraße in Münster zu tragen. Natur und urbaner Raum trafen sich still und leise.

Den letzten Festivaltag eröffnete am Sonntag, den 20.09.2015 die Stimmkünstlerin Christiane Hommelsheim aus Berlin. Um 13 Uhr widmete sie sich den architektonischen und gesellschaftlichen Veränderungen rund um das Hafengebiet ein besonderes Konzert. Mit ihrer Stimme verband sie in Hafengesang 1 beide Hafenufer miteinander und lud sich zu einem akustischen Spiel von Gegenwart und Zukunft ein.

Später am Sonntag, den 20.09.2015 eröffnete dann Kurt Johannessen sein Hair Collection Office. In dieser Aktion, die der Künstler schon seit längerer Zeit an verschiedenen Orten durchgeführt hat, sammelt und archiviert er ganz persönliche Spenden der Besucher – ein Haar.

Die letzte Aktion des PPP-Festivals fand in der Staufenstraße 46, 48145 Münster statt. Der lokale Künstler Stephan US widmete sich dem sich wiederholenden Akt der Gewalt, der Sünde, Selbstzerstörung und der Lebendigkeit darin. Zur besten Sendezeit um 20 Uhr zeigte er sein ganz eigenes Bild von der Macht der globalen Bilderflut – Volle Granate.

Fazit PPP*2-*Past.Present.Perform

Das 2. PPP-Festival wurde sehr gut besucht, dies jedoch in zahlen auszudrücken ist unmöglich, da fast alle Performances und Aktionen im öffentlichen Raum stattfanden. Organisatorisch und Künstlerisch war die Qualität sehr hoch und hat meiner Meinung nach sehr viele Diskussionen angeregt.

 

 

Antrag 82 Theater am Schlachthof Neuss Ein crossoverTheaterprojekt

 

‚Devil needs a name’ ist ein Crossover-Bühnenprojekt, bei dem sich Jugendliche und junge

Erwachsene mit dem Thema Verantwortung für das eigene Handeln auseinandergesetzt haben.

Kernelemente der Stückhandlung sind „Teufelsfiguren“ (z.B. der Teufel des Verschiebens oder Teufel

der Verfressenheit), die als „Sündenböcke“ für die Fehlentscheidungen der Protagonisten herhalten.

Hierzu wurden Sprechtheatertexte produziert, Songs in mehrstimmigen Arrangements geschrieben

und einstudiert, Puppen gebastelt, Videos/Filmeinspieler gedreht und in einer Theatercollage auf die

Bühne gebracht.

Das fertige Stück wurde sowohl auf der Studiobühne des Theatermuseum Düsseldorf als auch im

Theater am Schlachthof Neuss gezeigt. Die jugendlichen Teilnehmer/junge Erwachsene/Studenten

kamen aus dem Jugendensemble des TAS, aus der jungen Theatergruppe Looters und über einen

Aufruf an der Düsseldorfer Universität. Die Zusammenarbeit der Beteiligten hat sehr gut funktioniert

und auch der Zuschauerzuspruch in Düsseldorf war sehr gut. In Neuss merkt man leider, dass es

keine Studentenstadt ist und jüngere Leute eher nach Düsseldorf oder Köln zur Abendgestaltung

tendieren.

 

 

Antrag Nr. 84: Theater Gegendruck, Recklinghausen - KASPAR 2015

 

Erste Projekt-Phase (Juni 2015 – Oktober 2015):
Die Akteure nähern sich einem Text aus den 1960er Jahren – und der digitalen Wirklichkeit von 2015

Ein buntgemischtes Ensemble fand sich zum Beginn der Proben für die Stücke KASPAR/SELBSTBEZICHTIGUNG Anfang Juni 20015 im Proberaum von Theater Gegendruck im Atelierhaus in der ehemaligen Königschule in Recklinghausen-Süd zusammen: Drei lebensältere Akteure (Ende 60) sowie fünf junge Schülerinnen und Schüler (Durchschnittsalter: 18 Jahre), die zum Auftakt des geplanten Abends das Peter Handke-Stück SELBSTBEZICHTIGUNG aufführen sollten, sowie das vierköpfige KASPAR-Ensemble, davon zwei DarstellerInnen mit Migrationshintergrund: Dimitrij Schewalje (Russland) und Julia Molero Azara (Spanien).

Schon beim ersten Lesen von SELBSTBEZICHTIGUNG zeigte sich, dass gerade die Älteren nicht nur den Erfahrungshintergrund des Textes aus den 1960er Jahren teilten und viele der damals verlautbarten Gebote und Verbote (z.B.„Ich habe während der Fahrt mit dem Wagenlenker gesprochen“). Sondern Handkes Generationsgenossen begeisterten sich auch sofort an der positiven Haltung des Autors zu den im Stück beschriebenen Überschreitungen der gesellschaftlichen Regeln und Konventionen, die sie an ihre Jugend rund um die 1968er Jugendrebellion erinnerten. Bei den jugendlichen Akteuren waren es die noch nahe zurückliegenden frühkindlichen Entwicklungsphasen, die es ihnen leicht machten, sich mit dem Inhalt von SELBSTBEZICHTIGUNG zu identifizieren.

Auch beim KASPAR-Text fiel es bereits bei der ersten Leseprobe den Mitwirkenden nicht schwer, Verbindungen zum Alltag zu ziehen: insbes. die Überwachung des „gläsernen“ Angestellten, die eine persönliche Kommunikation mit dem Vorgesetzten überflüssig macht, kannten alle aus eigenem Erleben. Erfahrungen von zwei Ensemble-Mitgliedern durch eine Tätigkeit im Call Center ließen an Anpassungs- und Kontrollprozesse denken, mit denen neue Teammitglieder von „alten Hasen“ geschult und zum Funktionieren im Rahmen der corporated identity des Betriebs gebracht werden.

Hier ergaben sich wichtige Punkte für die Darstellung von KASPAR auf der Bühne: „Einsager“ und Kaspar sollten in unserer Inszenierung an zwei verschiedenen Orten agieren und treten nur über Kamera/Bildschirm bzw. Micro/Lautsprecher miteinander in Kontakt. Diese Grundüberlegung wurde durch das Bühnenbild von Erich Füllgrabe gestützt: zwei aneinander grenzende Räume für die Einsager (an Stehpulten wie in einer Fernseh-Show) und sowie für Kaspar, der sich zu Beginn des Stücks aus einem geschlossenen Raum (Leichtbau) befreit und die Welt/Bühne erkundet.
Um die schmerzhafte Prozedur des Erlernens der (herrschenden) Sprache im digitalen Zeitalter mit seiner Dauerbeeinflussung durch soziale Netzwerke plastisch zu machen, wurde entschieden, die Machtposition der drei Einsager noch durch Microports zu verstärken, die den Ausstattungsetat finanziert werden mussten. Der gelernte Bildhauer Erich Füllgrabe konnte durch Eigenkonstruktionen (Rollwände, Holztreppe, Raum) den Aufwand beim Bühnenbild wieder reduzieren, wodurch die Mehrausgaben bei den Kostümen ausgeglichen werden konnten.

 

Stark gefordert wurde durch die Aufführung die Kostümbildnerin Regine Thorbecke. Die Ausstattung von zwei Stücken mit insgesamt elf Darstellerinnen und Darstellern machte in den verschiedenen Probephasen immer wieder Austausch und Neuanschaffungen von Kostümen erforderlich.

Der Beginn der Endprobenphase wurde dann beflügelt durch die Erstellung von mehreren Video-Filmen durch das Duo Barros/Clauß zusammen mit dem Musiker Martin Blume. Durch die Video-Einspielungen war der Musiker Martin Blume als „Alter Ego“ der KASPAR-Figur während der gesamten Aufführung präsent. Das kam auch möglichen Terminproblemen eine Live-Mitwirkung des Schlagzeugers entgegen.
Als ebenfalls sehr hilfreich zur Vorbereitung des Publikums auf die Stücke und seinen Autor erwies sich eine sehr gut besuchte Informations-Veranstaltung im September 2015 im Proberaum von Theater Gegendruck. Zu Gast waren der Übersetzer und Handke-Freund Zarko Radakovic sowie der Herausgeber der renommierten Literatur-Zeitschrift SCHREIBHEFT, Norbert Wehr. Die sehr anschaulichen Schilderungen der Referenten wurden ergänzt durch erste Kostproben aus der Inszenierung.

Während die Proben zu KASPAR – auch dank des außergewöhnlichen Engagements des Hauptdarstellers Dimitrij Schewalje – bis zur Premiere gut voranschritten, musste das altersgemischte SELBSTBEZICHTIGUNG-Ensemble einen schweren Rückschlag hinnehmen. Aufgrund der schweren Erkrankung einer der älteren Darstellerinnen musste kurz vor der Premiere die Rollen bzw. der Text neu aufgeteilt werden, was die Belastung gerade der älteren DarstellerInnen erheblich erhöhte. Nur durch das große Engagement aller Beteiligten und durch eine radikale Änderung des Inszenierungskonzepts gelang es, SELBSTBEZICHTIGUNG als Prolog des Handke-Abends zu „retten“.

Zweite Projekt-Phase: (Oktober 2015 bis …)
Die Aufführung von KASPAR/SELBSTBEZICHTIGUNG und ihr öffentliches Echo

Dank der Einführungsveranstaltung im Proberaum und einer weiteren mit Regisseur Johannes Thorbecke im „Theater-Club“ der VHS sowie einer intensiven Werbung (Flyer, Plakate)-verbunden mit einer informativen Pressearbeit gelang es, der Premiere des Handke-Abends am 31. Oktober 2015 im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen mit über Hundertzwanzig BesucherInnen ein „volles Haus“ zu bescheren. Durch die hervorragenden technischen Bedingungen im Ruhrfestspielhaus und die reibungslose Zusammenarbeit mit dem VCC-Team wurde eine Aufführung ermöglicht, die Publikum und Presse begeisterte.

 

In zahlreichen Diskussionen mit Besucherinnen und Besuchern im Anschluss an die Aufführung zeigte sich, dass die Handke-Stücke auch 50 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. So wurde nicht nur der Elan des altersgemischten SELBSTBEZICHTIGUNG-Ensembles gelobt, der die älteren BesucherInnen an die roaring sixties erinnerte. Auch KASPAR wurde auf den ersten Blick als eine sezierende Parabel über Einflussnahme und Kontrolle im digitalen Zeitalter interpretiert. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussionen über die Flüchtlings-Problematik sahen einige Zuschauern in KASPAR einen hellsichtigen Spiegel von dem, was Flüchtlingen aus aller Welt bei ihrer Ankunft in unserem Land widerfährt.

Viel Lob erhielt die Aufführung auch in einer Besprechung der Recklinghäuser Zeitung vom 2.11.15. Diese schrieb u.a.: „Als überragender Hauptdarsteller bringt Dimitrij Schewalje als Kunstfigur Kaspar die ganze Widersprüchlichkeit der Existenz auf die Bühne. […].Der Zuhörer ist hier kein passiver Konsument mehr, sondern mitten drin in einer Frontalsituation, die offen für das eigene Mit-Denken ist.“

Am 15.11.15 war dann KASPAR/SELBSTBEZICHTIGUNG im Bochumer soziokulturellen Zentrum Bahnhof Langendreer zu sehen. Auch hier war das Parkett in der Halle vollbesetzt und der Schlussapplaus enthusiastisch.

Seit November gibt es zahlreiche Verhandlungen mit interessierten Veranstaltern u.a. in Dortmund, Herne, die kurz vor dem Abschluss stehen.
Nachdem Theater Gegendruck durch eine Investitionskostenförderung des Landes durch die LAG soziokultureller Zentren seinen Proberaum inzwischen mit einer Licht- und Tonanlage ausstatten und somit als Aufführungsort nutzen kann, sind weitere Aufführungen des Projekts im Laufe von 2016 auch dort geplant.
So sind wir zuversichtlich, dass mit weiteren Aufführungen unser Projekt KASPAR 2015 in den kommenden Monaten weiterhin Anlass sein wird, sich mit dem Thema „Kontrollwahn und Bürgerrechte im digitalen Zeitalter“ kritisch auseinanderzusetzen.

 

 

Antrag Nr. 89 VFJK e.V. // Bollwerk 107 „Play Music – Music in Progress“

 

Das Projekt „PlayMusic – Music in Progress“, das in der zweiten Jahreshälfte 2015 im Bollwerk 107, Moers stattgefunden hat, ist bei den TeilnehmernInnen auf begeisterndes Interesse gestoßen. Mit durchschnittlich 15-20 aktiv musizierenden jungen Leuten, wurde das Projekt mehr als zufriedenstellend angenommen.

„Play Music“ zielte darauf ab, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen Raum zu bieten sich musikalisch auszuprobieren und darüber hinaus MusikerInnen kennen zu lernen. Durch musikpädagogische Unterstützung konnten die TeilnehmerInnen in Workshops ihre Fähigkeiten individuell und interessensgerichtet erweitern und verbessern. Offene Proben ermöglichten bereits vor den Workshops die musikalische und menschliche Annäherung der Interessierten.

 

Die Jugendlichen im Altern von 16-26 Jahren konnten ihre Ideen von „Musik machen“, „Bandgründung“ und „Songwriting“ ausprobieren. Im Fokus stand dabei vor allem die Förderung von jungen Menschen, die an den Anfängen ihrer Idee standen und gerade ein Instrument lernen. In der Projektarbeit wurde versucht einen Anschluss an die lokale Musikszene zu fördern. Einige TeilnehmerInnen konnten in der Folge sogar bei unserer hauseigenen Jam-Session auftreten.

Aufgrund der Lautstärke-Problematik und limitierte finanzielle Möglichkeiten der Jugendlichen ist die Suche nach geeigneten Proberäumen häufig schwierig. Durch die Nutzung unseres „FreiRaum“ und des Projektes „Play Music“ konnten wir diese Lücke schließen und den Jugendlichen einen Raum zum gemeinsamen musikalischen aktiv werden bieten.

 

Die drei Workshops hatten folgende Themenschwerpunkte:

1. Gesang

Im ersten Teil standen Körperbewusstsein, Atemtechnik und grundlegende Gesangsübungen im Vordergrund, die sowohl beim Üben helfen als auch in konkreten Auftrittssituationen Sicherheit geben sollen. Im zweiten Teil konnten die TeilnehmerInnen eigene Songs oder Playbacks mit Stücken mitbringen, an denen sie schon immer mal arbeiten wollten. In einem Einzelcoaching bekamen die TeilnehmerInnen zudem individuelle Tipps.

 

2. Songwriting - von der Idee zum Song

Im zweiten Workshop „Songwriting“ lernten die TeilnehmerInnen musikalische Grundlagen, die beim Songwriting helfen. Dabei griff der Workshop u.a. musiktheoretische Begriffe wie Harmonie, Rhythmus, Melodik, Form und Dynamik auf. Darüber hinaus bekamen die TeilnehmerInnen kreative Tipps für zukünftiges Songwriting.

 

3. Homerecording

Der dritte Workshop drehte sich rund um das Thema: Homerecording. Es ist viel Arbeit eine eigene CD zu recorden und man braucht dazu Dinge wie z.B. einen tüchtigen Computer mit der richtigen Software und einem Interface, Mikrofone, aber auch die richtigen räumlichen Bedingungen.

In welcher Reihenfolge nehme ich die Instrumente auf? Welches Mikrofon benutze ich am besten für meinen Gitarren- oder Bassamp? Was muss ich nachher am Computer noch bearbeiten, damit die Aufnahme gut klingt? Diese Fragen bekamen die TeilnehmerInnen in diesem Workshop beantwortet. Nicht nur in der Theorie, sondern auch an praktischen Beispielen.

Die TeilnehmerInnen zeigten sich von den Workshops begeistert. Mit viel Motivation und Eifer wurden die erlernten Fähigkeiten aufgesogen und auch anschließend in den offenen Proben umgesetzt.

Das Highlight war schließlich die Abschlussveranstaltung am 18.12.2015 auf der großen Bühne in der Halle des Bollwerk 107. Die TeilnehmerInnen wurden bei der Organisation unterstützt und konnten das Erlernte vor Publikum präsentieren. Dabei spannte die Veranstaltungsorganisation den Bogen von musikalischer Praxis zu theoretischem Hintergrundwissen wie zum Beispiel (Zeitplanung für ein Konzert, Erstellung eines spannenden Bühnenprogramms, Arbeit mit professionellen Ton- und Lichttechnikern, Flyergestaltung u.v.m) Die Veranstaltung wurde auch vom Publikum angenommen – es kamen knapp 100 Gäste.

Die außergewöhnlich gute Resonanz auf das Projekt zeigt wie wichtig und notwendig ein niederschwelliger, zur Eigenaktivität anregender musikalischer Zugang ist. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass Jugendliche gewillt sind aktiv Kultur mitzugestalten und die Möglichkeit der reinen Konsumentenrolle zu entfliehen dankend annehmen.

 

 

Ende