
Bedeutung
soziokultureller Zentren
in
Nordrhein-Westfalen
für die Stadt- und Regionalentwicklung und
Vorschläge zu ihrer Erhaltung und Stärkung

Planungs- und Beratungsbüro
Kultur – Freizeit – Sport
Dipl.-Ing./Stadtplaner NW
Ralf Ebert, Dr. Friedrich Gnad
Gutenbergstraße 34, D-44139
Dortmund
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Dortmund, Februar 2009
im Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW
Ralf Ebert
Friedrich Gnad
Unter Mitarbeit von
Uwe van Ooy
Axel Kopp
STADTart, Dortmund
September 2009
In den Groß- und Mittelstädten sowie in kleineren Städten Nordrhein-Westfalens
gibt es insgesamt 66 soziokulturelle Zentren, die in der Landesarbeitsgemeinschaft
Soziokultureller Zentren Nordrhein-Westfalen zusammengeschlossen sind. Viele
dieser Zentren sind zu Beginn der 1970er Jahre aus kulturellen Bewegungen „von
unten“ entstanden. Diese Gründungswelle in den Städten ging einher u.a. mit
einer neuen Kulturpolitik („Kultur für alle“) sowie mit der Entstehung neuer kultureller
Milieus und Szenen zunächst vor allem in den Universitäts- und Hochschulstädten.
Soziokulturelle Zentren weisen heute bei
n einer großen Bandbreite der Größe der Einrichtungen (von kaum mehr als 100 bis über 3.000 Quadratmeter),
n einer Mischung von Angeboten der kulturellen Weiterbildung, Szenenangeboten und Kulturveranstaltungen sowie
n Räumen für Existenzgründer/innen aus dem Kultur- und Kunstbereich
eine breite Palette an sehr unterschiedlichen
Profilen auf. Damit sind je nach Struktur vielfältige, von den soziokulturellen
Zentren nicht immer intendierte und auch selten öffentlich kommunizierte
„Nebennutzen“ für die Stadt- und Regionalentwicklung verbunden.
(1) Soziokulturelle Zentren in Städten sind
Knotenpunkte zivilgesellschaftlicher Organisationen und stärken jenseits von
Staat und Markt die zivilgesellschaftlich getragenen Angebotsformen im
Kultursektor von Städten und Regionen. Das bürgerschaftliche Engagement wird
bei einer sich verschärfenden problematischen Haushaltssituation vieler
Kommunen vermutlich wieder mehr Bedeutung erlangen.
Die ehrenamtliche Tätigkeit ist traditionell konstituierender Bestandteil soziokultureller Arbeitsweise. Auf dieser Basis werden teilweise Grundfunktionen des Betriebs und projektbezogene Aufgaben übernommen. Wie groß solches Engagement heute in soziokulturellen Zentren ist zeigt sich beispielsweise in den rund 30 Zentren des Ruhrgebiets, in denen etwa 350 Bürger/innen ehrenamtlich tätig sind (KVR nach Briese, Spieckermann 2003, 674). Das entspricht etwa der Hälfte aller Tätigen in diesen Zentren der Region, wobei die tatsächliche Anzahl je Einrichtung stark variieren kann. Aufgrund der seit Jahren existierenden problematischen Haushaltssituation vieler Kommunen wird im gesamten Kulturbereich mehr bürgerschaftliches Engagement gefragt sein, auch wenn in den letzten Jahren eine tendenziell sinkende Bereitschaft zu ehrenamtlichen Tätigkeiten besteht. Zwar können mit ehrenamtlich Tätigen auch Leistungs- und Qualitätsverluste verbunden sein, aber vermutlich werden in Zukunft nur auf diese Weise in vielen Städten zusätzliche Kulturangebote und Projektvorhaben möglich bleiben bzw. möglich werden. Die Erfahrungen in Zentren mit hohem bürgerschaftlichem Engagement können hierbei von Nutzen sein.
(2) Soziokulturelle Zentren haben in den
vergangenen 30 Jahren dazu beigetragen, die Stadtgrenzen überschreitende
Kulturräume zu schaffen und damit über Kulturangebote Regionalisierungsentwicklungen
zu unterstützen.
Ein wichtiges Merkmal einer Region ist der kulturbezogene Aktionsraum
ihrer Bewohner/innen. Aufgrund der stark gestiegenen Mobilität beschränkt sich
dieser schon lange nicht mehr auf die Kulturstandorte der eigenen Klein-,
Mittel- oder Großstadt. Die soziokulturellen Zentren haben mit ihren Angeboten
in den vergangenen 30 Jahren zu einer bis dahin traditionell wenig ausgeprägten
Regionalisierung von Kulturaktionsräumen in vielen Städten und Regionen Nordrhein-Westfalens
beigetragen. Damit wurde eine wichtige Voraussetzung für die heute so wichtige
Regionalisierung und zur ausdifferenzierten Profilbildung von Regionen geschaffen.
Wie beispielhaft die Einzugsbereiche der soziokulturellen Zentren in den
Städten des Ruhrgebiets zeigen, stammen hier ungefähr ein Drittel der
Besucher/innen nicht mehr aus der eigenen Stadt sondern aus dem überlokalen Einzugsgebiet
(KVR 1999, nach Briese, Spieckermann 2003, 667).
(3) Soziokulturelle Zentren schaffen als „Klein-Kulturunternehmen“ bei einem vergleichsweise geringen Anteil an öffentlicher Förderung eine relevante Anzahl an marktbezogenen Arbeitsplätzen.
Die Eigenwirtschaftlichkeit soziokultureller Zentren ist vergleichsweise hoch: So lag ihr Kostendeckungsgrad beispielsweise im Ruhrgebiet im Jahr 2004 durchschnittlich bei rund 56 Prozent. Im Vergleich dazu lag dieser bei öffentlich getragenen Theatern bei rund 20 Prozent, wobei allerdings Genres wie Theater und Orchester strukturell zu den Kulturangeboten mit den höchsten Subventionen oder Eintrittspreisen zählen. Zahlreiche soziokulturelle Zentren können heute daher auch als „Klein-Kulturunternehmen“ mit einem hohen Anteil an Beschäftigten angesehen werden. So gab es im Jahr 2004 in 47 befragten soziokulturellen Zentren Nordrhein-Westfalens 353 unbefristet Beschäftigte, etwa 820 Aushilfskräfte bzw. Auszubildende und 170 Personen mit einem befristeten Arbeitsverhältnis. (Spieckermann 2005, 6). Dabei hat die Anzahl der unbefristet Beschäftigten zwischen 2000 und 2004 beständig abgenommen.
(4) Soziokulturelle
Zentren haben die Ausdifferenzierung in eine Vielzahl an
unterschiedlichen „kultureller Szenen“ unterstützt, die lokale bzw. regionale
Kulturentwicklung gefördert und damit im Kulturbereich entscheidend zur Regionalisierung
und zur Vernetzung mit anderen Regionen beigetragen.
Städte und Regionen zeichnen sich neben „kulturellen Leuchttürmen“ vor allem durch eine Vielzahl an unterschiedlichen „kulturellen Szenen“ mit entsprechender Vielfalt an Veranstaltungsorten aus. Solche Orte sind Knotenpunkte der lokalen, regionalen, nationalen und auch weltweiten kulturellen Begegnung und des Austauschs. Darüber hinaus entstehen und verändern sich die „kulturellen Szenen“. Zu den kulturellen Knotenpunkten zählen in Nordrhein-Westfalen soziokulturellen Zentren mit ihren unterschiedlichen Profilen: beispielsweise der „Kulturbahnhof Jülich“ mit Kino, Kleinkunst und Konzerten, das „Depot“ in Dortmund mit Kunst und Theater oder die „Bürgerwache“ in Bielefeld mit einem breiten Profil aus Kultur, Soziales, Bildung, Politik, Nachbarschaftshilfe und Selbsterfahrung. In dieser Profilvielfalt fördern die meisten Einrichtungen die „kulturelle Szenen“ und tragen zur Regionalisierung und zur Vernetzung mit anderen Städten und Regionen bei.
(5) Soziokulturelle
Zentren mit anmietbaren Räumen (z.B. für Ateliers) haben seit
Jahren indirekt die Funktion als „Inkubationszentren“ der Kultur- und Kreativwirtschaft
und leisten damit einen in der Öffentlichkeit, der Verwaltung und Politik vieler
Städte wenig beachteten Beitrag für die endogene Entwicklung dieser
Schlüsselbranche.
Einige der soziokulturellen Zentren, wie etwa das „Depot“ in
Dortmund, haben Arbeitsräume u.a. für Künstler/innen, Designer/innen und
Proberäume integriert. Deren Vermietung trägt zum einen zu einer Verbesserung
des Kostendeckungsgrades bei. Darüber hinaus haben sich viele Zentren im Laufe
der Jahre auch zu informellen „Inkubationszentren“ der „kleinen Kultur- und Kreativwirtschaft“
entwickelt (für Dortmund STADTART 2008, 61-64). Mit ihren niederschwelligen
Raumangeboten für Künstler/innen etc. und andere Selbstständige dieser Branche
leisten die soziokulturelle Zentren einen bislang zumeist wenig beachteten und
auch seitens der Wirtschaftsförderung der Städte kaum angemessen „honorierten“
Beitrag zur endogenen Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft.
(6) Soziokulturelle
Zentren haben im Laufe der vergangenen Jahre über ihre
kulturelle Bildungs- und Veranstaltungsfunktion hinaus indirekt einen Beitrag
zur regionalen Nachfrage nach Angeboten öffentlich geförderter Einrichtungen
und nach Produkten bzw. Dienstleistungen der Kultur- und Kreativwirtschaft und
damit zur Entwicklung dieser Branche in den Städten des Landes geleistet.
Angebotsschwerpunkte der soziokulturellen Zentren sind Veranstaltungen, u.a. im Musik-, Theater- und Kunstbereich, sowie Kursangebote. Dadurch werden bei den Besucher/innen bzw. Teilnehmer/innen kulturelle Interessen geweckt. Diese schlagen sich bei vielen im Laufe der Jahre auch in einer Inanspruchnahme von Angeboten öffentlich geförderter Kultureinrichtungen wie etwa Theater und Kunstmuseen nieder. Im Rahmen der Ausdifferenzierungsprozesse im Kultursektor bedingt die Entwicklung eines „kulturellen Geschmacks“ nach Studien zu den Interdependenzen zwischen Kulturangeboten in öffentlicher bzw. zivilgesellschaftlicher Trägerschaft (Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft NRW 1998, 117-150) darüber hinaus eine Nachfrage nach Produkten bzw. Dienstleistungen von Selbstständigen und Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft in den Städten und Regionen des Landes. Davon profitieren u.a. Künstler/innen bzw. Kunstgalerien, der Musikalienhandel, Kinos oder der Veranstaltungsmarkt. Verbunden ist damit ein nicht zu unterschätzender Nachfrageimpuls für zahlreiche Teilmärkte oder Segmente der Kultur- und Kreativwirtschaft in den Städten und Regionen.
(7) Soziokulturelle
Zentren haben mit ihren über viele Jahre erfolgreichen Nutzungskonzepten
für die Immobilienwirtschaft der Städte und Regionen erfolgversprechende
Prototypen einer kulturbezogenen Umnutzung von Gebäudebrachen entwickelt.
Ein Großteil der soziokulturellen Zentren in Nordrhein-Westfalen ist in Gebäuden beheimatet, die ursprünglich industriell bzw. gewerblich genutzt wurden oder ehemals für infrastrukturelle Zwecke errichtet worden sind. Dies zeigt sich auch in der weitest gehenden Wiederverwendung der Namen und Bezeichnungen. Beispiele hierfür sind die Färberei Wuppertal-Oberbarmen, die alte Feuerwache Köln oder der Ringlokschuppen in Mülheim. Viele dieser Umnutzungen zählen aus heutiger Sicht zu den Prototypen einer kulturbezogenen Umnutzung von Gebäuden und zu den Vorläufern bei der Erhaltung der industriellen Baukultur. So hat beispielsweise die Immobilienwirtschaft im Ruhrgebiet manche Nutzungsbausteine der soziokulturellen Zentren in den letzten Jahren im Rahmen von Umnutzungskonzepten aufgegriffen, u.a. seitens der RAG Montan Immobilien, beispielsweise in der jüngeren Vergangenheit beim „Kreativquartier“ in Dinslaken.
(8) Soziokulturelle
Zentren sind insbesondere für das mittlere Größensegment des
Veranstaltungsmarktes in Städten und Regionen wichtige ergänzende Standorte und
tragen damit zur Attraktivität als Veranstaltungs- und Tagungsort sowie als
Destination im Kultur- und Städtetourismus bei.
Ein charakteristisches Merkmal soziokultureller Einrichtungen sind spartenübergreifende Veranstaltungen. Im Veranstaltungsmarkt zählen die soziokulturellen Zentren zu jenen Anbietern, in denen Veranstaltungen in einem mittleren Größensegment durchgeführt werden können. Dies liegt unterhalb des Segments der Großhallen wie etwa der „Köln-Arena“, der „Westfalenhalle Dortmund“ oder der „Halle Münsterland“ sowie vieler Stadthallen und zumeist deutlich oberhalb von Einrichtungen wie Bürgerhäuser oder Stadtteilzentren. Als intermediäre Einrichtung zwischen erwerbswirtschaftlichen Veranstaltern und öffentlich getragenen Einrichtungen bieten die soziokulturellen Zentren für noch nicht marktgängige kulturelle Ausdrucksformen und Angebote eine unverzichtbare Plattform. Angesichts der kulturellen Ausdifferenzierungsprozesse in den jeweiligen Sparten in einer Vielzahl an Stilen und damit Zielgruppen ist dieses mittlere Veranstaltungssegment für die Attraktivität von Regionen und für den Kultur- bzw. Städtetourismus und die Profilbildung von Regionen von zentraler Bedeutung.
(9) Soziokulturelle
Zentren sind mit ihren Veranstaltungsräumen vor allem für junge
Künstler/innen aus dem Segment der Darstellenden Künste der Kultur- und
Kreativwirtschaft von herausragender Bedeutung für einen Karrierestart und
bieten ihnen neben geeigneten Auftrittsmöglichkeiten auch erforderliche
Erfahrungs- und Erprobungsräume.
Neben Musikveranstaltungen sind Theateraufführungen ein herausragendes Angebotssegment in soziokulturellen Zentren. Zugenommen hat seit einigen Jahren die Anzahl an Tanzaufführungen (Spieckermann 2005, 7-8). Wie der Angebotsschwerpunkt Kabarett- und Comedy in Nordrhein-Westfalen zeigt, haben viele Karrieren der heute in dieser Sparte bundesweit bekannten Künstler/innen wie Helge Schneider, Jürgen Becker, Uwe Lyko alias Herbert Knebel, Frank Goosen, Dr. Stratmann, Jochen Malmsheimer, Ingo Appelt oder Atze Schröder in soziokulturellen Zentren begonnen. Kabarett- und Comedy sind heute eines der neuen kulturellen „Aushängeschilder“ mancher Städte und zum Teil einer ganzen Region wie dem Ruhrgebiet. Gerade soziokulturelle Zentren bieten daher auch die für diese „Szene“ prädestinierten Veranstaltungsorte (z.B. „Ebertbad“ in Oberhausen). Unterstützt wird dieses Profil im Ruhrgebiet u.a. durch den Wettbewerb für Bühnenoriginale mit dem Titel „Tegtmeiers Erben“.
(10) Soziokulturelle
Zentren in Stadtquartieren mit Erneuerungsbedarf und einer
breiten Mischung an ethnischen Gruppen tragen mit ihrem, auch auf diese Gruppen
zugeschnittenen Programmangebot seit Jahren zu deren gesellschaftlichen und ökonomischen
Integration bei.
Von 21 vor einigen Jahren untersuchten soziokulturellen Zentren im Ruhrgebiet gaben zwölf Zentren an, spezielle Programmangebote für Migrant/innen anzubieten (Briese, Spieckermann 2003, 671). Außerdem gibt es Beratungs- und Kursangebote, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Migrant/innen zugeschnitten sind, etwa Sprachkurse, themenspezifische Beratungsangebote (z.B. zum Asylrecht) sowie Veranstaltungen in nichtdeutschen Sprachen. Dies schlägt sich bei den soziokulturellen Zentren auch in einem nicht unerheblichen Anteil an Besucher/innen mit Migrationshintergrund nieder. Dieser kann bis 25 Prozent erreichen (a.a.O.). Die Akzeptanz der Angebote der Zentren bei zahlreichen Migrant/innen ist ein Hinweis auf die damit verbundene gesellschaftliche und auch ökonomische Integration.
(11) Soziokulturelle
Zentren erhöhen im (inter-)nationalen Standortwettbewerb die
Attraktivität der Studienstandorte in Nordrhein-Westfalen für „Talente“
außerhalb Nordrhein-Westfalens, wodurch andere Initiativen, zum Beispiel zur
Bewältigung des sich abzeichnenden Bevölkerungsrückgangs in manchen Städten und
Regionen unterstützt werden
Viele Städte und Regionen Nordrhein-Westfalens sind mit ihren Universitäten, Hochschulen und Akademien innerhalb Deutschlands bedeutsame Studienstandorte. Die Akzeptanz dieser Qualifizierungseinrichtungen für „Talente“ aus Nordrhein-Westfalen, ganz Deutschland und dem Ausland wird durch ein attraktives Angebot der soziokulturellen Einrichtungen für unterschiedliche kulturelle Szenen unterstützt. In den kommenden Jahren wird sich der nationale und europaweite Standortwettbewerb der Universitäten um Studierende verschärfen (u.a. aufgrund des Rückgangs jüngerer Bevölkerungsschichten). Bei der Standortentscheidung Studierender werden dann verstärkt „weiche Faktoren“, wie ein attraktives Stadt- bzw. Kulturleben eine Rolle spielen. Dazu zählen, wie Analysen zeigen (Spieckermann 2005, 9), auch Angebote der soziokulturellen Zentren. Diese werden trotz eines zwischenzeitlich zu beobachtenden „Alterungsprozesses“ des Publikums weiterhin überwiegend von jüngeren, zumeist aus einem studentischen Milieu stammenden Besuchergruppen und bis zu einem Alter von bis zu 30 Jahren in Anspruch genommen. Wie Bevölkerungsprognosen in Deutschland zeigen, ist diese Gruppe mittelfristig ein entscheidender Faktor um endogen bedingte Einwohnerverluste, wie sie beispielsweise für Städte des Ruhrgebiets schon seit Jahren zu verzeichnen sind, mittelfristig zu kompensieren oder zumindest abzumildern.
(12) Soziokulturelle
Zentren sind auch bei Standortentscheidungen von Unternehmen
bzw. Beschäftigten als so genannte „weiche“ Standortfaktoren ein relevanter
Aspekt und daher für die weitere Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft
und die wissensorientierten Branchen in vielen Städten Nordrhein-Westfalens von
bislang unterschätzter Bedeutung.
Kulturangebote zählen zu den „weichen“ Einflussfaktoren bei der Standortentscheidung von Unternehmen und Beschäftigten. Zu diesem Angebot zählen angesichts der Ausdifferenzierung der kulturellen Interessen und der „Verjugendlichung“ des Publikums nicht nur Einrichtungen der „Hochkultur“, sondern ebenso auch attraktive soziokulturelle Zentren. Bedeutsam ist dieser Faktor u.a. für die Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft einer Stadt und Region. Das belegen empirische Studien zu spezifischen Standortanforderungen dieser Branche (für Dortmund z.B. STADTart 2007, 33-36). Dies gilt darüber hinaus auch für die ebenfalls zu den Zukunftsbranchen zählenden wissensorientierten Branchen einer Stadt bzw. Region. Diese werden mittelfristig nur dann räumlich gebunden, sich ansiedeln oder hoch qualifiziert Beschäftigte sowie Forschere/innen aus dem Ausland anziehen können, wenn dies Städte eine hohe Lebensqualität mit vielfältigen Kulturangeboten aufweisen.
Vor dem Hintergrund der analysierten Bedeutung der soziokulturellen Zentren für die Stadt- und Regionalentwicklung und den seit Jahren bestehenden Herausforderungen (u.a. aufgrund des Wettbewerbs mit erwerbswirtschaftlichen Anbietern in manchen Geschäftsfeldern, z.B. Discobetrieb) stellen sich vor allem zwei Fragen:
§ Sollen soziokulturelle Zentren in den Städten und Regionen auch zukünftig gefördert werden? (1)
§ Wie können diese Einrichtungen zukunftsorientiert unterstützt werden? (2)
(1)
Förderung
soziokultureller Zentren in Städten und Regionen Nordrhein-Westfalens: mehr
Kommunikation und Erschließung zusätzlicher Geschäftsfelder
Angesichts des skizzierten
multidimensionalen Beitrags der soziokulturellen Zentren für die Stadt- und
Regionalentwicklung in Nordrhein-Westfalen sollten diese Zentren auch weiterhin
von den Kommunen bzw. von Land unterstützt werden. Dazu bedarf es jedoch einer
verstärkten Darstellung und Kommunikation der skizzierten vielfältigen
Wirkungen bzw. Effekte.
Als hilfreich haben sich - auch
für die Binnenkommunikation - in diesem Zusammenhang etwa stärker analytisch
(z.B. zur internationalen Vernetzung der Zentren) und weniger protokollarisch
verfasste Jahresberichte und deren Präsentation beispielsweise in den
Kulturausschüssen der Städte erwiesen. Eine damit verbundene differenzierte
Darstellung der multidimensionalen Wirkungen soziokultureller Zentren (etwa der
Beschäftigungs- und Mobilisierungseffekte) - von Hilmar Hoffmann mal als „Nebennutzen“
bezeichnet - bietet die Möglichkeit, nicht nur die kommunale Kulturförderung
anzusprechen, sondern auch andere relevante kommunale Politik- und Handlungsfelder
(u.a. Wirtschaftsförderung, Kreative Räume und Existenzgründungen, die
Tourismusförderung).
Die Darstellung der vielfältigen
Wirkungen bzw. Effekte, fälschlicherweise oftmals als Einfallstor zu deren
„Instrumentalisierung“ verstanden, ist eine der zentralen Voraussetzungen für
die Bereitschaft der Kommunalpolitik und auch der privaten Sponsoren,
soziokulturelle Zentren in Städten zu unterstützen. Damit können die
Instrumente und Programme der Wirtschaftsförderung oder der Einrichtungen des
Stadtmarketings für die Ziele der Zentren „instrumentalisiert“ werden. Ein zeitlich
und räumlich besonderer Anknüpfungspunkt in Nordrhein-Westfalen ist die
RUHR.2010, die im kommenden Jahr mit dem Anspruch antritt, dass die Region Ruhrgebiet
eine Kulturmetropole ist. In diesem Kontext sollte der zentrale und nachhaltige
Beitrag der soziokulturellen Zentren zur Metropolisierung des Ruhrgebiets
deutlich gemacht werden.
Jenseits der Förderdiskussion sollte des Weiteren intensiver als bisher darüber nachgedacht werden, welche zusätzlichen Geschäftsfelder soziokulturellen Zentren angesichts ihrer vielfältigen Kompetenzen alleine und in Kooperation mit anderen kommunalern Einrichtungen entwickeln und anbieten könnten (u.a. auch Molck 2008). Denkbar wäre in diesem Zusammenhang der Aufbau des Geschäftsfeldes „Veranstaltungsmanagement“ wie dies beispielsweise in Bochum im „Bahnhof Langendreer“ schon erfolgreich betrieben wird. Als weitere Geschäftsfelder bietet sich die Organisation von Kulturangeboten für Schulen, eine Tätigkeit als Künstleragentur, als Kulturberater etc. an
(2)
Von der Kulturförderung zur
multidimensionalen Förderung
Bislang wurden viele der etablierten soziokulturellen Zentren vorwiegend im Rahmen der institutionellen Kulturförderung finanziell unterstützt, ergänzt durch Projektmittel des Bundes, der Länder und der Kommunen. Angesichts der bei einigen Zentren zu beobachtenden positiven Effekte für die Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft einer Stadt, insbesondere als kostengünstige und damit niederschwellige „Inkubationszentren von unten“ bzw. als Experimentierräume wird empfohlen, sich nicht nur auf die kulturelle Förderung zu beziehen, sondern sich auch an die Einrichtungen der kommunalen Wirtschaftsförderung zu wenden (z.B. in Verbindung mit Maßnahmen der Integrationspolitik zur Erschließung der Potenziale von Migrantengruppen für die endogene Entwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft).
Darüber hinaus sollten die soziokulturellen Zentren, unter Beachtung ihrer Autonomie, verstärkt darauf drängen, im Rahmen der Stadtentwicklungsplanung (u.a. als Knotenpunkt für die Entwicklung „kreativer Räume“ in Städten) oder der Integrations- und Bildungspolitik der Städte indirekt unterstützt zu werden. Mögliche Ansatzpunkte sind etwa die Vermietung von Räumen für Veranstaltungen (u.a. von Seiten der Universitäten) oder die stärkere Berücksichtigung der Zentren in Werbebroschüren im Rahmen der kommunalen und regionalen Standortpolitik sowie von zukunftsorientierten Strategien zur Entwicklung der Universitäten und Wissensindustrien.
All dies setzt jedoch voraus, dass sich die soziokulturellen Zentren als unverzichtbare Angebotsbausteine in Stadt- und Regionalentwicklungsprozessen darstellen können und dies in entsprechender Weise auch in die Regionen und die Städte hinein kommunizieren.
Literatur:
Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft NRW (1998): Kultureller Arbeitsmarkt und Verflechtungen. Düsseldorf.
Briese, Dunja; Spieckermann, Gerd (2003): Alternativ am Markt – oder Markt der Alternativen? Soziokulturelle Zentren, In: Willamowski, Gerd et. al. (2003): Ruhrstadt: Kultur kontrovers, S.662-683, Essen.
Molck, Jochen (2008): Von hier aus weiter... und wohin? In: Kulturpolitische Mitteilungen II/2008, S.60-63.
Spieckermann, Gerd (2005): Soziokulturelle Zentren in NRW: Sonderauswertung Vergleich 2002- 2004. Münster
STADTart (2007): Kultur- und Kreativwirtschaft Dortmund 2007. Dortmund.