Bericht über die Projektmittel 2003 der LAG NW

 

Inhalt

1. Grundsätze

2. Gesamtübersicht

3. Darstellung der einzelnen Projekte

 

1. Grundsätze

 

2. Gesamtübersicht

 

 

 

3.                  Darstellung der einzelnen Projekte

 

Zu den einzelnen Projekten

 

1) BÜZ Schuhfabrik Ahlen: Blickwechsel – ein kultureller Stadtrundgang

 

Einige Bemerkungen zum Ablauf

Ein erstes Treffen fand am 12. März mit dem Denkmalamt und der Organisationsleitung statt. Danach kam es zu einer zügigen und konstruktiven Zusammenarbeit in dem gut eingespielten Organisationsteam, das durch die Regisseurin ergänzt wurde. Ein Vorbereitungstreffen mit möglichen Beteiligten fand am 14.5. statt. Zu diesem Zeitpunkt war das Konzept – der Weg durch die Stadt und die einzelnen gestalterischen Ideen für die Stationen – schon ausgearbeitet. Deshalb wurden gezielt Menschen für das Vorbereitungstreffen angesprochen, die mit ihrer Darstellungsform in das Konzept hinein passten. Bei aller Festlegung durch das Organisationsteam und die Regisseurin: Flexibilität ist bei einem solchen Projekt bis zuletzt nötig. Keiner der annähernd 60 MitspielerInnen bekommt für den doch beträchtlichen Zeitaufwand eine Gage oder auch nur eine Aufwandsentschädigung, trotzdem wird von allen eine hohe Verbindlichkeit gefordert. Der einzige Lohn ist ein Abendessen im Rahmen des Abschlußfestes mit allen Beteiligten. Darüber hinaus kann solch ein Projekt nur stattfinden, wenn der Spaß und die Faszination bei und an diesem Projekt greift.

Dies ist in Ahlen hundertprozentig gelungen! Alle Beteiligten erklärten sich spontan bereit im nächsten Jahr bei einer Wiederholung wieder mit dabei zu sein.

 

Beteiligte

An 22 Stationen gab es Informationen , Schauspiel und Aktionen durch/mit:

- Angestellte der Denkmalpflege und des Bauamtes, für die eine Zusammenarbeit mit dem Bürgerzentrum neu war und als überaus anregend empfunden wurde

- Schauspielern und Schauspielerinnen, die seit Jahren im Amateurtheaterbereich arbeiten und dem Bürgerzentrum Schuhfabrik durch kontinuierliche Projektarbeit bekannt sind

- Neulinge, die durch persönliche Beziehungen hinzu gekommen sind

- Mitglieder einer ortsansässigen Tanzschule, zu der vorab keinerlei Kontakte bestanden und die sich  spontan mit Mitmachen entschlossen

- Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder, die seit einigen Jahren im Bürgerzentrum Integrationskurse besuchen und erste Kontakte mit Theaterpädagogischer Arbeit erhielten

- Seniorentheatergruppe des Bürgerzentrums, für die eine Einbindung in solch ein „Großprojekt“  neu war

- ein gemischter Chor, der sich für diesen Anlass aus drei verschiedenen Chören zusammenfand

- eine Ahlener Künstlerin, die eine vielbeachtete Ausstellung (mit Verkäufen) zum Thema Emaille in der Schuhfabrik installierte

- Ahlener Bürger, zu denen bisher keine Kontakte vorhanden waren, die aber bereit waren ihre Häuser für einzelne Stationen zu öffnen

 

Nachbemerkungen

Und dann kam dieses Wetter dazu! Keiner hat damit rechnen können, dass zwei Rundgänge wegen Hitze ausfallen mussten. Eine Regenversion wurde vorbereitet, aber dass kaum Karten im Vorverkauf verkauft wurden, weil niemand sich vorstellen konnte, sich nachmittags durch die Stadt zu bewegen – unvorstellbar! So kam es zu einem ausverkauftem Rundgang am Freitag, den 15. August mit 30 Personen und am Samstag, den 16. August zu einem Rundgang mit ca. 60 Personen, da sich die Menschen ohne Karte einfach nicht nach hause schicken ließen! Und anschließend gab es ein rauschendes Fest, bei dem die Beteiligten sich mischten, neue Kontakte entstanden und überall Kommentare auch von den ausgewiesenen Skeptikern fielen wie „So etwas ist wirkliche Soziokultur“!

 

 

109) BÜZ Schuhfabrik Ahlen: Dokumentation zum 15jährigen Bestehen der Schuhfabrik

 

Projektbeschreibung

Nach der Bewilligung und der Entscheidung für die redaktionelle Betreuung kam es im November zu einem ersten konzeptionellen Gespräch. Anfang Dezember wurden 31 persönliche Briefe an mögliche Autoren verschickt. Die Auswahl der Autoren erfolgte nach den Kriterien: Politik, Fraktionen, Publizistik, Menschen des gesellschaftlichen Lebens,  Künstler und Menschen, die die Jahre der Schuhfabrik begleitet haben. Dabei sollten offizielle Stellungnahmen ebenso Eingang finden, wie rein subjektive Erlebnisse einzelner Bürger der Stadt Ahlen. Schnell wurde in der konkreten Beschäftigung klar, dass es nicht nur und vorrangig um die 15 Jahre des Bürgerzentrums Schuhfabrik geht, sondern das Bestehen des Vereins seit dem 19.05.1984 – also 20 Jahre Initiative Bürgerzentrum Schuhfabrik e.V. sich ebenso in den Vordergrund drängt.

Als ein zweites Standbein wurde die Fotografie in das Buchprojekt einbezogen. Hierfür haben sich über 50 Personen – siehe beiliegende Pressetexte - als Modelle für das Buch ablichten lassen.

Zum jetzigen Stand sieht die Entwicklung überaus positiv aus. Der Rücklauf der Texte läßt noch zu wünschen übrig, aber die Entstehung eines Buches ist gesichert.

 

Ausblick

Geplant ist die offizielle Veröffentlichung des Buches am 19.05.2004. An diesem Tag wird nachmittags das Buch vorgestellt. Wer als Redner auftreten wird und wer das Rahmenprogramm gestaltet, steht noch nicht fest. Fest steht allerdings, dass aus den unzähligen Fotos, die für dieses Buch entstanden sind, eine Diashow – ähnlich einem Daumenkino -  erstellt werden wird. Im Anschluß an diesen offiziellen Teil wird ein großes Fest besonders für Vereinsmitglieder und ehemalige Mitstreiter ausgerichtet.

 

 

108) Alarm Theater e.V., Bielefeld: „Ahasver – Kulturen in Bewegung und Begegnung“

Multimediales Theaterprojekt mit Sucht- und Gewaltgefährdeten männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus verschiedenen Kulturkreisen

 

Projektskizze:

Es fanden insgesamt 4 Vorbereitungstreffen zwischen den Verantwortlichen der therapeutischen Wohngruppen Loxten, Casum und der Projektleitung des AlarmTheaters statt.

In diesen gemeinsamen Arbeitssitzungen wurden zunächst die terminliche und finanzielle Organisation geklärt. Danach die Rahmenbedingungen und die Einbindung des Projektes in die Lebenswelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

 

Die Zielsetzungen der Kooperationspartner waren sehr hoch:

Ein großer Teil der therapeutischen Infrastruktur der Einrichtung Loxten (durchschnittliches Alter zwischen 18 – 24 Jahre/ Teilnehmer 16) wurde für die Dauer des Theaterprojektes nach Bielefeld ins AlarmTheater verlegt. Full time von 9 –17.00 Uhr.

Der Faktor „Mehraufwand an Betreuungszeit“ wurde zum ersten Mal ohne eine hauptamtliche Kraft aus Loxten, sondern nur durch Praktikanten auf Seiten des AlarmTheater, bzw. durch eine stärkere handwerkliche Ausrichtung neben der Theaterarbeit aufgefangen.

Neben dem theaterpädagogischen Prozess steht am Ende eine Reihe von Vorstellungen. Nicht nur  Fachöffentlichkeit oder geneigte Zuschauer fanden Zugang, sondern massiv auch die Öffentlichkeit im lokalen und regionalen Bereich. Zudem wurden schulische und außerschulische Kooperationspartner für die Aufführungen unter dem Thema „Theater und Prävention“ gewonnen, sodass insgesamt 10 Aufführungen angesetzt wurden.

 

Verlauf

Die praktische Durchführung des Projektes lief über den Zeitraum vom 8. September – 19. Oktober 2003. Die Theaterarbeit mit den Drogenabhängigen war sehr am Prozess orientiert. Sie wurde in aufeinander folgenden Phasen artikuliert und immer von Abschnitten der Evaluation, der Reflektion und des Innehaltens alterniert.

Am Anfang standen die Begegnung und der Austausch zwischen den Jugendlichen und den KünstlerInnen. In 4 Wochenblöcken wurden  mit den TN  in künstlerischen Laboratorien (Schauspiel, Akrobatik, Tanz, Rhythmus, etc.) Material erarbeitet und gesammelt. In den 2 folgenden Blöcken kam es zur Erarbeitung der Szenen, der theatralen Montage und schließlich zur Einprobung des Stückes. Premiere war am 10. Oktober. Im letzten Block vom 10. Oktober – 19. Oktober wurden am Wochenende abends Vorstellungen für die Öffentlichkeit gemacht und in der dazwischen liegenden  Woche Schulvorstellungen mit anschließenden Diskussionsrunden.

Die erste Voraussetzung für die Teilnahme an der ganztägigen Theaterarbeit war, dass die Teilnehmer zum Zeitpunkt des Projektes drogenfrei waren.

Da eine Verpflichtung am Theaterprojekt bestand, wurden nur 3 Gründe für den Abbruch festgelegt (Abbruch der Therapie, schwere Krankheit und Tod). Ansprechpartner in dem theatralen Prozess waren die 2 Leiter des AlarmTheaters.

Neben der künstlerischen Arbeit ging es zu einem großen Teil auch um Training der körperlichen Belastbarkeit, da ein nicht kleiner Teil der Drogenabhängigen wenig Kondition und körperliche Leistungsfähigkeit hatten. Sie kamen z. T. direkt aus dem Entzug in das Projekt.

Klare Regeln wurden von der Projektleitung gleich zu Anfang festgelegt und im Laufe des Prozesses immer wieder eindringlich wiederholt. Sie bezogen sich vor allem auf die Arbeitsdisziplin, sollten aber den spielerischen Freiraum für Improvisation so weit wie möglich erhalten. Mit „Strenge und Liebe“ so ein Teilnehmer, wurden die Akteure nicht bloß zu der Erarbeitung eines Arbeitsergebnisses geführt, sondern vielmehr begleitet. Voraussetzungen für das Gelingen eines solchen Projektes war die präzise Beobachtung der gesamten Gruppe, ihrer Dynamik, und der einzelnen Teilnehmer.

Zu Beginn der Arbeitssitzungen mit den Drogenabhängigen wurde das Thema Ahasver unter der Fragestellung Vorbild – Selbstbild - Fremdbild bearbeitet. In Form schriftlicher und mündlicher Äußerungen der Teilnehmer sollte das Thema zunächst frei assoziativ erarbeitet werden.

Fernab von der herkömmlichen Bühnenarbeit – wo jede Handbewegung der Regievorgabe folgt, entwickeln die Akteure hier ein Theaterstück aus der Improvisation heraus. Einen Leitfaden, eine Geschichte brauchten die jungen Männer aber, die noch nichts mit Theater spielen zu tun hatten.

Texte, Literatur und Musik wurden einerseits vorgeschlagen, andererseits wurden persönliche Wünsche und Auseinandersetzungen der Männer respektiert und integriert.

Die volle Einbringung der Einzelnen für diese szenische Collage wurde stets gefordert. Die Facetten und Kompetenzen jedes Einzelnen mussten erkannt werden und in individueller Arbeit herausgebildet werden. Niemand sollte in diesem Projekt `fremdbestimmt´ oder `blamiert´ werden, vielmehr wurden die vorhandenen persönlichen Fähigkeiten (z.B. tanzen, singen, Text präsentieren, etc.) der Einzelnen bewusst gemacht und für die theatrale Arbeit genutzt.

 

Fazit

Als die Aufführungen den Prozess enden ließen, war es für alle das Erleben eines Vulkanausbruchs. Wichtig waren auch die Wiederholungen der Aufführungen, damit die Akteure glauben und annehmen lernten, dass das hervorgeholte Beste, die Kraft und auch die Liebesfähigkeit keine Eintagsfliege ist. An dieser Stelle ist auch die Öffentlichkeit in Form der Zuschauer mitten im Prozess des Erlebens vom schönen, würdevollen Menschen, der in die Gesellschaft gehört. Spätestens hier wurde klar, dass unser aller Leben eine Bereicherung erfährt, wenn wir vom Wegschauen/Ignorieren hin zur Begegnung kommen.

 

 

4) Bahnhof Langendreer, Bochum: Erich Mühsam: Das Leben her!

Jazz und Lyrik mit Thomas Brückner, Günther Baby Sommer, Ulrich Thiem am 13.05.2003

 

Das Projekt wurde in Kooperation mit der Jazzinitiative Bochum und dem Schauspielhaus Bochum durchgeführt.

Zu Beginn der Veranstaltung, getrennt von der eigentlichen Aufführung, führte Thomas Brückner in Leben und Werk von Erich Mühsam ein.

Bei der Aufführung selbst trug Thomas Brückner Erich Mühsams Gedichte über Politik und Liebe, über Frauen, Frieden und das Leben pointiert vor. Dabei griff Thomas Brückner, der das Konzept der Veranstaltung entwickelte, die Improvisation der Musiker auch als methodisches Element auf und wählte die Texte entsprechend der entstandenen Stimmungen aus. Günther Baby Sommer am Schlagzeug und den Percussions entlockte seinen Instrumenten immer wieder neue Klänge und unterstrich jeden Text mit einem bis dahin nicht benutzten Instrument. Das Violincello von Ulrich Thieme produzierte die zeitgenössische Atmosphäre Mühsams. Gemeinsam erzeugten die beiden Musiker und der Rezitator Thomas Brückner in Wort und Ton eine teils flüsternde, teils trauernde, teils aber auch freudig erregte und erregende Stimmung.

Die Aufführung war ein gelungenes Beispiel für ein improvisierend-schöpferisches Zusammenspiel von Text und Musik, mit der eindrucksvoll an das Leben und Werk Erich Mühsams erinnert wurde.

Mit ca. 80 Zuhörern und –schauern war die Veranstaltung leider nicht ausverkauft. Das Publikum erlebte aber einen anregend-erregenden Abend, für den es sich mit langanhaltenden Beifall bedankte.

Die Veranstaltung wurde sehr positiv in der örtlichen Presse (WAZ und Ruhrnachrichten) besprochen.

 

 

5) Bahnhof Langendreer, Bochum: 1973 – 2003: Chile – Erinnerungsspuren

    vom 11.-13.09.2003

 

Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär unter Führung von General Augusto Pinochet gegen die gewählte Regierung. Die USA, das chilenische Militär und die Oberschicht wollten endlich Schluss machen mit den sozialen Reformen, die das Land seit 1970 erlebte, nachdem ein breites linkes Parteienbündnis den Sozialisten Salvador Allende zum Präsidenten gewählt hatte. Unzählige wurden verhaftet und gefoltert, umgebracht oder "verschwanden" gänzlich in Polizeihaft, ohne dass ihr weiteres Schicksal bis heute bekannt wurde. Die sozialen Bewegungen wurden zerschlagen und Tausende politisch Verfolgter flüchteten ins Ausland.

Im Rahmen des Projektes Chile – Erinnerungsspuren wurden zwischen dem 11. und 13. September 2003 an den Putsch von 1973  und der Widerstand gegen die Diktatur erinnert, in dem ZeitzeugInnen das Wort erhielten. Mit Hilfe von ReferentInnen wurde der Bogen bis heute gespannt, die Auswirkungen des Neoliberalismus in Chile, in Lateinamerika und auch hier bei uns in Europa wurden thematisiert. Des weiteren wurde der Kampf gegen die Straflosigkeit, der Versuch von Menschenrechtsorganisationen, die TäterInnen vor Gericht zu stellen und sie für ihre Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen, thematisiert.

Dabei wurden unterschiedliche Vermittlungs- und Auseinandersetzungsformen gewählt. Neben den klassischen Mitteln der Arbeit der Erwachsenenbildung Vortrag und Diskussion kamen mit Film, Konzert und Dichterlesung eine breites Spektrum künstlerischer Darstellung zum Einsatz.

Die Projektplanung und -durchführung wurde im wesentlichen von Ehrenamtlichen aus Eine-Welt-Gruppen in Bochum (Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum, Humanitäre Cubahilfe, amnesty international Hochschulgruppe, Bochumer Friedensplenum, attac-Bochum, Freiraum Bochum, Promondial, labournet-germany, notstand, Chile-Gruppe Dortmund u.a.) im Bahnhof Langendreer realisiert.

Zu den Veranstaltungen im Einzelnen:

Am Donnerstag, den 11.09.03 wurde zur Eröffnung des Projektes im endstation.kino der Film "Missing - Vermisst" von Costa Gavras (USA 1981) gezeigt. Der Film schildert die Ereignisse rund um den Militärputsch und legt einen Schwerpunkt auf die von der Junta verübten Menschenrechtsverletzungen und die Verstrickungen der CIA. Die Vorführung war mit 67 BesucherInnen besucht. Im Anschluss an den Spielfilm hielt der Arzt und Journalist Knut Rauchfuss von der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum den Vortrag"30 Jahre danach, der Kampf gegen Straflosigkeit geht weiter". Knut Rauchfuss schlug dabei einen Bogen von der Strafrechtlichen Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen als Element der Weiterentwicklung des internationalen Völkerrechts bis hin zu der Bedeutung des Kampfes gegen die Straflosigkeit  für die Therapie von Folteropfern. Als Mitbegründer der "Ethischen Kommission gegen die Folter" in Chile war er in der Lage, seine Ausführungen mit konkreten Beispielen aus Chile zu untermauert. Der Vortrag und die anschließende engagiert geführte Diskussion war mit insgesamt 56 TeilnehmerInnen ausgesprochen gut besucht.

Am Freitag, den 12. September standen Musik und Literatur im Zentrum des Projektes. Die Essener Gruppe Triptico begeisterten mit ihrer Fusion von lateinamerikanischen Klänge mit Jazz- und Klassikeinflüssen die über 200 BesucherInnen. Textlich richteten sich die Lieder in einer Mischung aus schwarzem Humor, Ironie und Satire gegen Diktatur und Unterdrückung. Im Anschluss las der Schriftsteller Pedro Holz aus einen zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichten "Die kleine Welt des Herrn Kaiser". Pedro Holz ist in Bochum gut bekannt, da er nach seiner Flucht aus Chile von 1974 bis 1989 in Bochum im Exil lebte. Den Abschluss des abends gestaltete "Piray" aus Mülheim mit ihrer traditionellen Musik aus Chile und Lateinamerika. Piray wurde 1979 im Exil gegründet. Ihr Name rührt von jenem Fluss in Bolivien her, an dem Ernesto Ché Guevara ermordet wurde. Piray ist seitdem mit der internationalen Solidarität für den Widerstand in Chile und anderen lateinamerikanischen Ländern verknüpft.

Am Samstag, den 13.09. wurde versucht, eine Bilanz von „30 Jahre Militärputsch in Chile“ zu ziehen. In der Podiumsdiskussion zum Auftakt  wurde dreierlei versucht: Der Putsch und der Widerstand gegen das Militärregime wurde analysiert, es wurde die Erfahrungen des Exils und die deutsche Solidaritätsbewegung mit Chile ausgewertet und eine Einschätzung der aktuellen Situation in Chile gegeben. Es diskutierten Carlos Sanhueza-Bunge, Pedro Holz, Gloria Saldias und Olaf Kaltmeier. Die Spannung der von Anamaria Diaz moderierten und von 53 Gästen besuchten Podiumsdiskussion sollte aus den unterschiedlichen biografischen Erfahrungen der DiskutantInnen erwachsen – leider waren die Redebeiträge zum teil etwas langatmig und damit ermüdend.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hielt der Soziologe und Ökonom Hans-Jürgen Burchardt einen Vortrag zum Thema "Neoliberalismus: eine Weltseuche aus Pinochets Labor" vor immerhin noch 48 ZuhörerInnen. Sein theoretisch hochinteressanter, die Ideologie der in Chicago-Boys analysierende und gleichzeitig bezüglich der Ökonomien Lateinamerikas empirisch gesättigter Vortrag bildete einen guten Übergang zu den an sozialer Praxis orientierten Vortrag mit anschließender Diskussion von Oscar Barahona Vega und German Mondragon Gonzalez Vega vom selbstverwalteten Zentrum UKMAU in Santiago de Chile. Ihr Thema „30 Jahre Widerstand: soziale Bewegungen in Chile heute“ ermunterte noch einmal viele TeilnehmerInnen, über Perspektiven des Widerstandes in Lateinamerika und in Westeuropa zu diskutieren.
Den Abschluss des Projektes Chile – Erinnerungsspuren bildete ein Konzert von Ernesto Simpson aus Frankfurt am Main, der lateinamerikanische Folklore, begleitet von akustischer Gitarre, vortrug.



98) leibeigen. Theater-Ausdruck-Bewegung,  Bochum: Amok – Wut im Bauch, Angst im Nacken. Tanztheater und Hip Hop

 

Zum Inhalt

Charlie ist 15 Jahre alt und hat eine Pistole in ihrem Schulfach. Nach einem Gespräch mit ihrem Rektor erschießt sie ihn und nimmt ihre Mitschülerinnen als Geiseln. Ein gefährliches Spiel beginnt. Charlie zwingt die Mädchen, ihre Geheimnisse zu erzählen. Nach anfänglichem Widerstand „gestehen sie sich ihre geheimsten Gedanken und Gefühle. Die Fronten verschieben sich. Lange totgeschwiegene Konflikte zwischen Einzelnen brechen plötzlich auf. Am Ende steht eine andere Täterin am Pranger und wird von ihren Mitschülerinnen gelyncht.

 

1. Die Grundidee

Den Amoklauf als Kammerspiel zu inszenieren war die Grundidee zum Stück. Die Bühnenhandlung sollte die intime Atmosphäre eines Klassenzimmers. Der Fokus der Inszenierung lag also auf den Emotionen, die sich zwischen den Protagonistinnen immer mehr verdichten. Zur Idee inspiriert wurden wir durch den Roman Amok von Stephen King.

Auf die Perspektive der Medien wurde bewusst verzichtet. Lediglich der Schulpsychologe kommt zu Wort.

Die Dialoge schrieben wir jedoch alle um, da zum einen die Übersetzung aus dem Amerikanischen wenig authentisch klang und zum anderen wir nur weibliche Darsteller hatten. D. h. aus dem Amokläufer wurde eine Amokläuferin.

Wir konzentrierten uns auf den Moment der Konfrontation der Protagonisten im Klassenzimmer. Den  Mediendiskurs und seine möglichen Auswirkungen ließen wir ganz weg. Die Tanzszenen entwickelte ich weitgehend aus dem Bewegungsrepertoire, das die Darstellerinnen mir in Improvisationen anboten. Eine Darstellerin konnte singen. In dem Stück singt sie in einem Moment der Intimität ein Lied, das im wirklichen Leben ihr Lieblingslied ist. Die Dialoge schrieb Giampiero Piria den Darstellerinnen quasi auf den Leib: er orientierte sich an ihrer Wortwahl. In einer Szene erzählt eine Darstellerin von einem Erlebnis der sexuellen Belästigung. Tatort ist der Rathausplatz in Bochum. Aus Rahmenhandlung, Dialogen und Tanzsequenzen entwickelt sich das Stück erst während der Proben. Wir prüfen, verändern und gestalten immer neu. Wir stellen Fragen an uns, an die Darstellerinnen an das Stück. Darauf wollen wir hinaus: mit unserem Stück Fragen aufwerfen, Wahrnehmung verändern.

Amok ist mehr eine assoziative Collage als ein Stück mit einem komplexen narrativen Handlungsfaden. Dialoge und Tanzsequenzen gehen fließend ineinander über, so dass sich Handlungs- und metaphorische Ebene ständig überlagern. Die sprachliche Ebene transportiert die Handlung und die Geschichten der Protagonistinnen mit ihren Geständnissen, während Ängste, Träume, Aggressionen und unbewusste Gedanken im Tanz zum Ausdruck kommen. Die tänzerischen Parts werden sprachlich durch den Rap ergänzt. Die Texte stehen jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit dem Stück, sondern sind assoziativ mit dem Thema verbunden. Die Schwierigkeit in der Dramaturgie bestand darin, organische, stimmige Übergänge zwischen Dialogen und Choreographien zu schaffen. Diese Übergänge waren vor allem für die Darstellerinnen schwierig.

 

2. Drei Schritte zur Premiere

Der erste Schritt: Tanztheaterkurs der Jungen VHS

Nachdem wir den Kurs auch in der Tagespresse angekündigt hatten, fand sich die Gruppe von sieben Schülerinnen schnell zusammen. Der Kurs war nicht nur für Mädchen ausgeschrieben. Aber die rare Jungenschaft verschwand spätestens ab der dritten Woche wieder. Der Tatsache, warum es schwierig ist, Jungen für Tanztheater zu gewinnen, könnte sicherlich ein eigener Artikel gewidmet werden (zumindest muss man in Gegenwart von Jungen vorsichtig mit dem Wort Tanz umgehen, wenn damit nicht Hip Hop oder Breakdance gemeint ist. Kleiner Tipp: dem Kind einen anderen Namen geben).

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mädchen in Tanz und Bewegungsimprovisationen sehr viel offener mit ihrer Körperlichkeit und ihrem tänzerischen Ausdruck umgehen. Aber zurück zu Amok: in den ersten Wochen des Kurses vermittelten wir in wöchentlichen eineinhalb Stunden Grundlagen des Schauspiels und der Tanzimprovisation. Wir leiteten Improvisationen zum Thema Gewalt und Bedrohung an. Die Mädchen lasen den Roman Amok von Richard Bachmann, besser bekannt als Stephen King. Wir sprachen über das Thema mit den Jugendlichen. Im Mai rüsteten wir auf: die Probenzeit wurde auf drei Stunden verlängert. Am Ende des Kurses, Anfang Juni, standen die Rollen und einzelne Szenen für das Stück fest.

 

Der zweite Schritt: Projektgelder und Intensivproben

Anfang Juni kam die Zusage vom Kulturministerium NRW, der LAG NRW. Unser Antrag war angenommen worden. Ein Sponsoring bekamen wir von der Sparkasse Bochum.

Jetzt ging es richtig los. Der Probenplan, der einige Wochenenden umfasste, wurde von den Jugendlichen nach kurzem Schlucken angenommen.

 

Der dritte Schritt: Auftrittsorte für Preview und Premiere

Am 27. Juli zeigten wir ein Preview von Amok auf dem internen Fußballplatz im Jugendfreizeithaus in Gerthe. An die 100 Zuschauer kamen. Dramaturgie und Choreographie des Stückes war bis dahin ausgearbeitet. Das Ensemble war zusammengewachsen. Auch die Arbeit mit den Musikern, die erst bei den späteren Proben dabei waren, funktionierte gut. Die Premiere fand am 21. September in der Bochumer Diskothek Riff statt, wo das Stück auf der Tanzfläche gespielt wurde. Viele jugendliche Zuschauer kamen und sahen den gewohnten Ort als schulische Szenerie, wo sich ein Blutbad ereignet. Es gab rege Diskussionen und viel Nachdenklichkeit. Ist es nicht oft die Gewohnheit, die nicht zulässt, zu denken und zu fühlen, was in unserer Gesellschaft nicht sein darf? Und wenn wir doch dahin schauen? Sehen wir, dass es Gründe für Gewalt gibt, die uns zwingen, etwas zu verändern.

 

Das Ziel erreicht

„Sie spielen lebendig, emotional authentisch und absolut textsicher – die sieben Jugendlichen Schauspielerinnen des Stückes Amok, das im Juli 2003 im Jugendfreizeithaus U27 Premiere hatte. Es ist daher kaum zu glauben, dass die Gruppe drei Monate vorher nur ein Kurs für Schauspiel und Tanztheater an der Jungen Volkshochschule war.“

Ruhrnachrichten, 9. September 2003

Als mein Kollege und ich den Pressebericht lasen waren wir uns einig, dass wir über das Ergebnis

des Projektes selber überrascht waren. Am meisten überraschte uns das Maß an Eigenverantwortung und Identifikation, das die sieben Schülerinnen, alle zwischen 14 und 17 Jahren an den Tag legten. Am Tag des Previews von Amok kamen sie mit der (ohne uns demokratisch abgestimmten) Entscheidung zu uns, dass sie auf das Soufflieren verzichten wollten: „Wir wollen nicht, dass das Geflüster von außen die Atmosphäre stört“, sagte eine der Darstellerin selbstbewusst. In diesem Moment wussten wir, dass wir mit Amok unser Ziel erreicht hatten: die Schülerinnen mit dem Gefühl auf die Bühne gehen zu lassen: hier bin ich und ich habe etwas zu sagen, das ihr alle hören sollt!

 

 

6) Brotfabrik, Bonn-Beuel: Kinder / Musik / Projekt 2003

 

Mit dem Kinder / Musik / Projekt plante die Brotfabrik aufbauend auf die Erfahrungen des „Klanggartens” und der „Jazz-Geschichte(n)” aus dem Jahr 2002 die Konzeption und Entwicklung von neuen Produktions- und Veranstaltungsformen für Kinder/Familienkonzerte in den Bereichen Weltmusik und Jazz. Die einzelnen Angebote sollten dabei aufeinander aufbauen, ausgewertet und miteinander kombiniert, schließlich dokumentiert werden.

 

Die Zielsetzung des Projekts orientierte sich an zwei Vorgaben:

-              einerseits sollte Kindern die Begegnung mit Musikern, Instrumenten, Tönen und allem, was noch zur Musik gehört, ermöglicht werden. Im Mittelpunkt standen Anfassen, Spielen, Sprechen, also die Tuchfühlung – Musik nicht nur zum Hören und Konsumieren, sondern zum „Begreifen“.

-              gleichzeitig ging es um die Begegnung mit den Kulturen, die die einzelnen Musiker bzw. Instrumente repräsentieren. Musik ermöglicht dieses Kennenlernen fremder Kulturen, Menschen und Ausdrucksformen gerade für Kinder von allen Kunstsparten am ehesten: sie teilt sich unmittelbar mit, die Ausdrucksmittel sind bekannt, es gibt zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die geplante musikalische Weltreise mit sechs Stationen analog zu den Erdteilen, wobei sich jede Station schwerpunktmäßig mit Ausschnitten der jeweiligen Musikkulturen befasst, ließ sich leider aus finanziellen Gründen nicht vollständig realisieren.

 

Folgende Workshops und Familienkonzerte wurden angeboten:

 

Sept. 2003 „Trommeln aus Afrika“

Entwickelt und vorgestellt wurde das Familienkonzert von dem Percussionisten Donald Holtermanns, der seit rund 20 Jahren Musik aus Afrika mit dem Schwerpunkt Ghana aufführt. Seine besondere Qualifikation für die Arbeit mit Kindern stellt Holtermanns seit vielen Jahren in Kursen und Workshops unter Beweis. In der Brotfabrik stellte er zahlreiche unterschiedliche Trommeln aus Afrika, aber auch „benachbarte“ aus Asien und Europa vor, erzählte von ihrer Geschichte und Verwendung und bot den Zuhörern an, selbst auf den Instrumenten zu spielen. Viele verschiedene Aspekte der Musikkulturen Afrikas wurden auf diese Weise verständlich.

 

Sept. 2003 Familienkonzert Schottland

Die musikalische Tradition Schottlands stand im Mittelpunkt dieses Familienkonzerts. Allan MacDonald stellte den Dudelsack vor und erklärte, warum das Instrument nicht nur zum Musikmachen verwendet wurde, Karen Marshalsay spielte schottische Harfenmusik und Margaret Stewart sang Lieder in gälischer Sprache. Moderiert wurde das Konzert von Michael Klevenhaus, der als Leiter einer schottisch-gälischen Sprachschule für die Übersetzung sorgte und das Programm mit kurzen Märchen aus Schottland abrundete. Das Konzert verdeutlichte auf unterhaltsame Weise, wie lange einzelne wie z.B. die schottische Musikkultur in die Vergangenheit zurückreichen, warum sie noch oder teilweise auch nicht mehr überliefert werden und warum manche Traditionen wieder an Bedeutung gewinnen.

 

Sept. 2003 Konzert mit „Seis Que Sabem“ aus Rocinha/Rio de Janeiro

Die sechs Musiker der Gruppe kommen allesamt von der Musikschule Rocinha in Rio de Janeiro und gastierten im Rahmen ihrer Deutschland-Tournee auf Einladung der städtischen Musikschule in der Brotfabrik. Die Musikschule in Rocinha, einem Slumviertel in Rio de Janeiro, wurde 1994 von dem Deutschen Hans Ulrich Koch gegründet mit dem Ziel, die Kreativität, Begabung und das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen aus dem Viertel zu fördern. Das Konzert in Bonn sollte dazu dienen, die Arbeit des Projekts in Brasilien bekannt zu machen, gleichzeitig wurde dadurch, dass die Betreuung der Musiker durch Schüler der Bonner Musikschule erfolgte, eine direktes Kennenlernen ermöglicht.

 

Nov. 2003 Workshop mit der neuseeländischen Formation WAI

Das Quartett WAI stellt mit Gesang und Percussionsinstrumenten die faszinierende traditionelle Musik aus dem polynesischen Kulturkreis vor. Jenseits aller Klischees präsentiert die Gruppe die alten Traditionen ihrer Heimat und das Bemühen um ein neues kulturelles Bewusstsein. Im Mittelpunkt des halbtätigen Workshops in einer Bonner Grundschule stand das Basteln von Pois. Diese gehören traditionell zur Kultur der Maori aus Neuseeland , werden jedoch auch zum Musikmachen eingesetzt. Im Anschluss  an das Bauen der Instrumente lernten die Kinder einige Basis-Rhythmen der traditionellen Musik und probierten das Jonglieren zur Musik zusammen mit den Musikern aus.
Der Workshop vermittelte auf spielerische Weise eine den Kindern fremde Kultur.

 

Jan. 2004 Familienkonzert mit der Gruppe „Egschiglen“ aus der Mongolei (Nachholtermin für November 2003)

Von den im Rahmen des Projekts vorgestellten Kulturen dürfte die der Mongolei hierzulande die am wenigsten vertraute sein. Deshalb sah das Konzept für den Musikworkshop mit „Egschiglen“ eine vergleichsweise aufwendige Präsentationsform vor: in verschiedenen Räumen der Brotfabrik stellten die Musiker sich und ihre Instrumente in direktem Kontakt mit dem Publikum vor, das von Mitarbeitern der Brotfabrik in kleinen Gruppen zu den einzelnen Stationen geführt wird. Vorgestellt wurden die Musik der Pferdekopfgeigen und des Hackbretts und die Gesangsform des „khomii“, des für die Mongolei typischen Kehlkopfgesangs. Ergänzt wurde das Programm durch Märchen aus der Mongolei, den Abschluss des Workshops bildete ein halbstündiges Konzert der Gruppe in ihren traditionellen Kostümen.

Die unmittelbare Begegnung des Publikums, vor allem der Kinder, mit den Musikern und den einzelnen Instrumenten und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Instrumente auch selbst spielen, weckten beim Publikum großes Interesse. Rückblickend erscheint diese Form der Familienkonzerte zumindest für die Musiksparten Weltmusik und Jazz als sehr geeignete und unterhaltsame Form kultureller Bildung für Kinder, aber natürlich auch für Erwachsene.

 

 

85) Brotfabrik, Bonn-Beuel: „Gate Lounge“  

 

„Mensch ärgere Dich nicht!“ lautete der Arbeitstitel für die  4. Inszenierung der JungeBühneBonn in 2003. Der Wettlauf durchs Leben; sich durch’s Leben boxen; andere rauswerfen um selbst drin zu bleiben; der Würfel als Schicksalsobjekt, der den Lauf des Lebens mitbestimmt,... all diese Schlagworte fassten wir in diesem Arbeitstitel zusammen.

10 junge DarstellerInnen zwischen 16 und 25 Jahren nahmen an diesem Projekt teil, wobei eine Spielerin kurz vor der Premiere aus gesundheitlichen Gründen aussteigen musste. 

Neben Trainingseinheiten zur Gruppendynamik und Bühnenpräsenz begann der Prozess der Materialsammlung. Dabei steht eine Frage im Vordergrund: Was hat das Thema mit mir zu tun? Was interessiert mich an diesem Thema und warum? Welche Erfahrungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnern mich an dieses Thema?

Persönliche Geschichten werden erzählt, Textpassagen von AutorInnen aus Büchern, Zeitungen... mitgebracht, passende Musiken, interessante Objekte u.s.w.  vorgestellt. In Improvisationen wird dieses gefundene Material nun auf seine „Bühnentauglichkeit“ hin überprüft. Mit Hilfe verschiedenster künstlerischer Mittel wird das Material aus allen uns erdenklichen Perspektiven untersucht, bespielt und bearbeitet. So entstehen langsam die ersten Szenenideen und wie in dieser Inszenierung ändert sich über diese Ideen plötzlich auch die Idee für das Stück. Nicht das Spielfeld von „Mensch ärgere Dich nicht!“, sondern eine Wartehalle scheint uns der geeignete Ort für unsere Geschichten. Ein Ort, an dem wir uns begegnen, an dem jeder die anderen mit seiner Geschichte konfrontiert und damit auch einen Stein bei anderen ins Rollen bringt.

Wohin wollen wir in unserem Leben? wohin soll die Reise gehen? Wo wollen wir landen? Wollen wir überhaupt los oder verharren wir in der Wartehalle? Was Hindert uns am Fortkommen? Wo legen wir uns selber Steine in den Weg? Wie Stelle ich mich den anderen gegenüber dar und wie bin ich wirklich?

All diese Fragen brachten uns zur „Gate Lounge“ , in der unsere verschiedenen Menschentypen aufeinander treffen. Jeder entwickelt einen Typen, den er oder sie darstellen möchte. Diese Typen sind ganz nah an ihnen selbst und doch entsteht so auch eine Distanz, diese Figur mit ganz persönlichem Material zu füttern. So stellt sich die Darstellerin Hannah B. als vermeintlich berühmte Schauspielerin eines Stadttheaters in Berlin vor und entlarvt sich selbst, als sie in der Wartehalle auf beginnt ihren Antigone-Text zu lernen. Die Spielerin sprach während der Probenphasen an verschiedenen Schauspielschulen mit genau dieser Textpassage vor (- erfolgreich!). Julia R. hat in ihrem privaten Leben Essprobleme und stellt sich in diesem Stück auch vor als die Frau, die nicht auffällt, deren Namen man sich nicht merken kann und die sogar Sport dick macht.

  Nicht für alles was uns bei diesem Thema wichtig ist, finden wir Worte. Wir lassen die Musik und dazu entwickelte Bilder, Choreographien für sich sprechen. Die Choreographien schaffen Stimmungen, die dem Publikum und uns bekannt sind. Zum Beispiel eine Choreographie zum Thema „Platz im Raum finden“.

Mit dem Handgepäck nimmt man auf einem Stuhl Platz. Eine Person setzt sich neben einen und engt ein. Man steht auf, wechselt den Platz. Man möchte sich hinsetzen, aber jemand hat sich auch diesen Platz ausgesucht. Man steht gemeinsam vor dem Stuhl, jeder möchte der anderen Person den Vortritt lassen und schließlich sitzt man zu zweit auf dem Platz. All diese kleinen Situationen finden in der Stille statt, schließlich setzt eine Musik ein und die Platzwechsel und die alltäglichen Bewegungen entwickeln sich mehr und mehr zu einem „Tanz“.

Diesen sehr choreographierten festgelegten Bewegungen sind Szenen entgegengesetzt, die wir intern als „Dreckige Szenen“ bezeichnen. Für uns sind das Szenen, die zwar in einen Rahmen eingebettet sind, die aber jedem einzelnen Darsteller einen gestalterischen Spielraum lassen und die MitspielerInnen mit neuen Ideen überraschen.

So entstand in rund 40 Probetagen, die in Blöcken an Wochenenden und in den Ferien stattfanden die Inszenierung „Gate Lounge“. Eine für uns sehr gelungene Inszenierung, in der es allen Beteiligten gelungen ist Ihr persönliches Anliegen einzubringen und dies gleichzeitig in eine angemessene künstlerische Form einzubetten.

Am 09. Mai feierten wir in der Theaterwerkstatt der Brotfabrik unsere Premiere. Das Stück wurde neben den Auführungen in Bonn auch im Rahmen des „Kultursommer Rheinland-Pfalz“ – vor allem für Schulen- aufgeführt.

Am 27. Februar 2004 ist die letzte Vorstellung von „Gate Lounge“ in der Brotfabrik zu sehen.

 

 

50) Förderverein Universum, Bünde: Bünder Videofestival zum Thema „Schuldig?!“

 

Der große Erfolg des ersten Bünder Videofestivals zum Thema: „Konsum“ hat den Förderverein des Universums bestärkt eine Fortsetzung in diesem Jahr zu versuchen. Das Thema ist hauptsächlich durch eine Internetabstimmung auf der Homepage des letzten Wettbewerbes quasi von den Videofilmern, selbst bestimmt worden.

Mitte Juli ist dann mit dem von vielen Seiten gelobtem Plakat des Creativ Werbebüros die Ausschreibung in der Presse und durch Plakataushang gestartet worden. Erstmals sind auch postkartengroße Fyler, Vorderseite Plakatmotiv – Rückseite Ausschreibungstext, in einer hohen Stückzahl verteilt worden. Am 17.06. sind auch alle weiterführenden Schulen des Kreises Herford und Umgebung mit einem Anschreiben, Handzetteln und Plakaten beschickt worden.

Der Einsendeschluss auf den 11. Juli festgelegt. Die Resonanz von den Schulen war, mit einer Ausnahme, fast gleich null, man hätte sich also die aufwendige Briefaktion sparen können. Der Einsendeschluss wurde um eine Woche auf den 18.Juli verlängert, was auch einige Beiträge einbrachte. Eine weitere Verlängerung wäre auch organisatorisch nicht möglich gewesen.

Insgesamt sind dann 18 Beiträge zum Wettbewerb eingeschickt worden. Die Jury bestand aus einem schulischen Videoexperten, einem Vertreter des Bünder Filmclubs, einer Studentin und einem langjährigen Videofilmemacher, tagte am Donnerstag, den 24.07. bis spät in die Nacht hinein. Die Beiträge wurden auf der großen Kinoleinwand im Universum projiziert.

Das qualitative Niveau der Videos wurde von der Jury als sehr hoch gewertet. Auch die ganz unterschiedliche Herangehensweise an das Thema, sowohl inhaltlich als auch formal, erschwerte die Qualifizierung. Die Jury entschloss sich nach langen Gesprächen nicht nur drei Preise zu vergeben, sonder neben Platz eins und zwei, den dritten Platz auf 3 Videos zu erweitern. Außerdem wurde der originelle Beitrag einer Schülergruppe aus dem 6. Schuljahr mit Kinofreikarten belohnt. Auf Platz eins kam das Video “Implodief - Ein Aussteigerbericht“, das sich auf satirische Weise mit Menschen beschäftigt, die kein Fleisch mehr essen. In der Manie der reißerischen Berichterstattung der Privatsender ist der „Bericht“ sehr humorvoll. „Zapped“ erhielt den zweiten Jurypreis, der einen Song der Red Hot Chili Peppers mit Ausschnitten aus TV und Film unterlegt und so eine beißend ironische Kritik an all dem gängigen Fernsehschrott erzeugt. Die drei Dritten Plätze gingen an „Before you accuse me“ (Letztlich sind die Plantagenarbeiter in den Tropen schuld, das wir auf Bananen ausrutschen), „Sind wir nicht alle ein bisschen schuldig“ (Ironische Reportage über das fehlende Engagement gegenüber unserem Nächsten) und „Wonder – Die Schuld kommt“(Gedanken eines zum Erwachsenen werdenden Kindes). Der Animationsfilm „Der Trecker“ erhielt den Kinokartensonderpreis. Insgesamt waren 76 Personen an der Erstellung der Videofilme beteiligt. Diese hohe Zahl ist sicher als Erfolg zu werten.

Die Beiträge sind dann für das Festival in eine präsentationsfähige Form eingebunden worden.

Der Moderator Henning Worm begrüßte am 26.7.2003 um 20.00 Uhr gut 150 Zuschauer und Videomacher im Bünder Universum. Die Besucher, die Beiträge eingesandt hatten, bekamen freien Eintritt zur Veranstaltung. In Dreierblöcken wurden die Filme präsentiert. Vor jedem Programmblock wurden die „Macher“ auf die Bühne gebeten, dem Publikum vorgestellt und kurz über ihren Film interviewt. In der Pause sind Helfer durch das Publikum gegangen und haben in einer Kamera (ohne Innenleben) Geld für den Publikumspreis gesammelt. Mit der Eintrittskarte hat jeder Zuschauer einen Stimmzettel und eine Programmübersicht erhalten. Die Auswertung der Stimmzettel nach der Vorstellung ergab, dass der Publikumsliebling der Film „Implodief – Ein Aussteigerbericht“ war, der ja auch von der Jury auf Platz eins gesetzt wurde. Viel Beifall gab es bei der Preisverleihung. Viele Besucher lobten die gelungene Veranstaltung und auch das Presseecho ist als positiv zu werten.

 

51) Förderverein Universum, Bünde: Bünder News 2003

 

Der ursprüngliche „Traum“, vor jedem Kinofilm im Universum so etwas wie eine „Wochenschau“ mit örtlichem Bezug zu präsentieren, war nicht realisierbar. Von dieser Vorstellung sind wir ja auch in der Planung frühzeitig abgerückt.

Die drei Präsentationen, eine vierte folgt ja 2004, sind als Erfolg zu werten, da es für die Videomacher eine echte Belohnung ihrer Arbeit war, ihre Ergebnisse auf der großen Kinoleinwand mit der entsprechenden Tonanlage zu bestaunen. Die digitale Aufnahme – und Bearbeitungstechnik verhindert auch bei einer so großen Projektion einen störenden Qualitätsverlust. Ein weiterer wichtiger Punkt, der auch in den Workshops eine Rolle spielte war, dass tatsächlich „fachlich“ über die Videos diskutiert wurde. So eine Rückmeldung ist sonst kaum vorhanden! Alle denen die Videos im privaten Bereich vorgeführt werden, loben den Macher und finden alles ganz toll. Bei „Bünder News“ gab es aber echte, aufbauende positive und negative Kritik. Die Vielzahl der unterschiedlichsten gezeigten Videos erweiterte auch den Horizont der Videofilmer. Kein Abend der Präsentationen und Workshops war vor 22.00 Uhr beendet, was das rege Interesse der Teilnehmer am Gespräch über die Videos und die Videoarbeit bestätigt.

Die (bis jetzt) vier Workshops haben deutlich gezeigt, dass es im Videobereich eine echte Nachfrage für Informationen gibt. Meistens sitzt man allein zu Hause vor seinem Computer und kämpft mit der Hard- und Software. Die fachlichen Informationen durch die Referenten und der Austausch der Workshopmitglieder untereinander hat viele Probleme gelöst und so die Hobby- und Freizeitgestaltung vieler wieder stressfreier gemacht.

Die, zugegeben recht teure (Mietkosten) Möglichkeit für die Workshopteilnehmer an einem tatsächlich funktionierenden digitalen Schnittplatz ihr Material vernünftig bearbeiten zu können, hat den hier Tätigen  einen echten „Anschub“ gegeben, weiterhin und sicher intensiver Videofilme zu produzieren. Die Ergebnisse dieser Arbeit im Creativbüro, so unterschiedlich sie auch sein mögen, bestätigen diesen Ansatz.

Der Förderverein des Universums wertet das Projekt „Bünder News“ als positiv und bedankt sich ausdrücklich bei der LAG für die Förderung, ohne die die Veranstaltungsreihe nicht möglich gewesen wäre.

Einen für mich persönlich noch sehr erfreulichen Aspekt, den keiner vorausgesehen hat, hatte „Bünder News“. Die Präsentationen und Workshops waren ein „Treffen der Generationen“. Wir hätten nicht gedacht, dass so viele ältere Mitbürger dem Videohobby nachgehen. So kam es zwischen den „jungen“  und  „älteren“ Videofilmern zu vielen Gesprächen, die über den Workshop hinaus auch zu privaten Hilfsaktionen geführt haben.

 

 

7) Depot, Dortmund: Sommerwerkstatt 2003

 

Die Sommerwerkstatt 2003 hat vom 5. bis 10. August im Depot stattgefunden und war ein voller Erfolg. 17 Künstlerinnen und Künstler haben teilgenommen. Sie kamen aus Dortmund, dem Ruhrgebiet, aus Köln, Hamburg und St. Petersburg.

Drei bildende KünstlerInnen aus St. Petersburg waren unserer Einladung gefolgt. Sie waren trotz aller Sprachschwierigkeiten eine große Bereicherung. Die Idee, der Sommerwerkstatt durch die Einladung ausländischer Gäste eine neue Dimension zu geben, hat sich voll und ganz bewährt.

Bewährt hat sich auch der Gedanke, den TeilnehmerInnen durch sachkundige Gäste das Leitthema der Sommerwerkstatt näher zu bringen. Der Musiker Günther Marx und die Literaturwissenschaftlerin Susanne Knoch haben es jeweils auf ihr Art verstanden, den TeilnehmerInnen Anregungen und Bedenkenswertes mitzuteilen. Sie haben mit ihren musikalischen und literarischen Beiträgen die Veranstaltung gleich zu Beginn auf ein hohes Niveau der  künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema NACHT gehoben.

Vier Tage haben die TeilnehmerInnen in der Großen Halle des Depots miteinander geredet, voneinander gelernt, füreinander gekocht, gemeinsam gegessen und getrunken und meist bis tief in die Nacht gearbeitet.

Bis zuletzt wurde an der Präsentation der Werke gefeilt. Dann kamen die BesucherInnen. Wie im vergangenen Jahr ist es gelungen, nicht nur eine Werkschau zu zeigen, sondern auch die kreative und herzliche Atmosphäre zu vermitteln, in der die Arbeiten entstanden sind. Die Sommerwerkstatt ist mit einem anregenden, interessanten und auch für die BesucherInnen vergnüglichen Abend zu Ende gegangen. Wie im vergangenen Jahr werden hier geknüpfte Kontakte über die gemeinsam verbrachten Tage hinaus Bestand haben und zu längerfristig wirksamen Kooperationen führen.

 

 

8) Stadtteilzentrum Adlerstr., Dortmund: „Was sucht die Sucht“ – „Nicht nur Drogen sind Drogen“ Schulprojekt 2003

 

Durchgeführt vom 15. Dezember 2003 bis zum 19. Dezember 2003 mit SchülerInnen der 9. Jahrgangsstufe der Hauptschule Innenstadt West in Dortmund.

Nach einer gemeinsamen Einführung in das Thema bei der die Gruppen vorgestellt wurden und ein Film angeschaut wurde, teilten sich die Schülerinnen und Schüler in 4 Arbeitsgruppen auf: Theater – Video – Gestaltung/ Design – Fotografie, die von Dortmunder Künstlerinnen und Künstlern geleitet wurden.

Im Laufe der Woche wurde in den 4 Gruppen das Thema Sucht und die persönliche Betroffenheit der SchülerInnen erarbeitet und es wurde an Formen, dies zu dokumentieren gearbeitet.

Die Theatergruppe entwickelte ein Theaterstück zum Thema, die Videogruppe konzipierte und drehte einen Videofilm, die Designgruppe baute ein Kunstwerk und die Fotogruppe machte Fotos und präsentierte diese auf Tafeln in Form einer Fotostory.

Am Freitag wurden die Ergebnisse den MitschülerInnen und LehrerInnen der Hauptschule bei einer Abschlusspräsentationsveranstaltung vorgestellt, die mit sehr viel Applaus die Leistungen der Schülerinnen und Schüler belohnten.

Das Projekt wurde entwickelt und durchgeführt in Kooperation von Stadtteilzentrum Adlerstrasse e.V. und der Hauptschule Innenstadt West.

 

 

9) balou e.V., Dortmund: „Kinderräume-Zwischenräume-Spielräume“

 

Kinder werden im öffentlichen Raum oft auf Spielplätze verbannt oder dürfen im privaten Raum gerade noch mitbestimmen, welches Muster die Tapete hat.

Wir wollten wissen, was passiert, wenn Kinder mit ihrer Eigenwilligkeit Räume gestalten. Dabei wurden sie bei der Umsetzung ihrer Ideen von Dortmunder KünstlerInnen, Zimmermännern, TheatermacherInnen, MedienexpertInnen, TänzerInnen, ArchitektInnen und FilmemacherInnen unterstützt.

Die Wahl des Themas „Raum“ entstand als Reaktion auf die neu entstehende Schnittstelle zwischen Planungsämtern und kulturpädagogischen Partizipations-Spielräumen an Stadtgestaltung.

Fünf Werkstätten gestalteten vornehmlich Innenräume. Wobei Innenräume nicht nur im Gegensatz zu öffentlichen Räumen oder Außenräumen zu sehen sind, sondern auch Räume sind, die „nur“ in der Vorstellung der Kinder, der Jugendlichen oder auch des Publikums existieren. Die virtuelle Räume eigneten sich sehr dazu, reale, unzugängliche Räume gestaltbar zu machen, Rückzugsräume zu legitimieren, Räume ganz neu zu erfinden oder eine Ebene der Reflexion zu schaffen. Die Verknüpfung von sogenannten „alten“ und „neuen“ Medien lag da zum Greifen nah. Unter  „alten“ Medien haben wir Tanz, Theater, Bildende Kunst, Objekt- und Modellbau verstanden, unter „neuen“ Medien Video, Internet, Computerprogrammen und –spiele.

Wir wollten das Neben- und Miteinander von Sinnlichkeit (Erfahrung im Naturraum/Arbeit mit Latex) und Körperlichkeit (Tanz/Theater) und den kritische Umgang mit Neuen Medien, die in der Regel eher unsinnlich und unkörperlich sind, fördern. Natürlich ging es uns auch, darum die Möglichkeiten und Grenzen der neuen Medien kritisch zu beleuchten.

Die Kinder haben diese „Zwischenräume“ als Experimentierfeld begriffen und mit der Begegnung oder Abgrenzung der unterschiedlichen realen/virtuellen/fiktiven Räume gespielt.

Am 13. Dezember 2003 wurden die Ergebnisse der einzelnen Werkstätten zu einer Gesamtpräsentation zusammengeführt. Dabei wurden einige Räume erst durch die Interaktion mit dem Publikum geschaffen.

Die enge Vernetzung innerhalb des Stadtteils machte die Präsentation auch in Brackel zum Ereignis. Beispielhaft war hier der Einsatz von einigen Frauenorganisationen Brackels, die zu Gunsten des „Kinderhauses“, einer Aktion des Kinderschutzbundes, Kuchen spendeten und verkauften: AsF-Frauen der SPD, AWO-Stadtbezirk Brackel, Frauen der ev. Gemeinde Brackel, Frauen für den Frieden, Frauenunion der CDU, Kath. Frauen St. Clemens Gemeinschaft.

Seit dem Bau des Konzerthauses in Dortmund ist es für die Soziokultur immer schwerer geworden in der innerstädtischen Presse, Gehör für besondere Ereignisse zu finden.

Deshalb nahmen wir die Gelegenheit wahr, die Ergebnisse des Projektes „Kinderräume-Spielräume- Zwischenräume“ nochmals im Januar/Februar 2004 im RWE-Sonnenenergieforum des Westfalenparks zu zeigen.

Da der Westfalenpark zur Innenstadt Dortmunds gehört und das Konzerthaus am Tag der Vernissage, dem 18. Januar 2004, keine Konkurrenz-Veranstaltung zeigte, bekamen wir Raum in der örtlichen Presse. Viele waren durch die Ankündigungen in der Zeitung neugierig geworden und kamen zahlreich zu dieser zweiten Präsentation.

 

Kinderräume - zwischen Modell und Vision

Das eigene Kinderzimmer im Modell selbst gestalten und am Computer bearbeiten mit zehn Kindern ab 9 Jahren unter der Leitung von Susanna van der Poll (Architektin), Prof. Bernd Echtermeyer (Architektur), Erwin Hafner (Zimmermann /Kunstpädagoge) und Thomas Stolz (Medienexperte)

In dieser Werkstatt haben Kinder ihre eigenen Ideen vom Kinderzimmer in Zeichnungen skizziert und  im Modell gestaltet. Einige Kinder gaben ihren Vorstellungen Raum und schufen Dschungel- oder Kuhzimmer, andere hatten ihr eigenes Zimmer zu Hause ausgemessen und spielten mit der Machbarkeit und Wirkung  verschiedener Einrichtungen.

Dazwischen liegt wohl Saschas Entwurf und Modell, der ein riesiges Aquarium schuf, das sich wie ein Band in zwei Metern Raumhöhe um alle Wände des Zimmers zog.

Prof. Benrd Echtermeyer und Susanna van der Poll, die nicht nur ehrenamtlich arbeiteten, sondern auch die Initiatoren dieser Werkstatt waren, waren so begeistert, dass sie versprachen, im nächsten Jahr wieder einen ähnlichen Workshop für Kinder anzubieten.

 

Zwischenräume - zwischen Verbot und Faszination

„Betreten verboten!“ - Ein Film, der sich mit verbotenen Räumen beschäftigt mit neuen Kindern und Jugendlichen zwischen 9 und 15 Jahren unter der Leitung von Ansgar Wojahn (Filmemacher)

Welche Phantasien und Mythen sich um verbotene Orte ranken, wird in diesem Film deutlich. Der verbotene Ort ist in diesem Fall der Dachboden einer Schule, auf dem unheimliche Dinge passieren. Zwei konkurrierende Jugendbanden schicken einen Außenseiter an den verbotenen Ort, der beinahe ums Leben kommt. Der Film lebt von seiner großer Spannung und der Handschrift der jugendlichen MacherInnen.

Von den neun TeilnehmerInnen waren etwa die Hälfte unter 12 Jahren (die jüngste war 9 Jahre), die andere Hälfte über 12 Jahre (der älteste war 15 Jahre). Diese recht weite Altersspanne sorgte zunächst für Spannungen innerhalb des Filmteams.  Doch angesichts der Begeisterung für die gemeinsame Idee, rückte sie mehr und mehr in den Hintergrund.

Der Workshop fand glücklicherweise in den Osterferien statt, einem Zeitraum, in dem das Haus kaum belebt war.

Wie man das von Filmleuten so kennt, hatte nämlich die Filmcrew im balou innerhalb kürzester Zeit ein kleines Chaos veranstaltet. Da waberte Nebel im Treppenhaus, selbstgebaute Dummies flogen aus dem Dachbodenfenster und auf dem Klo begegnete man Zombies.

 

Zwischenräume - zwischen Orient und Okzident

Ornamente im Raum - Eine Choreographie in der Holzturnhallemit 25 Tänzerinnen zwischen 8 und 15 Jahrenunter der Leitung von Sabine Fellmer (Tänzerin und Tanzpädagogin),Birgit Gahmann (Tänzerin und Tanzpädagogin) und Ilka Berger (Medienkünslterin)

Ornamente als Zitat aus dem Orient wurden tänzerisch in den dreidimensional Raum übersetzt. Fünfundzwanzig Tänzerinnen verwandelten die alte Holzturnhalle des Kulturzentrum balous in einen neuen Raum. Integriert in diese Choreographie sind die Projektionen der Medienkünstlerin Ilka Berger. Sie hat während der Proben Aufnahmen der Tänzerinnen gemacht und anschließend verfremdet.

Im Orient – von dem wir in diesen Tagen vornehmlich aus negativen Schlagzeilen in der Presse hören- dienen Ornamente und Symbole als Schmuck, Illustration oder gar zur Heilung. Da aus religiösen Gründen die Darstellung gegenständlicher Darstellungen verpönt ist, sind Ornamente allgegenwärtig.

Das Spiel der TänzerInnen mit den Videoprojektionen, also das Spiel zwischen zwei- und dreidimensionalen Raumideen gab Einblicke in eine Kultur, in der Schrift, Bild und Raum miteinander verschmelzen (können). Birgit Gahmann und Sabine Fellmer, die sich seit Jahren mit orientalischem Tanz gedanklich und choreografisch auseinandersetzen, sagen zur Verbindung von Tanz und Raum: „Tanz ist seit Anbeginn aller Zeiten ein menschliches Grundbedürfnis. Tanz ist ein möglicher Raum, Gefühle, Bedürfnisse und Empfindungen spielerisch und künstlerisch auszudrücken. Wenn wir tanzen begegnen wir unseren Empfindungen und bringen sie in der Bewegung zum Ausdruck. Es gibt keine Bewegung ohne Raum.“ Teil des Prozesses in der Beschäftigung mit Ornamenten war ein Henna-Körperbemalungs-Wochenende.  Dabei setzen die Mädchen und jungen Frauen die Ornamente nicht nur tänzerisch, sondern auch malerisch um. Hier kam nun durch die Medienkünstlerin und Musikerin  Ilka Berger eine weitere Ebene hinzu: die zweidimensionalen Malereien auf den dreidimensionalen Körpern wurden wiederum durch die Videoaufnahmen in eine Zweidimensionalität gebracht. Gemeinsam mit den Mädchen hat Ilka Berger dann eine Auswahl der Bilder vorgenommen und sie am Computer verfremdet. Die fertigen Aufnahmen wurden dann auf eine riesige weiße Leinwand projeziert, vor der die Choreografien von den teilweise weißgekleideten Tänzerinnen gezeigt wurden. So spiegelten sich die Bilder nicht nur auf der Leinwand, sondern wurden auch zusätzlich durch die Bewegungen der Tänzerinnen lebendig.

Auch hier – wie im „Kinderzimmer-Workshop“ entstand ein Wechselspiel zwischen den Perspektiven. So tanzte beispielsweise Helena vor und mit ihrer projezierten Hand, die ca. 3 Meter groß war.

Die Auswahl der Musik war ebenfalls von der Idee des Ornaments geprägt. So berichtete Miriam erstaunt, dass sie auch in der Musik Ornamente wahrgenommen, gehört und gespürt hätte. Der Rhythmus der Musik und der Rhythmus der Videoschnitte kontrastierte oder harmonisierte – je nach Aussage des jeweiligen Stückes.

Da die meisten TeilnehmerInnen schon seit vielen Jahren im balou tanzen, konnten sie viele Techniken und Erfahrungen einbringen. Gerade die Mädchen aus dem orientalischen Kulturkreis genossen es, dass ihre Kultur so positiv im Mittelpunkt stand. Da die Kontakte zwischen den Tanzpädagoginnen und den Eltern der Mädchen schon so lange besteht, haben viele Eltern mit geholfen. Sie unterstützten uns beim Aufbau und bei der Beleuchtung, halfen beim Umziehen und beim Einspielen der Musik. Ohne dieses ehrenamtliche Engagement wäre diese Präsentation in der atmosphärisch so ansprechenden Turnhalle nur halb so gut gelungen.

 

Zwischenräume - zwischen Kellerräumen und medialen Spielwiesen

„Wenn Monster baden gehen...“ - Eine Rauminstallation mit Latex und neuen Medien im Keller des balou mit sechzehn Kindern zwischen 8 und 12 Jahren unter der Leitung von Silke Bachner (Künstlerin und Kunstpädagogin) und Ansgar Wojahn (Filmemacher)

„Die sterile, gefließte Männerumkleide des Kellers wird von lebensgroßen Monstern aus Latex  bevölkert. Welche Geschichte hier von sechzehn Kindern inszeniert wird, zeigen experimentelle Filmsequenzen auf Bildschirmen, die in die Rauminstallation integriert sind“, so die Ankündigung in unserer Einladung zur Präsentation.

Das Thema „Monster“ wählten die LeiterInnen Silke Bachner und Ansgar Wojahn im Vorfeld der Werkstatt, weil die Bewältigung von Konflikten und Ängste für Kinder oft zu wenig Raum hat. Zunächst stellten die Kinder aus Ton Monsterköpfe her, die vor allem durch eine Verzerrung der Proportionen zu beschreiben sind (riesige Ohren, wulstige Augenbrauen, aufgerissener Mund, Pickel und Warzen). Während die Monsterköpfe trockneten, machten sich die Kinder auf die Suche nach einem geeigneten Raum im balou. Aaron (12): „Der Raum, der am gruseligsten von allen ist, ist im Keller. Obwohl man das Licht anmachen kann. Und obwohl die Heizung läuft, ist es da kalt. So kalt und eklig wie die Haut auf den Köpfen.“

Die Wahl des Raumes fiel also in Anlehnung an den sinnlichen Prozess der Objekterstellung. Doch zunächst zum Vorraum des Kellers. Dort sah das Publikum die Projektion eines schwarz-weißen Experimentalfilmes, der mit unheimlichen, verzerrten Geräuschen unterlegt war. Der unter der Türschwelle der Umkleide hervorkriechende Nebel erhöhte die Spannung. Erst beim genaueres Hinsehen war erkennbar, dass im projezierten Film die Latexmonster (die Latexhaut konnte auch von den Kindern selbst getragen werden) vor stark strukturierten Hintergründen (verkleckste Leinwand, Baumrinde, Heizkörper) ihr Unwesen trieben. Das Fehlen der Farbe machte das Verwirrspiel perfekt. Wenn das Publikum noch nicht vor lauter Gruseln umgekehrt war, konnte es durch die Umkleide an den Monstern vorbei in den Duschraum gelangen. Dort war in einer Dusche ein Fernsehturm installiert, der aus drei großen Monitoren bestand. Der obere Monitor zeigte ständig wechselnde verfremdete Köpfe, der mittlere ungewöhnliche Oberkörper und der untere unterschiedlichste Unterkörper und Beine. Ganz wie bei dem bekannten Kinder-Faltspiel.

Auch hier waren neben geschminkten Fratzen, Bäuchen und Beinen die Latexmonster wieder zu entdecken. 

Es war deutlich zu erkennen, welchen Spaß die Kinder beim Produzieren des Filmes hatten.

Die enge Verzahnung zwischen medialen und sinnlichen Komponenten wird in diesem Workshop besonders deutlich.

Die erste Ebene stellen die projizierten, schwarz-weißen Raumversatzstücken als Hintergründe im  Experimentalfilm dar. Eine zweite Ebene wurde deutlich durch die fassbaren, wenn auch durch das Licht transparenten, mehr oder weniger realen Latexmonster. Die dritte Ebene wurde offensichtlich durch den Fernsehturm Die Fragmentarisierung des Körpers, der in drei Monitore zerstückelt, in der Dusche seinen Platz hatte, spielte hier mit weiteren spezifischen Eigenheiten der Medienwelt. 

 

Spielräume - zwischen Realität und Fiktion

„T-Raumräume“- Ein Experiment für drinnen und draußen mit Masken-, Rollen- und Computerspiel mit zwölf Kinder ab 10 Jahren und fünf jungen Erwachsenen um die 20 Jahre unter der Leitung von Martin und Sabine Sbosny-Wollmann (TheaterpädagogInnen), Thomas Stolz (Informatiker und Rollenspiel-Experte) und Thilo Gerland (Informatiker und Rollenspiel-Experte).

In dieser Werkstatt kamen zwei unterschiedliche Welten zusammen: die Welt des Theaters und Maskenspiels und die Welt des Internets und Rollenspiels.

Gemeinsam ist beiden die Entwicklung von Charakteren und die Entwicklung von spannungsreichen Szenen.

Martin Sbosny-Wollmann und Sabine Wollmann schufen mit den Kindern Maskenwesen aus Pappmachée, die Medienexperten entwickelten Spielaufgaben für das Publikum, das via Internet bestimmte Rätsel lösen musste, um den Fortgang des Spiels zu gewährleisten.

Hier verschwammen die Grenzen zwischen realen und virtuellen Räumen. Bei der Gestaltung erfanden die Kinder eine Geschichte, die zunächst aus zwei Strängen bestand. Es gab die Welt „draußen“ und die Welt „drinnen“. Diese jeweiligen Arten von Maskenwesen unterschieden sich durch Farben, Gesichtszüge und durch Kleidung, sie verständigten sich in anderen Sprachen und mit anderen Gesten.

Am Tag der Präsentation wurde die Gruppe der ZuschauerInnen von einem Wesen (einer der jungen Erwachsenen) geleitet, das die Sprache des Publikums sprechen konnte und es über die Spielregeln aufklärte.

Das Publikum durfte zunächst beide Gruppen – drinnen und draußen – kennen lernen. Durch ein Freeze forderten die Kinder die ZuschauerInnen auf, den Ort zu wechseln. In der zweiten Sequenz traten die Masken mit den ZuschauerInnen in Interaktion und machen deutlich, daß sie deren Hilfe brauchten. Das leitende Wesen führte die ZuschauerInnen ins Internetcafé des balous, wo die MitspielerInnen via Internet die nötigen Informationen bekamen, um in das Spiel einzugreifen. Im Laufe des Spiels versuchten die Innen- und Außenwesen Kontakt miteinander aufzunehmen, was ihnen mit Hilfe des Publikums gelang. Das Publikum bekam nicht nur auf Texten basierende Informationen aus dem Internet. Es wurden ebenfalls Bilder eingespielt, die in „Echtzeit“ zeigten, was weiterhin unter den Maskenwesen geschah. Oder die Zuschauer mussten am Computer Rätsel knacken, deren Lösung in einem Schlüsselwort bestand, das wiederum eine Weiterentwicklung des Spielverlaufes einläutete....

 

 

53) hartware medien kunst verein, Dortmund: „games. Computerspiele von KünstlerInnen“

11.10. - 30.11.2003

 

Die Medienkunstausstellung „games. Computerspiele von KünstlerInnen“, die vom 11.10. – 30.11.2003 im ehemaligen Reserveteillager auf Phoenix West in Dortmund-Hörde stattfand, war ein Projekt des hartware medien kunst verein und des medien_kunst_netz dortmund in Kooperation mit dem dortmund-project und der LEG.

Das Kuratoren-Team setzte sich aus dem Berliner Medienwissenschaftler Tilman Baumgärtel und der Leitung des hartware medien kunst vereins – Iris Dressler und Hans D. Christ – zusammen.

 

Die als Überblicksschau angelegte Ausstellung stellte nicht nur ein sehr junges Genre der Medienkunst vor, sondern bespielte erstmalig den neuen Veranstaltungsort – die Phoenix Halle – des dortmund project, den hartware auch im Jahre 2004 weiter nutzen wird.

Auf ca. 2000 qm zeigten die Ausstellungsmacher 24 Werke internationaler KünstlerInnen und Künstlergruppen aus 5 Kontinenten und präsentierten damit einen repräsentativen Querschnitt durch diese junge Kunstgattung und ihre Modifikationen.

Nicht zuletzt die Führungen der beteiligten KünstlerInnen am Vernissage- und Finissage-Wochenende und das vielseitige Rahmenprogramm, an dem einige KünstlerInnen partizipierten – z.B. Joan Leandre als Referent beim Vortrags- und Filmprogramm „computer/spiel/film“, Olaf Val mit seiner „Gameboy-Werkstatt“ in den Herbstferien – trugen dazu bei, dass die Ausstellung ein großartiger Erfolg wurde und die Veranstalter insgesamt 4127 BesucherInnen zu verzeichnen hatten.

Darüber hinaus bewirkte der – im wahrsten Sinne – spielerische Ansatz der Ausstellung, dass sich das Publikum sehr heterogen zusammensetzte: SchülerInnen und StudentInnen, Kunst- und Fachpublikum waren gleichermaßen vertreten.

Dass die Ausstellung aber nicht nur Spiel war, sondern auch Ihre Qualität im Kunstkontext bewies, zeigte nicht zuletzt die lobende Erwähnung der deutschen Sektion des Internationalen Kritikerverbandes (AICA) als „besondere Ausstellung 2003“.

 

Ziele und Umsetzung

Der „games “Ausstellung ging es in erster Linie darum, einen wenn auch nicht umfassenden so doch repräsentativen Überblick über die vorhandenen, heterogenen bis divergierenden Ansätze von KünstlerInnen zu Computerspielen vorzustellen. Das Spektrum umfasste politische, gesellschaftskritische und ironische Kommentare zum Computerspiel, aber auch Auseinandersetzungen mit dessen ästhetischen Dimensionen: von den grafischen Oberflächen bis zu den Texturen des Codes. Neben Modifikationen, die man – on- oder offline, alleine oder zu mehreren – an Rechnern, Konsolen oder Screens spielen kann, waren in der Ausstellung auch Videoinstallationen, interventionistische, konzeptuelle, skulpturale oder grafische Arbeiten vertreten.

Von der Präsentation herkömmlicher, kommerzieller Computerspiele wurde im Rahmen der „games“ Ausstellung abgesehen, da der Fokus ganz bewusst auf die künstlerischen Aneignungsprozesse gelegt werden sollte. Dennoch war es uns wichtig, auf den sozialen Raum der Computerspielekultur, der ja eine nicht unerhebliche Rolle für die KünstlerInnen spielt, zu verweisen: die Gamer Community. So fand an einem Wochenende in der Ausstellung eine LAN-Party statt, die von einem lokalen Spielverein organisiert wurde. Das Paradox, eine LAN-Party in dem hierfür höchst artifiziellen Rahmen einer Ausstellung stattfinden zu lassen, wurde dabei auf produktive Weise umgekehrt: Das heißt die Organisatoren und SpielerInnen machten sich die Bühnenhaftigkeit der Situation im Sinne einer öffentlichen Selbstdarstellung zu Eigen, um dem eindimensionalen und auf weitreichenden Unkenntnissen basierenden Klischee des tumben, einsamen und gewaltlüsternen Baller-Spielers entgegenzuwirken.

Ein weiterer Aspekt, den die Ausstellung vermitteln wollte, ist jene künstlerische Haltung, die auch bei der Netz- und Softwarekunst zum Tragen kommt: eine zugleich kritische und lustvolle, ironische und respektlose, de/konstruktive statt reaktive Umgangsform mit dem, was eine Handvoll Unternehmen als das technisch Machbare vorgibt. Dass man sich sein eigenes Computerspiel auch mit einfachsten Mitteln selbst zusammenlöten kann, demonstrierte Olaf Val nicht nur mit seinen „SwingUp Games“. Es handelt sich dabei um simpelste Computerspiele, die aus Plastikfolien, Fahrrad-Glühbirnen, Klingeldraht und kleinen Platinen zusammengesetzt werden. Darüber hinaus bot Val zusammen mit Ralf Schreiber auch eine „GameBoy Werkstatt“ an, bei der 10- bis 13-Jährige ihre eigenen Spiele zusammenbauen konnten. Vom Ätzen und Zusammenlöten der Platinen über die Entwicklung und Programmierung  eigener Spielideen und -abläufe bis hin zur Gestaltung der Gehäuse waren diese an allen Herstellungsprozessen direkt beteiligt.

 

Rahmenprogramm

Ziel des gesamten Rahmenprogrammes (neben dem bereits genannten auch: Filme, Vorträge, ein Seminar im Rahmen des Fokus-Festivals der FH Dortmund sowie eine Medienkunstperformance) war es, einige der inhaltlichen Klammern, welche die Ausstellung bot, aufzugreifen und diese durch die Einbeziehung unterschiedlicher Öffentlichkeiten mit ihren je spezifischen Kompetenzen und Interessen zu erweitern. Diese Form der Fortschreibung, die Ausstellungen nicht auf den Status von im Raum arrangierten Exponaten reduziert, erscheint uns generell wichtig. Denn es ist die zeitgenössische Kunst selbst – und insbesondere die Medienkunst mit ihren interdisziplinären und gesellschaftspolitischen Ansprüchen – die jenseits der Ideologie des in sich geschlossenen Werkes, nicht nur eine Vielzahl diskursiver Räume evoziert, sondern deren Fortführung auch explizit an unterschiedliche Öffentlichkeiten adressiert.

Unterschiedliche Öffentlichkeiten meint hier nicht die Hierarchisierung zwischen einem so genannten „Fach-“ und „Laienpublikum“, sondern die Diversität von Kompetenz: sei es – wie bei den „games“ – im Hinblick auf zeitgenössische Kunst, Computerspiele, Softwareentwicklung oder eine kritische Reflexion moderner Visualisierungsmethoden. Erst wenn man die Besucher nicht als die „andere Seite“ von Ausstellungen (bzw. der Kunst), sondern als deren produktiven „User“ begreift, können Ausstellung zu dem werden, was der zeitgenössischen Kunst entspricht: zu diskursiven und partizipativen Räumen, die mit ihren verschiedenen Adressaten erschlossen werden.

 

 

88) Depot, Dortmund: Standpunkte im Depot

 

Die Veranstaltungen zu „Standpunkte im Depot“ fanden in der Zeit vom 27.9. bis 28.10.2003 im Depot statt und können insgesamt als großer Erfolg gewertet werden.

 

Mit der Ausstellung „immer wider“  präsentierten 26 bild. Künstlerinnen und Künstler in der Schiebebühne, der großen Zentralhalle des Depots ihre Arbeiten. Insgesamt zählten wir in dieser Ausstellung mehr als 1.000 Besucherinnen und Besucher.

Es gelang uns auch zur Finissage einen hervorragenden Katalog zu präsentieren welcher  die Ausstellung eindrucksvoll dokumentiert.

Die Öffnung unseres Luftschutzbunkers und die dort befindliche Präsentation der Ausstellung „Bunkerbau ist Volksbetrug – nur Friede ist Luftschutz“ fanden reges Interesse in der Öffentlichkeit.

Die Eröffnungsveranstaltung des Bunkers wurde von mehr als 60 Personen besucht, die Sonntagsmatineen und die anderen Veranstaltungen im Bunker fanden ebenfalls alle statt, hatten jedoch nur geringe Besucherzahlen.

Leider gelang es uns nicht, für den Bunker eine unbefristete Nutzungsgenehmigung zu erhalten. Das Interesse aus der Bevölkerung spornt uns an, eine dauerhafte Nutzungsgenehmigung zu erwirken. Um die Auflagen für den Brandschutz erfüllen zu können und den optischen Zustand des Bunkers zu konservieren, bemühen wir uns derzeit um Fördermittel für den Ausbau.

 

 

100) Jugendförderkreis, Dortmund: Wir und die Anderen – Videoprojekt

 

Deutsche und Migranten leben als Nachbarn im gleichen Stadtteil, aber dennoch sind ihre Lebenswelten stark von einander getrennt. Der Blick für den Anderen fehlt.  Unkenntnis, Abgrenzung und der Rückzug in die eigene Gruppe führt zu Ängsten vor dem Unbekannten, ein idealer Nährboden für Aggression und Ausländerfeindlichkeit.

Den Anderen, seine Lebenswelt und Kultur kennen zu lernen und sie zu respektieren ist die Voraussetzung, um Vorurteile und Rassismus abzubauen und die gegenseitige Anerkennung zu stärken.

 

Das Projekt: Das Videoprojekt setzt im alltäglichen Erfahrungsraum der 11 deutschen und nicht deutschen Jugendlichen an, in ihrer Lebenswelt in Schule, Freizeit und Stadtviertel. Mit der Videotechnik wurde ein künstlerisches Mittel gewählt, dass die Jugendlichen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit ihren Lebens- und Erfahrungswelten motivierte. Vom Jugentreff des JFK Dortmund e.V. aus haben die Jugendlichen ihr Stadtviertel gemeinsam erkundet und ihr Leben mit ihrer Kultur in diesem Stadtviertel auf Video dokumentiert, welches dann öffentlich vorgestellt wurde. Neben der Darstellung ihrer Lebenswelt  nach außen war den Jugendlichen die eigene Auseinandersetzung mit ihrem Alltag von großer Bedeutung, ihr Alltag rückte in den Mittelpunkt. Dadurch erschien manches in einem anderen Licht für alle Beteiligten.

 

Schlussbetrachtung: Bereits während des Projektes wurde deutlich, dass die gemeinsame Arbeit am Film zu einer bewussten Auseinandersetzung der Jugendlichen mit ihrem Alltag wurde. Schnell war den Jugendlichen klar: Das ist unser Film, in ihm kommen wir zu Wort und wo die Sprache fehlt, sprechen Bilder. Bilder, die deutlich machen müssten, in welchem Umfeld und unter welchen Bedingungen Kinder und Jugendliche im Dortmunder Norden aufwachsen müssen. Der film zeigt Menschen und Orte, die den Jugendlichen eine zweite Heimat bieten. Er fordert gerade zu auf, sich mit dem „Anderen“, Fremden auseinander zu setzen. Die jungen Menschen machen mit ihren Aussagen und Filmausschnitten neugierig auf mehr .... . Sie zeigen aber auch, wo angesetzt werden muss, wenn destruktive Tendenzen bei jungen Menschen erkannt und wie sie thematisiert werden können – gemeinsam mit ihnen.

Eine kleine Weisheit stand am Ende des Projektes: Lasst uns nicht eher über einen Fremden urteilen, bevor wir nicht wenigstens drei Monate in seinen Schuhen gelaufen, in seinem Haus gewohnt, seine Speisen gegessen, seinen Glauben kennen gelernt und seine Vertrauten geworden sind.

 

 

101) Theorie und Praxis e.V., Duisburg: “’Wo Arbeit war ...’ - Industriekultur und Gesellschaft”

 

Am 1. Juli 2003 bezog die Gruppe “Theorie und Praxis” in der Mitte Essen-Katernbergs (Schonnebeckhöfe 240) ein Ladenlokal. Es stand, wie einige andere Läden in Katernberg, zuvor über 2 Jahre leer. Letzter Mieter war die Deutsche Bank, wovon es noch Spuren zu sehen gab. Die offizielle Eröffnung fand am 11. Juli statt: mit einer Feuershow auf dem Katernberger Markt und anschließender Feier im Ladenlokal.

Für “Theorie und Praxis” war das Ladenlokal Basisstation für ihre Arbeit und Treffpunkt für verabredete und spontane Begegnungen mit den im Stadtteil lebenden oder hier arbeitenden Menschen. Dafür war das Ladenlokal an 5 Tagen in der Woche (Di - Fr und So) zu den garantierten und veröffentlichten Kernzeiten (jew. 14 - 18 Uhr), meistens aber auch früher und länger für alle Interessierten geöffnet.

Die Arbeit von “Theorie und Praxis” gliederte sich in die Sektionen Theater, Theorie und Fotografie. Gemeinsam war ihnen die Frage nach der postindustriellen Gegenwart des in unmittelbarer Nähe zum “Weltkulturerbe” Zollverein gelegenen “Stadtteils mit erhöhtem Erneuerungsbedarf”, nach seiner sozialen Realität und nach dem Selbstverständnis der hier lebenden Menschen. Auf unterschiedlichen Wegen versuchte das Projekt diese Wirklichkeit zu erfassen, zu verarbeiten und auf sie zurückzuwirken.

 

Die konkrete Arbeit vor Ort

Theater: Für ihr Projekt KaternbergX, das Anne Schülke als STADTSCHWESTER in Katernberg durchführte, suchte sie in der Vorbereitung 8-12-jährige Kinder auf den Straßen und Plätzen des Stadtteils auf und lud sie zum Theaterspielen ein. Seit dem 7. Juli traf sie sich mit diesen Kindern wochentäglich zur immer gleichen Zeit auf dem Katernberger Markt. Von dort aus besuchten die Kinder mit STADTSCHWESTER jeden Tag einen neuen Ort (Plätze, Wiesen, Höfe, Brachen etc.), an dem sie zwei Stunden (Theater-)spielend verbrachten – eine spielerische Stadterkundung. Das Projekt der ersten STADTSCHWESTER-Gruppe fand seinen Abschluß am 31. Juli im Ladenlokal, wo die Kinder einige der draußen erfundenen Spiele und Spielszenen noch einmal auf einer kleinen Bühne erprobten und eingeladenen Gästen (Eltern, Geschwistern, Freunden) zeigten.

Im August begann STADTSCHWESTER eine zweite Runde. Nach den acht Mädchen, die zuletzt die Gruppe des ersten Projekts bildeten, wollte sie sich nun an zwei Tagen in der Woche mit den 8-12-jährigen Jungen des Stadtteils treffen, um mit ihnen Musik zu machen und Theater zu spielen und durch gemeinsame Stadterkundungen ihr Streifgebiet zu vergrößern. Anders als das erste, wurde dieses Angebot von den angesprochenen Kindern (darunter Jungen, die anfänglich auch Teil der ersten Gruppe waren) nur partiell wahrgenommen.

Theorie: Die theoretische Arbeit bestand aus einem Seminar zum Thema “Industrie, Kultur und Gesellschaft” (Leitung: Christian Schoppe und Stefan Schroer), das jeweils Mittwochs, 16-19 Uhr im Schaufensterbereich des Ladenlokal stattfand. In diesem Seminar wurde versucht, die ökonomisch-politische Konstellation unserer Gegenwart theoretisch zu erfassen. Durch seine Placierung im Schaufenster erhielt diese theoretische Arbeit einen performativen Aspekt, umgekehrt erinnerte der Blick aus dem Schaufenster das Seminar stets an die sehr konkrete Wirklichkeit (auf die es sich in seinem Verlauf auch konkret bezog: Seminargrundlage bildete zunehmend das im Katernberger Alltag und das in der Gesprächsreihe Erfahrene), die es theoretisch zu begreifen und letztlich praktisch zu verändern gilt. Der zweite Teil der theoretischen Arbeit bestand aus einer ebenfalls von Christian Schoppe und Stefan Schroer durchgeführten Gesprächsreihe, zu der sie in unterschiedlichen Konstellationen Menschen, die in Katernberg leben oder die hier gesellschaftlich aktiv sind, sowie auch MitarbeiterInnen verschiedener Zollverein-Institutionen einluden. Auch diese Gespräche fanden im Schaufenster des Ladenlokals statt. Sie wurden aufgezeichnet und werden in transkribierter Form nach und nach im Internet sowie auf der Dokumentations-CD-Rom veröffentlicht.

Fotografie: Die Fotografin Annette Jonak dokumentierte als einen Teil ihrer Arbeit das Geschehen der anderen Sektionen. Aus den Fotos dieser Reihe erwuchs eine nach und nach wachsende Ausstellung im Ladenlokal.

Parallel hierzu entstand eine fotografische Auseinandersetzung mit Katernberg, die speziell auf die Pluralität und damit auf ein wesentliches Potential dieses sich im Umbruch befindenden Stadtteils einging. Der Spannungsbogen dieser Umbruchsituation wurde in der Abschlussausstellung durch den Dialog der Bildern und ihrem Präsentationsrahmen, den sehr spezifischen Ausstellungsräumen im Keller des Ladenlokals, gestützt. Diese Ausstellung wurde am 24.08., zur Abschlusspräsentation des gesamten Projekts, eröffnet.

d) Abschlusspräsentation: Die Ergebnisse der Arbeiten der verschiedenen Sektionen und ihre durch die je spezifischen Kontakte zur gesellschaftlichen Umgebung entstandenen Dokumente wurden in einer Ausstellung zusammengefaßt, die am 24. August feierlich eröffnet wurde. Die Fotografien von Annette Jonak, zum Teil erstmals zu sehen (s.o.: Fotografie), bildeten den Hauptbestandteil der Ausstellung. Die Theaterarbeit war, neben den weiterhin zu sehenden dokumentarischen Fotos, mit einer Videodokumentation präsent. Aus dem Tonmaterial der Sektion Theorie wurde eine Soundcollage erstellt, die genau am Ort der Gespräche und des Seminars – auf einem Bühnenpodest in einem der Schaufenster – zu hören waren. Nach der Eröffnung war die Ausstellung noch bis zum 31.8. täglich von 14-18 Uhr geöffnet.

 

Bezug zum und Auswirkung auf den Stadtteil

Die Gruppe “Theorie und Praxis” bildete in der begrenzten Zeit ihrer Arbeit in Katernberg einen Teil der alltäglichen Realität. Das Ladenlokal, als leerstehendes 2 Jahre lang aus der bewußten Wahrnehmung verschwunden, wurde von den AnwohnerInnen wieder gesehen und betreten, als offener Ort war es Besuchsraum und Reibungsfläche für Kinder aus der Nachbarschaft, und als interessanter Geschäftsraum wurde es von (soweit uns bekannt) 4 verschiedenen Interessenten wieder entdeckt. Mit den dauerhaft in Katernberg aktiven Institutionen gab es einen engen Kontakt und auch gemeinsame Projekte: das Ladenlokal diente der Projektgruppe Katernberg als Foto-Ausstellungsraum zur Präsentation des Buches “Menschen in Katernberg”, und die Gruppe “Theorie und Praxis” beteiligte sich am 12. August aktiv an der Ferienspatz-Aktion des Stadtteilladens: “Suche nach Mr. X” – u.a. mit STADTSCHWESTER als die von den Kindern zu fangende Ms. X. Wenn so und in ihrer dauerhaften Sichtbarkeit auch Teil der alltäglichen Realität, behielten das Projekt, ihre Akteure und das Ladenlokal dennoch eine außer-alltägliche Stellung im Stadtteil. Dies beförderte einerseits die Wahrnehmung des Projekts im Stadtteil, behinderte aber andererseits die aktive Teilnahme vieler BürgerInnen. Die Diskrepanz zwischen allgemeinem Wahrgenommen-Werden und großem Interesse an äußerer Betrachtung/Beobachtung (studierende Blicke durch das Schaufenster, ausführliches Studium der Aushänge in den Fenstern, interessierte Fragen an uns und daraus resultierende viele Gespräche außerhalb des Ladenlokals) einerseits, und andererseits nur je einzeln vorhandener Bereitschaft, die verschiedenen Einladungen in das Lokal anzunehmen, bestand über den gesamten Projektzeitraum. Die meisten Besuche im Ladenlokal resultierten aus außerhalb dieser Räume geknüpften Kontakten. Lediglich die beiden Feiern zu Beginn und am Ende des Projekts, zu denen ca. 60 (Eröffnung) bzw. 90 Menschen (Abschluß) erschienen, senkte diese Schwelle merkbar.Als Auswirkung auf den Stadtteil bleiben also vorläufig festzuhalten inhaltlich aufschlußreiche und emotional intensive und in solcher Art als Impuls fortwirkende Begegnungen mit einzelnen Menschen und kleineren sozialen Gruppen, und als breitere Wirkung eine konstruktive Irritation in Form einer Begegnung mit etwas Fremden/Anderem ("Künstler!") – wobei nach unserer Erfahrung ein wesentlicher und der potentiell nachhaltigste Teil dieser Irritation durch unser "unkünstlerisches" Verhalten und (anstelle dessen) unser sichtbares und offen bekundetes Interesse an den Menschen und der Realität vor Ort bewirkt wurde.

Projekt-Fortsetzungen: Die Projektausstellung (Fotos, STADTSCHWESTER-Video, Theorie-Soundcollage und -Texte) wurde, in den dortigen Räumlichkeiten angepaßter Form, auf Einladung des Kulturbüro auf Zollverein noch einmal beim Zechenfest am 28 September in Halle 12 einer großen Anzahl von z.T. sehr intensiv sich damit befassenden BetrachterInnen zugänglich gemacht. Die Ausstellung fungierte hier (wie es demnächst die Dokumentation tun soll) erstmals als Export der (subjektiv und in Ausschnitten erfaßten und kondensierten) Katernberger Realität in einen anderen sozialen Raum und konfrontierte Menschen mit ihr, die (trotz der hier noch bestehenden räumlichen Nähe) anders ihr nie begegnet wären. Auf der anderen Seite sahen und studierten Menschen aus Katernberg und Umgebung an diesem Ort unsere Sicht auf und Erkenntnis von jener Realität, die in Katernberg selbst die Ausstellung nicht besucht hatten.Die Fotos von Annette Jonak bildeten des weiteren vom 2. Oktober bis zum 1. November eine Ausstellung im Düsseldorfer Kulturcafé "Solaris". Die von Christian Schoppe und Stefan Schroer geleitete Eröffnungsveranstaltung zu dieser Ausstellung stellte die praktischen und theoretischen Ergebnisse des Projekts erstmals öffentlich einem kulturell, politisch und soziologisch/philosophisch interessierten (teilweise Fach-)Publikum von ca. 40 Personen vor und zur mehrstündigen intensiven Diskussion. Eine Weiterführung dieser Diskussion an diesem Ort ist für den Sommer 2004 geplant.

 

Berichte von den und erste Reflexionen der einzelnen Sektionen

Für die mittlerweile drei Ausstellungen, die das Projekt nach seinem Ende gestaltet hat, sind insgesamt fünf Texte über die Arbeit und die Ergebnisse der einzelnen Sektionen entstanden, die auch erste Reflexionen der praktischen Arbeit enthalten. Ohne damit dem Bericht und der Reflexion des Projekts als Ganzes und ausführlicheren und theoretisch präziseren Berichten über seine Teile (insbesondere der Sektion Theorie) vorgreifen zu wollen, seien auf den folgenden Seiten diese Texte für diesen vorläufigen inhaltlichen Abschlußbericht dokumentiert: Theater, Theorie (Allgemein; Seminar; Gesprächsreihe) und Fotografie

 

Theater: STADTSCHWESTER in Katernbergx – Ein Theaterprojekt

Theater mit Kindern

Eine Woche lang suchte STADTSCHWESTER (Anne Schülke) Kinder auf den Straßen und Plätzen Katernbergs auf, verteilte Handzettel an sie und erzählte ihnen von dem Projekt, das am 7. Juli um 16 Uhr auf dem Katernberger Markt beginnen sollte. Auf ihren Streifzügen durch Katernberg entdeckte sie viele interessante Orte, die sie mit den Kindern bespielen wollte.Den Anfang machten elf Kinder zwischen 8 und 11 Jahren auf dem Viktoriaschulhof. Es folgte eine turbulente Woche mit gemeinsamen Spielen, ersten kleinen Theaterhandlungen und vielen Auseinandersetzungen. Einige Jungen aus dem Viertel störten heftig und wiederholt, so daß sie schließlich von den Spielen ausgeschlossen wurden. Nach einer Woche gründeten neun Kinder (acht Mädchen, ein Junge) am Tag des Eröffnungsfestes des Ladenlokals eine Gruppe.

 

Theater im öffentlichen Raum: In den folgenden drei Wochen waren die Kinder jeden Wochentag von 16 bis 18 Uhr mit STADTSCHWESTER an einem anderen Ort. Es waren Orte, die den Kindern sehr vertraut oder aber noch unbekannt waren: Schulhöfe, Wiesen, eine Brache, das Ladenlokal, der Innenhof des Gebäudekomplexes am Josef-Oertgenweg/Ottenkampshof, der seit einiger Zeit nicht mehr für alle Katernberger begehbar ist.

Das Spiel auf der Wiese vor der Shell-Tankstelle an der Katernberger Straße Ecke Zollvereinstraße stellte eine große Heraus-forderung dar: Es war sehr laut, es gab viel Laufpublikum und keine Möglichkeit, ungesehen eine Handbewegung zu machen. Die Kinder zogen sich schließlich in Rollenspiel zurück und vergaßen die Zuschauer, beendeten also das Theaterspiel.

Besondere Bedingungen kennzeichneten auch das Improvisationsspiel im dm-Markt an der Katernberger Straße. Alle Kinder bewegten sich – ausgerüstet mit einer Spezialeigenschaft (heulen, tanzen, unsichtbar sein, einen Regenschirm tragen, sehen) – durch den Drogeriemarkt und erlebten Konfrontationen mit Einkäufern und den Jungen aus dem Viertel, die die ganze Aktion störend begleiteten. “Highlight” dieses Improvisationsversuchs war eine Stinkbombenattacke durch die Jungen, die zum Rückzug in das Ladenlokal zwang.

 

Theater mit Laien: Wesentlich für die Theaterarbeit mit den Kindern war die Einführung der basalen Elemente des Theaterspielens: Das Zuschauen und das Vormachen. Dafür benötigten sie eine Bühne, d.h. einen (Schutz-)Raum für die Vorspielenden. Dieser wurde mit Stöcken und einer Leine abgesteckt. Oder ergab sich durch vorhandene Begrenzungen: Die Kinder entdeckten eine Ecke, die sie zur Bühne erklärten. Die Spielanlässe boten Schlagwörter, Gegenstände oder Einfälle der Kinder.

Es wurde kein Stück entwickelt und nicht auf eine Aufführung hingearbeitet; entscheidend war der Prozeß: Das schrittweise Vertrautwerden mit dem Vorspielen und Zuschauen. Die Kinder lernten spontanes Agieren vor Anderen und aufmerksames Beobachten der Mitspieler sowie auch des eigenen Tuns. Das Spiel mit Kostümen, auf einer “richtigen” Bühne im Ladenlokal und vor eingeladenem Publikum, war ein Bestandteil, aber nicht das Ziel oder Ergebnis der Arbeit.

Die anfänglichen Auseinandersetzungen mit den Jungen lösten sich nicht auf, sie setzten sich fort: In einer zweiten STADTSCHWESTER-Runde vom 4. bis 21. August sollten diese Kinder die Gelegenheit erhalten, ihre eigenen Theater-Erfahrungen zu machen. Leider nutzen sie das Angebot nicht. Stattdessen störten sie u.a. die Abschlußveranstaltung der ersten STADTSCHWESTER-Gruppe und boykottierten jeden Versuch der Annäherung. Eine solche erfordert sicherlich eine langfristige Auseinandersetzung mit den Kindern des Viertels und ihren Familien und ist nicht innerhalb eines Kulturprojekts herzustellen.

 

Dokumentation

Einzelne Stationen des Prozesses wurden per Video und Foto dokumentiert.

Die Kamera wurde an 7 Tagen von Rebecca Dulheuer und Angela Hofele (Mitarbeiterinnen des Büros für studentische Medienarbeit der Universität Duisburg – Essen, Standort Essen) sowie von Annette Jonak und den Kindern geführt. Das Videomaterial wurde gemeinsam von Rebecca Dulheuer und Anne Schülke bearbeitet.

 

Theorie: Sektion Theorie: Industriekultur und Gesellschaft Zwischen der Stillegung der letzten Zollverein-Produktionsstätten (Zeche Zollverein, Schacht XII: 1986, Kokerei Zollverein: 1993) und der Ernennung des gesamten Komplexes zum "Weltkulturerbe" (2002) liegt ein Jahrzehnt Erkundung der Möglichkeiten einer postindustriellen Zukunft dieses Standorts sowie seiner direkten gesellschaftlichen Umgebung. Exemplarisch für diese Umgebung steht der Stadtteil Katernberg. Einerseits war und ist er besonders vom Wegfall vormaliger industrieller Beschäftigungsverhältnisse und von den daraus folgenden sozialen Veränderungen betroffen. Andererseits wird diese Veränderung in Katernberg nicht nur passiv erlebt: als “Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf” befindet er sich ebenso in einer aktiv gestalteten Umwandlung wie sein vormaliges ökonomisches Zentrum Zollverein. Für die ökonomisch-sozialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte – von industrieller zu postindustrieller Ökonomie und Gesellschaft – ist Zollverein nur ein, zwar herausragendes, Beispiel. Insofern steht auch der Stadtteil Katernberg nicht nur stellvertretend für andere vom sog. “Strukturwandel” betroffene Stadtteile, sondern ist auch das Verhältnis Katernberg-Zollverein in seinem Wandel von Wohnort-Arbeitsort zu einer noch nicht klar konturierten Neubestimmung exemplarisch für jene Veränderungen.

 

Das Seminar “Industrie, Kultur und Gesellschaft”,  das während der Projektdauer jeweils mittwochs von 16 bis 19 Uhr stattfand, versuchte, den allgemeinen ökonomisch-politisch-sozialen Wandel der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart unserer Gesellschaft begrifflich zu erfassen. Weiter fragte es nach den Auswirkungen dieses Wandels für das je individuelle und das kollektive Bewußtsein. Die durchgängige Frage des Seminars war die nach einer möglichen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse: wie ist diese unter den gewandelten ökonomisch-politischen Bedingungen zu denken? Welches individuelle, welches kollektive Subjekt kann (noch) als Träger solcher Veränderung fungieren? Die Gesprächsreihe mit Katernberger Bürgerinnen und Bürgern lieferte dem Seminar zunehmend Material für seine Reflexionen. Unabhängig von solch direkter Verarbeitung galt es aber hier vor allem, die aktuellen Veränderungen und ihre subjektiven Auswirkungen aus der Sicht der jeweils Betroffenen zu erfahren und zu erfassen. Das ‚Sprechen über’ sollte von einem ‚Sprechen von’ abgelöst werden. Sowohl das Seminar als auch die Gesprächsreihe fanden im Schaufenster des Ladenlokals statt. Dem Seminar und anders auch den Gesprächen wurde durch den ständig präsenten Blick auf einen Ausschnitt von Katernberg eine selbstgenügsame Geschlossenheit verwehrt. Umgekehrt stand das theoretische Geschehen so in ständiger (oft bewußter, meist zufälliger) Beobachtung durch das alltägliche Leben in Katernberg. Und es bildete für dieses Leben eine performative Provokation. Fotographieausstellung: Katernberg, Keller

Die Identifikation des Stadtteils Katernberg als Bergarbeitersiedlung ist mit der Schließung der Zeche Zollverein hinfällig geworden. Übrig geblieben sind Geschichten und Relikte am Rande, die schließlich einer Neudefinition als “Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf” gewichen sind.

Doch die Suche nach einem stigmatisierten Stadtteil, geprägt von “ Arbeitslosigkeit”, “Nationalitätenkonflikten” und - überhaupt - “Strukturschwäche” gestaltet sich nicht so selbstverständlich, wie allgemein noch angenommen ...

Eine gut funktionierende Integrationsarbeit hat viele Konflikte zumindest ansatzweise gelöst, und eine Mittelstandsidylle schleicht sich langsam aber sicher von Außen nach Innen, in den Stadtteilkern.

Wir finden also vor: die Reste der “guten” (und auch schlechten) alten Zeit auf dem Pütt, den jüngsten Stadtteil Essens (jeder fünfte Einwohner ist unter 18), eine große Anzahl an Nationalitäten, eine trotz aller positiven Impulse problematische soziale Spannweite und ein oft fehlendes Vertrauen in das Potential Katernbergs.

Was wir kaum finden, ist das Unesco-Kulturerbe Zollverein. Für die ehemaligen Bergarbeiter ist es zur Historie und Erinnerung geworden, für viele andere Bewohner, die sich ihren Alltag erst einmal erkämpfen mußten, ist es anscheinend “irgendwie Kultur” - für Touristen? -, weit weg, irgendwo draußen in Essen.

Ein Katernberger Fazit kann also sein: im post-industriellen Umbruch, wo nichts und alles möglich ist, bietet Katernberg eine Spannweite an Kulturen und an Erfahrungen, die ein vielleicht oft chaotisches, aber auf jeden Fall vielfältiges Potential birgt. Wo man eben noch eine Industriebrache passiert hat, findet man sich in ländlicher Idylle wieder; wo Familien auf engstem Raum sich Wohnblocks teilen, steht um die Ecke das Einfamilienhaus mit Pool; wo zwei Jahre eine Bankfiliale leer stand, finden heute Seminare, Gespräche, Theater und eine Ausstellung statt ...

Die Ausstellung bezieht sich auf diese Vielfalt, auf die sich nicht so einfach gestaltende Suche nach dem “Problemstadtteil”. Auf den man dann doch direkt stößt: in den Kellerräumen der verlassenen Deutschen Bank unweit des Katernberger Markts. In diesen Ausstellungsräumen verbinden sich die Spuren vergangener Geschäftigkeit mit den fotografischen Abbildern der beschriebenen aktuellen Katernberger Realität zu einer Rauminstallation, die den Konflikt des “nichts und alles ist möglich” reflektiert.

 

 

10) zakk, Düsseldorf:  „Alle an einen Tisch“ April 2003 – Jan. 2004

 

Was ist Runder Tisch im zakk?

Ziel des Projektes „Alle an einen Tisch“ war es die Diskussions- und Streitkultur über die Lebensbedingungen der Stadt neu zu beleben, das zakk wieder zu einen Ort spannender Auseinandersetzung zu machen und vom Dezernenten bis zum Nachbarn die Meinungen, Ansichten und Standpunkte zu hören, auszutauschen oder auch nebeneinander stehen zu lassen.

Der „runde Tisch“ im zakk ist eine Veranstaltungsform, die wir speziell für lokale Themen entwickelt und schon mehrfach ausprobiert haben. Der „runde Tisch“ findet bei uns in der Regel in der großen Halle statt, es gibt keinen Tisch, dafür aber kreisförmig aufgebaute Stühle. In der Mitte sitzen der Moderator und die speziell eingeladenen Gäste, drumherum die eingeladenen Organisationen und „normalen“ Gäste.

Anders als bei einer Podiumsdiskussion geht es von Anfang an um ein miteinander Diskutieren, auch bei unterschiedlichen inhaltlichen Positionen. Eingeladen werden profilierte VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Initiativen und Organisationen, nicht ausgesucht nach Proporz, sondern nach entsprechender Sachkenntnis, aber auch AnwohnerInnen, BürgerInnen, Interessierte. Es gibt keine Bühne, kein Podium, kein Publikum. Es gibt Menschen, die aus beruflichen, privaten oder politischen Gründen mit dem Thema der aktuellen Diskussion ganz besonders zu tun haben: diese Menschen werden gezielt eingeladen, so dass Stadtbewohner und –entscheider an einem Tisch sitzen. Deshalb ist eine sorgfältige Recherche im Vorfeld nötig, um möglichst alle Involvierten mit ihren unterschiedlichen Blickrichtungen auf das Thema am runden Tisch dabei zu haben. Die Moderation vermittelt zwischen den Beteiligten, fragt die Meinungen ab, greift Einwürfe auf und behält den roten Faden des runden Tisches.

 

Olympiabewerbung

Vor der Entscheidung des nationalen Olympischen Komitees war die Stimmung in Düsseldorf sehr emotional aufgeheizt. Eine scheinbar große Mehrheit in der Stadt für eine Olympia-Bewerbung Düsseldorfs einerseits, latente Kritik in den Stadtteilen, viele offene Fragen, was das Ganze den koste und welche Auswirkungen es denn auf die Stadt und die dort wohnenden Menschen haben könnte. 

Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit einem Film, der die ganz unterschiedlichen Meinungen zu Olympia von BewohnerInnen aus Düsseldorf darstellte, zufällig auf der Straße eingefangen, kurz und knapp auf den Punkt gebracht. Ein in der Stadt sehr bekannter Sportmoderator versuchte die heftige Pro-Contra Diskussion, die oft sehr grundsätzlicher Art war, in geordnete Bahnen zu leiten. Im Mittelpunkt der Diskussion sollen die Folgen eines möglicherweise positiven Olympia-Entscheides für Düsseldorf stehen. Neben den grundsätzlichen Fragen (Welche Chancen, Möglichkeiten und auch Risiken würde eine Kandidatur von Düsseldorf Rhein-Ruhr in den nächsten Jahren bieten?) ging es vor allem um die Konsequenzen für die Menschen in der Stadt. Veränderungen in den Stadtteilen, steigende Mieten, Düsseldorf wird insgesamt teurer, Investition in Eventkultur statt in marode Sportanlagen.

Die Diskussion wurde sehr emotional und leidenschaftlich geführt und war von grundsätzlichen Haltungen geprägt. Anders als in der veröffentlichten Meinung (in der Presse) wurde jedoch sehr viel Kritik an der Olympiabewerbung, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln geäußert.

 

Drogenpolitik in Düsseldorf

Die Drogensituation in Düsseldorf sorgt regelmäßig für Schlagzeilen. Ebenso regelmäßig wird nach anderen Möglichkeiten der Drogenpolitik gesucht und über die richtigen und/oder falschen Lösungen diskutiert. Das zakk hat sich da als guter Ort für eine Diskussion erwiesen, da wir mit der konkreten Arbeit in diesem Bereichnichts zu tun haben, quasi „neutrales“ Terrain sind.

Teilgenommen haben viele MitarbeiterInnen aus den verschiedenen Einrichtungen der Drogenhilfe, Vertreter des Gesundheitsamtes, der Parteien und, was durchaus werbewirksam war, der Polizeipräsident der Stadt.  Ausgetauscht wurden die aktuellen Positionen, es gab so etwas wie eine Aktualisierung der Bestandsaufnahme, die den Fortgang der Diskussion ermöglicht. Interessant ist dann immer wieder was Betroffene aus einzelnen Stadtteilen an Mosaiksteinchen zu einem Gesamtbild zusammentragen.

Über eine Kursänderung, andere Lösungswege kann natürlich nur auf politischer Ebene entschieden werden, doch welchen Stellenwert das Thema hat, zeigte die große Beteiligung.

 

Solidarische Stadt - Hält das soziale Netz in Düsseldorf?

Die Veranstaltung musste mehrfach verschoben werden, weil DiskussionsteilnehmerInnnen absagten und es dann Terminprobleme gab. Am Abend ging es dann um die Kürzungen der Landeszuwendungen, Agenda 2010, Gesundheitsreform - welche Folgen haben diese Kürzungen für die bislang so erfolgreich wirkenden sozialen Einrichtungen und Projekte in Düsseldorf? Beteiligt waren mehrere Stadtverordnete, Landtagsabgeordnete, ParteienvertreterInnen und vor allem viele MitarbeiterInnen aus sozialen Projekten und Einrichtungen, sowie Interessierte aus Initiativen.

Diskutiert wurden dann allerdings mehr grundsätzlich über diese Sparpolitik und weniger über konkrete Auswirkungen auf einzelne Projekte und Initiativen. Die anwesenden PolitikerInnen hatten es schwer gegen den allgemeinen Unmut über die „Reformen“ differenziert zu argumentieren.  Hier zeigen sich dann auch die Grenzen des „Runden Tisches“, weil z.B. Stadtverordnete Entscheidungen verteidigen mussten, an denen sie gar nicht eigenständig beteiligt waren, die auf ganz anderer Ebene gefallen sind. Zu den einzelnen Themenbereichen hätten wir dann einzelne Veranstaltungen mit eigenen ExpertInnen organisieren müssen.

 

Auswertung

Das Projekt hat uns Anstoß gegeben wieder mehr solche Diskussionen am „runden Tisch“ anzubieten, es gibt durchaus ein Interesse in der Stadt solche Gespräche öffentlich zu führen. Immer aufwändiger ist es allerdings, die richtigen Leute als GesprächspartnerInnen zu gewinnen und ein gutes Timing hinzukriegen, damit das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung schn „durch“ ist. Gut angekommen ist der kurze Film, der einen anderen medialen Einstieg in die Diskussion ermöglichte.

Nicht funktioniert hat unsere Idee, bereits im Vorfeld über unsere Homepage Meinungen und Stellungnahmen  bzw. Diskussionsbeiträge zu veröffentlichen. Es lag nicht an technischen Problemen, sondern schlichtweg an einem nicht vorhandenen Interesse. Ursache ist sicherlich, das sehr aktuelle Themen, wie z.B. die Olympia-Diskussion, in der Lokalpresse über Wochen bereits breiten Raum eingenommen haben. Auch gab es zu den Veranstaltungen keine direkten Rückmeldungen. Interessanterweise war dann die Veranstaltung „solidarische Stadt“ Auslöser für eine Diskussion im Netz, allerdings nicht auf unseren Seiten, sondern auf Seiten politischer Initiativen.

 

 

102) IMAZ, Düsseldorf: Kulturdialog Die Kultur fremder Länder leben und erleben

 

Basierend auf unserer Aktivitäten und Angebote für und mit Migrantinnen und Migranten ist dieses Projekt entstanden. Wir setzten uns seit unserer Gründung 1999 für ein besseres Miteinander, mit dem Ziel der Beseitigung von Barrieren zwischen Deutschen und Migrantinnen ein. Aber auch der zwischen den Migrantinnen und Migranten unterschiedlicher Herkunft herrschenden Trennung wollen wir alternativ entgegen wirken.

Um diese Ziele verwirklichen zu können, sehen wir es unabdingbar Veranstaltungen mit kulturpolitischem Hintergrund durchzuführen. Genau aus dieser Notwendigkeit heraus ist unsere Veranstaltung mit dem Motto ,,Kulturdialog die Kultur fremder Länder leben und erleben“ entstanden. Die Veranstaltung hat im September 2003 begonnen und mit der Abschlussveranstaltung vom 19.12 21-12.2003 abgeschlossen. Im Anschluss an dieses Wochenende wurden die Nachbereitung und die Dokumentation durchgeführt und fertig gestellt.

Das Projekt beinhaltete neben der Vorbereitung und Nachbereitung 3 Kunst- und Kulturstationen, die erfolgreich vom 19. bis 21. Dezember 2003 durchgeführt wurden.

In der ersten Kunst- und Kulturstation wurden Bücher von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund vor- und ausgestellt. Das Interesse an den ausgestellten Büchern war groß und das Publikum sehr gemischt. Bücher wurden durchgestöbert und quer gelesen und auch interessante Gespräche unter den Besucherinnen und Besuchern wurden beobachtet. Die Idee einer solchen Bücherausstellung fanden viele, vor allem jüngere Besucherinnen und Besucher für gelungen. An diesem Abend wurde auch eine Fotoausstellung organisiert. Frau Olga Tsyrkovnyuk stellte ihre Fotoserie vor, die unter dem Titel ,, Fotografien von der Stadt Düsseldorf aus der Sicht einer Migrantin“ angefertigt worden. Der Abend wurde zusätzlich mit einer musikalischen Einlage von Frau Dina Friedburg ausgestaltet.

In der zweiten Kunst- und Kulturstation ging es um Malerei. Frau Sevim Turan gab den Betrachtern die Möglichkeit sich aktiv am Entstehungsprozess eines Bildes zu beteiligen. Sie gab erste Anweisungen, wie ein Bild entsteht und wie die eigene kulturelle Identität sich in den Bildern wieder spiegelt. Die Betrachter wurden dann aus ihrer Rolle heraus genommen und in die Rolle des aktiven "Malers“ hineinversetzt. Die Beteiligten haben gegenseitig Porträts gemalt und auch andere Motive benutzt. Diese Möglichkeit des Kennenlernens anderer kreativer Sichtweisen durch die aktive Beteiligung an der Malerei wurde von den Besucherinnen und Besuchern zusagend bewertet. Die Beteiligung an so einem Projekt fand großen Zuspruch, weil auch eigene kreative Potentiale entdeckt wurden.

Die dritte Kunst- und Kulturstation wurde von ca. 50 Personen besucht. Ein Abend in einem türkischen Restaurant bot das geeignete Ambiente. Im Programm waren die Sängerin Latife Erarslan und der Saz-Spieler Ertugrul Erarslan und die Gruppe Orient Express, bestehend aus Flöte, Gesang, Saz, Percussion und Darbuka). Der musikalische Abend bot mit seinen traditionellen Liedern und Instrumenten eine Reise durch die Türkei und öffnete in vieler Hinsicht Grenzen, vor allem die kulturellen Grenzen. Auch bei einigen Besucherinnen und Besuchern, die der türkischen Sprache nicht mächtig waren, konnten die kulturellen Lebensweisen nahe gebracht werden. Zum einen durch Gespräche und zum anderen durch den Ausdruck des Gefühls, was die Musik ausmacht. Zusammenfassend können wir von einer gelungenen Veranstaltung reden, die es den Besucherinnen und Besuchern ermöglichte, andere Kulturen kennen zu lernen und sich aktiv am kulturellen Leben zu beteiligen. Damit kann ein Beitrag geleistet worden sein, der Toleranz, Respekt und Akzeptanz und ein friedliches Miteinander mit sich bringt. Die Beteiligten waren im Ganzen erfreut über die Veranstaltungen und bewerteten diese Art der Beteiligung sehr positiv. Auch die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern war gut.

Im Programminhalt und -ablauf wurden keine großen Veränderungen vorgenommen, sondern nur Verschiebungen. So fanden in der ersten Station keine direkte Lesung statt, dafür aber Gespräche untereinander und eine Fotoausstellung und ein musikalischer Beitrag einer russischsprachigen Migrantin. In der zweiten Station gab es keine Kunstausstellung, aber dafür die Fotoausstellung in der ersten Station. Die russischen Musiker sind nicht an dem Abend mit den türkischen Gruppen aufgetreten, sondern verschoben auf die erste Station.

Wir resümieren eine positive Entwicklung mit diesen und ähnlichen Veranstaltungen und haben vor auch in Zukunft solche oder ähnliche Projekte durch zuführen.

 

 

110) Kulturattac, Düsseldorf: Peace Attack - Festival der Kultur für eine andere Welt

28. Juni 2003 - Zakk, Düsseldorf

 

Am 28. Juni nahmen circa 350 Gäste an dem Festival der Kultur für eine andere Welt im ZAKK-Düsseldorf teil. Zehn Bands wie Mellow Mark, Fehlfarben unplugged traten auf. Gedichte der "Poets against War" wurden vom Schauspieler Nic Romm (Berlin) gelesen. Drei neue CDs wurden bundesweit vorgestellt: "Shame on you, Mr. Bush" von ihrem Autor Wolfgang Schmid (München) und die Kulturattac-Co-Produktion "Peace Attack" (Pop und Punk-Version) von dem Initiator und Musiker Dieter Bornschlegel (Marburg).

Vor dem Festival fand eine kurze Veranstaltung für eingeladene Gäste aus Medien, Kultur und Bewegung statt (Network-Party). Circa 100 Personen nahmen an dieser Vorveranstaltung teil, es wurden Reden gehalten und ein Büffet angeboten.

Die Resonanz in den Medien war groß, da die Veranstaltung auch mit der Gründung von Kulturattac als bundesweite Initiative verbunden war. Die Sendung Kulturzeit (3SAT) berichtete darüber, sowie die bundesweite Presse. Überregionale Radiosendern wie HR3, Radio Berlin-Brandenburg und WDR5 führten Interviews mit den Veranstaltern.

Das Festival in Düsseldorf wurde insgesamt als Erfolg bewertet, gerade weil es das erste Festival von Kulturattac war. Doch nicht alles lief wie erwartet. Für Kulturattac sind die Verluste relativ hoch gewesen (ca. 1.500 Euro). Man rechnet mit einem Verlust von circa 2.000 Euro. Bei der Planung hatten die Veranstalter mit mehr zahlenden Gästen gerechnet, doch war die Konkurrenz von Jazz Rally und das Open-Air-Festival in Bonn gerade an dem Wochenende sehr stark.

 

 

11) Stroetmanns Fabrik, Emsdetten: ‚Comedy Kids’ - Sommerferien-Projekt 2003

 

36 Kinder stellten in dem einwöchigen Projekt (vom 08.-12.09.03) ihre eigene ‚Comedy-Revue’ zusammen. Drei Workshops wurden angeboten in den Bereichen Clownerie, Comedy und Bauchreden. Unter Anleitung professioneller Künstler entwickelten die Kids eigene Ideen und Sketche aus verschiedensten Themenbereichen.

An jedem Workshopmorgen gab es ein kurzes „Warm up“ für die gesamte Gruppe bei dem man sich untereinander besser kennen lernte und Berührungsängste abgebaut wurden. Dabei wurden auch im Hinblick auf die Bühnenarbeit kleine Reaktionsspielchen, Übungen zu den verschiedenen Energiestufen von Körperspannung und Stimmübungen durchgeführt.

 

Zur Arbeit in den einzelnen Workshops:

Bei den Clowns wurden zunächst Selbstverständnis und Wesen der Clowns erörtert. Anhand spezieller Fragestellungen thematisierte die Gruppe Stilmittel und Eigenschaften der Clownerie. Die Kids erhielten Einblicke in schauspielerische Tricks, wie z.B. Ohrfeigen oder absichtliches Stolpern. Ausgestattet mit diesen und weiteren Hilfsmitteln bekamen gerade auch die jüngsten oder aber zurückhaltendere Kids ein Repertoire an die Hand, das es ihnen vereinfachte, sich auf der Bühne zu präsentieren und den Kontakt zum Publikum herzustellen. Mit z.T. eigenen Texten und Liedvorschlägen stellten sie insgesamt sechs kleinere Sketche zusammen, die in den nächsten Tagen geprobt und am Schluss aufgeführt wurden..

Bei der Bauchredner-Gruppe begann Kursleiter Michael Schürkamp mit Übungen zur Koordination von Sprache und Handbewegung. Mit selbstgebastelten Handpuppen und Handspiegeln konnten die Kids sich selbst dabei kontrollieren. Die größte Herausforderung für die Teilnehmer war vor allem die Arbeit an der Lippenkontrolle, die viel Konzentration und eine Portion Geschick erforderte. Dass bei der Abschlussaufführung alle Teilnehmer erfolgreich eine kleine eigene Passage spielten, zeugt von der hohen Motivation in dieser Gruppe.

Im Comedy-Workshop sprühten die Kinder geradezu vor eigenen Ideen: Themen kamen aus den Bereichen Schule oder Familie wie z.B. Streitpunkte von Eltern und Kindern oder die Gerechtigkeit von Schulnoten. Auch die Auseinandersetzung mit Märchen in der heutigen Zeit kam zur Sprache. Weitere Themen, auch durchaus tagespolitisch aktuell (Stichwort:„Des Kanzlers neuer Hund“), wurden in einer Comedy-Nachrichtensendung zusammengefasst und auf die Spitze getrieben.

 

Für alle Workshops gilt, dass sich die Kinder mit viel Kreativität, Phantasie und eigenen Ideen eingebracht haben. Durch Spielfreude und erstaunliche Bühnenpräsenz zeichneten sich einige recht talentierte Kinder von Beginn an aus. Es gab aber auch ruhigere Kinder, bei denen eine deutliche Steigerung von Selbstvertrauen und

-sicherheit spürbar war, gerade auch im Umgang mit Bühnenlicht und Tontechnik: So wurde beispielsweise der ungewohnte Gebrauch von ‚Headsets’ am Ende der Workshopwoche für viele eine Selbstverständlichkeit.

In der abschließenden Aufführung wurden die Kids von den rd. 150 Zuschauern frenetisch beklatscht. Am Ende bestand Einigkeit, dass dies nicht ein einmaliges Projekt bleiben dürfe. Für die längerfristige Fortführung eines solchen kulturpädagogischen Angebotes werden in Kürze erste Gespräche mit Sponsoren und möglichen Dozenten geführt.

 

 

90) GREND-Kulturzentrum, Essen: 10 Jahre Café International

 

Zur Geschichte des Café International

Zu Beginn der 90er Jahre erlebte die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland kurz nach der Wiedervereinigung ein brutales Comeback, dessen Höhepunkte die menschenverachtenden Brandanschläge rechter Jugendbanden auf Flüchtlingsheime in Mölln, Hoyerswerda und Solingen waren. Unschuldige Menschen, deren einziges ‘Verbrechen’ in ihrer Andersartigkeit besteht, verbrennen in ihren trostlosen Heimen - goutiert und offen beklatscht von einer dumpfen Volksseele, die ihre angestauten Aggressionen an hilflosen Opfern - Asylbewerber, Ausländer, Behinderte, Obdachlose - auslässt.

Auch die Stadt Essen bleibt nicht verschont: 1992 kommt es zu einem Brandanschlag rechter Jugendlicher in einem Flüchtlingsheim im Essener Osten. Die Betroffenheit bei Bürgern, Politik und Verwaltung war groß, gleichzeitig aber auch die Hilflosigkeit, entsprechend zu reagieren. Es bildeten sich ehrenmtliche Betreuungs- und Unterstützergruppen, aus denen später u.a. die Vereine „Pro Asyl“ und das Antirassismus-telefon hervorgegangen sind.

Im Bezirk VII (Steele, Kray) der Stadt Essen ruft der Verein „Werkstatt e.V.“ Politik, Verbände, Betroffene und Bewohner zu einem Runden Tisch zusammen, um über wirksame Gegenmaßnahmen zu beraten. Die Werkstatt e.V. legt -neben anderen Projekten wie z.B. das Theaterprojekt ‘Herz aus Stahl’ sowie die Gründung einer lokalen Bürgerinitiative gegen Fremdenhass - das Konzept eines interkulturellen Treffpunktes mit dem Namen ‘Café International’ vor. Ziel war es, einen Ort zu schaffen, wo Menschen unterschiedlicher Nationalität, Herkunft, Hautfarbe und Kultur sowie deutsche Besucher sich zwanglos begegnen können, Toleranz im Umgang miteinander lernen können sowie die Möglichkeit haben, unterschiedliche Kulturen kennenzulernen und Fremdsein als kulturelle Bereicherung und Chance zu begreifen. Mit Hilfe der Kultur sollten Vorurteile und Angst abgebaut, Verständnis, Toleranz und Freundschaften gefördert werden, um damit den Ursachen des Fremdenhasses begegnen zu können. In den ehemaligen Büroräumen des Vereins – vor dem Einzug 1996 in das GREND - wurde dazu mit einfachen Mitteln ein Raum hergerichtet. Mit Unterstützung einer AB-Kraft sowie den sich zahlreich beteiligenden ehrenamtlichen Mitarbeitern fand die erste Veranstaltung im April 1993 mit überwältigendem Zuspruch statt. Mit der Eröffnung des GREND-Kulturzentrums im Herbst 1996 verfügte der Verein dann über größere und technisch besser ausgestattete Räumlichkeiten, in denen die Arbeit zunehmend verbessert und professionalisiert werden konnte. Gleichzeitig veränderte sich aber auch die von vielen ehemaligen Besuchern immer noch als Vorteil empfundene ‚Wohnzimmeratmosphäre‘, die Erweiterung und Differenzierung der Publikumsschichten brachte mehr Anonymität und verstärkte den Charakter des Café International als öffentliche Veranstaltungs- und Konzertreihe.

Von Beginn an wird das Café International von ehrenamtlichen Mitarbeitern mit betreut: engagierte Menschen aus der nahen Umgebung, die um die Einmaligkeit eines solchen Ortes wissen und ihn durch ihr Engagement mit erhalten möchten. Dazu gehören Tätigkeiten wie Thekendienste, Auf- und Abbauen, Künstlerbetreuung, etc. Das Ehrenamt ermöglicht die Reduzierung des Eintrittspreises bzw. subventioniert die nicht durch den Eintritt gedeckten Kosten. Die über den Getränkeverkauf erwirtschafteten Einnahmen der Veranstaltungstheke werden daher ausnahmslos in die (steigenden) Kosten wie Gagen, GemA-Gebühren, etc. investiert. Die ‚Ehrenamtlichen‘ gestalten aber auch Atmosphäre und persönlichen Kontakt unter den Besuchern mit.

 

Das Projekt: Konzerte, Diskussion, Besucherbefragung, Interwievs, Auswertung und Dokumentation:

Seit 10 Jahren veranstaltet der GREND-Mitgliedsverein ‚Werkstatt e.V.‘ die 14-tägige Weltmusik- und Veranstaltungsreihe ‚Café International‘. Längst zum Geheimtip in der Weltmusik-Szene geworden, sind dabei Qualität, Regelmäßigkeit, Atmosphäre und niedrige Eintrittspreise die Markenzeichen. So international wie das oft bunt gemischte Publikum ist auch das Kulturprogramm in der ansprechenden und kommunikativen Atmosphäre des Konzert(Club)raums; klein aber fein, von hoher Qualität, immer anders - und vor allem überraschend.

Viele Besucher/innen kommen seit Jahren regelmäßig zu den Veranstaltungen. Honoriert wird diese enge Bindung durch einen preisreduzierten Clubausweis: mit denen die Inhaber ein Jahr lang freien Eintritt zu allen Veranstaltungen des Café International (ca. 18-20) haben. Seit Jahren findet der engagierte Ansatz des Café International' seinen Ausdruck in der Mitarbeit von engagierten ehrenamtlichen Helfern; ohne sie wäre der bewusst niedrige Eintrittspreis von 3,-€ (ab 2004 : 4,- €) nicht aufrecht zu erhalten, sie gestalten die Atmosphäre mit und sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Veranstalter und Besucher/innen. Das Grend subventioniert diese Reihe, um die Eintrittshemmschwellen möglichst niedrig zu halten und damit auch neuen 'Neugierigen' die Möglichkeit zu geben, sich die für europäische Ohren oftmals ungewohnte Musik anzuhören und kennen zu lernen.

 

Die Ziele des Projekts:

Reflexion der bisherigen Arbeit

Nach 10 Jahren 'Café International' sollte dieser Anlass zum einen öffentlich gefeiert, zum anderen aber auch Wirkung und Bedeutung der Arbeit reflektiert werden, um so zu neuen Einsichten und ggf. auch veränderten Veranstaltungsformen und -konzepten zu finden sowie diese Veranstaltungsreihe weiter zu profilieren. Im Rahmen einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit namhaften Referenten und Referentinnen sowie Künstlern und Veranstaltern aus der Weltmusikszene sollten eine Reihe von Fragen aufgeworfen und diskutiert werden. Welche Bedeutung haben 'traditionelle Musiken' in einer globalisierten Welt ?. Auf welche Art und Weise werden sie vom deutschen Publikum rezipiert? Können sich durch die Präsentation anderer kultureller Formen neue Einstellungsmuster bilden in bezug auf die Wahrnehmung 'des Fremden', oder bilden sich u.U. sogar andere und neue Vorurteile heraus? Welche Bedeutung hat die 'Weltmusik' im Kontext zwischen Dominanzkultur und marginalisierter Kultur? Welche Rolle spielen dabei die Veranstalter?

 

Strukturelle Weiterentwicklung und Profilierung

Neben der Diskussion dieser und anderer Fragen begreifen wir das Projekt als einen weiteren Baustein zur Strukturentwicklung  und Profilierung der kontinuierlichen Aktivität des GREND im Bereich der Weltmusik. Die teilweise bestehenden, aber immer noch nicht ausreichenden Kontakte zu Medien (WDR, Deutsche Welle, Funbkhaus Europa) sollen ausgebaut und weiterentwickelt werden. In Planung ist eine z.B. CD als Bestandteil des Projekts mit einem Querschnitt aus Programmen der Künstler und Künstlerinnen, die im Rahmen des Café International aufgetreten sind. Sie soll u.a. helfen, die Idee der Kontinuität dieser Veranstaltungsreihe sowie deren Qualität herauszustellen und öffentlich zu transportieren. Aus Kostengründen haben wir allerdings die Produktion der CD auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

 

Qualität entwickeln

Interkultur als ein wichtiger Arbeitsansatz der Soziokultur, findet vorwiegend als rezeptive Form statt; d.h. Künstler werden auf einer Bühne im Rahmen eines Konzertes/einer Veranstaltung präsentiert. Das Verhältnis von Künstlern und Publikum stellt sich beim Café International als ein ganz besonderes heraus. Der dichte Kontakt zwischen Künstlern und Publikum (man begegnet sich im Flur und hat die Möglichkeit, nach dem Konzert miteinander zu sprechen, die persönliche Ansprache des Publikums während der Konzerte, enger Kontakt zur Bühne, etc.), die kommunikative Atmosphäre, die Mischung aus Ehrenamtlichkeit und Professionalität, die niedrig schwelligen (bewusst subventionierten) Eintrittspreise eignen sich im Besonderen für einen unmittelbareren Zugang zu den meist unbekannten Klängen und Ausdrucksformen weltweiter Kulturen, als dies sonst der Fall ist. Ziel des Projekts ist es daher auch, diesen besonderen Charakter in das öffentliche Bewusstsein zu transportieren und damit auch zu erhalten und weiter zu entwickeln.

 

Kulturelle Vermittlung ohne pädagogischen Zeigefinger

Orte der kontinuierlichen interkulturellen Kommunikation und Vermittlung wie das Café International gibt es viel zu wenige. Mit dem Projekt sollte auch deutlich gemacht werden, dass erst durch Kontinuität Erfahrungsräume erschlossen werden, die ansonsten vom Publikum eher abgelehnt werden. Alle kennen mittlerweile das Phänomen: Die Menschen besuchen eher Veranstaltungen mit bekannten Künstlern, weil sie dort eher das finden, was sie erwarten. Zum Café International kommen die Besucher, weil sie die vertraute Atmosphäre schätzen und wissen, das jeder Abend ein anderer Abend sein wird. Differenzerfahrung benötigt eben ein bestimmtes Vertrauen; im Ergebnis hören Menschen Musik oder erleben andere kulturelle Ausdrucksformen, die sie sonst nie kennen gelernt hätten. Während viele Veranstalter sich Gedanken über den zunehmenden Besucherschwund bzw. daraus resultierende Vermittlungsformen machen, verzeichnet das Café International eine konstant wachsende Besuchergruppe. Eine qualifizierte Besucherbefragung sollte dabei Hinweise auf Akzeptanz Rezeptionsgewohnheiten geben. Wichtig waren uns dabei vor allem Aussagen über mögliche Einstellungsveränderungen hinsichtlich Vorurteilen gegenüber anderen Kulturen.

 

Förderung von Kooperation

Das Café International ist auch Beispiel für gelungene Kooperationen. Neben der Zusammenarbeit mit zahlreichen Künstleragenturen hat es in der Vergangenheit immer wieder eine Vielzahl von gemeinsamen Veranstaltungen mit interkulturellen Vereinen, Migrantenverbänden u.a. gegeben. Darüber hinaus stehen die Veranstaltungen des Café International im Kontext weiterer interkultureller Aktivitäten des Grend wie Filmreihen, Diskussionsveranstaltungen, Workshops zu Fragen der Migration und Interkultur, größeren Konzerten der Reihe: world-beats, sowie vielfältigen Kooperationen mit Essener Schulen und interkulturellen und politischen Gruppen. Die daraus hervorgegangene Ausstellung: „Gesichter der Migration“ findet mittlerweile Resonanz in ganz NRW.

 

Interkultur und Soziokultur

Das Projekt: 10 Jahre Café International dient dabei auch beispielhaft der Reflexion soziokultureller Arbeit in diesem Bereich. Viele Zentren veranstalten seit Jahren Konzerte oder Veranstaltungsreihen mit internationalen Künstlern und Künstlerinnen; die soziokulturellen Zentren waren zudem die ersten Orte überhaupt, in denen sich die Kunst anderer Kulturen darstellen und öffentlich präsentieren konnte, noch weit vor der Zeit, in der sich die ‚Weltmusik‘ als Marke und damit auch als (zunehmend expandierender) Markt etabliert hat. Zu häufig verliert sich jedoch der interkulturelle und künstlerische Anspruch irgendwo zwischen Alltagshektik und Überlebenskampf. Das Projekt möchte insofern auch Anstoss für eine notwendige Diskussion geben, die vielleicht zu einem neuen Selbstverständnis und Arbeitsansatz – nicht nur in der Soziokultur, – führen kann.

 

Das Konzert-Programm:

Zwischen September und Dezember 2003 fanden insgesamt 6 besondere Konzert-Veranstaltungen unter dem Motto: Kulturelle Vielfalt, Toleranz und Experiment statt. .Die Veranstaltung am 21.11. war dabei zentrale Projektveranstaltung mit Redebeiträgen, Musik, Tanz, Videofilmen, einer Chill-out-Lounge mit Kaffee- und Coctailbar sowie einem international/gastronomischen Rahmen.

 

Auswertung der Befragung, Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse

Im Herbst 2003 wurden an vier aufeinander folgenden Terminen insgesamt 162 Besucher und Besucherinnen der Veranstaltungsreihe Cafe International im Kulturzentrum GREND nach ihren Besuchsmotiven und anderen ausgewählten Aspekten befragt. Der eingesetzte Fragebogen umfasste die Bereiche Häufigkeit des Besuchs der Veranstaltungen, Grund des Besuchs, (inter)kultureller Aufforderungscharakter der Veranstaltungen,

Vorurteilsabbau, Bewertungen der Gesamtveranstaltung und des gastronomischen Services, angemessener Eintrittspreis und Angaben zur Person

Die Auswahl der Fragen beruhte auf vorausgehenden kurzen Einzelinterviews der Besucher und Besucherinnen einer Veranstaltung im Sommer 2003. Die befragten Besucher und Besucherinnen waren zwischen 13 und 65 Jahre alt, das Durchschnittsalter betrug 41,8 Jahre, ungefähr zwei Drittel waren weiblichen Geschlechts. 89,9% der Untersuchungsteilnehmer gaben deutsch als Staatsangehörigkeit an, 9,9% eine nicht deutsche Staatsangehörigkeit. Fast ein Drittel der Befragten besuchte die jeweilige Veranstaltung zum ersten Mal, weitere 19,9% besuchen das Cafe International lediglich 1-2 Mal pro Jahr. 10,9% der Untersuchungsteilnehmer kommen mehr als 10 Mal pro Jahr. Aus 15 vorgegebenen Besuchsmotiven erweist sich die im Cafe International präsentierte Weltmusik als häufigster Besuchsgrund: 90,7% der Befragten geben an, dass sie die Veranstaltungen wegen der Weltmusik besuchen, die gespielt wird. Vergleichbar häufig wird das vielfältigen Musikangebots (87,7%) und die Möglichkeit, mehr über andere Kulturen zu erfahren (85,5%) als Grund für den Besuch angegeben. Auch die schöne Atmosphäre der Veranstaltungen (82,7%) sowie der oder die Künstler des Abends (80,9%) werden sehr häufig als Besuchsgrund angegeben. Zu den weniger häufigen Motiven zählt es, Menschen aus anderen Kulturen als Freunde zu gewinnen (40,1%), Hinweise der Presse (29,6%) oder persönliche Bekanntheit mit den Künstlern (3,1%). Bei freier Nennung des wichtigsten Besuchsgrunds wird deutlich, dass für 29,0% der Befragten die Musik oder die Vielfalt des musikalischen Angebots den wichtigsten Grund für den Besuch im Cafe International darstellt. Weitere 19,8% der Untersuchungsteilnehmer nennen explizit die im Cafe International präsentierte Weltmusik, den internationalen Charakter der Musik oder die Möglichkeit, fremde Kulturen zu treffen als Hauptgrund für ihren Besuch. Befragt nach den Konsequenzen ihres Besuchs, geben drei Viertel der Befragten an, dass sie durch die Musik im Cafe International mehr über die kulturellen Hintergründe der Darbietungen und Musiker erfahren. Für 59,9% der Untersuchungsteilnehmer gibt es im Cafe International Gelegenheiten, um mit Menschen aus anderen Kulturen in Kontakt zu kommen. 51,2% der Befragten geben an, dass sie sich nach dem Besuch im Cafe International weitergehend mit den kulturellen Hintergründen der Darbietungen und Künstler beschäftigen (z.B. durch Bücher oder andere Informationsquellen). Schließlich führt für 21% der Untersuchungsteilnehmer der Besuch im Cafe International dazu, dass sie danach aktiv Kontakte zu anderen Menschen aus dem kulturellen Hintergrund der jeweiligen Künstler suchen. Insgesamt 84,6% der befragten Besucher und Besucherinnen glauben, dass sich Veranstaltungen im Cafe International Vorurteile abbauen, lediglich ein sehr geringer Teil glaubt, dass sich dort Vorurteile bestätigen (3,7%). Befragt nach den Mechanismen des Abbaus von Vorurteilen, nennen 17,9% der Befragten Gründe wie den (interkulturellen) Kontakt, den ungezwungenen Austausch oder das persönliche Gespräch. Weitere 16% der Untersuchungsteilnehmer sehen in der jeweiligen Musik oder in der Form der Präsentation des Künstlers den Grund für den Abbau von Vorurteilen.

Den gastronomischen Service im Cafe International beurteilen 74,7% der befragten Besucher und Besucherinnen als gut oder eher gut - lediglich 5,5% beurteilen ihn als schlecht oder eher schlecht. Als angemessenen Eintrittspreis nennt die größte Gruppe der befragten Besucher und Besucherinnen den zum Zeitpunkt der Untersuchung gültigen Preis von 3 Euro (33,3%). Die zweithäufigste Nennung findet sich für einen Eintrittspreis von 5 Euro (24,7%). Als Mittelwert resultiert ein Eintrittspreis von 4,13 Euro – mit Angaben zwischen einem und 12 Euro. Im Gesamturteil nennen 75,9% der befragten Besucher und Besucherinnen zumindest einen Aspekt, der ihnen am Cafe International besonders gut gefällt, wobei sich die am häufigsten genannten Aspekte auf die Atmosphäre während der Veranstaltung beziehen (32,5% aller Nennungen). Im Komplementärurteil geben 45,1% der befragten Besucher und Besucherinnen zumindest einen Aspekt an, der ihnen besonders schlecht gefällt. In diesem Fall lassen sich zwei vergleichbar große Gruppen von Aspekten identifizieren, die sich zum einen Bezug auf das geringe Platzangebot bzw. die zu große Zahl an Konzertbesuchern nehmen (31,8%) und zum anderen auf das Rauchen oder allgemein auf die schlechte Luft im Raum hinweisen (23,5%).

 

Fazit

Bei der Interpretation der Umfrageergebnisse ist zunächst zu berücksichtigen, dass es sich bei der vorliegenden Untersuchung keinesfalls um eine repräsentative Umfrage handelt. Vielmehr stand bei ihrer Planung das Ziel im Vordergrund, mehr über das Cafe International als eine besondere Form von Weltmusikveranstaltung zu erfahren. Die Ergebnisse lassen sich keinesfalls auf andere Weltmusikveranstaltungen generalisieren, geben aber erste Anhaltspunkte über die Besucherstruktur und Besuchsmotivation einer spezifischen Form von Weltmusikveranstaltung. Die Befragung der Besucher und Besucherinnen im Cafe International dokumentiert, dass die Veranstaltungsreihe überwiegend aus zwei Gruppen von Gründen besucht wird. Zum einen wird die im Cafe International präsentierte Weltmusik sehr häufig als Besuchsgrund genannt – u.a. verbunden mit der Hoffnung, in den Veranstaltungen mehr über andere Kulturen zu erfahren. Auf der anderen Seite stellen die Untersuchungsteilnehmer die Vielfalt des Musikangebotes in den Vordergrund. Insbesondere die freien Nennungen des wichtigsten Besuchsgrunds verdeutlichen, dass für die Mehrzahl der Befragten eindeutig die Vielfalt des musikalischen Angebotes im Vordergrund steht. Dass es sich bei dieser Musik um Weltmusik handelt, welche u.a. die Möglichkeit bietet, mehr über fremde Kulturen zu erfahren, spielt für einen geringen Teil der Befragten die entscheidende Rolle. Die Geschlechts- und Altersstruktur der Untersuchungsteilnehmer dokumentiert in der Mehrzahl weibliche Besucherinnen und einen Schwerpunkt in der Altersgruppe zwischen 40 und 49 Jahren. Das Einzugsgebiet der Veranstaltungsreihe erweist sich als wenig überraschend: das Cafe International stellt weiterhin eine überwiegend regionale Veranstaltung dar. Sie erfreut sich ist vor allem ob ihrer besonderen Atmosphäre bei den Besuchern und Besucherinnen großer Beliebtheit. Beklagt werden allein das eingeschränkte Platz- und Raumangebot und die damit verbundenen negativen Begleiterscheinungen der verrauchten bzw. allgemein schlechten Luft. Nach Auffassung der meisten befragten Besucher und Besucherinnen werden durch die Veranstaltungen im Cafe International Vorurteile eher abgebaut als dass sie bestätigt werden. Als hauptsächlicher Wirkmechanismus werden hier die ungezwungenen Kontakte und Austauschmöglichkeiten sowie die Form und Darstellung der Musik vermutet. Abschließend bleibt noch einmal festzuhalten, dass sich die vorliegenden Untersuchungsergebnisse zwar nicht auf andere Formen von Weltmusikveranstaltungen generalisieren lassen; Wünschenswert wären jedoch ähnliche Untersuchungsansätze in Bezug auf andere Weltmusikveranstaltungen. Langfristig könnte so ein Beitrag zur Positionierung dieses Genres zwischen Musikindustrie und im weitesten Sinne pädagogischen Veranstaltungsreihen geleistet werden.

 

'Weltmusik' zwischen Anspruch und Kommerz, Vermittlung und Exotik,

Im Rahmen dieser Diskussionsveranstaltung am 2.Dezember sollte die Frage gestellt werden, ob die sogenannte 'Weltmusik' beim Zuhörer einen Beitrag zu mehr Verständnis und Toleranz leisten bzw. Zugänge zu anderen, fremden Kulturen erschließen kann. Am modellhaften Beispiel der seit 10 Jahren im Essener Kulturzentrum Grend stattfindenden Veranstaltungsreihe 'Café International' sowie anhand der vorliegenden Ergebnisse einer Besucherbefragung sollten Anspruch und Wirklichkeit der eigenen Arbeit einer kritischen Überprüfung unterzogen und Beispiele für andere, ggf. neue Vermittlungsformen, Angebote und Konzepte musikalischer Vielfalt gesucht werden. Eingeladen dazu hatten wir:

 

Dr. Oliver Scheytt, Kulturdezernent der Stadt Essen und Präsident der kulturpolitischen Gesellschaft

Dr. Susanne Binas/Berlin (Musik- und Kulturwissenschaftlerin)

Claudia Saerbeck/Mülheim (Veranstaltergemeinschaft Odyssee-Kulturen der Welt)

Kazim Calisgan/Bochum (Musiker, Kulturmanager)

Dr. Andreas Klink/Grend-Bildungswerk, Essen (Dipl. Psychologe/Vorurteilsforscher)

 

Die Moderation hatte Johannes Brackmann, Geschäftsführer des Grend-Kulturzentrum und Mitarbeiter beim Café International.

Folgende Fragen sollten im Rahmen dieser Diskussion thematisiert werden:

Welche Bedeutung hat die sog. Weltmusik für die interkulturelle/musikalische Bildung? Welche Rollen spielen dabei die Veranstaltungsorte (Clubs, Festivals, Kulturzentren, u.a.)? Verhältnis Musiker/Zuhörer: Wir wird die sog. Weltmusik Musik in Deutschland/in der Region rezipiert? Können sich durch die Präsentation anderer kultureller (Musik)-Formen neue, veränderte Einstellungsmuster bilden (in bezug auf Fremdheit/anderen Kulturen); z.B. Toleranz, oder werden mögliche Bilder/Vorurteile anderen Kulturen gegenüber ggf. sogar verstärkt? Welche Vermittlungsformen/Rahmenbedingungen sind nötig (oder auch schädlich) in bezug auf ein erweitertes Verständnis globaler Musiken? Was kann Politik, was können Veranstalter dazu beitragen, dieses Verständnis zu verbessern?

Welche Erfahrungen machen dabei andere Veranstalter in der Region? Können Veranstaltungsreihen/Orte wie das 'Café International' Zugang zu anderen, fremden Kulturen schaffen?

40 Zuhörer und Zuhörerinnen – vorwiegend aus der Weltmusik-Veranstalterszene in NRW hatten den Weg ins GREND gefunden, um die obenstehenden Fragen zu diskutieren. Nach einer Einleitung des Moderators und einer ersten Fragerunde stellte das Podium recht schnell fest, dass die ‚Weltmusik‘ von ihren pädagogisch/sozialen Ansprüchen befreit und als eigene künstlerische Ausdrucksmöglichkeit akzeptiert werden sollte.

 

 

14) Die Weberei e.V., Gütersloh: Antigou- Schulbesuchsprogramm

vom 27./ 28.11.03, 01./ 02.12.03 und 05.12.03 in Kooperation mit der Pestalozzischule Gütersloh, Schule für Lernbehinderte SchülerInnen, Gütersloh

 

Antigou bedeutet auf Creole, einer Sprache aus der Casamance im Südsenegal Kultur. Die Gruppe vermittelt in Form von kleinen Auftritten, Workshops und Vorträgen senegalesische Lebensart. Auf den mitgebrachten Trommeln Djembé und Doundunba vermitteln Marcus Maria Köster und Seckou Badji den SchülerInnen das Spielen derselben und studieren einen traditionellen Rhythmus mit viel Spaß und Energie ein. Dabei wird gesungen und anschließend ein zum Rhythmus gehörender Tanz gelehrt. Im Anschluß eines jeden Workshops bildet eine gemeinsame Aufführung der Trommel-, Tanz-, und Gesangschoreografie einen krönenden Abschluß mit einem hohen Animationseffekt. Die Vorträge von Kuamé Ackbetou über das Leben im Senegal im Vergleich mit dem Alltag der SchülerInnen in Deutschland, sind bildhaft und spannend.

 

Der Projekt- Verlauf:

Das Projekt fand am 27./ 28.11. und 01./02.12.03, die Abschlussveranstaltung am 05.12.03 in der Pestalozzischule Gütersloh statt . Anders war die für eine Woche geplante Veranstaltung nicht im Unterrichtsplan unterzubringen. Die Stundenanzahl betrug jeweils fünf am Tag, also insgesamt 25 Unterrichtsstunden.

Als Kooperationspartner konnte die Pestalozzischule in Gütersloh gewonnen werden. Die Pestalozzischule ist eine Sonderschule für verhaltensauffällige und lernbehinderte Kinder und Jugendliche. Aufgrund der besonderen Bedingungen in dieser Schulform musste das Projekt angepasst werden. Der Schwerpunkt lag auf dem musikalisch – tänzerischem Bereich. Der Austausch „Alltag im Senegal/ Alltag in Deutschland (Gütersloh) fand in lockeren Gesprächen am fünften Tag des Projektes statt. Insgesamt haben 45 SchülerInnen an diesem Projekt teilgenommen, in Klassenverbänden von ca. 10 – 12 Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren.

 

Erfolg/ Auswirkungen der Maßnahme:

Trotz langjähriger Erfahrung bei dieser Arbeit mit allen möglichen Schulformen, stellte sich die Arbeit in der Sonderschule als besondere Herausforderung dar. Interessanterweise hat gerade der kulturelle Aspekt eine besondere Rolle gespielt. Untypischerweise war die Rollenverteilung der Dozenten verschoben. Wo normalerweise dem deutschen Dozenten mehr Respekt gezollt wird, wurde diesmal dem afrikanischen Dozenten mehr Autorität zugebilligt. Als mögliche Erklärung für diese interessante Verschiebung wird der hohe MigrantInnenanteil an der Schule vermutet.

Das Klientel stellte sich für die Dozenten als schwierig heraus. Die Jugendlichen waren entweder extrem extrovertiert oder extrem introvertiert, aber nicht durchschnittlich in ihrem Verhalten. Es erforderte höchste Konzentration und Aufmerksamkeit der Dozenten und immer wieder ein sensibles Einfühlen um die Jugendlichen unter einen Hut zu bekommen.

Toll war, dass einem die gelernten Lieder und afrikanischen Begrüßungsfloskeln in der Pause auf dem Schulgelände und im Treppenhaus von immer mehr Jugendlichen im Laufe der Projekttage entgegenschallten. Auch die Tänze begegneten einem in Ausschnitten außerhalb des Unterrichts immer wieder.

In den ausführlichen, engagierten und konstruktiven Vor- und Nachbereitungen mit Schulleitung und Fachlehrern (aus den Bereichen Musik, Kunst, Sport) wurde der hohe Stellenwert dieser Veranstaltung deutlich. Die mitwirkenden Lehrer sind schon einige Zeit auf der Suche nach einer Initialzündung gewesen, um im Bereich Musik stärkere Akzente zu setzen.

Bei diesem Projekt ist deutlich geworden, welche Kraft in der Musik liegt. Es haben sich wahre Tanz- Talente gezeigt- aber besonders hat sich die Musik als verbindendes Element, das gemeinsame Erarbeiten der Rhythmen, Lieder und Tänze als bereichernd herausgestellt.

Das gemeinsame Erarbeiten, egal in welchem Unterricht gestaltet sich mit den Jugendlichen und deren Auffälligkeiten normalerweise eher schwierig.

Dabei war auch die Beschäftigung mit der afrikanischen Kultur besonders hilfreich, da sie allen SchülerInnen gleichermaßen fremd war. Gerade durch diese „Neutralität“ wurde es den SchülerInnen ermöglicht, sich trotz vieler kultureller Unterschiede auf einer gemeinsamen Ebene zu treffen. Und das laute Singen, Trommeln und Tanzen waren, wie sich gezeigt hat, ein gutes Ventil für eher unruhige, konzentrationsschwache Jugendliche.

Motivationserleichternd war die freiwillige Mitarbeit der Schülerinnen und Schüler in der Gruppe und die gemeinsame Vorbereitung einer Aufführung vor der gesamten Schule.

Lehrer berichteten, daß sich einige Jugendliche, die sich sonst eher durch extremen Bewegungsdrang und selbstdarstellerisches Verhalten auszeichnen, völlig anders verhalten haben. Disziplin und Zuhören sind Grundthemen beim gemeinsamen Musizieren; hierbei konnten sich die Jugendlichen zum Erstaunen der ab und zu ebenfalls teilnehmenden Lehrer in die Gruppe einfügen

 

 

16) Kulturzentrum Pelmke, Hagen: "CARMINA BURANA - musikalischer Querschlag durch Zeiten und Kulturen"

 

Es haben nach dem ersten und zweiten Aufruf in der lokalen Presse und nach persönlicher Ansprache insgesamt 35 Leute mitgeprobt, von denen 19 an der End-Aufführung mitgemacht haben. Der jüngste Teilnehmer war 12, die älteste Teilnehmerin 50 Jahre alt.

Die TeilnehmerInnen wohnen hauptsächlich im Stadtteil des Kulturzentrums (besondere Ausnahme eine Austtauschschülerin aus den USA). Musikalische Erfahrungen hatte ein Großteil in den Genres Rock, Jazz, Klassik, Folk, Gospel gesammelt.

Das Orchester setzte sich folgendermaßen zusammen:

Alle Teilnehmer haben im Chor bei acapella Liedern gesungen. Es gab solistische Features und 3 Trios.

Instrumente konnten wie folgt besetzt werden: Oboe, Klarinette, Baßklarinette, 2 Altsaxofone, 2 Violinen, Viola, Keyboard, Congas, Dawul, Triangel sowie als exotische Instrumente Maultrommel und singende Säge.

 

Es gab insgesamt 18 Probetermine im Kulturzentrum Pelmke. wo in der Regel ein hervorragendes Arbeiten möglich war. Unabhängig davon fanden von Anfang an Sonderproben mit kleineren Ensembleteilen  statt, die sich nach hinten zu täglichen Probenstaffeln verdichteten. Zu Beginn der Probenarbeit wurde versucht herauszufinden, welche Fähigkeiten rhythmischer Art, auf dem Gebiet der Intonation, im Erinnerungsvermögen, in Notenkenntnissen, Harmonielehre, sowie sozialer Kompetenz und Durchhaltevermögen bei den Einzelnen vorhanden waren.

Durch Kennenlern- und Aktionsspiele wurde  die Atmosphäre aufgelockert und für die Tests vorbereitet. Nach den beiden ersten Proben konnte mit der eigentlichen Arbeit begonnen  werden.

Speziell auf die Fähigkeiten der Teilnehmer zugeschnitten oder sie ein klein wenig übersteigend, schrieb ich zunächst Vokalpassagen, da der Gesang absolut im Vordergrund stehen sollte.

Ausgehend von relativ einfachen Unisono-Sätzen, über parallele Kleinterzen, bis hin zu Ganztonleitern und relativ dissonanten „Bulgarischen" - Sätzen im schnellen 7/8 Takt gingen die Schwierigkeiten.

Ternäre Acapella-Passagen, 6/8 Rap, rubato Singen über schnelle 10/8 und Lautmalerein nach grafischer Notation sind geprobt und verwirklicht worden.

Es war eine Menge Material, so dass keiner sich alles merken konnte. Dafür wurde festgestellt, eigneten sich Noten hervorragend, um sich Musikalische Parameter aufzuschreiben. In mehreren kleinen Crashkursen wurden elementare Kenntnisse in Notation vermittelt. Auch Grundlagen der Intervall-  und der Harmonielehre arbeiteten wir auf.

Da sich herausstellte, dass das Potential der Teilnehmer ein erhebliches war, und sich sehr viele reizvolle Möglichkeiten der Vertonung der Texte anboten, zudem nach einer Auseinandersetzung ob der „Political and Gender Correctness“ speziell eines Textes, die Bereitschaft der Teilnehmer, sich mit den Texten und der Gruppe zu beschäftigen, sprunghaft gestiegen war, uferte die Materialauswahl immer mehr aus, sodass ich mit dem Komponieren und Arrangieren der Instrumentalteile kaum mehr hinterherkam.

So nach und nach, was auch an der Verfügbarkeit einiger Instrumentalisten lag, wurden aber die Instrumentalen Grundlagenteile und Rahmungen der einzelnen Stücke komplettiert, dass die zwischendurch entstandenen Unsicherheiten der Teilnehmer, ob das alles denn mal ein Musikstück werden würde zu aller Zufriedenheit und Freude zerstreut werden konnte und die Energie für einen Marathon-Endspurt in den letzten 2 Wochen aufgebracht wurde.

Einen Tag vor der Aufführung hatten wir schon die Möglichkeit , mit Mikrofonen und Anlage unter Livebedingungen zu proben und das Material in einer Reihenfolge zu spielen. Es würde ein ausgewachsenes Konzert von ca.1 1/2 Std. Dauer geben. Die Texte wurden  vergrößert und ausgehängt und es wurden Texthefte angeboten,  da sowohl in deutscher Übersetzung als auch in Latein bzw. Mittelhochdeutsch gesungen wurde.

Dass die sehr erfolgreiche Performance (welche völlig ausverkauft war, natürlich kleine Fehler hatte und von Perfektion weit entfernt war), aber die Spielfreude und Risikobereitschaft, sich mit exotischem Material auseinander zu setzen und über den musikalischen Tellerrand zu gucken hervorragend rüberbrachte, lange noch gefeiert wurde und private Songrepertoires zum besten gegeben wurden, war ein wunderbarer Abschluss des Projektes.

Es fand schon ein erstes Nachtreffen statt. Ob die Bereitschaft und der Wille, die Aufführung zu wiederholen und das

musikalische Repertoire zu erweitern mehr ist, als projektnahe Euphorie wird die Zukunft erweisen.

 

 

56) Ideenwerkstatt Lebnes(t)raum e.V., Halle: „kulture and nature“ - kreative Reise in verschiedene Kulturen

 

Zeitraum: 8. bis 12. September 2003 (Sommerferien)

Teilnehmer/-innen: 20 Jugendliche im Alter von 12 bis 16 Jahren (kulturelle Herkünfte: deutsch, polnisch, russisch, englisch, türkisch, amerikanisch)

 

Ziele: kreative Schaffensprozesse anregen - künstlerische Fähigkeiten und Kenntnisse fördern - Förderung von Kunst im öffentlichem Raum - Einsatz von Naturbaustoffen - Förderung internationaler Begegnungen – Kennen lernen anderer Kulturen - Vernetzung örtlicher Initiativen - Gewaltprävention

 

Durchführung:

20 Jugendliche unterschiedlicher kultureller Herkunft haben 1 Woche lang in einem Bildhauer-Workshop große Natursteinblöcke bearbeitet, die im Anschluss zu einer Bodensonnenuhr aufgestellt wurden.

Über den künstlerisch-kreativen Zugang sollten die Jugendlichen motiviert werden, sich mit ihrer kulturellen Herkunft und anderen Kulturen auseinander zu setzen. Im Mittelpunkt standen die realen interkulturellen Begegnungen. Jungen und Mädchen mit ca. 10 unterschiedlichen Nationalitäten haben teilgenommen. Neben TeilnehmerInnen aus dem „Stammpublikum“ des Jugendzentrums (regelmäßige BesucherInnen in der Offenen Tür) haben auch „externe“ Jungen und Mädchen teilgenommen, die über Zeitungsberichte vom Workshop erfahren haben bzw. direkt angesprochen wurden.

Ein besonderer Erfolg des Projektes war die Teilnahme der deutsch-russischen Mädchen, die erstmalig mit dem Bildhauer-Workshop Angebote im Jugendzentrum wahrgenommen haben. Somit wurde für sie eine große Hemmschwelle abgebaut und Berührungsängste gerade dieser Mädchen deutsch-russischer Abstammung z.B. gegenüber Jungen türkischer Abstammung gemindert. Das Ziel des Workshops, sich über das gemeinsame „Tun“ zu begegnen und Vorurteile gegenüber „andersartigen“ abzubauen, wurde damit erreicht.

Die Jugendlichen konnten die Gestaltung ihrer Skulptur frei wählen: Je nach Alter, Interesse und kultureller Herkunft sind

verschiedene Motive entstanden: Friedenssymbole, Tiere, Zeichen und Spielräume.

Unter Anleitung der beiden Bildhauer Helmut Schön (Lippe) und Andreas Wiesner (Lippe) haben die TeilnehmerInnen die Fertigkeiten der Bildhauerei erlernt. Nach Werkzeug- u. Materialkunde machten einige ihre ersten Erfahrungen mit Hammer und Meißel. So entdeckten viele der Jungen und Mädchen neue Fähigkeiten an sich (Stärkung des Selbstvertrauens). Die Jugendlichen haben entweder allein oder in der Kleingruppe an einem Felsblock gearbeitet.

Während der ganzen Woche haben alle interessiert auch bei den anderen zugeschaut und Fortschritte der Steinbearbeitung beobachtet. Das Arbeiten am Stein erforderte viel Ausdauer und Konzentration. Die Jugendlichen lernten in dem Workshop auch kooperatives Arbeiten, denn viele Tätigkeiten konnten nur mit Unterstützung und Hilfe mehrerer Personen ausgeführt werden (z.B. Felsblöcke hebeln).

Während des Workshops hatten wir bereits viele ZuschauerInnen: FreundeInnen und Eltern der TeilnehmerInnen, ältere und jüngere BesucherInnen des Freizeitzentrums. Die Aufmerksamkeit dieser „Zaungäste“ und die dadurch zustande gekommenen Gespräche waren ein erfolgreicher Nebeneffekt der „Open-Air“-Werkstatt. So wurde in der Öffentlichkeit auf Jugendliche und ihre Themen sowie auf „Reizthemen“ unterschiedlicher Kulturen aufmerksam gemacht.

Am Ende der Woche stellten alle „BildhauerInnen“ ihre Felsblöcke zu einer Bodensonnenuhr zusammen (positives Gruppengefühl). Das erforderte viel Aufsehen: 15 Felsblöcke mussten bewegt werden (1/2 t Gewicht pro Felsblock)! Viele Hände waren erforderlich. Jugendliche die sich auf der benachbarten Skaterbahn aufhielten, erklärten sich spontan bereit, mitzuhelfen. Ein positiver „Zuschauereffekt“ trat ein: Immer mehr Kinder und Jugendliche kamen hinzu, fragten interessiert nach dem Sinn des Bauwerks und wollten mitarbeiten.

Der Zeiger der Uhr wurde aus Eisen zu einem Obelisk geschweißt, auf dem sich alle TeilnehmerInnen mit Namen

verewigen konnten (Identifikation).

Die fertiggestellte Skulptur-Sonnenuhr verschönert nun die öffentliche Grünanlage um das Freizeitzentrum herum und stellt eine echte Aufwertung des Stadtteils dar. Die BewohnerInnen und SpaziergängerInnen im Stadtteil schauen heute neugierig auf die Skulptur und erkennen an der Formgebung die Beteiligung von Jugendlichen unterschiedlicher Kulturen.

In Gesprächen mit Erwachsenen erfahren wir viel positives Feedback und häufig ein Erstaunen über die positive Leistung von Jugendlichen. Da die öffentliche Grünfläche ingesamt von vielen Kindern und Jugendlichen zum Spielen und Verweilen genutzt wird, haben jetzt auch schon viele andere das neue Bauwerk wahrgenommen. Es verspricht ein neuer Treffpunkt bzw. eine Begegnungsstätte zu werden. Und Serkan und Ümit sind stolz auf ihr Kunstwerk 4.

 

 

17) Freien Jugendkunstschule der Kulturwerkstatt e.V., Hamm: Theaterprojekt 2003

 

Ab Februar 2003 begann unsere theaterpädagogische Arbeit mit der Kindergruppe. Die Kinder waren im Alter von 6-10 Jahren, die Gruppenstärke umfasste 10 Kinder. Zu den Proben traf man sich in der kleinen Bühne der Kulturwerkstatt. Beworben wurde das Projekt über unser Programmheft, Fleyer und Plakate, die an Grundschulen verteilt wurden.

Eine Theaterpädagogin arbeitete schwerpunktmäßig mit den Kindern zum Thema Zirkus, es wurde gemeinsam mit den Kindern eine Geschichte entwickelt, in der Figuren aus Märchen mit verschiedenen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten versehen wurden, d.h. das Dornröschen konnte jonglieren, Rapunzel entwickelte sich zur Seiltänzerin, Gretel wurde zur wagemutigen Schlangenbeschwörerin, usw. Von Februar - Juli 2003 war die Theaterpädagogin und die Kindergruppe, die sich ca. 1x wöchentlich trafen, damit beschäftigt, eine Rahmenhandlung zu entwerfen und diese dann einzustudieren. Hinzu kamen Zirkuselemente, wie Jonglage, Menschenpyramiden bauen und Clownerie.

Unterstützt wurde die Gruppe ab Mai 2003 von 3 Künstlerinnen, welche gemeinsam mit den Kindern Kulissen entwickelten, Kulissen bauten und Kostüme nähten.

Im August wurde das Stück vor Eltern und Freunden der beteiligten Kinder präsentiert. Sowohl Kinder wie auch Eltern waren von diesem Projekt begeistert und können sich vorstellen, weiterhin Theater zu spielen. 8 von 10 Kindern leben im Hammer Westen (Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf) und gehören nicht zur typischen Zielgruppe unserer Einrichtung. Wir konnten also mit diesem Angebot ein anderes Klientel erreichen.

 

 

18) KUBISCHU, Hattingen: Seitensprünge – Sprünge über Seiten – Saitensprünge - Ein Literaturprojekt

 

In verschiedenen Arbeitsgruppen wurden seit Anfang 2003 Themen zum obigen Projekttitel bearbeitet. Es wurden Ideen gesammelt, literarische Texte gesichtet, ausgewählt und zusammengestellt, Hintergrundwissen aufgearbeitet, Texte zum Thema wurden selbst verfasst und bewertet. Ebenfalls erfolgte eine dialogische Umsetzung von Texten mit dramatischen und musikalischen Mitteln. In Zusammenarbeit mit Musikern wurden die textlichen Ergebnisse durch musikalische Beiträge unterstützt, ergänzt, kontrastiert etc. Dazu nahmen wir auch Kontakt auf zum Kulturbüro der Stadt Hattingen, der VHS und örtlichen Schreib- und Theatergruppen, wie z.B. TheaterSinnAntrieb. Über unsere Vereinsinfos und die Presse wurde die (literaturinteressierte) Öffentlichkeit zur Mitarbeit einladen.

In der Zeit vom 21.9. bis 12.10. gab es dann vier öffentliche Veranstaltungen, in denen die Arbeitsergebnisse präsentiert wurden. Als Ergänzung steuerte die VHS Hattingen zwei Abendveranstaltungen zum Thema bei.

Außerdem wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe ein Förderpreis für junge Autorinnen und Autoren zwischen 16 und 25 Jahren ausgeschrieben. Diese Ausschreibung erfolgte bundesweit und darüber hinaus auch im deutschsprachigen Ausland. Acht ausgewählte Nachwuchsschriftsteller wurden nach Hattingen zu einer Lesung eingeladen, ein Jury- und ein Publikumspreis wurden vergeben.

Das Kulturbüro und die VHS der Stadt Hattingen haben sich mit zwei eigenen Veranstaltungen beteiligt sowie der Kubischu kostenfrei Räume und Publikationsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Die Konzeption wurde in enger Zusammenarbeit erstellt.

 

 

59) Renegade Theatre, Herne: RUMBLE – Kampf. Tanz. Leidenschaft. HipHop-TanzTheater

 

Preisträger beim 11. Festival Freier Theater NRW ‚THEATERZWANG 2004’

Einladungen zu Festivals in Aachen, Hagen und Edinburgh 2004

 

14 (!) komplett ausverkaufte Flottmann-Vorstellungen im September 2003 und März 2004, 5 umjubelte – und ebenfalls ausverkaufte - Gastspiele im Theater im Depot Dortmund, Ringlokschuppen Mülheim und Tanzhaus NRW Düsseldorf.  Wohl selten in den letzten Jahren hat eine Produktion bei Flottmann so viel - positiv geladene - Staubteilchen aufgewirbelt und so viel neues, vor allem junges Publikum auch in Abendveranstaltungen gezogen.

Die Sprache ist von RUMBLE, dem HipHop-Tanztheater aus Kampf, Tanz und Leidenschaft, das Motive von Shakespeares Romeo & Julia aufgreift und die Liebesgeschichte in den Straßenkampf zwischen zwei verfeindete Jugendbanden, den Caps und den Montis, verlegt.

 

Und es geht weiter!

Die Show des RENEGADE-THEATRES in der Inszenierung von Markus Michalowski und Lorca Renoux in Koproduktion mit den Flottmann-Hallen und dem Theater Kohlenpott, ist nicht nur unter den 19 Ensembleproduktionen (+ 7 Soli), die aus 180 Bewerbungen ausgewählt und zum 11. Festival THEATERZWANG, dem Treffen freier Theater aus NRW, vom 05. – 13. März nach Dortmund eingeladen wurde. Die Inszenierung bestand auch ihre Feuerprobe vor einer international besetzten Jury und wurde mit einem der sechs Hauptpreise des Festivals in Höhe von 7500,- € ausgezeichnet. Vor ausverkauftem Haus fanden im Dortmunder ‚Theater im Depot‘  zwei Abendveranstaltungen statt. Und wieder zog die Show ein Publikum von 8 – 88 in den Bann, fesselte die Zuschauer während der 80-minütigen Vorstellung auf ihren Sitzen und riss es anschließend zu Beifallsstürmen hin.

Weitere Gastspieleinladungen stehen ins Haus: zunächst geht es nach Eisenhüttenstadt (20.03.), danach zum Schrittmacher-Festival im Ludwig-Forum in Aachen am 27.03. & 28.03. und am 17.06.04 zum TanzRäume- (ex-Traumtänzer)-Festival in Hagen.

Darüber hinaus steht das Renegade-Theatre zzt. in Verhandlungen mit der Neuen Philharmonie Essen, die ihren Spielbetrieb im Sommer aufnimmt. Der Intendant, Herr Kaufmann, ist an einer mehrtägigen Aufführungsserie von RUMBLE interessiert, die unter Federführung der Neuen Philharmonie in der nächsten Spielzeit in einer Halle des Weltkulturerbes Zeche Zollverein oder in der Neuen Folkwang-Aula stattfinden soll. In einer erweiterten Einstudierung mit Live-Musik.

Ganz besonders stolz aber ist das Ensemble um den künstlerischen Leiter Markus Michalowski und den Choreographen Lorca Renoux auf eine Einladung zum Edinburgh-Fringe-Festival. Das Edinburgh-Theatre-Festival und das parallel stattfindende Fringe-Festival sind – neben Avignon (F) – das weltweit größte Theaterspektakel. Einen ganzen Monat lang steht eine Stadt Kopf und im Zeichen von Theateraufführungen aus aller Welt. Die Einwohner ziehen aufs Land zu Verwandten und Bekannten und vermieten ihre Wohnungen an die Festivalteilnehmer und -besucher. Zahlreiche Veranstalter großer und kleinerer internationaler Festivals gehen in Edinburgh ‚shoppen’ und für manch eine Produktion ist dies das Sprungbrett für internationale Tourneen. Die letzte Gruppe aus NRW, die es geschafft hat, war die Flöz-Produktion des Maskentheater ‚Ristorante Immortale’ (u. a. mit Paco Gonzales) in der Regie von, man lese und staune, RUMBLE-Leiter Markus Michalowski.

22 (!) Vorstellungen von RUMBLE sollen im August dieses Jahres in Edinburgh über die Bühne gehen; in einer der renommiertesten Spielstätten des Fringe-Festivals, der St. Stevens-Kirche unter Leitung der internationalen Künstlervereinigung ‚Aurora Nova’.

 

19) Kulturbunker Mülheim e.V., Köln: "Bunkerbeschallung – Bunkerkultur"

 

Im Jahre 2003 fand im Kulturbunker Mülheim, durchgeführt vom Kulturbunker Mülheim e.V. eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Bunkerbeschallung – Bunkerkultur" statt. Diese Reihe wurde mit Mitteln der LAG gefördert.

Ziel der Veranstaltungsreihe war es, das historisch determinierte Baudenkmal Bunker zu beleben und anhand von künstlerischen Impulsen in einen neuen Kontext zu überführen. Der Bunker soll zu einem Ort der Kultur und der Begegnung werden. Gefördert werden sollte in den einzelnen Veranstaltungen die Vernetzung zwischen internationalen Künstlern und Künstlern vor Ort.

Die Veranstaltungsreihe gliederte sich in zwei Schwerpunkte.

Im Bereich "Bunkerbeschallung" wurde ein Konzertprogramm organisiert, welches Künstlern aus dem Bereich der experimentellen elektronischen Musik Möglichkeiten der Entfaltung gab. Angestrebt war auch ein thematisches Aufgreifen der Architektur und Funktion des Gebäudes durch die Künstler. Ferner sollte dieser Zweig der Reihe den Austausch mit Künstlern vor Ort fördern und intensivieren – Köln ist seit Jahren bekannt für seine vielfältige Szene der elektronischen Musik. Hervorzuheben ist hier das Gastspiel von Eugene Chadbourne (USA), der mit dem Kölner DJ Frank Dommert ein Duo einging und das Festival mit elektronischer Musik aus Schweden, welches gleichzeitig das Kunstprojekt „krev“ vorstellte. „krev“ setzt sich auf künstlerisch-spielerische Art mit Fragen von Identität, Historizität, Temporären Autonomen Zonen u.ä. auseinander. Diese Veranstaltung wurde ergänzend von der schwedischen Botschaft Berlin unterstützt. Ebenfalls mit der Bausubstanz Bunker setzte sich der britische Künstler The Hafler Trio mit einer Performance/Konzert/Ritual auseinander – diese Veranstaltung wurde ergänzend vom British Council Berlin gefördert.

Neben dem Schwerpunktthema Musik wurden in der Sparte - "Bunkerkultur" Ausstellungen, Lesungen und Videoinstallationen/Filmvorführungen organisiert. Hier hat besonders der Lesungs- und Filmabend mit dem NS-Zeitzeugen J. Grasshoff einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Rahmen der Museumsnacht 2003 stülpten außerdem das Kollektiv „Bildsicherungsdienst“ mit einer multimedialen Projektionsinstallation das Innere des Bunkers nach außen.

 Insgesamt ist festzuhalten, dass die Veranstaltungsreihe "Bunkerbeschallung – Bunkerkultur" das oben definierte Ziel erreicht hat. Die Veranstaltungen wurden größtenteils mit starkem Interesse aufgenommen und auch die Presse berichtete häufig.

 

 

20) BAF, Köln: „Freundschaft – mehr als ein Wort...“

 

In diesem Jahr war unser Projektziel, auf eine gemeinsame Ausstellung von Kindern, Mädchen und Jugendlichen in der Altersspanne von 6 – etwa 20 Jahren hinzuarbeiten. Hier sollten Sie ihre künstlerisch umgesetzten Gedanken und Gefühle zum Thema Freundschaft untereinander austauschen und der Öffentlichkeit zeigen.

In der Alten Feuerwache gibt es 3 pädagogische Bereiche, um mit den jeweiligen Bedürfnissen und Ausgangslagen der Kinder und Jugendlichen gezielter umgehen zu können. Im Folgenden ist die Arbeit  in den Bereichen auf dem Weg zu der Ausstellung beschrieben.

 

Das Malprojekt

Angesprochen waren Jugendliche aus dem Jugendcafé im Alter von 16 – 18 Jahren. Während der Kernzeit des Projektes von Mai bis August gab es wöchentlich 1 – 2 Treffen. Daran nahmen kontinuierlich 5 - 6 Jugendliche teil.

Phase: Annäherung an die Fragen „Was bedeutet Freundschaft“? und „Was bedeutet Kunst“

Überwinden der anfänglichen Scheu vor der Malerei anhand des Studiums verschiedener Kunststile mittels Kunstbücher und  Fachzeitschriften sowie durch die Vermittlung der Kunstbegeisterung des verantwortlichen Pädagogen, der selbst seit vielen Jahren als autodidaktischer Künstler tätig ist.

Wie lässt sich Freundschaft darstellen? Das Thema geisterte schon eine zeitlang durch das offene Jugendcafé. Die Bilder (s.o.) waren schon in Arbeit. So entwickelte sich  in Kooperation der Mitarbeiter mit 10 Jugendlichen die Idee immer weiter zu einem großen Objekt. Während den vielen gemeinsamen Gesprächen hatte die Skulptur die verschiedensten Gesichter – realisiert wurde dann folgende:

50 cm hohe und etwa 40 cm breite  Baumabschnitte bilden die Basis. Natürliche Verwachsenheit soll zum Ausdruck kommen, aber auch eine Anspielung an das Zitat „Leben einzeln und frei wie ein Baum und  brüderlich und schwesterlich wie ein Wald“. Das Holz wurde frisch im Wald gesägt und herantransportiert.

Portraits Jugendlicher wurden an einer Platte (20 x 30 cm) auf je einer wackeligen, 1 Meter langen Eisenstange befestigt – diese Stangen wurden dann einzeln in je einem Baumabschnitt einbebohrt und befestigt.

Die Aufstellung erfolgte annähernd kreisförmig in der Ausstellungshalle. Die Stangen wurden mit dünner nahezu unsichtbarer Schnur verbunden, sodass alle Bilder anfangen zu wackeln, wenn eines angestoßen wird. Es gibt auch leere Plätze für Bilder – der Kreis ist nicht abgeschlossen

Über die Schnur liegt, aufgeteilt in 4 Teile, der geschriebene Satz: Wer und was Mich bewegt, bewegt auch meine Freunde.

Über die intensive Arbeit während des Projektes hat sich der Berufswunsch eines Jugendlichen gefestigt – er arbeitet auf eine Ausbildung im künstlerischen Bereich hin.

 

„Eine, die mich wirklich kennt?“

Ein Projekt von Mädchen des Mädchentreffs der Alten Feuerwache

Im Rahmen des Projekts „Freundschaft - mehr als ein Wort“ haben sich 31 Mädchen und junge Frauen im Alter von 13 – 18 Jahren verschiedener sozialer und kultureller Herkunft mit dem Thema „Mädchenfreundschaft“ auseinandergesetzt.

Die Mädchen drückten ihre Meinungen, Erfahrungen und Gefühle in kreativer Form mit den künstlerischen Ausdrucksmitteln Fotografie und Video aus. Entstanden ist eine bunte Portraitreihe von Freundinnen, sieben mehrseitige, am Computer gestaltete Comicgeschichten zu „Mädchenfreundschaft“ und ein 16 Minuten langer Videofilm mit dem Titel „Beste Freundin – blöde Kuh“.

Zur Einführung des Themas wurde zunächst ein Kartenspiel mit verschiedenen Aussagen/ Fragen zu „Mädchenfreundschaften“ gespielt. Hier konnten die Mädchen ihre Meinungen, Erfahrungen und Ideale äußern. Dann konnte jede Teilnehmerin einen kurzen Fragebogen ausfüllen, der die Themen „Beste Freundin“, „Streit unter Freundinnen“, „Vor- und Nachteile einer Freundschaft“ und „Erwartungen an die Freundin/nen“ beinhaltete. Das Ausfüllen des Fragebogens war den Mädchen freigestellt; die Ergebnisse wurden von den Pädagoginnen zusammen gefasst und allen vorgestellt. Die Ergebnisse des Fragebogens stellten die Grundlage für die weiteren Gespräche  dar. In den folgenden Diskussionen haben die Mädchen sowohl die Bedeutung von Freundschaft als auch die Schwierigkeiten und Grenzen dieser betrachtet.

In der zweiten Phase wurde regelmäßig Mittwochnachmittags der Foto-Workshop „Freundinnen-Portraits“ angeboten.

Die Umsetzung der Idee, sich einmal mit der besten Freundin oder der Mädchentreff- oder der Schulfreundin fotografieren zu lassen, um sich anschließend im Posterformat in einer öffentlichen Ausstellung zu präsentieren, bedurfte schon etwas Mut.

Von jedem Pärchen wurden 10-20 Farbaufnahmen gemacht, um anschließend die Besten zur Vergrößerung auszuwählen. Die Orte, an denen die Bilder entstanden, wurden von den Mädchen und jungen Frauen selber ausgewählt. Die Dachterrasse des Steigeturms der Alten Feuerwache war ein sehr beliebter Aufnahmeort. Weiterhin entstanden Bilder vor einer Graffitiwand, am Rheinufer oder in der Loggia des Mädchentreffs.

Es ist eine sehr lebendige Reihe von Freundinnen-Portraits entstanden: 8 Bilder, die 15 Freundinnen in verschiedenen Gruppierungen zeigen, die in der Ausstellung durch Statements und persönliche Meinungen in Steckbriefform ergänzt wurden.

 

Der Comic-Workshop wurde Montagnachmittags, zeitweise parallel zum Foto- Workshop, angeboten.

Die Mädchen erarbeiteten zunächst in Kleingruppen die Geschichten in schriftlicher Form, um sie anschließend mittels inszenierter Fotografie umzusetzen. Nachdem die Bilder gemacht waren, wurde im nächsten Schritt am PC mit dem Bildbearbeitungsprogramm „Picture it“ der Fotoroman erarbeitet. Die Erstellung der Fotoromane am Computer erforderte von den Mädchen neben programm-spezifischen Kenntnissen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, Konzentration, Geduld und Ausdauer. Viele Mädchen beherrschten das Programm recht schnell und entwickelten einen sicheren Umgang damit. Einige Teilnehmerinnen sind bei der Bild- und Textbearbeitung an ihre persönliche Belastungsgrenze gestoßen. Sie erhielten in diesen Situationen Unterstützung durch ihre Freundinnen.

In den schön gestalteten Fotoromanen erzählen die Mädchen und jungen Frauen aus dem Alltag unter Freundinnen. Solidarität, Vertrauen, Neid und Enttäuschung sind unter anderem Inhalte der Geschichten. Sie gewähren somit einen Einblick in die Welt der Mädchenfreundschaft.

Die Portraitreihe und die Comicgeschichten wurden gemeinsam mit den Arbeiten der anderen pädagogischen Bereiche in der Ausstellungshalle der Alten Feuerwache, gezeigt. Die Resonanz war sehr positiv. Die Mädchen waren stolz auf ihre Werke und ihren Mut sich in dieser persönlichen Art und Weise öffentlich gezeigt zu haben.

Der Videofilm „Beste Freundin – blöde Kuh“ zeigt neben drei Spiel-Szenen Interviews zum Thema „Mädchenfreundschaft“. Der Film stellt die Wichtigkeit der Beziehung unter Freundinnen dar. Er zeigt, dass Vertrauenswürdigkeit und emotionaler Rückhalt einen besonderen Stellenwert in der Mädchenfreundschaft einnehmen - sie sind sozusagen die Voraussetzung für eine Freundschaft überhaupt.

Mit viel Engagement, Ausdauer und Spaß haben die Mädchen und jungen Frauen neun Monate an dem Projekt gearbeitet. Für die meisten Teilnehmerinnen war dies die erste Erfahrung mit Videoarbeit. Eine besonders beeindruckende Erfahrung für sie war, das nicht alles beim ersten Mal klappt und manche Szene häufig wiederholt werden muss, bis endlich alle zufrieden sind.Die Mädchen standen sowohl vor und als auch hinter der Kamera. Der Film wurde anschließend mit Unterstützung einer Fachfrau montiert.

Es ist ein gelungenes Projekt entstanden, welches im Rahmen einer feierlichen Premiere Anfang 2004 der Öffentlichkeit präsentiert werden wird. Der Film eignet sich als didaktisches Material für Lehrerinnen oder Mädchenpädagoginnen, um das Thema „Freundschaft“ in Mädchengruppen zu thematisieren.

 

Erarbeitung der Ausstellung „Freundschaft ist mehr als ein Wort ...“ mit Kindern

Wesentliches Ziel dieses Projektes war es, Kinder anzuregen und zu unterstützen, ihre Erfahrungen, Sichtweisen und Wünsche zum Thema Freundschaft mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln darzustellen.

An dem Projekt haben über 30 Kinder verschiedener kultureller Herkunft im Alter von sechs bis zwölf Jahren teilgenommen, die zu den regelmäßigen BesucherInnen des Kindertreffs der Alten Feuerwache gehören.

Im Kinderbereich lag der Schwerpunkt im bildnerischen Gestalten, da es in diesem Bereich vielfältige Möglichkeiten gibt, die kreativen Fähigkeiten der Kinder aufzugreifen. Wir haben den Kindern eine Reihe von verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln angeboten, um unterschiedlichen Interessen entgegen zu kommen. In der Regel haben wir ca.  zwei Wochen mit einer Technik gearbeitet, da diese Zeitspanne für die Kinder gut zu überschauen und zu bewältigen ist. Es entstanden Steinskulpturen, eine kastenförmige Skulptur, Bilderreihen, Guckkästen, Fotogeschichten und eine Performance. Die Kooperationen erfolgten hauptsächlich mit KünstlerInnen aus der Alten Feuerwache, um den Kindern den Zugang zu den Werkstätten und Ateliers im Zentrum zu eröffnen.

 

Ausstellung

Die Ausstellung wurde von vielen Kindern und auch etlichen Eltern und Erwachsenen besucht. Einige der mitwirkenden Kinder haben Eltern und Freunden, die an der Eröffnungsveranstaltung nicht teilnehmen konnten, im Laufe der Woche stolz die Ausstellung präsentiert.

Um den Besuch der Ausstellung für Kinder spielerisch und spannend zu gestalten, haben wir eine Freundschafts-Rallye mit verschiedenen Fragen und Such-Aufgaben zu den Exponaten

der Kinder ausgearbeitet.

Ein besonderes Anliegen war es uns, die beiden Grundschulen aus dem Stadtteil zu der Ausstellung einzuladen. Die Kinder, die an diesem Projekt mitgearbeitet haben, besuchen hauptsächlich diese beiden Schulen. Den Grundschul-Klassen haben wir eine Führung für Kinder angeboten, in der die Freundschaftsrallye ein wesentlicher Bestandteil war. Dieses Angebot wurde von drei Schulklassen wahrgenommen. Sowohl die Kinder als auch die Lehrerinnen waren von der Ausstellung sehr angetan.

 

Ausstellung und Öffentlichkeit (12. bis 19.10. 2003)

Die Ausstellungseröffnung am Sonntag war gut besucht.  Die anwesende Presse machte ausgedehnte Interviews mit den Künstlerinnen, es gab ein gutes Presseecho. Insbesondere der folgende Sonntag brachte noch einmal viele BesucherInnen in die Ausstellungshalle, da parallel auf dem Innenhof der Flohmarkt stattfand. Es gab viele ermunternde Kritiken für die AusstellerInnen und die Organisatoren.

 

 

62) aufabwegen, Köln: Geräuschwelten

Konzertreihe mit experimenteller elektronischer Musik/Post-lndustrial von aufabwegen, veranstaltet im cuba, Münster

 

Im Jahre 2003 führte aufabwegen eine Konzertreihe unter dem Titel ,,geräuschwelten“ im cuba Münster durch. Ziel der Reihe war es, internationalen Künstlern aus dem Bereich der experimentellen elektronischen Musik (Geräuschmusik/Post-Industrial) ein Forum zu geben. Dank der Unterstützung des Kulturamts der Stadt Münster und der LAG Soziokulturelle Zentren NW e.V. konnten 4 Konzerte organisiert werden, wobei der Höhepunkt das zweitägige Festival im Dezember war. Es waren Musiker aus Argentinien, USA, England,Frankreich, Belgien, Island und Deutschland zu Gast im Rahmen unserer Reihe. Ein wesentliches Ziel der Konzertreihe war es, die internationale Vernetzung voranzutreiben und bekanntere Acts auf Neulinge stoßen zu lassen. Beides ist im Rahmen der Konzerte gelungen. Mit der eigenen Website www.geraeuschwelten.de und zahlreichen Berichten in der lokalen Presse konnte die öffentliche Wahrnehmung für die Geräuschmusik. zumal in Münster, stark verbessert werden. Die Präsentation und Durchführung einer eigenen Konzertreihe. die sich speziell mit diesem randständigen Gebiet von populärer Musik befasst, trägt wesentlich zur Erweiterung des kulturellen Profils der Stadt Münster bei. Mit der Konzertreihe ,,geräuschwelten“ konnte sich Münster neben Berlin. Hamburg. Köln und Frankfurt zu einem der wichtigsten Konzertorte in Deutschland etablieren. Auch wenn es sich hei der Geräuschmusik nicht um ein Massenphänomen handelt. ist es doch wichtig, gerade dieser Spielart ein Forum zu geben. Unter den heutigen Produktionsbedingungen von Musik (Computer, MD) ist die Geräuschmusik aktueller und bedeutungsvoller denn je, wie zum Beispiel die große Ausstellung Frequenzen Hz in der Frankfurter Schirn zeigte, bei der übrigens zahlreiche Künstler mitwirkten, die in den letzten Jahren im Rahmen unserer Konzertreihe aufgetreten sind.

Es fanden Konzerte statt mit folgenden Künstlern: Stilluppsteypa (Island) & Reynols (Argentinien), Column One (D) & N (D), Elektronengehirn (D) & Xabec (D), Festival: The Hafler Trio (UK) & Das Synthetische Mischgewebe (F) & Frank Schulte (D), Annna Homler (USA), Bernhard Günter (D), Edward Ka-Spel (UK) & The Silverman (UK), Noise Makers Fifes (B) & Multer (Du Pure (A) & Zeitblom (D), Asmus Tietchens (D) & Baradelan (D).

 

 

104) Anne Engelhardt, Lengerich: „Was also ist Zeit?“

Ein interkulturelles Generationenprojekt zur menschlichen Ausdehnung Kooperationspartner: Jugendzentrum Lengerich

 

Dokumentation der ersten Projektphase von September 2003 bis Dezember 2003

Das Lengericher Zeitprojekt hat im September 2003 begonnen und seine erste Phase im Dezember 2003 abgeschlossen. Die zweite Phase beginnt im Februar 2004 und soll mit einer Aufführung und Ausstellung zur Eröffnung der Gempthalle als soziokulturelles Zentrum (Regionaleprojekt) im September 2004 in Lengerich enden.

Das Zeitprojekt hat seinen Ursprung in einer einzelnen Erfahrung von einer Wahrnehmungsveränderung: wenn z.B. eine vorübergehende Beinverletzung einem Menschen eine andere Gehgeschwindigkeit aufnötigt,  lässt ihn das seine Stadt anders erleben. Verallgemeinert heißt das: alte und junge Menschen bewegen sich unterschiedlich und nehmen deswegen ihre Stadt auch anders wahr. Menschen aus anderen Kulturen sind mit ihren Musiken und Tänzen aufgewachsen und haben andere Rhythmen und Geschwindigkeiten verinnerlicht.

Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Zeitverständnisse bedingen unterschiedliche Lebenserfahrungen, Interessen und unterschiedliches Handeln. Eine Stadt besteht aus vielen verschiedenen Menschen, die sich und ihre Umgebung in einem sehr individuellen Zeitverhältnis erleben. Um Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und damit in ihrer Wirklichkeit – anstelle ihres statistischen Vorkommens als Käufer, Jugendlicher, Rentner, Wähler, Behinderter, Ausländer - wahrzunehmen, muss man von einer engen, zu einer weiten Sichtweise kommen. Nur so ist es möglich, verschiedene Menschen zu integrieren und das gleichgültige Nebeneinander, das konflikthafte Gegeneinander oder das hierarchische Übereinander aufzulösen.

So ein Projekt kann nicht auf die individuellen Erlebnisse der Einzelnen zurückgehen, aber es kann sich auf Gruppen stützen, die sich selbst nicht in ihrer statistischen Existenz genügen, sondern sich produktiv mit ihrer Wirklichkeit auseinandersetzen und sie kulturell spezifisch gestalten. Gruppen, vorhanden oder neu zu gestaltende – wie die im Zeitprojekt – können somit eine genauere Abbildung der städtischen Wirklichkeit in ihrer gegenwärtigen Zeitlichkeit leisten als es anderen möglich ist.

In Lengerich gibt es viele kleine und größere Gruppen, die sich kulturell engagieren. Typisch dabei sind die klaren Trennungen zwischen alt und jung, sowie deutsch und ausländisch. Das Zeitprojekt wollte und will versuchen, diese Trennungen für eine begrenzte Zeit aufzuweichen, um Kontakte untereinander und Verständnis füreinander aufzubauen. Aus diesem Grunde wurde zu verschiedenen Institutionen in Lengerich Kontakt aufgenommen, um mit bestehenden Gruppen ins Gespräch zu kommen. Aus einigen Gruppen wurden Personen gewonnen, die als Verbindungspersonen den Austausch und eine Zusammenarbeit mit den verschiedenen Gruppen und Institutionen gestalten (Jugendzentrum, Kirche, Frauenarbeitskreis, Forum 60, Musikschule).

In den ersten vier Wochen des Projekts gab es wöchentlich einen kreativen Austausch über das Thema Zeit und zwei Aktionen (Zeitlupengang, Interviews zum Thema „Was also ist Zeit?“) in der Lengericher Innenstadt. Diese vierwöchige Anlaufphase diente dazu, sich zu informieren, zu orientieren und Teilnehmer aus verschiedenen Kulturkreisen und Altersgruppen zu werben. Auffallend  war, dass wesentlich mehr Frauen und Mädchen (ca. 3/4) als Männer und Jungen sich an einer Teilnahme interessiert zeigten. Diese Geschlechterverteilung war bei den ausländischen Interessierten noch extremer. Es beteiligten sich bisher deutsch-russische Mädchen und Jungen, iranische und türkische Frauen.

An den vier Austauschabenden wurde die Unterschiedlichkeit von älteren und jüngeren TeilnehmerInnen, sich dem Thema „Zeit“ zu nähern, schon deutlich.

So wurde der Vorschlag einer 70-jährigen Frau, sich mit den verschiedenen Lebensläufen zu beschäftigen, von einer 20-jährigen mit dem Satz kommentiert: „Da habe ich mit meinen 20 Jahren im Verhältnis zu ihren 70 Jahren wenig zu bieten.“ Oder eine ältere Frau konnte sich nicht vorstellen, mit jüngeren in einer Tanzgruppe zu arbeiten, da sie ja vieles nicht mehr so könne und sich bei einer öffentlichen Präsentation ihrer vielen Falten schäme. Genau diese Zeitfragen und Widersprüche waren der spannende Ansatzpunkt für die weiteren Gespräche über das Thema „Zeit“ und nährten Ideen für Gestaltungsmöglichkeiten mit den verschiedenen Medien. So begannen nach den Herbstferien  vier Arbeitsgruppen zu den Medien Fotografie, Akustik, Musikimprovisation und Tanztheater.

Insgesamt haben bisher 34 Menschen im Alter von 13  bis 70 Jahren teilgenommen, davon sind 27 Frauen und Mädchen und 7 Männer und Jungen; 8 deutschrussische Mädchen, 2 deutschrussische Jungen, 3 türkische Frauen und eine iranische Frau. Diese vier Gruppen arbeiteten fürs erste unabhängig voneinander. Jede Gruppe hatte ihre eigene Organisationsform und sammelte Ideen für ihre mediale Umsetzung bzw. probierte einfach ihre Möglichkeiten unter fachlicher Anleitung aus. Im November gab es das erste Treffen der Gruppenleiter und einen Austausch über die bisherige Arbeit. Um allen TeilnehmerInnen einen Einblick über die bisherige Arbeit aller Gruppen zu geben und gleichzeitig in der Öffentlichkeit für das Projekt zu werben, wurde ein erster Präsentationsabend im Januar verabredet und am 28.1.2004 mit Erfolg durchgeführt.

Mit der Weiterführung des Zeitprojektes in 2004 soll diese Arbeit vertieft werden. Es wird eine stärkere Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen untereinander und eine gemeinsame konzeptionelle Ausrichtung für die Aufführung im September diesen Jahres angestrebt.

 

 

25) BÜZ Minden: 20 Jahre BÜZ Rückblick 2003

 

Wie viele andere Kulturinstitutionen auch, befand sich das BÜZ von Anfang bis Mitte des Jahres 2003 vielfältigen Irrungen und Wirrungen ausgesetzt. Die vorgesehenen Vertragsverhandlungen wurden durch die unsichere Haushaltslage der Stadt Minden verzögert. Die Verkündung des Haushaltsicherungskonzeptes im März machte deutlich, dass Bürgermeister Korte und die Kämmerin Frau Dr. Buchholz die Stadt im Alleingang und auf Kosten der Kultur sanieren wollten. Glücklicherweise machten sich Bevölkerung, Interessenvertreter und Politik auf, gegen diese Unsinnigkeit anzugehen. Nicht mehr dem Kulturausschuss, sondern den Fraktionsvorsitzenden der Parteien hat das BÜZ schließlich einen mutigen, eigenen Konsolidierungs- Vorschlag unterbreitet, um den im Haushalt mit unhaltbaren 50.000,- € (vorher  165.000,- €) angesetzten Etat zu retten. Die Anerkennung unserer Arbeit, die schnelle Reaktion in Form eines Zukunftskonzeptes und das persönliche Engagement von Personen wie dem Ersten Beigeordneten Peter Kienzle und Mitarbeitern des Fachbereichs für Kultur haben tatsächlich dazu beigetragen, dass der Kreis als Aufsichtsbehörde einem Vertrag zwischen Stadt und BÜZ zustimmte. Im Oktober konnte vom Vorstand endlich ein neuer Vertrag unterzeichnet werden. Nun wird das Haus in den Jahren 2004 bis 2007 mit 120.000,- € kommunalen Mittel unterstützt (2003 noch 165.000,- €).

 

20-jähriges Jubiläum des Kulturzentrum BÜZ

Zum 20-jährigen Jubiläum begegnete das BÜZ-Team von September bis Oktober  2003 der Öffentlichkeit mit einer Reihe von 20 Veranstaltungen, die in einem besonderen Bezug zur Geschichte des BÜZ standen. Es wurden KünstlerInnen eingeladen, die sich durch wiederholte Auftritte im BÜZ einen besonderen Beliebtheits- und Bekanntheitsgrad erarbeitet haben oder sich in ihrer Arbeit in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen bewegen.

 

KünstlerInnenforum

Anlässlich des Jubiläums wurde ein Künstlertreffen vom BÜZ ins Leben gerufen, um die regelmäßige Begegnung von KünstlerInnen der Region fördern. Ziel der Initiatoren war es, einen Austausch als Zukunftsforum anzuregen, um sich über aktuelle Veranstaltungsformen, Veranstaltungsideen, neue Trends, experimentelle Begegnungen auseinander zu setzen. Zusätzlich wurde der Wunsch ausgedrückt, für das Jubiläum Sparten übergreifende Projekte zu entwickeln. Dieser Themenbereich wurde ausgewählt, weil es sich als Arbeitsweise durch eine künstlerische Offenheit, die Fähigkeit zur Flexibilität und Lust am Perspektivwechsel  auszeichnet. Dieser prozesshafte Austausch bietet die Möglichkeit, neuartige Arbeitsweisen und –haltungen auszuprobieren und als Impulse weiter zu geben Trotz großer Resonanz bei den ersten beiden Treffen, verlief der Kommunikationsprozess insgesamt recht verhalten, das speziell eingerichtete Internetforum (www.buezminden.de/20 Jahre) z.B. wurde von nur einem der Künstler genutzt. Dennoch haben sich aus diesem Treffen verschiedene Aktionen ergeben, die sich im Jubiläumsprogramm wieder finden (siehe Wolkenstein-Aktion und Queen of the Nights am 12./13.9.). Ein Buchprojekt konnte noch nicht realisiert werden.

Zusätzlich wurden dem BÜZ nahe stehende und aus Minden stammende KünstlerInnen ausgesucht, die sich mit interdisziplinären Veranstaltungen auf der Bühne des BÜZ präsentierten.

 

Veranstaltungen:

12./13.09.             Jubiläumsfest - „20 Jahre Kulturverein Wolkenstein im BÜZ“

Auch der Kulturverein Wolkenstein feierte sein 20jähriges Bestehen. Das wurde mit einer kollektiven Collage für ein Wandbild und zwei Performance Hours mit Mail-Artisten gefeiert. Ein eigenes für das Jubiläum hergestellter Kunst-Wegweiser auf dem Johanniskirchhof zeigt die Heimatorte und die lokal-globale Verbundenheit mit vielen Künstlern aus Irland, Österreich, Georgien, Griechenland, Großbritannien, Italien und Deutschland.

 

QUEEN OF THE NIGHTS– ein Midnightspecial

In dem KünstlerInnenforum traf eine Opernsängerin  auf Rockmusiker und gemeinsam inszenierten sie ein ungewöhnliches Mitternachtsspektakel, dass Grenzen und Musikgenres in einzigartiger Weise überschritt.

 

GIESEKINGS Literaturlounge mit ERWIN GROSCHE und DAGMAR SCHÖNLEBER

Enthoben von der Pflicht sich nach Regieanweisungen und Textvorgaben im Rahmen eines Programms zu präsentieren, erlebt das Publikum die Künstler authentisch, intelligent, satirisch und vor allem: hautnah. Denn Plaudereien aus dem Leben der Akteure ergänzen den literarischen Abend. Ganz speziell zum Geburtstag des BÜZ trafen Dagmar Schönleber  Lemgo, Erwin Grosche, Paderborn, und eben Bernd Gieseking, Minden-Kutenhausen, aufeinander. Sie alle haben eines gemeinsam. Sie alle stammen aus Ostwestfalen und sprachen über Gemeinsamkeiten, Besonderheiten und Überlebensstrategien in Ihrem Leben als Ostwestfalien Alien, wie GIESEKING die Spezies inzwischen nennt.

 

KOGGE Poetry Slam mit Musik von GREGOR LAX

Hier kam zusammen, was schreibt oder neugierig ist auf die ungewöhnliche Vortragssituation: ob aus der Hip Hop- oder der klassischen Literaturszene. Interessanterweise gewann auch diesmal ein junger, noch ungeschliffner Dichter aus Minden den Wettstreit. Da hatten erfahrene Kollegen das Nachsehen.

 

FloorJivers - Vinyl meets human players

In diesem Trio fanden sich drei Musiker, zugleich drei Musikgenerationen mit ihren individuellen Erfahrungs- und Erlebniswelten. In einem spontanen, kreativen Prozess, einem offenen Jazzkonzept ähnlich, kreierten die drei eine neue Form des „Live-Remixing“ und ließen neue musikalische Strukturen entstehen.

 

WOLFRAM HUSCHKE - Der Jimi Hendrix des Cello

Nach einem Jahr völliger Zurückgezogenheit begegnete uns ein aus dem Jungbrunnen der Klausur entstiegene HUSCHKE: Bereits zum dritten Mal verblüfft und fasziniert der sympathische Cellist, Lebenskünstler mit seiner einzigartigen Performance. Erstmalig las HUSCHKE eigene Texte und ließ während des Abends am Feuerwerk seiner Musik mit wahnwitzigen Improvisationen quer durch die Musikstile entstehen.

 

SALON

Diese besondere Veranstaltung fand bislang in heimeliger Atmosphäre des Privaten statt. MARTINA LORENZ und MARTIN FROMMHOLZ als Initiatoren, Gastgeber und Moderatoren haben im Stile des historischen Salons des 17. bis 19. Jahrhunderts „konspirativ“ die kreative Szene der Stadt zu sich nach Hause eingeladen. Alle Sparten und Generationen haben sich zu diesem außergewöhnlichen Kreis zusammengefunden, um ihr Können vor neugierigem Publikum zu präsentieren. Erstmalig, aber hoffentlich nicht einmalig, wurde dieser Zirkel nun auf die Bühne des BÜZ übertragen. Es wurde gelesen, gedichtet, gesungen, musiziert, getanzt und gewitzelt. Halb-öffentlich. Der Eintritt der geladenen Gäste bestand aus kulinarischen Mitbringseln, die zu einem köstlichen Büfett zusammen getragen wurden. Nur 40 Karten im freien Verkauf ließen wenige, aber gern gesehene, Zaungäste zu.

 

MT unterwegs: Stadtgespräch - Kultur und Leben in der Stadt

Kultur verlockt, verändert und bricht Grenzen auf. Doch was ist, wenn Kulturschaffende ihre Kreativität mehr dafür verwenden müssen, Geld für Projekte zu finden statt selbst zu gestalten? Kann dann Kultur noch Gegen-Bewegung, ironischer Spiegel, poetische Kritik sein? Um aktuelle Trends in der Kultur, die Bedeutung heimischer Angebote und die Ziele der politisch Kulturverantwortlichen ging es beim ersten Stadtgespräches des Mindener Tageblattes im BÜZ. Wie, fragt sich angesichts der Geldknappheit, soll Mindens Kultur in 20 Jahren aussehen?
Zur Gesprächsrunde geladen waren Aktive aus Kultur und Politik mit dem MT-Moderationsteam HANS-JÜRGEN AMTAGE und MONIKA JÄGER. Für den nötigen Durchblick sorgte der Kabarettist BERND GIESEKING als Kommentator. GREGOR LAX improvisierte Jazz-Standards am Piano.

Gäste: Jan Hoet, eh. Dokumentachef + Leiter des MARTa; Herford, Dr. Rathert, Galeristin + CDU-Kulturkreis; Dr. Gabriele Buchholz, Kämmerin; Birger Hausmann, Autor und Regisseur Deutschlands ältesten Laien-Kabarettgruppe „Mindener Stichlinge“; Bertram Schulte, Leiter des Mindener Stadttheaters; Susanne Eisch, Sängerin, Helga Neuhaus, Vorsitzende des Kulturausschuss/Stadt Minden

 

Fazit: Die kritische Finanzsituation und die negative Berichterstattung einschließlich der Schließungsdiskussionen bescherte dem BÜZ im ersten Halbjahr 2003 ein überwiegend negative Ausstrahlung und damit einhergehende abnehmende Zuschauerzahlen. So stellte es sich als Glücksgriff heraus, dass das Team nach der Sommerpause mit einem kraftvollen und vielfältigen Jubiläumskonzept an die Öffentlichkeit herantreten konnte. Ein Plakat und die Programmhefte wiesen alle 20 Veranstaltungen, Künstler und Förderer des Projektes aus und veranschaulichten das Interesse an der Einrichtung. Das BÜZ-Team selbst signalisierte Kompetenz, Kreativität und Durchhaltevermögen, in dem es mit einem Konzept aus bewährten und innovativen Veranstaltungen in die Jubiläumsfeierlichkeiten eintrat. Insbesondere die von der LAG geförderten Veranstaltungen zeichneten sich durch einen speziellen Charakter aus. Hier hatte das BÜZ und auch die beteiligten KünstlerInnen die Gelegenheit, Neuartiges auszuprobieren. Wenn der interdisziplinäre Rahmen insgesamt auch etwas zu anspruchsvoll gewählt war, ging das BÜZ als Impulsgeber mit neuartigen Themen, Künstlerkonstellationen, Kontakten und starker Medienpräsenz aus dem Projekt  hervor.

 

 

26) Jugendkulturzentrum Volksschule, Moers: PALASTREVOLUTION - Regio-Impro-Show

 

Öffentliche dargeboten kennt man Theatersport entweder von Profis oder von eher erwachsenen DarstellerInnen gespielt. Dass Jugendliche Mannschaften bilden, die öffentlich gegeneinander für ein generationsübergreifendes Publikum antreten, ist eher die Ausnahme. Eine dieser Ausnahmen ist die ehemalige TheaterAG des Amplonius Gymnasiums in Rheinberg, PALASTREVOLUTION. Sie trainiert – gecoacht von einem Theaterpädagogen – seit zwei Jahren Techniken der Theaterimprovisation und präsentiert die Ergebnisse zweimal im Jahr der Öffentlichkeit. Von ihr ging der Gedanke, den Theatersport in der ländlichen Gegend des linken Niederrheins zwischen Moers und Xanten bekannt zu machen und zu etablieren aus, nicht zuletzt auch angetrieben von dem Wunsch, andere im Spiel qualifizierte Mannschaften aus Städten der Region begegnen zu können.

Mit Hilfe der Förderung durch die LAG Soziokultureller Zentren in Nordrhein-Westfalen war es im Frühjahr 2003 nun möglich geworden, im Verbund mit anderen soziokulturellen Einrichtungen bzw. Gruppierungen den Aufbau eines niederrheinischen Theatersport-Netzwerkes voranzutreiben. Es entstand eine Kooperation aus DIE VOLKSSSCHULE in Moers, dem JZ KLINGERHUF, dem CAFE SELTZAM in Kamp-Lintfort sowie dem ZUFF! in Rheinberg.

Die einzelnen Einrichtungen boten Jugendlichen die Möglichkeit, sich für öffentliche Auftritte im Rahmen des Theatersport fit zu machen sowie grundlegende Techniken der Improvisation zu trainieren. Zu diesem Zweck wurde jeweils mit einem eigens hierfür engagierten, externen Improvisationstrainer mehrere Wochen lang in den einzelnen Einrichtungen trainiert.

Die PLALASTREVOLUTION selbst machte den Anfang der Gastspiel-Serie und trat im April bzw. Juni in Moers, im Mai in Neukirchen-Vluyn und im Juni in Kamp-Lintfort auf. Die Auftritte waren jeweils gut bis sehr gut besucht und wurden von dem jeweiligen generations-übergreifenden Publikum stets frenetisch abgefeiert.

In der Zwischenzeit hatten die anderen Mannschaften trainiert und bereits im Schutzraum der Halböffentlichkeit der eignen Einrichtung Auftritte in den einzelnen Veranstaltungsräumen absolviert. Lediglich die Mannschaft aus Neukirchen-Vluyn schmiss im Laufe der Probenarbeit das Handtuch bzw. erwies sich bereits während der Gastauftritte als wenig kooperativ.

In der zweiten Jahreshälfte traten die einzelnen Mannschaften schließlich gegeneinander an bzw. besuchten sie einander in den jeweiligen Partnerstädten. So spielte die PALASTREVOLUTION in Duisburg bei den RHEINPFLIPPERN bzw. kamen diese Anfang Dezember, ebenso wie die BESCHGEIGEN aus Kamp-Lintfort für ein Impromatch nach Rheinberg.

Die Pressetexte zeugen von der guten Stimmung während der Improshows und von dem allgemeinen Interesse sowohl der TeilnehmerInnen wie auch der Zuschauer an dieser, zumindest für den ländlichen Niederrhein noch ungewohnten Theaterform. Darüber hinaus dokumentieren sie das Interesse der Gruppen aneinander, aus dem heraus sich bereits weitere Gastspiel-Pläne und weitere Austauschtreffen für die Zukunft in Moers, Rheinberg, Duisburg und Kamp-Lintfort ergeben haben bzw. diese konkret geplant worden sind.

Ein weiteres Highlight, das sich aus der Popularität des von der LAG geförderten Projektes ergeben hat, ist der Weltrekordversuch im Langzeit-Improvisieren Mitte März 2004 im Rahmen der Eröffnung der Kreiskulturtage, bei der zahlreiche Mitglieder aller Mannschaften zugegen sein werden.

Vor diesem Hintergrund lässt sich das Projekt, auch in seiner zukünftigen Vernetzung ein voller Erfolg beschreiben, den es in dieser Form ohne die Förderung durch die LAG sicherlich nicht gegeben hätte. Dass das Team in Neukirchen-Vluyn gescheitert bzw. letztendlich nicht zusammen gekommen ist, ist bedauerlich lässt sich aber gerade im Jugendbereich nicht über das Knie brechen.

 

 

28) Ringlokschuppen, Mülheim: Zwei Ensembles verschmelzen für die Aufführung der deutsch-ghanaischen Koproduktion "Broke".

Vier Männer stolzieren über die Bühne, schwenken ihren Bowler, das Sinnbild für Bürgertum und Geld. Eine Frau im Pelz hechelt ihnen hinterher und versucht, einen der Geldscheine zu erheischen, mit denen die Männer herablassend um sich werfen. Emsig liest sie die Scheine auf. Da wandelt sich die Szene. Die Männer stehen in einer Reihe und fallen nach einer Berührung der Frau nacheinander um. Jetzt steht sie im Mittelpunkt, wird von allen Seiten hofiert, umworben und geküsst. Das erinnert schon an eine Revue-Szene.

Zwölf Tänzer aus sieben Nationen
Traum, Schein und soziale Wirklichkeit fließen bei "Broke", der ersten deutsch-ghanaischen Koproduktion von Mark Sieczakarek mit Tänzern aus sieben Nationen ineinander. "Broke", zu deutsch pleite, thematisiert Armut, die in Europa verdrängt wird, in Afrika aber Alltag ist. Auf der weißen Bühne liegen Unmengen von Pappkartons, die für die Habenichtse multifunktional eingesetzt werden und auch als notdürftige Behausung dienen.
Nach der Vorpremiere im Nationaltheater von Accra am 9. Mai ist das Stück jetzt am Freitag und Samstag um 20 Uhr im Ringlokschuppen zu sehen. Ein einmaliges Erlebnis, denn die zwölf Tänzer der zwei Ensembles werden schon allein aus Kostengründen so schnell nicht wieder auf einer Bühne tanzen, obwohl das grenzenlose Gemeinschaftsprodukt auch überregional auf Interesse stößt. "Aber schon der Weg, um dieses Projekt zu finanzieren, war steinig genug", meint Holger Bergmann, künstlerischer Leiter des Ringlokschuppens. "Hier sind keine Gegensätze zusammen geführt worden, vielmehr hat hier eine vorsichtige Annährerung auf Augenhöhe stattgefunden, bei der sich viele Gemeinsamkeiten ergaben", erzählt er.
Die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Tänzern der Dance Factory ergab sich, nachdem der aus Schottland stammende Tänzer und Choreograph Mark Sieczkarek vor drei Jahren auf Einladung des Goethe-Institutes in Ghana einen Tanz-Workshop angeboten hatte. Mit den afrikanischen Tänzern brachte er zunächst das Stück "Living with Aids" auf die Bühne. Das Gemeinschaftsprojekt ist die logische Fortsetzung, mit der der Kontakt auch nicht zu Ende ist. Das einstündige Stück verzichtet auf eine durchgehende Geschichte, zeigt Börsengewinn und Kriegsverlust sowie Szenen mit Tätern und Opfern. Zum Tanz wird eine musikalische Collage aus Popsongs, Free Jazz und brasilianischen Rhythmen erklingen. Auf die weißen Wände werden Bilder von Schaufensterdekorationen und Alltagsszenen projiziert. "Uns geht es nicht um Multimedia, wir wollen auch keine Phantasiemenschen zeigen, sondern Menschen, wie sie in Deutschland, in Ghana oder sonst wo auf der Welt leben", meint Tänzer Camillo. Deshalb treten die Tänzer auch in Alltagskleidung auf. Mit den Proben begann Sieczkarek bereits im Frühjahr abwechselnd in Accra mit der Dance Factory und in Mülheim mit seiner Company. Beide Ensembles sollen das Stück nach der Premiere allein aufführen können.

Seit gestern proben die Tänzer wieder gemeinsam. Nicht nur die Afrikaner haben eine lange Reise hinter sich. Sieczkarek und seine Company sind am Montag erst aus Brasilien zurückgekehrt. Dort sind sie als einziges europäisches Ensemble vor 1600 Zuschauern beim Kulturfestival, das vom Fernsehen übertragen wurde, mit "Home-thoughts, from abroad" aufgetreten und begeisterten das Publikum. (stt)

 

Das Projekt „Broke“, das der Choreograph Mark Sieczkarek mit den beiden Kompanien Dance Factory aus Accra und der Mark Sieczkarek Company aus Mülheim an der Ruhr erarbeitete, ist eine wichtige Weiterführung der internationalen Tanzarbeit und des Austausches der beiden Kompanien gewesen. In dieser gemeinsamen Produktion wurden die Potentiale, die eine Zusammenführung beider Kompanien beinhaltet, überaus deutlich und überzeugten.

Die Choreographie, die ehemals unter dem Arbeitstitel „Poverty“ firmierte, ist die zweite Produktion von Sieczkarek mit der Dance Factory, und die erste gemeinsame Produktion beider Kompanien. Nach der ersten Arbeit „Living with Aids“ stellte sie eine kontinuierliche Fortführung der Kooperation dar, die beide Kompanien zu einem gemeinsamen Tanzabend vereinte.

Die ersten Probephase hat am 17. März 2003 im Ringlokschuppen begonnen, indem beide Kompanien gemeinsam an der Entstehung der Tanzproduktion arbeiteten. Nach dieser etwa 10-tägigen gemeinsamen Probephase haben beide Kompanien getrennt an der Produktion weitergearbeitet. Ende April reiste dann die Mark Sieczkarek Company nach Accra, um in drei Wochen eine Voraufführung der Produktion im Nationaltheater Accra zu zeigen. Dort sahen über 2000 Leute diese Produktion und feierten die Zusammenarbeit beider Kompanien als wichtigen Bestandteil des Europatages.

Dieser gewagte Sprung zwischen den Kulturen hat ein erstaunliches Echo in Deutschland gefunden. Während der ersten Produktion „Living with Aids“ noch sehr naive Züge - gerade bei den schwarzafrikanischen Tänzern - von der Kritik angelastet wurde, hat Mark Sieczkarek es verstanden, mit dieser Produktion einen zeitgenössischen Ausdruck des Tanzes zwischen dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent zu kreieren.

 

Die abschließende letzte Probephase zur Premiere am 26. und 27. September im Mülheimer Ringlokschuppen verfolgte dann auch ein anderes Ziel als die Probephasen zuvor: Jetzt ging es darum, das Stück zur Deutschlandpremiere gemeinsam aufzuführen, aber auch gleichzeitig so zu arbeiten,

dass beide Kompanien dieses Stück unabhängig voneinander weiter in ihrem Repertoire halten können. So ist „Broke“ heute Bestandteil des Repertoires der Dance Factory in Accra und der Mark Sieczkarek Company in Mülheim und es wird weiter auf den Freien Bühnen in NRW, Deutschland, Europa und auch auf dem afrikanischen Kontinent gezeigt.

 

 

29) cuba cultur, Münster: Ausstellungsreihe „Ausblicke“

 

Insgesamt fanden einschließlich zweier Sonderausstellungen neun anstatt der geplanten zehn Ausstellungen statt. Somit entwickelten und präsentierten sieben junge Künstler und Künstlerinnen der Region im Rahmen des thematischen Ausstellungsprojekts Ausblicke in die Zukunft ihre Arbeiten:

 

10. Januar – 02. Februar 2003: „California Dreaming“ – Andreas Märker. Der Münsteraner Kunstakademiestudent entwickelte und reflektierte in seiner Rauminstallation mit Ton und Objekten eine Vision individueller Alltagsbewältigung: Rückzug aus dem alltäglichen Aufgabenfeld mittels Erschaffung eigener Gedanken- und Traumwelten.

 

7. März – 6. April 2003: carrecording X: „Innenansichten vom ruhenden Verkehr“ – Anja Kreysing. Die Münsteraner Künstlerin präsentierte eine Audioinstallation mit Objekten, die sich mit der Auflösung von Individualität und Privatsphäre als Folge der Standardisierung im modernen Leben auseinander setzte.

 

8. Mai – 1. Juni 2003: „Hotel Welcomely“ – Till Nachtmann. In seiner Videoinstallation im Raum, die auf einem seiner literarischen Texte basierte, thematisierte der Kunststudent das Feld der Medien und sprachlichen Zeichen als Mittel der Verständigung – eine Verständigung, die sich immerwährend im Spannungszustand zwischen (Un-)Eindeutigkeit und somit der (Un-)Möglichkeit befindet.

 

6. Juni – 6. Juli 2003: gute jagd und schnelles töten“ – Maren Berk. Mit ihrer Rauminstallation mit einer Kaimanskulptur und weiteren Objekten stellte die Münsteraner Kunstakademiestudentin die weltweite gesellschaftliche Bedrohung durch Massenkonsum im Wechselspiel mit dem Reiz gerade in der Gefahr dar.

 

6. September – 5. Oktober 2003: „Fenster zur Welt“ – Maike Kloss. Mit ihren raumgreifenden Bildern und der dreiteiligen Fensterinstallation konfrontierte die Malerin aus Münster das Publikum mit dem Welt-Individumms-Verhältnis zwischen manipulativer Machtbestrebung und Gleichheit aller Menschen.

 

10. Oktober – 2. November 2003: „ZERO – „...nicht Bilder...““ – Stephan Us. Die Rauminstallation des Münsteraner Performancekünstlers setzte sich mit dem Phänomen des Nichts im künstlerischen Raum auseinander und zeigte auf, dass das Nichts auch in bezug auf die Zukunft nur vermeintlich ist, denn hinter ihm verbirgt sich vieles als Potenzial.

 

7. – 30. November 2003: „aus der Hosentasche für die Zukunft“ – Mark Formanek. Bloße Fundmaterialien setzte der Münsteraner Künstler zu Neuem zusammen, zeigte Ist-Zuständen von Alltäglichem, teils per Video aufbereitet und verwies inhaltlich auf die individuelle Gestaltungsmöglichkeit von alltäglichen Situationen und Gegebenheiten.

 

Alle Künstler und Künstlerinnen griffen mit und in ihren Arbeiten gesellschaftsrelevante Themen und Problemfelder im Großen wie im Kleinen auf, zeigten sie als Bedrohung und / oder Herausforderung oder schlicht als Phänomen auf und reflektierten gesellschaftlich übliche Umgangsformen. In dieser Reflektion positionierten sie sich insofern, als dass sie gesellschaftliche Spannungszustände verarbeiteten und sie als auch in der Zukunft bestehende Aufgaben begriffen. Positionierungen im Sinne von (plakativer) Kritik an offensichtlichen Missständen fanden nicht statt, konkrete zum Beispiel weltpolitische Bedrohungen als Themen blieben aus.

Stattdessen aber war das Herausgreifen von individueller Alltagstrivialität als wiederkehrender Bezugspunkt auffällig, Situationen, die „jeder kennt“, die teilweise eingebettet waren in größere Zusammenhänge bis hin zu philosophischen Fragestellungen der Verständigung oder auch des Welt-Individuum-Verhältnisses.

 

Zudem fanden zwei Sonderaussstellungen statt:

11. April – 4. Mai 2003: Sonderausstellung: Portraits – Aktuelle Fotografie aus Lettland – Inta Ruka (Riga). In ihren beiden Schwarz-Weiß-Serien – „My Countries People“ und „People I Happened To Meet“ – dokumentierte die Fotografin den gesellschaftlichen Wandel ihres Landes anhand der Darstellung ihrer Landsleute – quer durch alle Alters- und Sozialschichten.

6. September 2003: „Rückblicke 2003“. Anlässlich der Langen Nacht der Museen und Galerien fand ein Rückblick auf die bis dahin präsentierten Arbeiten des Projekts Ausblicke statt. Fotos, Audio- und Videoeinspielungen verschafften den Besuchern einen Eindruck.

Beide Sonderausstellungen trugen dazu bei, eine höhere Aufmerksamkeit auf das Projekt insgesamt zu lenken und für eine weitere Etablierung der gesamten Reihe in der Öffentlichkeit zu sorgen: Inta Ruka als international renommierte Fotografin und die „Rückblicke“ durch die Erweiterung des Publikumskreises im Rahmen der von den Münsteraner Bürgern und Bürgerinnen positiv angenommenen langen Museumsnacht.

 

Von den Künstler und Künstlerinnen wurde der gesamte Foyerbereich und ins Besondere auch die durch die breite Fensterfront zur Straße hin offen gehaltene Ausstellungssituation in den Arbeiten genutzt und einbezogen, also ortsbezogen verarbeitet, wodurch Passanten wie auch Hauspublikum gleichermaßen angesprochen wurden.

Die stets gut besuchten Ausstellungseröffnungen (ca. 20 – 30 Besucher) sowie regelmäßige Berichterstattung in beiden ortsansässigen Tageszeitungen zeugen von einer allgemeinem Interesse und öffentliche Akzeptanz des Projekts.

Aufgrund der offenen Struktur unseres Hauses sind keine gesicherten Aussagen über weitere Besucherzahlen möglich. Aber gerade durch diese offene Situation kann davon ausgegangen werden, daß auch Besucher, die üblicherweise keine Kunstevents besuchen, mit den Arbeiten bzw. den Künstlern selbst in Kontakt kamen. Für viele Nutzer des sozialen Beratungsangebots unseres Hauses stellen sich Zukunftsfragen in ganz konkreter Weise, so dass sich noch einmal ein ganz anderer Bezug zu dem Thema des Ausstellungsprojekts Ausblicke in die Zukunft herstellte.

Es entstanden zum einen als Printversion eine ausführliche Dokumentationsbroschüre und zum anderen eine Internetdokumentation über die Ausstellungsreihe Ausblicke unter: http://www.muenster.org/cuba/haus/cultur/foyerindex/index.html

Insgesamt wird das Ausstellungsprojekt sowohl von unserer Seite aus wie auch von Seiten der Künstler und des Publikums als Gewinn bringend eingestuft, da sich hier zum einen Begegnungen im soziokulturellen Kontext vollzogen, d.h. sowohl die hier im Hause arbeitenden Menschen als auch zufällige Straßenpassanten und Hausbesucher sowie die Künstler und Künstlerinnen selbst durch die Arbeiten miteinander in Austausch treten konnten. Zum anderen deswegen, weil der Raum als Experimentierfeld von den jungen Künstlern und Künstlerinnen genutzt wurde, auf positive öffentliche Resonanz stieß und somit im doppelten Sinne als erfolgreicher Beitrag zur Nachwuchsförderung zu werten ist.

 

 

68) attac, Münster: Virtuelle Akademie innerhalb der attac-Sommerakademie 2003 in Münster

 

Planungs- und Vorbereitungszeitraum: November 2002 bis 31. Juli 2003

Workshop- und Arbeitszeitraum: Start: 31. Juli, dann parallel zur Sommerakademie bis zum 6. August 2003

Die Virtuelle Akademie ist eine “Koproduktion” von attac Münster, büne e.V., Medienforum und Filmwerkstatt Münster

 

Der erste Tag

Am 31. Juli, einen Tag vor dem offiziellen Beginn der Sommerakademie, starteten wir mit den TeilnehmerInnen der drei Workshops die Virtuelle Akademie, deren Aufgabe die online-Berichterstattung zur Akademie war. An diesem Tag fand vormittags die Einweisung in die geplanten redaktionellen Abläufe statt und natürlich ein erstes Kennenlernen der Redaktionsmitglieder.

Insgesamt bestand die Redaktion der Virtuellen Akademie aus 37 Mitgliedern. Die Gruppe war äußerst heterogen zusammengesetzt, sowohl in bezug auf das Alter (von 18 bis 55 Jahre) als auch auf mögliche Vorkenntnisse (vom “Laien” bis zum Publizistikstudent im höheren Semester). Die TeilnehmerInnen stammen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Im Laufe des Vormittags konstituierten sich Text-, Audio-, Video- und Fotoredaktion, so dass für jede Teilredaktion eine übersichtliche und arbeitsfähige Gruppenstärke gefunden wurde. Peter Wolter als Leiter der Textredaktion gab am Nachmittag für die Teamer und Teilnehmer des Workshops eine Einführung in journalistische Techniken. Textbeispiele wurden gemeinsam analysiert. Auch wurde diskutiert, was Internetjournalismus von herkömmlichen Printmedien unterscheidet, wer unsere Zielgruppe darstellt und was das für Stil und Inhalt der Berichte auf den Webseiten bedeutet.

Ulrich Kathöffer führte die Teamer und TeilnehmerInnen anschließend in das Content-Management-System ein. Die Redaktionsmitglieder wurden im allgemein als auch speziell in Bezug auf das zu nutzende System über die technischen Hintergründe und Voraussetzungen eines CMS in Kenntnis gesetzt. Anhand von Beispielen wurde den TeilnehmerInnen zudem vermittelt, wie die Text-, Foto-, Audio- und Videodateien in das System eingebunden werden.

Die Leitungen von Audio- und Videoredaktion, Gaby Fortak und Ulrike Behnen, gaben Einführungen in die technischen und formalen Voraussetzungen, also Bedienung von Mikrofonen und MD-Playern, Bedienung der Kameras, Erstellung von internettauglichen Audio- und Videofiles, Länge der Clips etc. Auch erste journalistische Inputs wurden gegeben, z.B. zur Frage, was einen “guten” O-Ton ausmacht.

Am Abend wurden die benötigten Geräte aus dem Medienforum und der Filmwerkstatt in die Redationsräume an der Scharnhorststraße transportiert und gemeinsam aufgestellt und eingerichtet.

 

Weiterer Verlauf

Am Freitag dann, dem offiziellen Akademiestart, ging es bereits an die “echte” Berichterstattung. In der Redaktionskonferenz, die im Verlauf der Akademie jeden Morgen und jeden Nachmittag stattfand, wurden die möglichen Themen besprochen und klargestellt, welches Thema wie beleuchtet werden soll (Bericht, Reportage, Feature, Interview, zusätzlich Foto, Film und O-Ton-Sammlung). Dabei flossen Vorschläge und Vorlieben der TeilnehmerInnen in die Planung mit ein. Unterstützt von Mitgliedern von büne e.V. gelang es dann gegen Nachmittag, die technischen Hürden des neu erstellten CMS zu meistern und neben den Berichten auch erste Videos und O-Töne ins Netz zu stellen. Ab Freitag abend, also mit Akademiebeginn, waren die seiten abrufbar und alle Berichte und Medien zugänglich.

 

Nachbereitung und Dokumentation

Die Virtuelle Akademie beschäftigte die Macherinnen und Macher auch über die Zeit der Sommerakademie hinaus. Die TeilnehmerInnen der Sommerakademie vor Ort in Münster nutzten die Internetseiten nach dem 6. August, um einen Überblick über die Gesamtveranstaltungen zu bekommen, die sie selbst aufgrund des großen Angebots an Veranstaltungen meist nur fragmentarisch miterleben konnten. Das führte auch zu einem relativ großen Feedback, das zumeist positiv ausfiel. In einem Fall fühlten sich die Veranstalter eines Workshops durch einen Beitrag nicht ins rechte Licht gesetzt. Hier gab es noch eine Zeit lang Gesprächsbedarf mit der Redaktionsleitung. Auch die Internetforen bedurften noch eine Weile der Moderation. Ausserdem wurde die Presse in den folgenden Tagen weiterhin ausgewertet. Die Erstellung des Berichtes sowie die Dokumentation der Internetseiten in einer statischen CD-Version beschäftigten einige Mitglieder des Redaktionsteams noch bis in den September hinein.

 

Auswertung

Insgesamt stellte der Anspruch unserer online-Redaktion, reale Berichterstattung zu betreiben und durch learning by doing gleichzeitig den Workshopcharakter der Akademie aufrecht zu erhalten, eine hohe Meßlatte dar. Hinzu kamen technische Probleme wie das korrekte Einstellen der video-streams ins neue CMS, die so nicht vorhersehbar gewesen waren. Umso erstaunlicher ist es, wie schnell eine konstruktive Teamarbeit entstand und alle Beteiligten bis zum Abschluss der Akademie ihre letzten Ressourcen mobilisierten, um das jetzt noch im Netz abrufbare überzeugende Gesamtergebnis zu erzielen. Ein Arbeitseinsatz von bis zu 13 Stunden täglich war für uns in diesen sieben Tagen “normal”.

 

Abbild der Akademie im Netz

“Ihr habt die Vielfalt und Lebendigkeit der Akademie abgebildet”, lobte uns eine Leserin. Und genau das war das journalistische Ziel der Aktion. “Menschelnde” Beiträge über das Orgateam und die Freuden und Nöte der Teilnehmer stehen neben harten politischen Analysen, Kritiken der großen Podien neben spannenden Reportagen über politisches Straßentheater, wichtige VertreterInnen der globalisierungskritischen Bewegung sind im O-Ton zu hören, ihre Standpunkte in ausführlichen Interviews zu lesen. Jeder Beitrag wurde redigiert, zum Schluss redigierte jeder jeden, Empfindlichkeiten reduzierten sich, die Texte profitierten davon. Video- und Audioredaktion lieferten stündlich neue und professionell produzierte Beiträge, die die Berichte ergänzten oder eigenständige Informationsquellen darstellten. So bildeten unsere Seiten gerade für die Interessierten, die nicht in Münster sein konnten, ein sich ständig erweiterndes Portal der Akademie im Netz.

 

Über 30 000 Zugriffe nach nur fünf Tagen

Das Interesse an unseren Seiten war enorm und stieg bis zum letzten Akademie-Tag auf über 30 000 Zugriffe an. Attac Deutschland und die Presse bestätigten die Qualität der Berichte. Spiegel online z.B. übernahm ganze Passagen aus unseren Artikeln, der Pressesprecher von attac Deutschland verwies die angereisten Pressevertreter zur Information auf unsere Seiten. Wenn man die Berichterstattung anderer Medien zur Sommerakademie prüft, fällt auf, wie wenig deren Beiträge Einblick ins eigentliche Geschehen bieten und oberflächlich, manchmal sogar sachlich falsch sind (leider auch der einzige längere Artikel in der taz, die immerhin “Medienpartner” der Sommerakademie war). Umso wichtiger, dass wir mit diesem Projekt eine Gegenöffentlichkeit im Netz und ein Gegengewicht zur üblichen Berichterstattung geschaffen haben, das noch dazu eine viel längere Halbwertszeit als ein Printmedium hat.

 

Unabhängige Berichterstattung

Wichtig war uns, eine jeweils eigene inhaltliche Position zu vertreten, also trotz attac-Logo ein unabhängiges Medium zu bleiben und nicht als Hofberichterstatter der Akademie zu gelten. Das ist uns offensichtlich gelungen. Ergebnis ist eine Dokumentation der zentralen Inhalte, Stimmungen und  Entwicklungen auf der diesjährigen attac-Sommerakademie, bei allein 50 Vormittagsseminaren und 130 Nachmittags- und Abendveranstaltungen kein leichtes Unternehmen.

 

Synergie-Effekte in Münster

Die Koproduktion zwischen attac Münster, dem Medienforum, der Filmwerkstatt und büne e.V. verlief äußerst fruchtbar und inspirierend für alle Beteiligten. Zum Abschluss des Projekts stand fest, dass es eine solch produktive Zusammenarbeit der verschiedenen Medieninstitutionen in Münster bisher noch nicht gegeben hat. Klar wurde auch, dass erst die Fusionierung dieses Potentials das Projekt “Virtuelle Akademie” in dieser Professionalität möglich gemacht hat. Von der geballten Kompetenz profitierten natürlich auch die Workshop-TeilnehmerInnen. Größte Motivation war allerdings, den eigenen Beitrag in kürzester Zeit online gehen zu sehen.

 

Die Virtuelle Akademie als Pilotprojekt

Die Virtuelle Akademie war das erste mekom-Kooperationsprojekt seiner Art. Selten zuvor haben Filmwerkstatt, Medienforum und Bürgernetzwerk so eng Hand in Hand gearbeitet  wie hier. Und im Ergebnis wurde die Virtuelle Akademie von allen Beteiligten als großer Erfolg gewertet. An zukünftigen Kooperationen zeigen alle MacherInnen großes Interesse. Seit Ende dieses bislang einzigartigen Modellprojektes finden regelmäßig Gespräche und der Austausch von Ideen statt. Ziel ist es, aufbauend auf den Erfahrungen in der Organisation, Planung und Durchführung Nachfolgeprojekte auf den Weg zu bringen. Und der erste konkrete Schritt für eine weitere Zusammenarbeit ist bereits gemacht: Die Virtuelle Akademie war der offizielle Startschuss für das sich neu gegründete ‚mekom.net’ - das Lokale Medienkompetenznetzwerk Münster. Unter diesem Dach werden in Zukunft die Filmwerkstatt Münster e.V., das medienforum münster e.V., der Verein Bügernetz - büne e.V. und die Volkshochschule Münster mit dem Fachbereich Medien und EDV ihre Aktivitäten rund um Medienkompetenzarbeit koordinieren und gemeinsam weitere beispielhafte Projekte für die Medienkultur in NRW verwirklichen.

 

 

69) cactus Jugendtheater, Münster: Und jetzt, Nathan Weise?

 

 

71) Stephan US, Münster: Abenteuer Performance - Die Stadt ist das "Klassenzimmer"

 

Die Stadt Münster war in der Zeit von Juli bis Oktober 2003 das Performance - "Klassenzimmer" für 9 Jugendliche (5 junge Frauen und 4 junge Männer) im Alter zwischen 15 - 19 Jahren.

 

Die Anlaufphase des Projektes gestaltete sich etwas schwierig. Nach der Verteilung von Flyern zu dem Projekt an und in Jugendeinrichtungen kam zunächst kaum Resonanz. Nur eine junge Frau meldete sich für das Projekt an. Daraufhin nutzte ich meine Kontakte zu Kunstpädagogen, ging gezielt in die Schulen und stellte das Projekt vor. In diesen Vorstellungen stellte sich heraus, dass es sehr schwierig war, dieses Projekt über Flyer zu vermitteln. Kommentar eines Schülers: „Ich zahle doch nicht soviel Geld für etwas, wo ich nicht weiß, was es ist.“ Die Risikobereitschaft der Jugendlichen war nicht sehr hoch. Der Unkostenbeitrag stellte sich zudem als zu hoch heraus („Das ist mein ganzes Taschengeld.“). Nach den Vorstellungen bekundeten insgesamt 10 Jugendliche ihr Interesse an dem Workshop, wenn sie nichts dafür zahlen müssten. Damit das Projekt stattfinden konnte, erhob ich keinen Unkostenbeitrag. Eine Gruppe von 9 Jugendlichen entstand dann letztendlich.

Nach Absprache in der Gruppe wurde das erste Workshopwochenende vom 18. - 20. Juli 2003 durchgeführt. Zuerst standen Körperarbeit, die Präsenz, die Wahrnehmung von Raum und Zeit im öffentlichen Raum mit der ganzen Gruppe im Vordergrund. Die Hemmschwelle im öffentlichen Raum zu agieren, war anfangs sehr groß, doch je länger der Prozess des Agierens dauerte, um so selbstbewusster und verspielter wurde die Gruppe. Zu Beginn waren natürlich öffentliche Räume mit relativ wenig Öffentlichkeit der Aktionsraum, doch schon am zweiten Tag war die Innenstadt mit Markt und viel Geschäftstreiben an der Reihe. Im theoretischen Teil, der am Sonntag auf dem Plan stand, kristallisierte sich bereits das Thema der Jugendlichen für den gesamten Workshop heraus: Die Frage: Was macht ein Bild aus? Und wie werden die Bilder von Medien und Konsum gesteuert? Diese kritischen Fragen haben mich etwas verwundert, den diese Generation ist eben genau mit diesen Medien selbstverständlich aufgewachsen. Viele Themen wurden diskutiert unter anderem: Wie verändert sich eine Performance dadurch das ein Fotograf oder Filmer die Situation begleitet?  Diese Fragen und Diskussionspunkte nahmen wir nach einem gemütlichen Grillabend als Abschluss (das Wetter war einfach traumhaft ) mit in den zweiten Teil des Projektes.

Dieser fand vom 12. – 14. September statt. Als erstes musste die Frage der Veränderung eines Bildes durch einen Fotograf oder Filmer getestet werden. Bei der Durchführung stellten wir fest, das sich das Bild erheblich verändert. „Es bekommt mehr Aufmerksamkeit, aber nicht reale. Eigentlich ist der Filmer der Performancekünstler, er macht das Bild.“ Nach vielen Reden über das Thema wurde von der Gruppe der Beschluss gefasst, alle Aktionen nicht mehr zu dokumentieren, damit an einem „reinen“ Bild gearbeitet wird. Ein Beispiel: Wir setzten uns alle in ein Kaffee, hatten alle die gleich Zeitung, bestellten etwas, bezahlten und lasen eine halbe Stunde schweigend in der Zeitung. Dieses Bild war so irritierend für alle anderen Kaffeebesucher, sie wussten nicht was das war, was hier geschieht. Auf ein Zeichen hin gingen wir alle gemeinsam aus dem Kaffee. Es wurde nun in kleineren Gruppen weitergearbeitet, und es entstanden, wie erwartet, einzelne Ideen für Soloperformances, die wir gemeinsam besprachen und auch schon Orte dafür aussuchten.

In dem letzten Teil im Oktober (16.–18.10.) arbeiteten wir nun an den Soloperformances. Jeder besorgte sich im Vorfeld sein Material. Am 16. und 17. 10. erarbeiteten wir nun jede Performance an einem ruhigen Ort am Aasee mit der Vorstellung von dem tatsächlichen Ort der Performance in der Innenstadt. Die Gruppe betrachtete, kritisierte und verbesserte die einzelnen Handlungen, so dass jeder einzelne in allen Arbeiten involviert war. Am 18. 10. war dann der Tag des Abschlussevents.

Wir trafen uns alle mit unseren Materialien vor dem Landesmuseum. Dort konnten wir uns, bei denen es notwendig war, umziehen und unsere Gegenstände, die wir nicht für die Aktionen brauchten, einschließen. Der Event war so angelegt, das alle gleichzeitig an ihren Orten in der Innstadt mit ihren Aktionen anfingen, von der kurzen Aktion: „Ich stehe vor einer Wand, so dass mein Fotoapparat an der Wand lehnt. Ich fotografiere alle 20 Sekunden ein Photo. Dabei wird ein Blitz ausgelöst“ (Handlungsbeschreibung, Dauer ca. 10 Minuten) bis zur drei Stunden Aktion „ Ich habe dicke Handschuhe an. Ich halte einen Eisblock 10x20x30 cm in den Händen. Auf dem Eisblock steht eine Kerze. Ich stehe solange bis der Eisblock geschmolzen ist und die Kerze herunterfällt.“ (Handlungsbeschreibung).

Dieser Event war für alle ziemlich erfolgreich und anstrengend, da alle hochkonzentriert und präsent bei den einzelnen Aktionen waren. Danach sind wir alle zusammen essen gegangen, was sehr lustig war, denn jeder hatte über eine Unmenge von Reaktionen aus der Öffentlichkeit zu berichten.

 

Fazit

Trotz der etwas schwierigen Anlaufphase war das Projekt ein großer Erfolg, welcher sich nicht in Publikumszahlen oder öffentlicher Medienresonanz ausdrückt, sondern vielmehr in der neugewonnen Haltung der einzelnen Teilnehmer: Wachsam und kritisch, und trotzdem mit Spaß und Handlungsmöglichkeiten in seiner Umwelt leben und agieren.

Kommentare:

„Für mich war es so ungewohnt in der Öffentlichkeit etwas mir so wichtiges zu zeigen.“

„Ich hatte schon Angst so etwas zu machen, aber jetzt fühlt es sich einfach gut an.“

„Ich wusste gar nicht, was man alles mit ganz wenigen Mitteln ausdrücken kann. Hat richtig Spaß gemacht.“

„Die Gruppe fand ich am Besten. Wir sind alle so unterschiedlich. Und doch hat es so gut geklappt.“

„Das sollten wir mal im Kunstunterricht machen. Das würde so eine Klasse ganz anders zusammenbringen. Man würde die wirklichen Werte der einzelnen besser kennen lernen und achten.“

Diese Kommentare sagen fast alles. Mein persönliches Fazit besteht zu dem aus den neugewonnen beruflichen Kontakten, die über dieses Projekt entstanden sind: Für das Jahr 2004 wurde sowohl von einem Münsteraner Gymnasium als auch von der Kinder- und Jugendpsychiatrie - Kunsttherapie Interesse an ein Performanceprojekt  bekundet.

 

 

91) Kreativ-Haus, Münster: Projekt. „4 vor 4 – Theater für Kinder“

 

Im Oktober 2003 begann im Kreativ-Haus eine neue Veranstaltungsreihe: In der Reihe

„4 vor 4 – Theater für Kinder“ zeigt die Theaterbühne im Kreativ-Haus an jedem vierten Sonntag im Monat, um vier Minuten vor 16 Uhr, ausgewählte Theaterstücke für Kinder ab 4 Jahre und Erwachsene.

Kindertheater im Kreativ-Haus hat eine lange Tradition. Seit über 25 Jahren bietet das Kreativ-Haus Kindern einen unmittelbaren Zugang zum Erleben und Gestalten von Theater.

Jeder Bereich des Kreativ-Hauses – die Jugendkunstschule, die Weiterbildung und die Theaterbühne - beschäftigt sich auf seine Art und Weise mit Kindertheater. Die Jugendkunstschule bietet Theaterkurse und Workshops für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren und für Jugendliche an, in der Weiterbildung finden Seminare in Theaterpädagogik für Pädagoginnen und Pädagogen statt. Und die Theaterbühne zeigt in der neuen Theaterreihe „4 vor 4 – Theater für Kinder“  Theaterstücke für Kinder ab 4 Jahre.

Zur Eröffnung der neuen Theaterreihe in den Herbstferien gab es Theater pur: Das Kinderatelier der Jugendkunstschule hatte sich vier Wochen mit dem Thema „Theater“ beschäftigt. Es entstanden Mini-Bühnenbilder zu dem Theaterstück „Lunatic, eine Reise zum Mond“, das die Kinder gemeinsam besucht hatten, Bilder, Graphiken und Skulpturen. Die Ausstellung wurde am Samstag, den 18. Oktober im Café des Kreativ-Hauses bei Kaffee und Kuchen eröffnet. Für die Kinder war es ein ganz besonderes Erlebnis, die eigenen künstlerischen Arbeiten öffentlich ausgestellt zu sehen.

Am Sonntag, den 19. Oktober zeigte die Münsteraner Theatergruppe „Theater Scintilla“ das Kindertheaterstück „Lunatic, eine Reise zum Mond.“  Über 60 Kinder mit ihren Eltern kamen um mitzuerleben, wie der Prinz Caprice die Mondprinzessin Fantasia erobert.

Ebenfalls in den Herbstferien fand der Theaterworkshop „Halloween“ statt. 7 Kinder besuchten den einwöchigen Workshop, der sich mit viel Witz und Nervenkitzel um das Gruselfest „Halloween“ drehte. Die Kinder bauten Masken, nähten Kostüme und  kochten eklige Speisen für die „Halloween“-Party am 31. Oktober. Beim Theaterspielen ging es um das Thema „Angst“: Angst machen, Angst haben, Spaß an der Angst, Angst an der Angst, Mutprobe. Zu der „Halloween“-Party hatten die Kinder ihre Eltern, Familien und Freunde eingeladen. Sie führten auf der Theaterbühne ihre selbst entwickelten Theaterszenen vor, tanzten wilde und gruselige Tänze und luden alle Zuschauer zu einem schaurigen „Halloween-Büfett“.

Nach der Eröffnung in den Herbstferien begann am vierten Sonntag im Oktober mit dem preisgekrönten Töfte Theater aus Datteln die eigentliche Veranstaltungsreihe. 70 Kinder und ihre Eltern sahen das Stück „Das Kamel aus dem Fingerhut“, eine musikalische Reise in den Orient mit Masken, großen Figuren, Live-Musik und Mitspielaktionen.

Am vierten Sonntag im November erzählte das Theater Marabu aus Bonn die Geschichte von Jakob, dem „Wasserkind“. Das Stück erzählt in poetischen und einfühlsamen Bildern von der Liebe und von den Schwierigkeiten des Erwachsenenwerdens.

Parallel zu allen Theaterangeboten traf sich regelmäßig ab September eine Gruppe von zwölf  Jungen und Mädchen im Alter von 8 bis 10 Jahren mit ihren beiden Kursleiterinnen zum Theaterspielen. Die Premiere des Stücks sollte Ende Dezember sein. Leider reichte die Probenzeit nicht – die Premiere musste verschoben werden und findet nun am 07. März 2004 statt.

Zu wenige Anmeldungen gab es für das Workshop-Angebot der Weiterbildung im Kreativ-Haus: „Theater an der Schule – Workshop für Lehrerinnen und Lehrer“, das deswegen leider abgesagt werden musste.

 

Das Projekt „4 vor 4 – Theater für Kinder“ hat im Kreativ-Haus positive Akzente gesetzt und auch in Münster viel Beachtung gefunden. Der Theaterbereich im Kreativ-Haus – sowohl der Jugendkunstschule als auch der Theaterbühne – ist gestärkt und ausgebaut worden. Kindertheater wird stärker wahrgenommen, sowohl im Haus also auch in der Stadt. Das Kulturamt Münster erwägt, die neue Veranstaltungsreihe im Kreativ-Haus finanziell zu fördern, denn  das Amt hat ein Interesse daran, in der Innenstadt von Münster  ein attraktives Theaterangebot für Kinder zu haben. Initiiert vom Kulturamt werden in den nächsten Wochen Gespräche mit allen Veranstaltern von Kindertheater in Münster stattfinden.

 

 

32) Theater Schlachthof Neuss: „Ist Frieden möglich?“/„Vermummte“

 

1. Vorbereitung:

Im März 2003 begannen die Vorbereitungen für das Projekt „Ist Frieden möglich?“. Da es sich bei dem Thema Israel/Palästina-Konflikt um ein sehr komplexes Thema handelte, war eine sehr genaue und aufwendige Themenrecherche notwendig. Vor allem für die Vorbereitung und Begleitung des Theaterstücks und für die geplante Diskussionsrunde war eine genaue Kenntnis der Thematik erforderlich. Zum gleichen Zeitpunkt wurde das Bühnenbild für die Produktion „Vermummte“ geplant und gebaut. Es musste ein enger Kellerraum auf der Bühne entstehen. Dazu wurden verschiedene mit Papier bespannte Wände und eine nach hinten ansteigende Schräge gebaut. Die Papierwände wurden von der Rückseite mit Stacheldraht bespannt und dann so beleuchtet, dass sich die Schatten auf den Wänden abzeichneten. Alle Bühnenelemente wurden in weiß gehalten, da sowohl auf den Wänden, als auch auf der Schräge Videos mit Szenen aus Israel und Palästina gezeigt wurden.

 

2. Theaterstück „Vermummte“:

Wie man an den Pressekritiken sehen kann, waren die Premiere und die Folgevorstellungen ein voller Erfolg. Künstlerisch war diese Produktion eine große Weiterentwicklung der Theaterarbeit des Hauses. Da dieses Stück nur für drei Schauspieler konzipiert ist, konnte besonders intensiv gearbeitet werden.

 

3. Gastspiel “Des Teufels General“:

In Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Schauspielensemble entstand im Theater am Schlachthof eine beeindruckende Inszenierung dieses Stücks. Aufgrund dieser Kooperation wurden lediglich die Tantiemen vom TaS übernommen. Dieses Stück zeigt ebenso wie „Vermummte“ den persönlichen Konflikt von Menschen in einer Krisensituation, in der man sich entscheiden muss, zwischen politischen Überzeugungen und persönlichen Freundschaften und Prinzipien.

 

4. Sonderveranstaltung „Ist Frieden möglich?“:

In der ersten Konzeption des Projektes planten wir ein Diskussionsforum über die Problematik in Israel und Palästina. Es zeigte sich jedoch bei der Recherche zu diesem Thema, dass es zum einen schwer war, fachkundige Referenten zu finden und zum anderen erschien es uns fast unmöglich eine wirklich objektive Diskussion mit Referenten zu veranstalten. Die Gefahr, dass man durch die Auswahl der Referenten und durch voreingenommene Zuschauer zu einseitig diese Problematik darstellt, erschien uns zu groß. Aus diesem Grund entschieden wir uns für eine Lesung durch einen der Schauspieler, der mittlerweile mit der Thematik vertraut war. Bei der Auswahl der Texte versuchten wir ein Gleichgewicht zwischen palästinensischen und israelischen Autoren zu finden. Aufgrund der Zuschauerreaktion wurden wir in unserer Entscheidung bestärkt, denn alle Anwesenden waren froh, dass es nicht zu einer Diskussion über Täter und Opfer, über Schuldige und Unschuldige in diesem komplizierten Konflikt kam, sondern beeindruckende Texte von Betroffenen und Beobachtern dieses Konflikts vorgetragen wurden, die die Stimmung in Israel und Palästina deutlich machten.

 

 

92) Theater Schlachthof Neuss:  „Ich bin ein Underdog“

 

Aufgrund unserer Aufrufe und Plakatierungen an Schulen und Geschäften in der Nähe des Theaters, haben sich insgesamt 28 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren zu den verschiedenen Workshops gemeldet.

Nach Rücksprache mit den Jugendlichen wurde vereinbart keinen vierwöchigen Kompakt-Workshop anzubieten (auch aufgrund der Wetterlage in den Sommerferien), sondern sich von September bis November jeweils einmal die Woche zu treffen und unter Anleitung der verschiedenen Workshopleiter einige Szenen mit Bühnenbild, Musik und Kostümen zu erarbeiten.

Aufgrund der Vielzahl der teilnehmenden Jungen wurde im Bühnenbild-/Kostümworkshop ausschließlich das Bühnenbild entworfen und gebaut.

Die Kostüme wurden vom Theaterworkshop aus dem Fundus ausgesucht oder gekauft. Der Theaterpädagoge und Autor erarbeitete mit den Jugendlichen zusammen aus dem Buch „Underdog“ einige Szenen angereichert mit eigenen Erfahrungen der Jugendlichen. Es entstand eine kleine szenische Geschichte aus der Erfahrungswelt der Jugendlichen. Aus dem Tanzworkshop entstand durch die Wünsche und Vorkenntnisse der Jugendlichen eher ein Musikworkshop, in dem die Jugendlichen eigene Musik am Computer komponierten und mit Hilfe des Musikpädagogen und Komponisten arrangierten und auf nahmen.

Die entstandenen Szenen, das Bühnenbild, und die selbstkomponierte Musik wurde dann unter Mithilfe der Jugendlichen so zusammengeführt, dass eine ca. halbstündige Performance entstand. Diese wurde dann allen Interessierten, Freunden und Bekannten offiziell vorgeführt.

Alle Jugendlichen hatten viel Spaß und viele kreativen Ideen, die zur Umsetzung Ihrer Freizeitbeschäftigungen zu einer professionellen Performance notwendig waren.

Die Vorführung wurde von allen Zuschauern sehr positiv aufgenommen und die Jugendlichen waren sehr stolz und zufrieden mit Ihrer geleisteten Arbeit.

 

 

34) Theater Schlachthof Neuss:  „Girls, Girls, Girls“

 

Aufgrund unserer Aufrufe an Schulen und Geschäften in der Nähe des Theaters, haben sich 12 Mädchen und Jungen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren zu dem Foto-Workshop gemeldet. Nach Rücksprache mit den Jugendlichen wurde vereinbart, sich im August jeweils zweimal die Woche zu treffen und unter Anleitung des Fotografen Jü Walter eine Fotoserie über das Leben von Mädchen im Barbaraviertel zu entwickeln . Es zeigte sich schnell, dass nicht alle vor die Kamera wollten, sondern lieber den Umgang mit verschiedenen Fotoapparaten kennen lernen wollten. Die Jugendlichen konnten unter fachkundiger Anleitung alle Möglichkeiten ausprobieren und so entstanden zahlreiche Fotos, die dann für die Fotoausstellung gesichtet und aussortiert wurden. Diese Ausstellung fand Anfang November im Foyer des Theaters zu den Aufführungen des Stücks Yard Girl statt und fand großen Anklang bei den Besuchern.

Auch zu dem Skater-Workshop kamen zahlreiche Mädchen, die dann in Zusammenarbeit mit einem Schreiner verschiedenen Rampen nach ihren Ideen bauten. Das Turnier selber fand aufgrund der schlechten Wetterlage nur in verkürzter Form statt. Die gebauten Rampen, die neben dem Theater aufgestellt wurden, werden jedoch auch weiterhin von den Jugendlichen des Barbaraviertel genutzt.

Anfang August begannen die Proben und die Vorbereitungen für das Bühnenbild der Produktion Yard Girl. Die Mädchen des Foto-Workshops wurden zu begeisterten Probenbeobachtern und halfen beim Bau des Bühnenbildes und der Auswahl der Kostüme. So entstand ein realitätsnahes Theaterstück über das Leben von jungen Mädchen und ihren Problemen. Es zeigte sich im Verlauf der Vorstellungen, dass immer mehr junges Publikum ins Theater am Schlachthof kam, um dieses Stück zu sehen.

 

 

35) Druckluft, Oberhausen: Antifaschistisches Camp

 

30.Juli bis 02. August 2003 Sommer Sonne Antifa...
...lautete das Motto des Antifaschistischen-Jugend-Camps in Oberhausen. Vom 30.07- 02.08.03 wollte Druckluft mit interessierten Jugendlichen ein Wochenende voller Informationen und Spaß erleben. Das beinhaltete Workshops, Seminare und Diskussionen, und wenn es dunkelte spannende Konzerte, Parties, Filme und so weiter...

Veranstaltungsthemen waren unter anderem die Geschichte des Antisemitismus, Sex & Gender und Rechtsrock. Das ganze fand im Jugend- und Kulturzentrum Druckluft (Am Förderturm 27 in 46049 Oberhausen) statt. Die Teilnahmegebühr betrugt 20 Euro, dafür gab es wahlweise vegane oder vegetarische Vollverpflegung und Zeltplätze.
Das Jugend- und Kultzurzentrum Druckluft führte in Zusammenarbeit mit antifaschistischen Gruppen aus der Umgebung das antifaschistische Jugendcamp durch. Ziel des Camps war, Jugendlichen aus Oberhausen und Umgebung zu unterstützen in ihrem Bestreben, sich gegen Rechtsextreme Gewalt und Ideologie zu positionieren.

Schon vor dem Antifa-Camp wurden in Schulen und Antifa-Arbeitskreisen Ideen gesammelt, für das Camp geworben und Wege der Umsetzung überlegt.

Durch Presseberichte und das Internet können sich auch Jugendliche über das Projekt informieren, die nicht direkt an den Vorbereitungstreffen teilnehmen konnten. Nicht zu unterschätzen die „Mund zu Mund-Propaganda“, die an Schulen, in Universitäten oder in Freizeit außenstehende informiert und anregt bei den Aktivitäten dabei zu sein. Jede Veranstaltung des Projektes spricht unterschiedliche Jugendliche an, das Publikum ist sehr gemischt. Außerdem trägt das Projekt zur Vernetzung von politisch aktiven Jugendlichen bei, ist aber auch eine Hilfestellung für Jugendliche, die noch keine Gruppenanbindung haben und aus der Vereinzellung kommen.

Uns gelang es, mehr als 50 Jugendliche zu interessieren, die permanent auf dem Gelände campierten und darüber hinaus an den Arbeitsgruppen, Seminaren und Vorträgen teilnahmen. Das große Interesse und die Bereitschaft der Jugendlichen an inhaltlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema hat uns positiv überrascht.

Die einzelnen Veranstaltungen zu so unterschiedlichen Themen wie „Geschichte und Ursachen des Antisemitismus“, „RechtsRock - Bestandsaufnahme und Gegenstrategien“ bis hin zu „Sexismus/Gendertheorien“ stießen bei den Teilnehmern auf grosse Resonanz. Es gelang uns sogar, die Vormittags-Seminare – trotz durchgetanzter Nacht – mit fast allen Jugendlichen durchzuführen. Auf unserem Abschlussplenum am Samstag bekamen wir durchweg von allen Jugendlichen eine positive Rückmeldung, verbunden mit der Frage, ob wir im nächsten Jahr eine ähnliche Veranstaltung durchführen würden.

Die positive Resonanz der Teilnehmer und der Wunsch auf Wiederholung zeigt uns, dass wir unsere Ziele erreicht haben, Verbesserungen und neue Idden werden wir selbstverständlich berücksichtigen. Wir konnten die Jugendlichen anregen, sich bewusst gegen rechte Gewalt und Idiologien zu entscheiden durch Wissensvermittlung und Hintergrundinformationen zu den Ursachen und Gegenstrategien bei Rechtsextremismus. Sie konnten sich kritisch an Diskussionen beteiligen, haben Handlungsstrategien gegen Gewalt und Rassismus erlernt und sie hatten die Möglichkeit, sich politisch zu partizipieren. Aber auch der Spaß an gemeinsam verbrachten Tagen und gemeinsamen Feiern waren und sind ein Ziel unserer Arbeit, um unterschiedlichsten Jugendlichen zusammen zu bringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich vorurteilsfrei kennen zu lernen.

 

 

93) Initiativkreis Altenberg e.V., Oberhausen: FLUTLICHT

September bis Dezember 2003

 

Nach der Sommerpause startete die Veranstaltung FLUTLICHT im September wieder mit ihrem regelmäßigen Betrieb.

Einmal im Monat traten im Schnitt je vier unterschiedliche Künstler bzw. Gruppen aus den Bereichen Theater, Kabarett und Comedy unter der Moderation von Fritzi und Suse im Zentrum Altenberg in der Schlosserei auf die Bühne.

 

Alle Veranstaltungen kann man als Erfolg werten, regelmäßig überstiegen die Besucherzahlen das Sitzplatzangebot.

Aber auch inhaltlich konnte die Reihe FLUTLICHT überzeugen, sie ist ihrem Anspruch, sowohl neuen Künstlern eine erste Auftrittsmöglichkeit, als auch bekannten Künstler ein Forum für Experimente zu bieten sehr gerecht geworden.

 

Darüber hinaus wurde auch der Kontakt unter den Künstlern gefördert, aufstrebende Künstler konnten hier hilfreiche Informationen von den „etablierten“ Akteuren erhalten und die „etablierten“ konnten hier auf familiärer Basis den Kontakt zur Basis pflegen.

Zu den „etablieren“ Gäste kann man u.a. Ingo Oschmann, Achim Knorr, Hennes Bender und weitere zählen, die gerne Gäste von FLUTLICHT waren.

 


73) Theater GEGENDRUCK, Recklinghausen: „Philoktet“ – interkulturelles Theaterprojekt

 

Bei dem Projekt handelte es sich um den Prozess der Erarbeitung des Themas und die Aufführung des Stückes „Philoktet“ von Heiner Müller.

 

Ziel des Projektes war es, gerade ein junges Publikum anzusprechen, das angesichts der bedrohlichen außenpolitischen Szenarien nach einem Standpunkt und Handlungsmöglichkeiten sucht. In diesem Zusammenhang bot es sich auch an, die Kooperation mit Schulen anzustreben

Der Schaffensprozess selbst war ein weiteres wesentliches Ziel des Projektes. Neben der generationsübergreifenden Besetzung der Rollen (die Darsteller waren zwischen 19 und 55 Jahren alt und jede dieser „Generationen“ hat ihre eigene, besondere Sozialisation in Bezug auf das Thema Krieg und Frieden) trafen drei Kulturen aufeinander: die Darsteller waren türkischer, deutscher und belgischer Herkunft. Hier traten  die Feindbilder „Islam“ und „westliche Welt“ zurück zugunsten einer gemeinsamen Haltung gegenüber den Fragen Krieg und Frieden.

Gleichzeitig war das Projekt der Versuch, in einer spartenübergreifenden Performance Theater, Musik und Bildende Kunst auf experimentelle Weise zu verbinden.

 

Die konkrete Durchführung

Nachdem die Premiere terminiert war, wurde ein ausführlicher Probenplan für die Darsteller entwickelt. Jedes Wochenende war zunächst zu „Probezwecken“ blockiert. Zunächst wurde mit theaterpädagogischer Unterstützung das Stück und die jeweilige Rolle erschlossen. Die Darsteller arbeiteten intensiv an sich. Die komplette Inszenierung, die Johannes Thorbecke regierte, wurde dennoch durch die Gesamtbesetzung gestaltet. So entwickelten wir gemeinsam das Geschehen auf der Bühne, die Darsteller interpretierten ihre Rollen und setzten die Akteure stets in den gesellschaftlichen Kontext. Am Ende stand ein modernes Stück aus der Antike, dessen Handelnde auch heute leben könnten und die dieselben Fragen haben, wie sie heutige Menschen stellen.

Nachdem das Gerüst der Inszenierung stand, wendeten wir uns mit unserer Arbeit an Schulen. Einzelne Szenen wurden von den Darstellern vor den kooperierenden Recklinghäuser Schulklassen vorgestellt und anschließend diskutiert. Dabei spielte eine wesentliche Rolle, dass die Darsteller aus unterschiedlichen Kulturen und Generationen kamen. Auch die kunstspatenübergreifende Besetzung und Durchführung erwies sich als interessante Komponente, da sich einige Zuschauer mit der musikalischen Interpretation eher identifizieren konnten, als mit der textlichen. Besonders das junge Publikum meldete positiv zurück, dass das unterschiedliche „Kunstangebot“ hilfreich für das Verständnis der Hintergründe war.

Das Stück wurde mit drei Schauspielern sowie einem Musiker, dem renommierten belgischen Jazz-Bassisten Peter Jacquemyn, der unmittelbar in das szenische Geschehen mit einbezogen wurde, realisiert. Die Premiere der Produktion fand am 20. September 2003 in der Städtischen Kunsthalle Recklinghausen statt. Damit wurde die Kunsthalle erstmals auch als Theaterraum erschlossen. Dies bot sich angesichts der Geschichte des Orts (ein ehemaliger Bunker) an. Als Veranstalter konnten weiterhin das Institut für Kulturarbeit und die Städtische Kunsthalle als Kooperations-Partner gewonnen werden.

Weitere Aufführungen fanden in der flora Gelsenkirchen (22.11.2003) und dem Museum Bochum (7.11.2003) statt. Für März ist eine Aufführung im IG Metall-Zentrum Sprockhövel verabredet. Auch diese Einrichtung hat unsere Probenarbeit wesentlich unterstützt.

Neben dem Bahnhof Langendreer wurden wir in unserer Arbeit auch durch das soziokulturelle Zentrum „Spunk“ und sehr wesentlich durch das IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel unterstützt.

 

Resumeé

Das Projekt „Philoktet“ hat von allen Akteuren höchstmöglichen Einsatz gefordert. Das Ergebnis, eine ausgezeichnete Presse und viele interessierte ZuschauerInnen, ist ausgesprochen befriedigend. Die politische Landschaft ist mit einer solchen Projektform um ein wesentliches Element reicher! Es bietet sich an, Kunstspatenübergreifend, Kulturenübergreifend und Generationsübergreifend zu arbeiten und das Theater in die Schulen und an den Ort der Basis, in die soziokulturellen Zentren, zu bringen. Diese Orte bieten die Möglichkeit, miteinander über das Geschehene zu diskutieren, die unterschiedlichen kulturellen Blickwinkel ermöglichen einen Perspektivenwechsel. Die Generationen haben unterschiedliche Erfahrungen und die unterschiedlichen Medien – Theater und Musik- bieten jedem eine Interpretationshilfe an.

 

 

36) Kraftstation, Remscheid: ‚Der geteilte Blick’

 

„How many sexes are there? Three: the male sex, the female sex and the in-sects!” (Billy Tipton)

 

Das Projekt ‚Der geteilte Blick’ war ein Gendermainstreaming Projekt.

„Geschlechtliche Differenz ist nicht von Natur aus vorgegeben, sondern durch und innerhalb von psychischen Prozessen und historisch spezifischen Diskursen geformt – Genderrollen sind sozial und kulturell geprägt und dementsprechend auch veränderbar und nicht biologisch determinierbar.“ (Christina Lutter/Markus Reisenheimer: Cultural Studies. Eine Einführung, Wien 1998)

 

Geschlechterrollen sind demnach nicht vorgeschrieben sondern werden durch gesellschaftliche Verhältnisse konstruiert.

Mädchen sind mild, Jungen sind wild. Männer führen, Frauen spüren. Jungen kämpfen, Mädchen dämpfen.

Frauen behüten, Männer wüten.

Mädchen sind rosa, Jungen sind blau. Sind blaue Mädchen und rosa Jungen die Ausnahme?

 

Das gesellschaftliche Model der Zweigeschlechtlichkeit und der damit einhergehenden Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit als komplementäre Phänomene stand im Blick des Projekts.

Was hat sich getan? Inwieweit werden Rollenzuschreibungen reflektiert? Sind starke Mädchen und zarte Jungen das gewünschte Ergebnis von Dekonstruktion von Geschlecht? Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, um die Dominanz hegemonialer Männlichkeit aufzubrechen?

Müssen Männer Macht abgeben und Frauen mehr Machtpositionen besetzten?

Sind die Fragestellungen von Gendermainstreaming, die Konstruktion von Geschlecht und die Zuschreibung von Geschlechterrollen Jugendlichen bewusst?

Ist es für Jugendliche in Zeiten eines Patchwork transportierter Geschlechterrollen in jeder erdenklichen Ausformung, wie Girlism’, Transgender, so wie tradierter und aufgelöster Männlichkeit und Weiblichkeit überhaupt eine Frage welche Rolle sie selbst übernehmen?

Diesen Fragestellungen wollten wir, die Kraftstation und die Welle in Kooperation mit Schulen und verschiedenen Methoden, nachgehen.

 

Am Anfang des Projektes wurden verschiedene, thematische passende Theaterproduktionen und ein Film aufgeführt. Diese Produktionen dienten der Annäherung an die inhaltlichen Fragestellungen und floßen als kreativer Anstoß in die theater- und medienpädagogische Arbeit ein.

 

Wir führten durch:

Im Rahmen eines Open Air Kinos zeigten wir den britischen Film „Kick it like Beckham“ von Gurinder Chadha.

Dieser Film um die indische Migrantin Jess, die unbedingt in einem Frauenteam kicken will und so in Konflikt mit Rollenzuschreibungen und Traditionen gerät, war ein sehr guter Anfang des Projektes.

Beim Eintritt konnten die Jugendlichen vor der Videokamera Statements in Form von zu vervollständigenden Fragen abgeben. Mädchen sind stark….? Jungen sind schwach….?

 

Das zusammengeschnittene Video wurde im Vorfeld von den Herbstprojekten und dem Theaterstück Stones gezeigt.

 

Im Herbst zeigten wir im Rahmen einer Abendveranstaltung zwei Theaterstücke von der Jugendtheaterwerkstatt Cactus.

Zuerst „Freundinnen“ , ein selbst erarbeitetes Stück zum Thema Freundschaft. Mittels Bewegung, Stimme und Tanz wurden alle Facetten zwischen Poesie-albumstreueschwüren und Mobbing aufgezeigt. 15 „Freundinnen“ zwischen 14 und 18 Jahren bewegten sich im Spannungsfeld der Gefühle zwischen innigen Umarmungen und gemeinen Zickigkeiten.

Im Anschluss „Männersache“, ein Jungentheaterprojekt zum Thema Männerbilder - Junge Männer haben es nicht leicht: Rebellisches Gehabe, Karrierebewußtsein, Sexualität, Sensibilität, Wut, Freude, alles liegt dicht beieinander. Acht junge Männer auf der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft, in der die Orientierungsmuster wechseln.
Leider war der Besuch, wie erwartet, da eine Abendveranstaltung nicht so groß. Wider erwartet begeistert waren die Jugendlichen aus unserem Jugendbereich, die besonders das Männerstück ansprach und die noch lange nach der Vorstellung mit den Schauspielern sprachen.

Deutlich wurde außerdem, das Freundinnen Mädchen und Frauen ansprach, während mit Männersache mehr die Jungen und Männer anfangen konnten.

Hier zeigt sich das Wirken von Gender.

 

Im November zeigten wir im Forum Hackenberg das Theaterstück „Stones“. Zwei Jugendliche werfen Steine von einer Brücke und töten dabei einen Autofahrer. Zwei Polizisten befassen sich mit dem Fall. Zwei Schauspieler spielten alle Rollen. Dieses Theaterstück basiert auf einem authentischen Fall und genaue Recherchen gingen der Inszenierungsarbeit voraus. Kinderspiele an einem Bach - und dann, wie zufällig, stehen sie da, mit Steinen in der Hand auf einer Autobahnbrücke...

Ein Autofahrer stirbt, die Polizei ermittelt, der Jüngere der beiden hält es nicht aus und stellt sich der Polizei.

Das Theaterstück setzte die Jungen in das Zentrum des Geschehens: Ihre Gier nach dem Kick, dem Abenteuer, dem Verbotenen. Ihre Mutproben voreinander, aber auch ihre Schuldgefühle, ihre schlotternde Angst und ihre Alpträume. Bis sie die ganze Tragweite ihrer Tat begreifen und die Schuld akzeptieren, vergeht einige Zeit. Und dann kommt das Gerichtsurteil.

“Stones” plädierte nicht für schuldig oder unschuldig, es forderte die jugendlichen Zuschauer auf, sich selber ein Bild zu machen. Es konfrontierte sie mit der ganzen Ernsthaftigkeit des Geschehenen. In furiosem Tempo und schnell wechselnden Rollen auf einer fast leeren Bühne entwickelte  sich das  ganze Drama bis zu einem überraschenden Schluß und hinterließ atemlose und nachdenkliche Zuschauer.

Während der Vorstellung war es in dem mit 250 Jugendlichen besetzten Saal mucksmäuschenstill, tosender Beifall am ende sprach für das Stück. Es blieben sogar Jugendliche zur abschließenden Besprechung.

 

Das Projekt war ein großer Erfolg und soll im kommenden Jahr weitergeführt werden. Auch die Zusammenarbeit mit einem anderen soziokulturellen Zentrum war zukunftsweisend und vorbildlich.

 

 

37) Die Welle e.V., Remscheid: ‚Der geteilte Blick’

 

Der konkrete Ablauf des theater-medienpädagogischen Teils des Projekts musste aufgrund terminlicher Schwierigkeiten geänderte werden. So konnte die Zusammenarbeit mit der Hauptschule Hackenberg nicht wie geplant als Block stattfinden, sondern musste auf fortlaufende wöchentlicher Termine verteilt werden!

Im Kern des Projekts, stand also die thematische Durchführung in Form einer Schul AG für das 5-6 Schuljahr. Dort wurde entgegen der ursprünglichen Planung nicht in strikter Abgrenzung mit den Methoden Theater und Video gearbeitet sondern Beide vermischt. Aus der theaterpädagogischen Arbeit sollte ein Videofilm zum Thema Rollenidentitäten von Kindern und Jugendlichen entstehen!

Am Anfang der Arbeit stand eine langsame Heranführung an schauspielerische Grundlagen. Bei diesen ersten Übungen wurden bereits immer wieder typische Rollenbilder eingebracht. Dies erfolgte über die konkret in diese Richtung formulierten Aufgabenstellungen, für einzelne zu spielenden Situationen. Gerade an sehr alltäglichen Situationen (wie z.B. die Frühstücksszene in der Familie) ließ sich einiges an Rollenstereotypen, welche die Kinder in ihrer Umwelt erleben, erkennen. Als Abschluss dieser ersten Phase wurden dann mit den Kindern gemeinsam ein Handlungsgerüst für einen Film zum Thema Jungen-/Mädchenrollen erarbeitet. Die im ersten Arbeitsschritt gemachten Beobachtungen wurden aufgegriffen und  es wurde versucht den Teilnehmenden andere Perspektiven aufzuzeigen!

In Form von weiteren Schauspielübungen wurden dann die einzelnen Szenen spielerisch mit Inhalt gefüllt!

Im Anschluss wurde mit den Dreharbeiten der ersten Szenen begonnen!

Während der Dreharbeiten ergab sich die Schwierigkeit, dass sich zwischen den Proben und dem Schauspiel vor der Kamera eine große Differenz zeigt. Die SchülerInnen taten sich um einiges Schwerer als nach den Proben zu erwarten war! Zudem Taten sich immer wieder inhaltliche Diskussionen auf, den aufgrund des sensiblen Themas Raum gegeben wurde!

Aus diesen Gründen wurde bis zum Abschluss des Projekts nur ein Teil des Films abgedreht! Die Fertigstellung des Films erfolgt außerhalb des Projektrahmens mit Eigenmitteln!

In den Herbstferien sollten verschieden Workshops durchgeführt werden! Interessanterweise kam nur der Videoworkshop mit Jungen zustande. Dieser wurde dann in der in der Kraftstation durchgeführt. Die für Mädchen angebotnen Theaterworkshops fanden erstaunlicherweise keinen Anklang!

Die Durchführung des Videoprojekts gestaltete sich recht schwierig, da es nicht einfach war die Jungen über einen längeren Zeitraum für das Projekt zu begeistern! Ein Grund war die für die Jungen ungewohnte Auseinandersetzung mit dem Thema. Das Ergebnis des fertig gestellten Films zeigt allerdings nicht die Intensität der während des Projekts geführten Auseinandersetzung.

Abschließend kann festgestellt werden, dass der Ansatz, eine Kombination aus Theaterstücken und dem Selbermachen von Theater bzw. Film zu schaffen, gelungen ist!

Aus dem Konsumieren von Theaterstücken konnten Inspirationen für das eigene Produzieren gezogen werden!

Daher ist eine Weiterentwicklung und Fortführung des Projekts an speziellen Punkten durchaus sinnvoll.

 

 

38) Kraftstation, Remscheid: Pop vor Ort

 

Das Projekt „Pop vor Ort“ war die Fortführung von „Pop und Wort“, wo wir uns letztes Jahr gemeinsam mit dem Publikum erfolgreich auf Spurensuche begeben haben. Hier zeigte sich, das diese nicht abgeschlossen war, vielmehr warf sie neue Fragen auf.

Mit „Pop vor Ort“ wollten wir das Augenmerk verstärkt auf die Gegenwart und Zukunft richten, wobei die Fragen nach gesellschaftlicher Bedeutung von Pop und dem soziokulturellem Zentrum Kraftstation zentrale Bestandteile blieben.

 

Wo sind die Ecken und Kanten von Pop ? Welche Zukunft hat Pop ? Wer bestimmt was heute angesagt ist ?

Ist das Aufkommen von Punk, das Revival der Achtziger von der Musikindustrie forciert, oder ist das durch die Szene hervorgerufen.

Wie ist das stetig steigende Interesse an den Achtzigern und an die sie prägenden Neuen Sozialen Bewegungen zu erklären ?

Gehörten die Kämpfe der Jugend mit Hilfe von Pop ebenso wie antirassistische, feministische, friedensbewegte oder ökologische Kämpfe zu den NSB? (vergleiche Tom Holert / Mark Terkessidis in „Mainstream der Minderheiten“)

Wenn den Protagonisten Glauben zu schenken ist, waren alle Hein`s und Campino`s in vorderster Front der autonomen Bewegung ! Pop als Mittel der „revolutionären“ Veränderung ?

Ist dies aus dem subkulturellen Kontext gerissen und der Verwertbarkeit der Kulturindustrie überführt überhaupt möglich?

Wie sehen das die Konsumenten? Wie nehmen sie Botschaften auf ? Welche Schlüsse ziehen sie daraus ?

 

Zu beobachten ist eine Verschiebung in den jugendlichen Szenen von Hip – Hop zu Punk / Hardcore. Werden hier auch Themen aus den NSB aufgegriffen ? Alles alt in neuem Gewand ? Welche Ansätze gibt es ?

 

Wir sind immer oben, wenn wir unten sind, ist unten oben....

Das ist der Club, Das ist unser Raum...Das ist der Krach... das ist die Macht.. Das nehmen wir uns raus...da gehören wir hin.“

Das, was wie eine Textzeile aus den Subkulturen der Achtziger klingt ist aus dem Anfang Februar erscheinenden Album von Surrogat „Hell in Hell“ entnommen.

Zwei Spuren verfolgten wir mit „Pop vor Ort“ :

Eine Spur ging der gesellschaftliche Bedeutung von Pop nach. Wie positioniert sich Pop im Hinblick auf gesellschaftliche Fragen, hat Pop Lösungen zu bieten ? Wir wollten über das Wort hinausgehen und Fragen zuspitzen. Themen waren Pop und Gender(mainstreaming), Pop und Krieg, Pop und Politik, Pop und Armut , Pop und Szene, etc.

Nimmt Pop Stellung ?

Welche Band, welcher Literat bezieht Positionen und ist bereit für einen Diskurs.

 

Eine Schwierigkeit ergab sich durch das Booking. Bands, die wir für das Projekt engagieren wollten, waren nicht mehr auf Tour, wollten nicht in Remscheid spielen, oder befanden sich im Studio. So war es leider nicht möglich Kante und Oma Hans zu buchen.

Außerdem hatten wir dann noch Absagen von Besser und Hoerstuatz zu verkraften.

Was die Positionierungen von den Bands angeht, spiegelt sich das am ehesten in den Texten wieder, wobei die Tendenz zu Verinnerlichung und Individualisierung besteht. Klare Positionen mit Gruß an Commandante Marcos und die Zapatisten in Mexiko nahmen die Argentinier Attaque 77 ein. Liegt es an der gesellschaftlichen Situation in Argentinien mit Zusammenbruch des wirtschaftlichen Systems ?

Max Goldt antwortete auf meine Frage zum politischen Literaten, das er nie politisch war und auch die Foyer des Art Texte das nicht waren. Das lasse ich mal so stehen. Widersprüche müssen ausgehalten werden.

Das Publikum war älter, als bei den anderen Veranstaltungen.

 

Hochinteressant war der Vortrag von Jürgen Teipel, in dem klar zum Ausdruck kam, das die Punker nicht unbedingt zu den Neuen Sozialen Bewegungen gehörten. Hier kamen mehrere Sachen zusammen, vielleicht auch die einzige Zeit, in der politische „linke“ Szenen einen kulturellen Ausdruck durch den Punk hatten.

Jetzt gehört die Zeit ins Museum !! Klasse war der Publikumszuspruch und die altersmäßige Breite von 18 – 45 Jahren.

 

Martin Büsser’s Vortrag zu einer politischen Musik heute war ein Versuch, der gelungen war. Erstmals wurde so ein Vortrag vor ein Konzert gesetzt. Nachdem wir versuchten den Vortrag im Veranstaltungsraum durchzuführen, verlegten wir diesen spontan, auf Grund der Lautstärke, in einen anderen Raum. Circa 40 Jugendliche hörten den Ausführungen Martin Büsser’s zu und im Anschluss entwickelte sich ein lebhafte Diskussion.

Neu war die Vorstellung der amerikanischen Antifolkszene und die generelle Politisierung von Musik in den USA. Es vergeht kein Wochenende, wo nicht ein Anti - Bush – Konzert stattfindet.

Diese Veranstaltung war ein gelungener Abschluss des Projektes und wies auf das nicht Abgeschlossene hin.

Die Welle schwappt nach Europa !

 

Die zweite Spur stellte die Kraftstation und die BesucherInnen in den Mittelpunkt. Wir erreichen ein extrem junges Publikum. Hier besteht Interesse das Kulturprogramm mitzugestalten. Für einen Monat wird das Zentrum in die Hand des Publikums gegeben, um zwei, bis drei Veranstaltungen unter professioneller Anleitung selber zu planen und durchzuführen. Wie planen Jugendliche und was ist ihnen wichtig ? Langfristiges Ziel ist die Bildung eines Beirats.

 

Eine Gruppe von 6 Jugendlichen fand sich ab Oktober zusammen und fing an Veranstaltungen zu planen. Schwierig gestaltete sich die gemeinsame Terminfindung. Ich hatte nicht gedacht, wie eingebunden Jugendliche in den Schulalltag sind. So fanden wir einen wöchentlichen Termin von 2 Stunden. Diese Zeit war sehr kurz, so das die Gruppe eine Veranstaltung im Dezember plante und mit großem Erfolg durchführte. Eine zweite wurde aufgrund des Zeitdrucks nicht angegangen.

Inzwischen wurde eine zweite Veranstaltung im Januar durchgeführt und weitere sind in Planung. Inzwischen trifft sich die Gruppe kontinuierlich seit 5 Monaten.

Das Ziel eine größere Bindung zur Kraftstation herzustellen ist erreicht wurden, denn auch bei den nicht selbst geplanten Veranstaltungen kam die Gruppe und half beim Ablauf.

Wir sind gespannt auf das noch Folgende.

 

 

94) Kraftstation, Remscheid: Female Sound

 

Das Projekt „Female Sound“ verlief im Schnittpunkt der Projekte „Pop und Wort“ und des Gendermainstreamingprojektes „Der geteilte Blick“.

Mit dem Projekt wollten wir die Bedeutung von „Gender“ in der Popmusik untersuchen.

Musik und hier insbesondere der Rock / Punk / Hardcorebereich ist eine Männerdomäne. Männer machen Musik mit Männern für Männer. „Unsere männlichen Mitmusiker halten Ihre Bands nach wie vor streng monogeschlechtlich, und so herrscht in der Popkultur ein ähnlich ausgewogenes Geschlechterverhältnis wie in der KFZ – Meisterinnung und in der Astronautenszene“ ( Beiheft zum Flittchen – Record Sampler Stolz und Vorurteil, zit. Testcard 8, S. 20). Dieses Verhältnis zieht sich durch alle Bereiche der Musikindustrie, Frauen sind nahezu ausgeschlossen.

Frauen werden erst dann wahrgenommen, wenn sie hörbar erfolgreich sind, wie Missy Elliot, oder Madonna.

Dieses Frauen ausgrenzende Missverhältnis wirkt wie ein Atavismus und zeigt in aller Deutlichkeit Strukturen, die ihren Ursprung in anderer Sozialisierung von Mädchen in der Musik als Jungen haben.

„ Ihre Rolle ist immer noch die der Konsumentin, der Tänzerin vor der Bühne, des Fans, des Groupies, der Backgroundsängerin, allenfalls der Sängerin als Interpretin – diese den jungen Frauen zugewiesenen Perspektiven werden in der Popdiskussion nicht ernst genommen, weder als Themen an sich noch in ihren frauenspezifischen Implikationen“ (ebd., S.23).

 

In der Kraftstation erleben wir seit letztem Jahr bei den veranstalteten Konzerten unglaubliches. Diese werden zu fast 60 % von Mädchen / Frauen besucht, was absolut konträr zu sonstigen Zahlen steht.

Der prozentuale Anteil der MusikerInnen jedoch geht nahezu gegen Null.

 

Kommen die Konsumentinnen wegen der Musik, oder sind sie Groupies?

Wie werden Frauenbands, Female Sounds, wahrgenommen, die meistens nicht die notwendigen Reiusses haben, und deshalb nicht über den Bekanntheitsgrad verfügen?

Im Zuge von Girlism haben sich einige Frauenmusikzusammenhänge gegründet, wie Flittchen Records oder BH Booking, die sich zum Ziel gesetzt haben, eigene Netzwerke zu schaffen. Erstmalig ist im August ein Ladyfest in Hamburg geplant, in einer Stadt, in der die Kultursenatorin Frauenkulturförderung für nicht mehr zeitgemäß hält (vgl. intro 105, S. 127).

Es ist noch ein weiter Weg bis zum „...sie hat`s geschafft“.

 

Mit zwei Konzerten, mit jeweils drei „Frauenbands“, plus Lesung , bzw. Vortrag wollten wir Räume schaffen.

Raum, der Platz für Entwicklung lässt, Raum für feministische Kommunikation, Raum für eine „weibliche“ Ästhetik (vgl. hierzu Lindsay Cooper in „Die lachenden Außenseiter“, Landolt, P. (Hg.) Zürich 93, S. 331).

Wir veranstalteten am 21.11.03 ein Konzert unter dem Motto „Girls Got Rhythm!“ mit Parole Trixi und TGV, plus Lesung von Kerstin Grether und einer Poetry Einlage von Katinka Buddenkotte.

Hier zeigten sich die „Probleme“ von Frauenbands. Unbekannt, keine regionale Band, eine Presse, die Frauenfeindlicher nicht sein kann – den Frauen wurde aberkannt, das sie Musik machen können.  „Frauen gehen nicht nur auf `s Klo, …“ (x-ray, 21.11.)

Stimmen von Besucherinnen gingen in eine ähnliche Richtung. „Das rockt doch nicht..“, „da gibt es nichts zu schauen..“, „können die überhaupt spielen..“, „so was gibt es..“, usw.

 

Doch Groupies ?

Im Vorfeld angesprochene Frauenbands sagten ab, da sie sich nicht in so einen Kontext pressen lassen wollen. Auch die Hamburger Band TGV spielt lieber mit Männerbands, um nicht in eine feministische Ecke gestellt zu werden.

Der Besuch dieses Konzertes war bezeichnend, es kamen nur BesucherInnen von außerhalb, Düsseldorf, Wuppertal, etc. – kein(e ) RemscheiderIn und das, wo die vorherigen Konzerte super besucht waren !!!

Beim zweiten Konzert am 5.12. mit Britta, Moneypenny`s Revenge und The Boonaraaas plus Vortrag der Testcard Mitherausgeberin Tine Plesch sah der Besuch anders aus. Die Presse war besser, überregionale Ankündigungen und massive Werbung im Vorfeld. Überzeugend war das Schwärmen über das Konzert von TGV, die den Großteil der Jungsposerbands in Grund und Boden gespielt hätte. Die ca. 60 BesucherInnen erlebten ein Konzert der Extraklasse. Vorab hielt Tine Plesch einen Vortrag über Riot Grrrls und Ladyfeste mit ausgewählten Hörbeispielen. Hier hörten die meisten viel Neues.

 

Vieles ist durch das Projekt klar geworden. Frauenbands haben ein schweres Standing in der Öffentlichkeit, bei den KonsumentInnen, bei den MusikerkollegInnen und in der Presse. Der Weg zu „Jawohl sie hat es geschafft“ ist lang und steinig. Musik ist Männlich…das gilt es aufzubrechen. Female Konzerte sind hier wohl kein Weg, da sie eine Sackgasse sind. Das Projekt eignete sich, die Problematik offen zu machen. Das wurde geschafft. Um den patriachalen Staub aufzuwirbeln, muss tatsächlich eine Frauenband die Poser in Grund und Boden spielen.

Let it Rock !!!

Dieses Jahr gibt es ein Konzert mit einer Frauenband, einer Männerband und einer Queerband… Geschlechterdestruktion ist angesagt. „Rocking the free world !!“

 

 

74) ZUFF, Rheinberg: ‚TAUSENDSASSA’

 

Um zu merken wohin wir gehen, sollten wir wissen woher wir kommen. Am 17. Mai 2003 Jahr jährte sich die erste urkundliche Erwähnung Rheinbergs/Budbergs zum 1000sten Mal. 1000 Jahre Geschichte also einer niederrheinischen Stadt und ihrer heute gut 30 000 Einwohner.

Welchen Beitrag konnte eine Stadt im Rahmen eines derartigen Jubiläums leisten ? Inwieweit waren junge Menschen überhaupt an ihrer eigenen Stadtgeschichte interessiert ? Und wie konnten Jugendliche neugierig gemacht werden auf die lokale Historie ? Viele Fragen, eine Antwort:

Dem Geburtstagskind und dessen Bürgerinnen und Bürgern war im Rahmen eines Stadtfestes ein Geschenk der besonderen Art zu machen: Eine Kulturhistorische Reise mit den Mitteln der Musik, des Darstellenden Spiels, des Tanzes sowie des Gesanges im historischen Ambiente des Marktplatzes zu Rheinberg, damals Berca genannt.

In einer Zeit, in der globalisierte Menschen sich mehr denn je nach Authentizität, Überschaubarkeit und Sinnlichkeit sehnen, sollte Jugendlichen hier regional fokussierte Historie weniger vorgetragen, sondern gleichermaßen selbstaktiv, informativ und unterhaltsam erlebbar/erfahrbar gemacht werden.

Vor diesem Hintergrund wurde von einem eher an trockenen Schulunterricht erinnernden, textlastigen Geschichtsvortrag abgesehen und der Boden bereitet für ein multimediales, künstlerisch-ästhetisches Spektakel mit über 250 zumeist jugendlichen Mitwirkenden, bei dem geschichtsträchtige Information über Rheinberg im Wandel der Zeit auf dem Wege der gehobenen Unterhaltung für Jung und Alt hautnah präsentiert wurde.

Das Besondere an TAUSENDSASSA  lag nicht nur in seiner generationsübergreifenden und interdisziplinären Arbeit, sondern insbesondere auch  darin, dass es von RheinbergerInnen für rund 5000 RheinbergerInnen dargeboten wurde..

Eine Stadt spielte, sang, tanzte und feierte sich auf mündige Art selbst. Auf diese Weise wurde nicht nur individuelles/kollektives historisches Bewusstsein geschärft für die Stadt, in der man lebt; nicht nur arbeiteten verschiedene Generationen, Institutionen und Vereine gemeinsam und vernetzend an einem Projekt, vielmehr wurde durch die lokale Verbundenheit darüber hinaus eine Authentizität erreicht, die der kulturellen Identität, dem sozialen Selbstverständnis und somit  dem Gemeinwohl der Stadt innerhalb eines erstarkten WIR-Gefühls bis zum heutigen Tage diente.

Ein Teilprojekt dieses Spektakels wurde in der Trägerschaft des ZUFF erarbeitet bzw. von der LAG Soziokultureller Zentren Nordrhein-Westfalen gefördert.

Dieses Teilprojekt bestand in der Erprobung der theatralen und bewegungstechnischen Anteile des Gesamtprojektes. Circa 80 Rheinberger Jugendliche im Alter von 12 – 25 Jahren stellten die Historie der Stadt Rheinberg in 12 Theaterszenen und in historischen Kostümen die über das Stadttheater Krefeld bezogen wurden. Da das Stück in großen räumlichen Dimensionen auf dem Rheinberger Marktplatz uraufgeführt werden sollte, waren Proben in Großraumturnhallen nötig, in denen eine fast naturgetreue Szenerie aufgebaut werden musste, um die einzelnen Spielorte während der Probenarbeit zumindest andeuten und bespielen zu können. Hierfür wurde ein erhebliches Maß an Podesterie benötigt, die größtenteils angemietet werden musste.

Das Teilprojekt des ZUFF bestand folglich im Wesentlichen aus der Vorbereitung der theatralen Anteile der Aufführung wie auch der Bereitstellung der Kostüme und Requisiten für die Spielszenen. Das Spektakel selbst wurde inklusive der extrem aufwendigen Licht-, Ton- und Videoübertragungstechnik auf eine Großbildleinwand von der Stadt Rheinberg konzipiert, organisiert und finanziert.

Um eine bestmögliche und facettenreiche Darstellung sowie (Außen)Wirkung zu gewährleisten waren auch im Bereich des Darstellenden Spiels synergetische Effekte einer möglichst großen Bandbreite an Kooperationen mit existierenden Rheinberger Institutionen, Vereinen und Vereinigungen unerlässlich.

Nach einem Initialtreffen im Januar 2003 mit allen Beteiligten fand zu Beginn eine Arbeit in den Einzelgruppen (Darsteller, Musiker, Tänzer, Sänger, Chöre, Akrobaten etc.) statt, die im April und Mai dann mosaikartig zu einem Ganzen zusammen gefügt wurde, so dass  das Ganze weit mehr wurde als die Summe seiner Teile: (Eine) Rheinberger Geschichte, die sich sehen, hören und fühlen lassen konnte.

 

Der fulminante Erfolg bei den rund 5000 Zuschauern auf dem Marktplatz am 17. Mai, vor allem aber die enorme Akzeptanz der Jugendlichen und ihr selbstloses Engagement im Dienst einer kollektiven Theatersache war in diesem Ausmaß nicht zu erwarten gewesen. Umso erfreulicher also, dass der Erfolg – in Zeiten, in denen zunehmend über juvenile Orientierungslosigkeit und emotionale Verwahrlosung geklagt wird - in dieser Form überwältigenden stattfand.

Der im Anhang beigefügte, kleine Ausschnitt der wochenlangen und reichhaltigen Berichterstattung spricht nicht nur vor diesem Hintergrund eine klare und sehr anerkennende Sprache.

 

 

39) Bürgerstiftung Rohrmeisterei, Schwerte: OFF – Offenes Foyer

 

 

76) Künstlerinnen- Forum-Münsterland, Sendenhorst: „Der Stoff aus dem die Provinz ist“

 

Im Rahmen des o.g. Projektes erkundeten Künstlerinnen aller Sparten das konkrete soziale, historische und politische Umfeld der Provinz und wählen exemplarische Orte für Ihre Aktionen aus: Orte, die Symbol, die Wegmarke und Wendepunkte in der persönlichen Geschichte repräsentieren oder Stein des Anstoßes in der Regionalgeschichte waren.Naturräume ebenso wie beispielhafte Orte industriell geprägter Kulturlandschaft, Denkmäler, Kirchen und Psychiatrien, boten vielfältige Anlässe für Reflexion und Kunstaktion.

Einzelne Projekte wurden zu Ankerpunkten von Routen, die das provinzielle Territorium neu definieren und das gesamte Münsterland zu einem Kunstereignis werden liesen.

Zur Gewährleistung hoher künstlerischer Qualität und der gleichberechtigten Präsenz unterschiedlicher künstlerischer Positionen wurden die verschiedenen Lokalprojekte von verschiedenen Kuratorinnen und Kuratoren begleitet. Dabei handelt es sich um renommierte

Kunstwissenschaftler, Künstler, Museumsleiter, Kunstprofessoren und Galeristen. Die Verantwortung  für die Inhaltliche, künstlerische und organisatorische Verantwortung lag bei jedem einzelnen Projekt und den jeweiligen Kuratorinnen und Kuratoren.

Ein weiteres Ziel des Projektes war, Künstlerinnen in der Region zu fördern, die sich trotz nachgewiesener Qualifikation noch nicht auf dem Kunstmarkt etablieren konnten. Viele Künstlerinnen haben sich vernetzt und arbeiten auch künftig eigenverantwortlich an Projekten. Damit konnte auch diese Zielsetzung des Projektes realisiert werden.

Zur Zeit ist eine Dokumentation in Vorbereitung.

Mit großer Resonanz wurde das Projekt in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

 

 

41) Alter Schlachthof, Soest: Freibank - Musik und Lyrik ungestempelt.

 

In einer neuen Reihe des Bürgerzentrums wurden verschiedene Künste zusammengeführt - Kunstsparten, von denen es mindestens eine allein schon nicht leicht hat: Lyrik und Jazz-(verwandte) Musik. Unter dem Titel "Freibank" gingen sechs Veranstaltungen über die Bühne. Experimentelle Ansätze, wie Multimedia-Projekte paarten sich teilweise mit eher eingängiger Musik und verschiedenen Formen der Poesie - davon stammten die Hälfte der Projekte aus der Region.

Die Bandbreite spannte den Bogen von zeitgenössisch-experimentellen Abenden bis zu einer eher traditionellen Lieder-Revue.

 

Fr. 31.1. Sarah Schlüter

Unter dem Titel "nassgeschwitzt" präsentierte Sarah Schlüter eine Revue über das Theater mit Liedern von Kreisler, Bernstein und Schubert, sowie eigenen Texten und Kompositionen. Die gebürtige Welveranerin kehrte zurück zu ihren heimatlichen Wurzeln.

 

Sa. 13.2. Angelika Niescier & Sublim: “Resonanzen”

Fünf Dichter aus fünf Nationen führte die Saxophonistin Angelika Niescier mit zeitgenössischem Jazz zusammen: ein Fest der Sprachen: Begegnungen zwischen Ländern und Kulturen, Begegnungen zwischen unterschiedlichen Genres von Dichtung und Musik. Aus Deutschland gab es mit dem Rapper Cappuccino (Jazzkantine) noch vertraute Töne. Auch die Engländerin Sam Leigh Brown sang und sprach in einer den meisten Anwesenden verständlichen Sprache. Bei Polnisch, Japanisch und Arabisch spätestens jedoch trat der Klang der Sprache in den Vordergrund. Sprache wurde Musik, wechselte sich ab mit Stücken der Musiker und vereinte sich in verschiedenen Klangkörpern mit zeitgenössischem Jazz. Fünf Dichter und vier Jazzmusiker zelebrierten das Phänomen Sprache in seinen verschiedensten Ausdrucksformen: als gesungene Dichtung, als Phantasiesprache, als reine Klangskulptur, als improvisierte Lyrik. Ein Textheft mit Übersetzungen ermöglichte das inhaltliche Nachspüren.

 

Fr. 21.3. Lange Nacht der Poesie   

Lyrik und Liedermacher, Kleinkunst und Kabarett, Musik und Magie, Jonglage  und intelligenter Unsinn: Die lange Nacht der Poesie zeigte anschaulich, was man alles mit Lyrik anstellen kann. Knochentrockene Verse von der Brechstange standen neben Reindramen (max. 4 Zeilen) und DIN A5-Romanen, neben ironischen Konzertarien, Balladen und Elegien. 

 

Do. 10.4. Sehnsucht Hellweg   

Ein regionales interdisziplinäres Projekt von Sabine Miermeister vereinte Musik, Film und bildende Kunst. Ausgehend von einer eingängigen Jazzmusik entstand ein Film wärend des Konzertes gezeigt wurde. Mehre bildende Künstler ließen sich ebenfalls von der Musik inspirieren. Die Bilder wurden zu dem Konzert ausgestellt.

 

 

 

 
Fr. 24.10. In Process & Jens Domes   

Minimal Music und Dichtung von Kurt Schwitters und Ernst Jandl kombinierte das 12-köpfige Ensemble um Uli Götte. Das einzige auf Minimal Music spezialisierte Orchester in Deutschland "In Process" und der Schauspieler Peter Anger verbanden damit zwei Kunstrichtungen des 20 Jahrhunderts, die es vermocht haben, die alte Strukturen zu zerstören und dabei doch eine neue Poesie zu schaffen.

 

Fr. 30.1. Rosen & Gomorrha                                                                                                                                                                                  

"Das Leben ist kein Tanzlokal" war Titel des Arnsberger Musik-Duos Rosen und Gomorrha: Ein FilmKonzert, bei dem die reale und die Film-Ebene bewusst verwischt wurden. Der Film war Ergänzung (Begleitband), Videoclip, Hintergrundinformation (Proben) und Selbstironie. Das Kerzen-Band auf der Bühne fand seine Fortsetzung auf der Leinwand. Ein Musiker 'stieg' vorübergehend in den Film ein.

 

 

42) Alter Schlachthof, Soest: 10 Jahre Bürgerzentrum

 

Das 10-jährige Jubiläum des Bürgerzentrums wurde natürlich als Anlass zum Feiern genutzt: Am eigentlichen Geburtstag, 29.04.03 fand ein Empfang mit der eigenwilligen Jazzformation "Swinger Club" und zwei jungen, improvisierenden Walkacts statt, zu dem geladenen Gäste aber auch Freunde des Hauses und interessierte Besucher kamen.

Die "Westfälische Kleinkunst-Gala" vereinte erstmals und exklusiv Kabarettisten aus der Region: die Bullemänner aus dem Münstlerland, Johann Köhnich aus Soest und die beiden Sauerländerinnen Kathrin Heinrich und Frida Braun. (Daneben gab es mehrere Highlight-Veranstaltungen, die sich selbst zu tragen hatten: Fiddler´s Green, Atze Schröder, Onkel Fisch und Konstantin Wecker, sowie die wiederkehrenden Veranstaltungen Seniorentanz und das Internationale Fest.)

Eine umfangreiche Dokumentation über den Schlachthof steht kurz vor der Vollendung; sie widmet sich der Frühgeschichte des 120 Jahre alten Gebäudes und wirft Schlaglichter auf die Arbeit des Bürgerzentrums.

 

77) Anthes & Hinrichs GbR, Soest: Hellweg Suite 2 – Musikalische Bilder

 

Die Wiederaufnahme der "Hellweg Suite" sollte mehr sein als nur eine Neuauflage -  und diesen Anspruch hat das Projekt 2003/2004 umfassend eingelöst: Neue Kompositionen, zahlreiche Bilder und eine Installation sind als `bleibende Werte´ entstanden. Das vorhandene Material wurde in Form einer Doppel-CD veröffentlicht und wieder aufgeführt. Auch das angestrebte Zusammenführen der Künste - Musik und bildende Kunst - wurde fruchtbar umgesetzt. Ausgangspunkt war die Musik von Claudia Anthes: Nach der Namen-gebenden "Hellweg Suite" im ersten Projekt sind im zweiten Projektzeitraum sieben neue Kompositionen für Duo-Besetzung sind entstanden; außerdem hat die Pianistin den Satz "Heliodor" der Hellweg Suite für Klavier und Posaune umarrangiert.

Zeitgleich sind zahlreiche Bilder des Künstlers Antony Quiring entstanden: Der Soester hat sich dabei von der "Hellweg Suite" inspirieren lassen , die er mittels CD in seinem Atelier laufen ließ. Auch während der Konzert- bzw. Performance-Phase arbeitete Quiring weiter.

Komposition und Improvisation: die bildnerischen Methoden des Antony Quiring

Nach zahlreichen künstlerischen Experimenten verfolgte Antony Quiring schließlich zwei Techniken in zahlreichen Variationen. In mehreren farbigen Punkten manifestieren sich seine `Gießungen´; Dispersionsfarbe wird auf verschiedene Papiersorten gegossen, teilweise bewegte Quiring das Trägermaterial während des Trocknungsprozesses. Assoziationen des Betrachters könnten Klangfarben sein; wie entwickelt sich der Ton  im Raum - und umgekehrt? Aber auch die rein bildnerische Dimension eröffnet spannende Blickwinkel: Farbe und Untergrund gehen eine Bindung ein und verändern sich; Farbnuancen, Farbränder und die Komposition des gelenkten Zufallsprinzips - auch die strenge Auswahl der später ausgestellten Bilder widerlegen etwaige Verdachtsmomente von künstlerischer Willkür.

Der zweite eingeschlagene Weg konnte bei den späteren Performances auch direkt miterlebt werden: Mit leichter Hand, die sich gefühlvoll tanzend und empfindsam wie ein Seismograph über das Papier bewegt, entstehen Spuren der Musik, beziehungsweise Spuren der Bewegung. Wahlweise mit Ölkreide, Kohle oder Farbstiften schweift, springt, kreist und windet Quiring über das Papier. Die Rhythmik, die Bewegungen in der Musik spürt der 34-Jährige intensiv nach.  Bei den Konzerten in Münster, Soest und Lünen konnte der Betrachter die Bilder zur Musik rekomponieren: Manches Bild erwachte an mancher Stelle der "Hellweg Suite" zu neuer Bewegung. Spannend gerade auch die `stillen´ Töne: weißer Strich auf weißem Papier - genaues Schauen und Hören lohnt eben immer wieder.

 

Fünf Konzerte der "Hellweg Suite"

Münster: musicom [ Konzert & Ausstellung, Fr. 28.11.03 ]

Soest: Teichsmühle [Konzert & Ausstellung, Sa. 13.12.03 ]

Arnsberg: Altes Rathaus [ Konzert, Do. 08.01.04 ]

Lünen: Stadtkirche St. Georg [ Konzert & Ausstellung, Sa. 10.01.04 ]

Werl: Museum / Forum der Völker [ Konzert, So. 11.01.04 ]

 

 

43) Lindenbrauerei e.V., Unna:  „Lokal Total – Die Polit-Kabarettbühne für Unna“

 

Beim Projekt „Lokal Total“ schufen Laien und Semiprofessionelle unter professioneller Anleitung eine lokale politische Kabarettbühne. In wechselseitigem Schaffungsprozess wurde ein speziell auf die Unnaer Politik abzielendes Kabarett entwickelt. In drei Aufführungen wurde das Programm dem Publikum präsentiert. Synergien zwischen dem Kulturzentrum und dem hausansässigen Theater wurden während des Projektprozesses aktiviert. Den Mitwirkenden und dem Umfeld wurden neue kreative Impulse gegeben. Eine laufende und nachhaltige Fortführung des Projektes ist wahrscheinlich.

 

War die bissige Vorführung von gesellschaftlichen und politischen Missständen und Kuriositäten in Unna bei den Aufführungen und bei der Vermittlung an das Publikum das Wichtigste, so leistete das Projekt während des Schaffungsprozesses für die Mitwirkenden noch weit mehr:

Laien wirkten mit und wurden professionalisiert.

Profis sorgten für den nötigen Qualitätsstandard.

Die politischen Themen lagen und liegen in Unna auf der Straße und wurden bissig kommentiert und transparent gemacht.

Texte wurden gemeinsam entwickelt und/oder von Unnaer Autoren produziert und das hoch aktuell.

das Projekt war generationsübergreifend. Vom 18-Jährigen Schulmädchen bis zum über 50-Jährigen Mann reichte das Alterspektrum.

So kann resümiert werden, dass das Projekt sowohl für das Publikum in Unna, als auch die Mitwirkenden eine Bereicherung war. Bei den Unnaer Bürgern sorgte es für reichlich Gesprächsstoff, die Mitwirkenden wurden zu weiteren Betätigungen im kabarettistischen Bereich angeregt.

 

 

45) Kulturzentrum Lichtburg, Wetter: „Klingendes Theater“

 

Koordination & gemeinsame Planung

Der neugegründete Arbeitskreis „Kinder- und Jugendtheaterangebote in Wetter“ hat auf Einladung der Lichtburg  im Jahr 2003 vier Sitzungen (20.03. / 26.06. / 09.10. / 28.11.03.) durchgeführt. Im Arbeitskreis regelmäßig aktiv sind: Lichtburg & Musikschule, Koffertheater, Theaterwerkstatt Volmarstein, Kinderschutzbund, eine Vertreterin der Kinder- und Jugendeinrichtungen. Im Rahmen ihres Freiwilligen Sozialen Jahres bekam Alina Möllmann ein interessantes Praxisfeld geboten, in dem sie unterstützend für einen Teil ihres FSJ im kulturellen Bereich eingesetzt wurde.

Lichtburg führt Protokoll über die Sitzungen des Arbeitskreises und informiert die Arbeitskreismitglieder als auch alle interessierten Zielgruppen (Kindergärten, Jugendeinrichtungen, Vereine und Schulen) per Post, mit Aushängen und Plakaten über aktuelle Vorhaben und Termine.

Themen der Sitzungen sind: Terminabsprachen, Beratung und Entscheidung über vorliegende Projekte & Einzelmaßnahmen, Information über zusätzliche Fördermittel, Planung des kommenden Veranstaltungsjahres. Im Rahmen der Sitzungen werden die vorliegenden Projekte und Kostenplanungen gemeinsam erörtert und beraten. Lichtburg informiert über den Kontostand und verwaltet das Budget. Förderentscheidungen aller vorgenommenen Maßnahmen erfolgten einvernehmlich.

 

Projektziele

Das Projekt „Klingendes Theater“ und die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendtheater setzt für Wetter neue Maßstäbe einer effektiven Zusammenarbeit. Alle Theaterangebote für Kinder und Jugendliche des gesamten Stadtgebietes werden zeitlich und inhaltlich aufeinander abgestimmt und z.T. gemeinsam präsentiert.

Es werden Terminüberschneidungen vermieden. Zudem  sorgt die Abstimmung für ein ausgewogenes Programmangebot. Konkurrenzveranstaltungen im eigenen Stadtgebiet sind nunmehr ausgeschlossen. Die Lichtburg sorgt als zentrale Anlaufstelle für einen verlässlichen Service (z.B. Kartenvorverkauf). Regelmäßige Bürozeiten, der Vorverkauf und eine gemeinsame Pressearbeit sorgen für eine Professionalisierung der Angebote.

Der Runde Tisch war zusätzlich zum  Projekt  „Klingendes Theater“ auch beim Weltkindertag vor Ort und hat dort neben einem Puppenspielangebot Informationen über das Kinder- und Jugendtheaterprogrammangebot in Wetter ausgegeben. Zahlreiche persönliche Gespräche und Kontakte auch mit Kindergärten und Schulen an diesem Tag haben unter anderem dazu geführt, das das Weihnachtsangebot „Wie Engel fliegen lernen“ von mehreren Kindertageseinrichtungen und Schulen in der Lichtburg sehr gut angenommen wurde.

 

Fortsetzung

Die Arbeitsgemeinschaft „Kinder – und Jugendtheater“ in Wetter wird auch in 2004 fortgesetzt und von der Stadt Wetter mit 4.400 € unterstützt. Für das Jahr 2004 sind bereits 21 Kinder- und Jugendtheaterveranstaltungen geplant. Bei der Zusammenstellung des Programms wird darauf geachtet, das sowohl Gastspiele ausgewählter Theaterguppen  als auch Eigenproduktionen durchgeführt werden. Hier plant das Koffertheater eine Weihnachtsproduktion mit 8 Aufführungen, die Theaterwerkstatt plant eine neue Eigenproduktion zum Herbst 04. Zudem sind für das Jahr 2004 erstmals Theaterworkshops für Kinder im Bereich „Maskenspiel“ und „Schwarzlichttheater“ vorgesehen.  Leider wurde versäumt, fristgerecht einen neuen Antrag auf Förderung bei der LAG zu stellen, gleichwohl schon ein gemeinsames Motto „Alles Theater“ in der letzten Sitzung gewählt wurde. Sollte hier eine Möglichkeit bestehen, im Verlauf des Jahres noch einmal einen Antrag stellen zu können, würden wir dies gerne nachholen.

 

 

80) Beate Albrecht, Witten: Theaterprojekt `Durch dick und dünn´

 

Das Theaterprojekt `Durch dick und dünn´ zum Thema Essstörungen beinhaltete, vor der  szenischen Umsetzung und während der schriftlichen Erarbeitung des Stückes, neben der Recherchenarbeit auch die intensive Auseinandersetzung mit Betroffenen, Angehörigen sowie therapeutischen Fachkräften. So wurden Gespräche in der Jugendstation der psychiatrischen Abteilung des Klinikums in Münster sowie Gespräche mit Sebsthilfegruppen  geführt.

Parallel dazu fanden an zwei Schulen in Witten ( Otto-Schott-Realschule, Waldorfschule an der Billerbeckstrasse ) Workshops statt, die von unserer Theaterpädagogin Janina Sasse durchgeführt wurden und die sich zum einen theoretisch mit dem Problem  der Essstörungen auseinander setzten, zum anderen szenische Übungen sowie ein Nachspielen ausgewählter Szenen des Stückes beinhalteten. Diese Workshopangebote wurden von den SchülerInnen  mit großer Neugier aufgenommen. Für uns interessant war die Tatsache, dass mindestens jeder zweite von dem Problem der Essstörungen direkt oder indirekt betroffen war, jemanden kannte und, nachdem die `Kennenlernphase´  überwunden war,  auch darüber berichtete. Zudem war das Feed—back von unserer Zielgruppe für das Stück aufschlussreich und wir konnten einige Anregungen und Überlegungen für unsere Arbeit verwerten.

Nach dieser 6-wöchigen Phase, in der das Stück schriftlich erarbeitet wurde, begannen wir mit der Probenarbeit. Da wir uns zum Ziel gesetzt hatten, eine schlüssige, dramaturgische Geschichte und eine klischeefreien Umsetzung des Themas, die  den ZuschauerInnen eigene Gedanken und Vorstellungen erlaubt sowie eine authentischen Darstellung der Figuren des Stückes zu erreichen, waren die Proben herausfordernd und äußerst intensiv. Die gut besuchte Premiere wurde dann erfolgreich gefeiert, viele Anfragen für weitere Auftritte im deutschsprachigen Raum belohnten uns dann für unsere Arbeit.

Der Terminplan des Projektes verschob sich aufgrund der späterer Förderungszusagen um einen Monat, so dass wir erst am 4.Juli das Projekt beendeten.

 

 

95) Werkstadt, Witten: Filmprojekt  „Die Ferien-Piraten“

 

In den Sommerferien 2003 veranstaltete die WERK°STADT Witten für Kinder ab 9 Jahren ein 2-wöchiges Projekt im Bereich Film.

Unter dem Überbegriff „Piraten“  wurde das Ruhrgebiet mit all seinen Facetten als Schauplatz für einen Mantel und Degen Film genutzt. Von der Idee, über das Script und der schauspielerischen Umsetzung bis hin zur Kamerakranbedienung waren die Kinder in nahezu allen Prozessen mit eingebunden.

Bereits kurz nach der Presseschaltung des Projektes bildete sich eine Gruppe von 13 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Alter von 9 bis 13 Jahren, davon 5 Mädchen und 8 Jungen. Der Alterdurchschnitt betrug 11 Jahre.

 

1.Verlauf von Vorarbeit und Umsetzung des Films

Alle Kinder hatten bisher keine Erfahrung in der Arbeit mit dem Medium Film.

Zwei Teilnehmer hatten das Projekt zum Anlass genommen ihre Referate zum Thema Film anhand eigener, praktischer Erfahrungen zu komplettieren. Im Bezug auf das Schauspielerische konnten alle Kinder von vergangenen Theateraufführungen berichten. Obwohl die Kinder bisher keine Einblicke in die Strukturen des Filmemachens hatten, könnten sie im ersten Treffen die künftige Arbeit gut einschätzen.

 

Der Block der Vorarbeit bezog sich auf fünf Tage. Bereits am ersten Tag wurden in zwei Gruppen zwei unterschiedliche Handlungsgerüste erstellt. Diese wurden der gesamten Gruppe präsentiert und gemeinsam überarbeitet. Alle drei Anleiter  konnten in der Nachbereitung beide Geschichten miteinander verflechten, da die einzelnen Vorgaben genug Spielraum ließen. Die Geschichte wurde am folgenden Tag abgesegnet, jeder konnte sich in der Geschichte mit seinen individuellen Ideen wiederfinden. Anhand der Geschichte wurden die verschiedenen Kamera - Einstellungsarten kennen gelernt. Drehorte wurden festgelegt und Szenenabläufe klar abgesteckt bevor es zu einem der wichtigsten Punkte in der Vorarbeit kam – das Storyboard. Nur das Storyboard ermöglichte eine reibungslose und termingerechte Umsetzung der Vorlage.

Die Szenenblöcke  wurden auf fünf Gruppen verteilt und die einzelnen „Schüsse“ zeichnerisch umgesetzt. Die Kinder entwickelten ein Bord von insgesamt 180 Bildern. Um Brüche weitestgehend auszuklammern wurde das Bord durch die Dozenten um weitere 46 Bilder aufgestockt. Das Storyboard war wesentliche Grundlage bei der Arbeit am Set.

 

Die Texte zur Handlung wurde in der Improvisation von den Kindern frei entwickelt und durch den Theaterpädagogen verfeinert. Es folgte die Besetzung sowie die Besprechung der Kostüme und der Requisiten. In den folgenden zwei Tagen wurden die Szenen darstellerisch weiter ausgearbeitet.

Almut von Pusch führte in den Umgang mit Kamera, Licht und Ton ein. An diesem Punkt stellte sich klar heraus, das der Einsatz der Kinder im technischen Bereich  nur in Form einer Assistenz geleistet werden konnte. Grundlage für diese Entscheidung waren die Bedenken des Offenen Kanals in Bezug auf das Equipment  und des Aufnahmeleiters in Bezug auf den Umfang der zu drehenden Einstellungen. Mit den letztendlich übertragenen Aufgaben des gemeinsamen Ausleuchtens, der Kranbedienung, der Tonangel, der Kabelführung sowie der Klappe bekamen die Kinder einen nicht unwichtigen Teil der technischen Umsetzung  ihres Films.

Kostümprobe, Drehdaten und Feinschliff waren die Inhalte des letzten Tages. Es folgten die Drehtage. Nahezu dokumentarisch dieser heißen Sommerzeit, sind die Passagen in der Wüste.

Die Arbeit an allen Sets war sehr positiv. Trotz des teilweisen langen Leerlaufs für einige Darsteller, verfolgten diese Kinder die fortwährende Arbeit. In den Kostümen und vor der Kamera entfalteten die Kinder ihre schauspielerischen Begabungen und ließen sich selbst im zehnten Anlauf einer Szene nicht von ihrem darstellerischen Einsatz abbringen.

Im Umgang mit der Technik war vor allem der Kran begehrt Diese Art der Kameraführung beeindruckte immer wieder aufs Neue.

 

2.Gruppensituation

Die konzentrierte Arbeitsweise und die Vielfalt der kreativen Schwerpunkte innerhalb des Projektes gewährleistete allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern den individuellen Umgang mit dem Medium Film.

Kreative, strukturelle und technische Beiträge wurden sowohl im Team, als auch durch Einzelarbeit geleistet.

Bestehende Fähigkeiten wurden ausgebaut und neue, bisher unentdeckte Bereiche, praxisorientiert kennen gelernt.

Jedes Kind entwickelte in diesem Projekt den Mut und das Selbstvertrauen über bestehende Grenzen zu springen. Sei es in der Darstellung, im Zeichnen des Storyboards, der Bedienung von Technik und im Umgang mit Mitmenschen.

Das Feedback der Kinder bestätigte unsere Arbeit, in der Vermittlung und Aneignung von kreativen und sozialen Kompetenzen.

 

3.Postproduktion und Präsentation

Die Masse an Rohmaterial und die Arbeitszeiten am Schneidetisch haben uns Abstand nehmen lassen, die Kinder beim Schnitt zu integrieren. Zum einen konnte der Schneideraum der Uni-Essen nur Abends, bzw. Nachts genutzt werden, zum anderen ist das Schnittprogramm avid so aufgebaut, dass es für diese Altersgruppe und in dem gegebenen Umfang und Zeitdruck nicht in Frage kam. Darüber hinaus hat uns auch das logistische Problem in der Beförderung von 13 Kindern zwischen Herdecke, Witten und Essen Abstand nehmen lassen.

Die Kinder kamen mit  Eindrücken zur Premiere, die mehr als zwei Monate zurücklagen. Bisher war ihnen der eigentliche, „greifbare“ Film nur als Drehbuch, Storyboard und als Aneinaderreihung von unterschiedlichen und kaum chronologisch zusammenhängenden Drehorten bekannt. Nun, nach der Bearbeitung, konnten sie es fast nicht mehr glauben. Es war eine sehr schöne Premiere, die nicht nur die Kinder emotional berührte.

 

 

96) Werkstadt, Witten: Kling, Klang, Klong – Die Reise ins Ohr

 

Im Herbst 2003 führte die WERK°STADT Witten mit Unterstützung des Fonds Soziokultur, der LAG NRW sowie des LIONS CLUB Witten das Hörspielprojekt „Kling, Klang, Klong – Die Reise ins Ohr“ durch.

Inspiriert durch die zweite Mittelauschreibung des Fonds sowie der Trend-Entwicklung bei den Jugendlichen in Sachen Hörspiel, setzte sich die WERK°STADT zum Ziel, mit Menschen ab 15 Jahren die multimediale Erlebniswelt allein mit akustischen Mitteln zu entdecken.

Alle Beteiligten setzten sich intensiv mit den faszinierenden Aspekten von Computerspielen auseinander und entwickelten mit Unterstützung eines Schauspielers und Theaterpädagogen, sowie dem Team der DECISION-PRODUCTS das Hörspiel „Realitätsverlust – Mehr Schein als Sein“

 

Teamfähigkeit, Beobachtungsgabe und kritische Auseinandersetzung mit darstellerischen Abläufen waren wesentliche  Bestandteile der Basis einer effektiven Zusammenarbeit innerhalb der zwei Projektwochen.

Um dieses grundlegende Ziel zu erreichen,  wurden Übungen mit den Schwerpunkten:  

Sinnes und Konzentrationstraining, Kooperation und Darstellung durchgeführt.

Direkt im Anschluss haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer um das spontane Sprechen bemüht und bekamen innerhalb der Improvisationen somit erste Eindrücke bei der Arbeit am Mikrofon bezüglich Geschwindigkeit und Ausdruck.

Die Gruppe setzte sich mit verschiedenen Hörspielbeispielen auseinander, um herauszufinden, mit welchen Ausdrucks- und Erzählmitteln im Hörspiel gearbeitet wird.

Besonders die emotional geladene Beschreibung einer Handlung und der damit verbundene Einsatz der Atmung beschäftigten die Jugendlichen anschließend beim Üben. 

Außerdem probierte jeder aus, welche Möglichkeiten es gibt seine Stimme zu verändern, um verschiedene Fantasiegestalten lebendig werden zu lassen.

In der nächsten Phase, die immer wieder durch weiteres Üben am Mikrofon ergänzt wurde, wurden die Prinzipien des Geschichtenerzählens im praktischen Tun klar. Nachdem verschiedene Rahmenhandlungen für Hörspiele improvisiert wurden, wurde gezielt Material für eine Story unter der gegebenen Thematik gesammelt.

 

In einschlägigen Magazinen wurde nach unterschiedlichen Computerspielen recherchiert und deren entsprechenden Geräuschkulissen, anhand Soundbeispielen analysiert.

Figuren wurden vorgestellt und deren Charaktere besprochen.

Daraufhin wurden sowohl diese Charaktere „nachbereitet“ als auch weitere Figuren entsprechend konträr erschaffen. Es wurde experimentiert. Die körperliche und geistige „Beschaffenheit“ der Figuren galt es nun allein durch den Einsatz der Stimme überzeugend abzuzeichnen.

Da eine Besetzung noch nicht vorlag, konnte eine Kontaktaufnahme eines jeden Teilnehmers mit jeder Figur stattfinden. Passte die Beschaffenheit der Rolle zu einem Sprecher konnte die Arbeit vertieft werden.

In anderen Fällen konnte an beiden Seiten entsprechend nachgearbeitet werden, bzw. die Besetzung war nicht passend.

In der weiteren Phase wurde gemeinsam der Charakter der Hauptperson und ihr soziales Umfeld erschaffen.

Nach diesen Phasen ergab sich genügend Material für die Erstellung eines Handlungsablaufs.

Mit den gesetzten Inhalten Ausgrenzung, Computer als alltäglicher Begleiter, Identifikation in Spielen und dem Pool an Rollen wurde ein Skript erarbeitet. In diesem roten Faden wurden alle Notwendigkeiten eines Hörspiels eingearbeitet. Anschließend wurden die Rollen fest verteilt und gezielter an der Darstellung gearbeitet.

Zum Abschluss wurden die Jugendlichen mit ihren Figuren für die Arbeit im Studio vorbereitet.

 

Die Arbeit im Studio erforderte ein Umdenken. Dadurch das die Aufnahmen nicht dem dramaturgischen Konzept erfolgen, sondern Rolle für Rolle, entstehen Leerläufe, die von den TN durch Hospitanz und  Rollenarbeit aufgefüllt wurden. Unter der Anleitung des Hörspiel-Produzenten Volker Sassenberg und des Tontechnikers Erik Anker wurde äußerst strukturiert und zielorientiert das Stück umgesetzt. Die Notwendigkeit einen Satz oder auch nur ein Wort viele Male zu wiederholen um den gewünschten Ausdruck zu erzielen, war für alle sehr ungewohnt und erforderte von den Jugendlichen teilweise viel Disziplin.

Zudem hörte man die anderen Sprecher während der Aufnahme nicht, so dass man in der Dynamik des Dialogs keine Stütze mehr hatte. Somit oblag diese Arbeit einem großem Ausmaß an Vorstellungsvermögen.

Bereits am zweiten Aufnahmetag waren diese Situationen vertrauter. Die Arbeit ging viel leichter von der Hand. Alle Beteiligten, vor und hinter dem Mikrofon nahmen an den Prozessen regen Anteil.

 

Nach drei Aufnahmetagen folgte der Aufbau der Dialoge durch den Tontechniker.

Gemeinsam wurde die richtige Auswahl der Aufnahmen getroffen und zu Dialogen zusammengefügt. Es galt dabei das richtige Timing zu finden, d.h. in welcher Geschwindigkeit Schuss und Gegenschuss folgen sollten.

Abschließend folgte die szenische Atmosphäre, d.h. die Szenen wurden mit Geräuschen und Musik unterlegt.

Auch bei dieser Phase waren die Teilnehmer ausschlaggebend beteiligt.

Als Letztes wurden zu den Szenen passende musikalische Übergangsarrangements ausgesucht und eingefügt, wodurch das Hörspiel an Atmosphäre und Ausdruck gewann.

 

Bereits während der Vorarbeit in der WERK°STADT entstand bei den Sprecherinnen und Sprechern der Titel „Realitätsverlust- Mehr Schein als Sein“. Die Scheinwelt von Danae, der Protagonistin der Geschichte, äußerst bildlich umzusetzen geht im Hörspiel eindeutig hervor. Das Abtauchen in andere Welten wird in der Geschichte für den Hörer mehr als nur ein Spiel vor laufender Mattscheibe. Aus dem steuernden Menschen Danae wird nun selbst der Spielball, für finstere Machenschaften einer virtuellen Herrscherin.

Im übertragenden Sinne gibt der Mensch die Fäden zugunsten einer hochentwickelten Technologie  aus der Hand.

Doch hören Sie selbst. Am 19.12. feierte „Realitätsverlust – Mehr Schein als Sein“ eine erfolgreiche Releaseparty. Die CD und  das zugehörige Plakat sind im örtlichen Handel und bei der WERK°STADT Witten zu beziehen.

 

 

46 ) die börse, Wuppertal: Senioren ins Rampenlicht!

Ein Projekttag in Zusammenarbeit mit der Seniorentheaterkonferenz NRW am 14. Juni 2003

 

Projektbeschreibung

Im Alter noch einmal etwas ganz Neues anfangen und den Schritt ins Rampenlicht wagen. Dazu gehört mehr als nur Mut. Da ist der Mensch mit Leib und Seele gefordert, ist Kreativität und Spontaneität gefragt. Gemeinsam mit Gleichgesinnten Bühnenprogramme gestalten ist eine große Herausforderung. Das wissen die Akteure der Seniorentheater. Und sie tun es mit viel Spaß und Engagement.

In NRW gibt es eine Reihe von Senioren- und Altentheatern, die sich Anfang 2001 auf Initiative des Theater Mülheimer Spätlese in der (formlosen) Seniorentheaterkonferenz NRW zusammengeschlossen haben, als sich engagierte TheaterleiterInnen trafen und beschlossen, ihre in NRW verstreuten Gruppen an einen Tisch zu setzen. Seither werden dort Ideen und Informationen ausgetauscht, gemeinsame Projekte geplant und Gastspiele organisiert. Nicht zuletzt werden angesichts der Tendenz, alte Menschen nur noch als Pflege- und Versorgungsklientel zu verwalten, Möglichkeiten diskutiert, durch Altenkulturarbeit in Politik und Öffentlichkeit andere Akzente zu setzen.
Inzwischen arbeiten elf Gruppen in der Konferenz zusammen: Frauentheater Rostschutz- Bonn, Spätblüte – Bottrop, Hassenichgesehn – Dortmund, SeTA – Düsseldorf, Die Netzstrümpfe – Düsseldorf Benrath, Arté-S – Essen, Improwachteln – Essen, Die Herbstzeitlosen – Essen, Herbstzeitmimen – Krefeld, Theater Mülheimer Spätlese – Mülheim und theater rauhreif – Wuppertal.

Im Juli 2002 fand in Zusammenarbeit mit dem Diakoniewerk Essen ein erster Projekttag der Seniorentheaterkonferenz NRW unter dem Motto „Allein ist nicht genug“ statt. Gastgeber des diesjährigen Projekttages in Wuppertal war das theater rauhreif – Theater für Jung und Alt sein, das seit 1999 in der börse beheimatet ist und wöchentlich in unserem Haus probt. Die Produktionen ZeitLos und Teuflische Zeiten erarbeitete das Ensemble in der börse. Anfang 2002 schloss sich das Ensemble der Seniorentheaterkonferenz an.

 

Bewertung

Der Projekttag wollte den in der Seniorentheaterkonferenz organisierten Ensembles sowie an Theater interessierten SeniorInnen aus der Region ein Forum der Begegnung und des Austausches bieten. In den fünf angebotenen Workshops konnten sich die TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen Methoden des Darstellenden Spiels in der Seniorenkulturarbeit vertraut machen. Sie hatten die Möglichkeit, die theaterpädagogischen Ansätze, Methoden und Herangehensweisen unterschiedlicher DozentInnen kennen zu lernen. Als ReferentInnen wurden Spielleiter einzelner Ensemble ausgewählt, so dass die TeilnehmerInnen in den Workshops auch einen Einblick in verschiedene Arbeitsweisen von Seniorentheatern aus NRW erhielten. In den Workshops mischten sich Mitglieder aller Ensembles. Insgesamt nahmen 76 Personen an dem Projekttag in der börse teil. Vor allem die angeregten Gespräche der TeilnehmerInnen während der Pausen zeugten davon, wie intensiv die Möglichkeit des Austausches wahrgenommen wurde. Im Abschlussgespräch wurde betont, dass diese Form der Begegnung als außerordentlich wichtig und befruchtend empfunden wurde. Zudem wurde der Wunsch geäußert, diese Treffen regelmäßig weiterzuführen.

Die öffentliche Präsentation am Ende des Projekttages fand vor gut gefülltem Haus statt. Neben den TeilnehmerInnen waren zahlreiche interessierte Gäste in die börse gekommen. In der szenischen Collage präsentierten das Theater Spätblüte, Bottrop, Hassenichgesehn, Dortmund, Netzstrümpfe, Düsseldorf-Benrath, Katja Kohlenpott, Dortmund, Theater Mülheimer Spätlese, Mülheim a.d.Ruhr, Improwachteln, Essen, Herbstzeitmimen, Krefeld, theater rauhreif, Wuppertal und Frauentheater Rostschutz Bonn kurze Ausschnitte aus ihren aktuellen Produktionen. Die szenische Collage machte das breite Spektrum und die ganz unterschiedlichen Theateransätze der Seniorenensembles deutlich. Allerdings zeigten sich auch große Unterschiede in der dramaturgischen und schauspielerischen Qualität der einzelnen Beiträge. In Zukunft wäre es wünschenswert, dass Programm insgesamt zeitlich und auch in der Anzahl der Ausschnitte zu straffen. Zudem sollte die Seniorentheaterkonferenz für eine öffentliche Präsentation eine gemeinsame Vorauswahl treffen, um durch einen repräsentativen Querschnitt von hohem Niveau die gewünschte Außenwirkung in ihrer Selbstdarstellung zu erreichen.

Die Planung und Vorbereitung des Projekttages fand in enger und guter Zusammenarbeit mit der Seniorentheaterkonferenz NRW und deren Sprecher Eckhard Friedl statt. Die Seniorenkonferenz übernahm die inhaltliche Planung des Projekttages, plante die verschiedenen Workshopangebote und akquirierte geeignete Referenten. Weiterhin bereitete sie die öffentliche Präsentation der Seniorentheaterensembles vor. Die vorbereitenden Arbeiten verliefen sehr kooperativ und in gutem Einvernehmen zwischen der Seniorentheaterkonferenz und der börse.

Die Resonanz der SpielerInnen des Wuppertaler Ensembles theater rauhreif zeigt, dass der Projekttag die angestrebten neuen Impulse geben konnte. Das Ensemble nahm viele neue Ideen und eine hohe Motivation als Ergebnis mit. In den letzten Monaten hat sich die Gruppe zudem erweitert. Der anliegende Bericht der Spielleiterin Caroline Kühnl gibt einen Einblick in das persönliche Erleben der Veranstaltung.

 

Ein Erfahrungsbericht von Caroline Kühnl, Leiterin des theater rauhreif – Theater für Jung und Alt

Ankunft in der börse kurz vor zehn. Im Foyer drei ältere Frauen, bunte Kleider, graue Haare, auf der Treppe weitere „Herrschaften“, am Aufzug schimpft ein weißhaariger Bubikopf „Scheiße, wer hat denn den Aufzug so zugestellt“ – die einzige Panne an diesem Tag. Ein ungewohnter Anblick in Räumen, wo sonst ein jüngeres Publikum tanzt.

Im roten Salon empfängt uns Rosenduft statt Zigarettendunst und statt ohrenbetäubendem Soundcheck gibt es heute sanftere Töne. Klassik? Ich weiß es nicht mehr.

Eine andere Kultur hat Einzug in die börse gehalten. Kultur, die schon ihr eigenes Gesicht zeigt, zugleich aber noch auf der Suche ist nach ihren  Potentialen.

Diese Potentiale zu entdecken und zu entwickeln, darum geht es an diesem Tag auf vielfältige Weise.

Da ist das Zusammensein im Plenum bei der Begrüßung und in den Pausen. Pause ist hier  nicht abschlaffen und Leere, sondern wie in der Musik ein Raum, der offen lässt, einlädt und sich füllt mit dem Zusammenklang des Ganzen. In den Pausen summt der Saal, glühen die Gesichter, strahlen die Augen. Man spürt die Kraft und das Engagement der Menschen, die versammelt sind, auch ohne zu wissen, worum sich die Gespräche drehen.

Allein diesen Eindruck mitzunehmen in den heimischen Theaterbetrieb, gibt Schwung und das Gefühl, einen Beitrag zu etwas Größerem zu leisten, ein Puzzlestein in einem Gesamtbild zu sein.

Wie dieses Bild aussehen soll, was das Größere sein soll – ob sozial, politisch oder kulturell oder alles drei – das wird diskutiert, gedanklich eingekreist, beharrlich weiterentwickelt und spielerisch umgesetzt.

Konkret wird es mit der Suche nach den eigenen Potentialen in den Workshops. In unserem arbeiten wir an Texten für und über Rollenfiguren. Schreibend nehmen wir Beziehung auf zu unseren Figuren, versuchen auf assoziativem Wege und in der Gruppenreflexion mehr über sie herauszubekommen. Da findet eine „Frau“ ihre Lebensgeschichte, die Schlange Ka aus dem Dschungelbuch, eine Reihe von Peinlichkeiten, Carlos entdeckt seine weibliche Seite, und eine Geschichte über Graupensuppe beschwört die Nachkriegszeit herauf. Schreiben, ein Arbeitsschritt, der sonst häufig von den Spielleitern übernommen wird, geht hier in die Verantwortung der SpielerInnen über.

Während bei uns arbeitsame Stille herrscht, tragen die Lüftungsrohre die Geräusche aus dem Nachbarraum zu uns. Da wird gejohlt, geklatscht, gewütet und gelacht.

Wir hören eine alte und eine junge Stimme im Streitgespräch – auf der Bühne versteht sich!

Auch das – die Begegnung von Alten und Jungen birgt Potential. In der gemeinsamen Arbeit entwickelt sich Verständnis füreinander leichter als im familiären Zusammenhang, können unangenehme Fragen gefahrloser beantwortet werden, finden die Jungen wohl auch schon mal Geborgenheit und die Alten Anerkennung, wenn nicht sogar Bewunderung für die vielen Stationen gemeisterten Lebens.

Begegnung alt – jung heißt in den meisten Gruppen die zwischen TeilnehmerInnen und jüngeren Spielleitern. Dass da nun zwischen den Spielleitern ein noch jüngeres Gesicht auftaucht, stimmt zuversichtlich; denn, wenn eine neue Generation von Spielleitern, Regisseuren oder Theaterpädagogen Interesse für Seniorentheaterarbeit zeigt, dann kann diese Arbeit ein Bestandteil sich entwickelnder Seniorenkultur bleiben.

Die im letzten Programmteil auf der Bühne präsentierten Ausschnitte aus den  Arbeiten der Theatergruppen zeigen, dass auch Senioren zu (fast) allem fähig sind oder zumindest mutig genug sind, vieles auszuprobieren.
Ja, da meldet sich leiser oder auch lauterer Zweifel an. Nicht alles, was wir intern entwickeln, wirkt nach außen schon überzeugend genug. Das zeigt auch so manche Publikumsreaktion. Da tut sich die Schere auf zwischen dem woher und wohin des Seniorentheaters. Angesiedelt und begonnen im sozialen Feld traditioneller Seniorenarbeit, sich selbst dienend und genügend, strebt diese Arbeit, wie es dem Wesen des Theaters entspricht, in einen künstlerischen und politischen Raum, in dem sie erst durch Qualität bestehen kann.

Dies zu erkennen tut weh, könnte einem glatt den Spaß verderben, wenn, ja wenn wir uns zu schnell einschüchtern lassen oder beleidigt zurückziehen.

Aber es ist lohnenswert, Kritik als Anreiz zu betrachten, das Können zu erweitern.

So sind wir wieder bei den Potentialen – denn die sind allemal vorhanden.

 

 

46 ) die börse, Wuppertal: grenz>>gänge

Ein Musik- und Tanztheaterprojekt von und mit Grundschulkindern und Jugendlichen

 

Projektbeschreibung

Unsere Welt ist von Grenzen durchzogen. Sie bestimmen unser Leben. Sie bestimmen unsere Räume. Und es gibt Grenzen, die wir mit unseren Sinnen und unserem Körper erfahren und selber gestalten können.

Von März bis Juli 2003 beschäftigten sich zwei Wuppertaler Grundschulklassen und 12 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in unterschiedlichen Workshops mit dem Thema „Grenzen“. Dabei entdeckten und erforschten sie unter professioneller Anleitung ihre Stimme und ihren Körper für den Ausdruck auf der Bühne.

Unter Leitung der Tänzer Geraldo Si, ehemals Mitglied der Compagnie Pina Bausch, und Nadja Varga, der Theaterpädagogin Dagmar Beilmann und dem HipHopper Soufiane Rhazi haben zwölf teilnehmende Mädchen aus Improvisationen und eigenen Texten in viereinhalb Monaten eine Choreographie eigenverantwortlich gestaltet. Mit der bildenden Künstlerin Eva Cukoic arbeiteten sie zudem ab Mai regelmäßig im Atelier an der Bühnengestaltung und den Kostümen. Zu dem Projekt gestaltete der Schüler Markus Handke eine web-site: www.dieboerse-wtal.de/grenzgaenge. Das Projekt bot den Jugendlichen neue Erfahrungsräume, in denen eigene und fremde Grenzen und ganz unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen erprobt werden konnten.

Parallel zu der tänzerischen Arbeit  entwickelten 42 Grundschulkinder mit ihren Stimmen und ungewöhnlichen Klangkörpern eine Bühnenmusik zu dem Tanzstück. Unter Anleitung der Improvisationsmusiker und Komponisten Thomas Beimel und Gunda Gottschalk erarbeiteten eine 2. und eine 3. Klasse in jeweils sechs Unterrichtseinheiten in ihren Schulen eine strukturierte Komposition. Die Arbeit mit den Kindern basierte auf dem seit Jahren erprobten Response-Konzept zur Vermittlung von Neuer Musik. Response führt Neue Musik nicht als fertiges Objekt vor, sondern bezieht die Schüler aktiv in die Gedankengänge und Experimente einer lebendigen Praxis. Es richtet sich in besonderem Maße an Kinder, die bisher von musischer Erziehung ausgeschlossen waren.
Begleitend wurde von den Musikern eine Fortbildung zu dem Thema „Form und Experiment  - Neue Musik an der Grundschule“ angeboten, an der 15 interessierte Grundschulpädagogen aus ganz Wuppertal teilnahmen.

Ende Juni besuchten  die Grundschulkinder eine so genannte Referenzveranstaltung im Side by Side Art Center. Dort treffen sich in der Reihe „SichtLaut“ regelmäßig TänzerInnen und MusikerInnen zur gemeinsamen Improvisation. Die Teilnehmer des Projekts und ihre Eltern waren zu einer dieser Aufführungen eingeladen, bei denen auch die ProjektleiterInnen auftraten. Sie konnten erleben, wie professionelle Künstler mit dieser Kombination aus improvisierter Musik und zeitgenössischem Tanz arbeiten, die sie selbst schon in den Workshops kennen gelernt haben. In diesem Rahmen zeigten die Mädchen als preview einen 10-minütigen Ausschnitt aus ihrer bisherigen tänzerischen Arbeit.

Nach gemeinsamen Proben der jungen MusikerInnen und TänzerInnen in der börse fanden am 16. Juli abends und am 17. Juli am Vormittag für MitschülerInnen zwei öffentliche Aufführungen des 50-minütigen Musiktheaterstücks grenz>>gänge statt.

Zudem wurden die TänzerInnen ins Tanzhaus NRW nach Düsseldorf eingeladen, wo sie ihre Arbeitsergebnisse in Ausschnitten im Rahmen der Reihe „junge schwäne e.t.c.“ präsentierten.

 

Ergebnisse

Grenzen durchziehen unsere Welt, bestimmen unsere (Spiel)Räume, unser (Da)Sein. Grenzen laden aber auch immer dazu ein, überwunden zu werden. In vielfältiger Weise wurde in dem Projekt grenz>>gänge das Thema „Grenze“ betrachtet und thematisiert. Im Ergebnis führten die Grenzgänge zu zahlreichen Grenzüberschreitungen: Kinder und Jugendliche erprobten, erfuhren und erweiterten die Möglichkeiten ihres stimmlichen und körperlichen Ausdrucksvermögen. Durch Improvisation und mit Phantasie überschritten sie Grenzen konventioneller Seh- und Hörgewohnheiten (vor allem auch ihrer Eltern), aber auch Grenzen von kultureller und sozialer Zugehörigkeit und des eigenen künstlerischen Ausdrucksvermögens. Das sehr allgemein gefasste und offene Thema bot den TeilnehmerInnen sehr unterschiedlichen Alters und Herkunft vielfältige Identifikationsmöglichkeiten und Ansatzpunkte.

Nach Außen hin lässt sich der Erfolg des Projektes am deutlichsten an der ästhetischen Qualität der entstandenen Aufführung messen. Die von den Grundschulkindern und Jugendlichen in den Workshops erarbeiteten musikalischen und tänzerischen Elemente haben sich kohärent zu einem künstlerisch ansprechenden, interessanten und spannungsreichen Ganzen zusammengefügt. Die Beiträge der einzelnen beteiligten Gruppen haben sich gegenseitig befruchtet und zusätzlich aufgewertet. Die gemeinsame öffentliche Aufführung am Schluss war sehr wichtig für alle Workshopteilnehmer, denn so fühlten sich alle in ihrem Tun Ernst genommen, fühlten sich selbst als KünstlerInnen und entwickelten im Projektverlauf eine Art von Professionalität.

 

Die Arbeit in den Grundschulen hat neben der musischen Entwicklung der Kinder, von denen die wenigsten eigene musikalische Erfahrungen bzw. eine musikalische Vorbildung mitbrachten – es handelte sich bei beiden Klassen um relativ leistungsschwache SchülerInnen und Gruppen mit hohem Migrationsanteil –, vor allem eine Förderung der Individual- und Sozialkompetenz bewirkt. Es konnten alle Kinder einbezogen werden, jeder/r konnte im Rampenlicht stehen – selbst die schüchternsten. Kinder, die wenig schulische Erfolge erzielen, wurden zu den musikalischen Stars der Aufführung, was ihr Selbstwertgefühl enorm steigerte. Die auffällig konzentrationsschwachen SchülerInnen aus beiden Klassen haben in den Aufführungen ungeheuer aufmerksam mitgemacht und unsere Erwartungen übertroffen. Der pädagogische Erfolg in den Grundschulklassen lässt sich zudem an einer Veränderung und Stärkung der Klassenstrukturen ablesen.

Die anfangs heterogene Gruppe der Tänzerinnen, die von allen Schultypen – Hauptschule, Gesamtschule, Gymnasium – kommen, hat im Verlauf des Projektes sehr eng zueinander gefunden. Sie haben sehr ernsthaft gearbeitet, hart trainiert und sich auch in die Gestaltung von Kostümen und Bühnenbild kreativ und engagiert eingebracht. Sie haben das Projekt hoch motiviert abgeschlossen und werden sich nach den Sommerferien weiterhin zum regelmäßigen Training in der börse treffen.

Auch zwischen den Kindern und Jugendlichen wurden Grenzen überschritten. Die Kinder wurden zu Fans und Bewunderern der Tänzerinnen und sammelten fleißig Autogramme, die Mädchen waren am Ende stolz auf die Konzentrationsleistung der Kleinen und beeindruckt von ihrem musikalischen Können, vor allem von unserem kleinen „coolen“ Trommler Azret.

Die Zusammenarbeit des Projektteams der Künstler aus drei unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen war sehr gut und bestimmt durch gegenseitigen Respekt und Vertrauen auf die ästhetischen Ansprüche und die künstlerische Qualität der Arbeit jedes einzelnen. Beim Zusammenbau des Stücks aus den in Workshops und im Atelier erarbeiteten Elementen (Musik, Tanz, gestalterische Elemente und Videoprojektionen) herrschte Überstimmung hinsichtlich der individuellen ästhetischen Vorstellungen und Maßstäbe.

In den Projektberichten der Künstler und den auswertenden Texten der Kinder und Jugendlichen betonen alle die Freude und den Spaß, den sie in dem gemeinsamen Projekt erleben durften. Diese Motivation und Begeisterung aller Beteiligten hat das Projekt geprägt und getragen.

 

Geraldo Si / Nadja Varga - Bericht über die tänzerische Arbeit im Projekt grenz>>gänge

Im März dieses Jahres begannen wir mit den Proben für das Tanztheaterprojekt mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Das Thema war „Grenzen“ bzw. „Grenzgänge“, so wie wir das fertige Stück später auch nannten. Es meldeten sich 25 theater- und tanzfreudige Mädchen und leider nur ein Junge, der während der Probenzeit Photos machte und eine Internetseite des Projekts gestaltete. So arbeiteten wir in den 4 ½ Monaten bis zur Aufführung ausschließlich mit Mädchen.

Die ersten Wochen nutzten wir, um uns als Gruppe zu erleben und kennen zu lernen, sowohl in der Bewegung als auch schauspielerisch (unter der Anleitung von Dagmar Beilmann) und im Gespräch. Dabei ging es immer wieder darum, unser Thema „Grenzen“ zu erkunden und  zu erforschen, Gedanken und Assoziationen darüber auszutauschen. So entwickelten sich im Laufe der Zeit Stichwörter und Themen, die für viele der Mädchen eng mit dem Begriff „Grenzen“ verbunden waren. Zum Beispiel kam immer wieder das Thema auf „Regeln“, denen man unterworfen ist und die Grenzen aufzeigen. Das brachte uns auf die Idee, Texte mit der Aufgabe schreiben zu lassen, dass jeder Satz mit „Ich sollte…“ beginnt. Dabei entstanden „Grenzgänge“ in Hülle und Fülle und es war erstaunlich zu sehen, wie sehr wir uns letztlich auch selbst Grenzen setzen, etwa durch unsere Vorstellung davon, wie wir sein sollten. Zudem war zu sehen, wie stark die Mädchen von den Einflüssen und Vorschriften der Schule und des Elternhauses geprägt werden. Grenzen wahren, Grenzen überschreiten… wir probierten und studierten, sammelten Material. Auch in der Bewegung ging es um Grenzen. Wie kann ich mich körperlich von jemandem abgrenzen, oder das Gegenteil, ihn einladen näher zu kommen? Wir fanden Gesten, die später in eine zusammenhängende Choreographie gebracht wurden. Die Mädchen schrieben viele Texte für uns, und am Ende waren fast alle verwendeten Texte von den Mädchen selbst verfasst.

Insgesamt war es für uns alle eine spannende und bereichernde Zeit, in der sich nach und nach heraus kristallisierte, was letzten Endes auf die Bühne gebracht und was wieder verworfen wird. Genauso wie sich übrigens die sehr hohe Teilnehmerzahl von 25 bis Ende April auf 12 Mädchen reduzierte, mit denen wir dann bis zum Schluss arbeiteten.

Ab Mai trafen sich dann die Mädchen gruppenweise einmal in der Woche mit Eva Cukoic und arbeiteten mit ihr gemeinsam an Requisiten und Ideen für die Kostüme. Anfang Juli kam dann der schwierigste Teil: Das Zusammenfügen unserer „Ergebnisse“ mit denen von Thomas und Gunda, die in derselben Zeit musikalisch mit 42 Grundschulkindern gearbeitet hatten. Überraschenderweise gelang das sehr gut, und es entstand ein Stück, in dem sich wechselseitig Musik / Stimme einerseits und Tanz / Sprache andererseits hervorhoben, begleiteten und unterstützten. Das Projekt erreichte seinen Höhepunkt Mitte Juli mit zwei voll besetzten Aufführungen in der BÖRSE und einer weiteren Aufführung (nur mit den Mädchen) im Tanzhaus NRW in Düsseldorf. Sowohl die Kinder als auch die Jugendlichen hat dieses Projekt sehr inspiriert und bereichert. Die Kinder bekamen Lust zu tanzen und die Mädchen haben beschlossen, sich als Tanzgruppe jeden Dienstag in der BÖRSE zu treffen und selbständig weiter zu arbeiten. Geraldo und ich haben die Probenzeit genossen und waren mit dem fertigen Stück sehr zufrieden und im Übrigen sehr stolz auf „unsere Mädels“! Eine Fortsetzung wird von allen Seiten gewünscht!

 

 

97 ) die börse, Wuppertal: Die Sieben Todsünden

Ein Theaterprojekt von und mit Jugendlichen

 

Projektbeschreibung

Die Werbebranche ist aufmerksam geworden auf „Die sieben Todsünden“. Als zeitgenössische Allegorien erleben sie in Werbespots für Eiscreme oder Haarpflegeprodukte eine Renaissance. Der markige Werbespruch „Geiz ist geil“ ist allenthalben zu hören und zu lesen.

 

Stolz, Zorn, Neid, Trägheit, Geiz, Völlerei oder Wolllust tauchen als momentaner Gefühlszustand auf, aber mitunter beherrscht auch eine dieser so genannten „sieben Todsünden“ grundlegend den Charakter eines Menschen. Die Werbebranche verwandelt diese menschlichen Schwächen werbewirksam in Stärken. Wie Jugendliche diese Werbung rezipieren und welche Aussagen sie über „Die sieben Todsünden“ treffen, war Thema des Projektes.

 

Die Jugendlichen konnten zwischen zwei Workshops wählen, konnten aber an beiden teilnehmen:

I.) Text- und Szenenwerkstatt: Unter der Anleitung der Regisseurin und Theaterpädagogin Elisabeth Schafheutle bearbeiteten Jugendliche das Thema als Autoren und als Schauspieler.

II.) Kostüme / Designwerkstatt: Die Kostümbildnerin Katja Struck unterstützte die Jugendlichen bei der Konzeption und Erstellung der Kostüme, die bei der Aufführung „zum Tragen kamen“.

 

Pädagogische Zielsetzungen:

Bei den Jugendlichen sollte Bewusstsein und das Verständnis entwickelt für:

I.) Inhaltlich: Die religiöse sowie historische Bedeutung „der sieben Todsünden“. Klärungen der, in der Umgangssprache nicht mehr gebräuchlichen Begriffe Hochmut, Völlerei, Wolllust. Klärung der Unterschiede von Begriffen wie Eifersucht und Neid oder Habgier und Geiz. Bildbetrachtungen – wie haben sich bildende Künstler in verschiedenen Epochen dem Thema genähert, welche Aussagen lassen sich aus den Bildern lesen. Arbeitsbeispiele: Hieronymus Bosch, Peter Breughel, Otto Dix - Zeitlosigkeit menschlicher Emotionen – trotz der Veränderbarkeit der äußeren Umstände, - betrachtet man die Entwicklung der Gesellschaft seit dem Mittelalter-, entstehen auch heute viele Konflikte, weil Menschen von Stolz, Zorn, Neid, Trägheit, Geiz, Völlerei und Wolllust getrieben sind.

Ein differenzierter Blick auf Moralvorstellungen – sind „die sieben Todsünden nur negativ? Gibt es auch Verhaltensweisen, die durch Stolz, Zorn, Neid, Trägheit, Geiz, Völlerei und Wolllust positiv motiviert werden?

Welche alltäglichen Verhaltensmuster resultieren aus den ‚sieben Todsünden’?

II.) Künstlerisch:

Assoziationen, die sie mit den „sieben Todsünden“ verbinden (Farbe, Form, Material). Moderne Allegorien der Todsünden. ( Kostüme). Die Unterschiedlichkeit jeder Todsünde im körperlichen Ausdruck suchen (Mimik, Gestik, Gang). Wie präsentieren sich Menschen, wenn sie von einer der sieben Todsünden getrieben sind. Unterschiede zwischen parodistischer und ernsthafter Darstellung. Wie können die Konflikte (s.o. Zeitlosigkeit menschlicher Emotionen) szenisch umgesetzt werden.

 

Ergebnisse

Die Text- und Theaterwerkstatt – Projektbericht von Elisabeth Schafheutle

Die Gruppe, die sich am 19. 9. 2003 erstmalig traf, um miteinander ein Theaterprojekt zum Thema „Die sieben Todsünden“ zu erarbeiten, war sehr heterogen. Es waren acht Mädchen und ein Junge. Sie waren zwischen 14 und 18  Jahren, kamen aus allen Schulformen (Gesamtschule, Hauptschule, Realschule, Berufskolleg, Gymnasium) und brachten auch verschiedene Begabungen mit. Einige hatten schon viel Theater gespielt, waren auf der Bühne gewandt und es gewohnt, sich vor anderen, ihnen noch fremden Menschen, zu präsentieren. Bei anderen galt es vor allem diese Schamgrenze abzubauen.

Innerhalb der vier Monate sind die Teilnehmer zu einer homogenen Gruppe zusammengewachsen. Alle neun Spieler tragen in gleichen Maßen zum Gelingen der Vorstellung bei und haben gleich viel zu spielen, d.h. es gibt keine Hauptrollen. Die schwächeren Darsteller haben gelernt aus sich herauszugehen und entsprechend viel Mut entwickelt, das öffentlich zu zeigen. Die Proben wie die Premiere haben gezeigt, dass alle zunehmend Freude daran hatten, Emotionen auszuleben, die sie bislang als befremdlich empfanden, oder die sie sich selbst verbaten. Die individuelle Zensur war vor allem bei ‚Zorn’ und ‚Wolllust’ zu Beginn des Workshops bei vielen der Mädchen spürbar ein Problem. Die Unvoreingenommenheit, mit der die Jugendlichen auf das Thema zugingen und mit welcher Offenheit sie sich selbstkritisch hinterfragen, zeigt vor allem die Szene ‚Persönliche Statements’. Dass sie Mechanismen unserer Gesellschaft hinterfragen und diese auch ironisch zu brechen vermögen, zeigt vor allem die Szene der Wahlrede der Präsidentschaftskandidaten. So war es auch die Idee von den Jugendlichen, im Anschluss an die Wahlreden das Publikum abstimmen zu lassen. Aber auch in den Toilettenpapierszenen wird ihre Fähigkeit zur Ironie deutlich.

Während den Proben in der 3. und vor allem 4. Phase ist allen bewusst geworden, wie viel Disziplin, Engagement, Konzentration notwendig ist, um Theater zu spielen. Eine Erfahrung, die sie auch weit über das Erlebnis der Premiere hinaus begleiten wird. Der Erfolg nach der Premiere hat alle Teilnehmer sehr beflügelt. Die öffentliche Anerkennung für ihre Arbeit, von Zuschauern wie von der Presse, hat sie bestätigt und sie in ihrem Selbstvertrauen bestärkt.

Dass die unter ‚Pädagogische Zielsetzung’ genannten Punkte erfüllt wurden, beweisen die Aussagen der Jugendlichen. Die Zitate stammen aus einem Interview, das Marion Kranen anlässlich der Premiere für den Deutschlandfunk geführt hat.

 

„Es ist mir ziemlich schwer gefallen, mich jedes Mal in eine neue Rolle einzufinden, weil jeder von uns spielt ja mehrere Rollen, mal den Geiz, mal die Habgier, dann musste ich von der Völlerei plötzlich auf den Zorn umsteigen, da muss man sich ganz anders konzentrieren. Das ist schon schwer. (...)

Es ist schon ein Abenteuer, einfach man den Bösen raushängen zu lassen und zu sagen: „Ich bin jetzt so richtig zornig!“ oder „Ich bin jetzt die Wolllust!“ (...) Also es wäre anders, wenn man die Tugenden nachspielen würde. Da würde man, glaube ich, nicht so überzeugend wirken (...) Dieses Negative, da muss man sich schon umstellen auf der Bühne.“ (Laura)

„Man lernt beide Seiten kennen, bei jedem, bei allen Sachen. Ich denke, es ist gut, wenn man ein bisschen Stolz hat, ich denke es ist gut, wenn man auch mal wütend werden kann, wenn man sich streiten kann. Und ich denke auch auf jeden Fall sind die sieben Todsünden nicht nur negativ. (...)

Wolllust – die Love Parade. Das ist ja alles von heute. Das ist ja nicht so, dass es das nicht mehr gibt, das hat ja alles noch einen Bezug zu heute.“ (Jana)

 

Die Kostüm-Werkstatt – Projektbericht von Katja Struck

Mit der Projektleiterin Elisabeth Schafheutle hatte ich in Vorgesprächen geplant, in der Designwerkstatt mit den Teilnehmern 7 Kostüme herzustellen, die die 7 Todsünden verkörpern sollten. Zur Aufführung des zu erarbeitenden Stückes sollten die Darsteller dann wechselweise in die Kostüme schlüpfen können. Zudem sollten die Kostüme eine gewisse Opulenz aufweisen um damit auch statt eines Bühnenbildes genügend optische Reize für die Zuschauer zu bieten.

Nachdem von den Teilnehmern des Theaterprojektes bereits einige Wochen an Improvisationen zum Thema gearbeitet worden war und ich dort auch selbst einige Eindrücke sammeln konnte, habe ich vorbereitend zu jeder der Figuren zahlreiche Materialien, Kostümteile und Requisiten zusammengestellt. In Farbe und Material orientierten sich diese Teile bereits eng an einer von den Teilnehmern erarbeiteten Assoziationsliste (Neid = Gelb, Geiz = Grün).

Das gesamte Material wurde dann von mir als großer Berg den Designwerkstatt-Teilnehmern angeboten und zu sieben Untergruppen neu sortiert, um die Kreativität der einzelnen nicht durch unnötige Vorgaben einzuschränken.

Über dieses neue Zusammentragen ergab sich ein spielerisches Zusammenfinden der 9 Teilnehmer zu kleinen Gruppen, die sich so ihre „Lieblingssünde“ aussuchen konnten, sich aber auch austauschten und gegenseitig berieten.

Der Umgang mit verschiedensten Materialien musste ausprobiert und erlernt werden, es wurde von Hand und mit der Maschine genäht, geklebt, geschnitten, gemalt... Auch dabei halfen z.B. mit der Nähmaschine erfahrene Teilnehmer den Anderen bei der Umsetzung, zumeist wurde sehr selbständig und motiviert gearbeitet.

Der von uns erst als Mangel empfundene Zustand, dass einige Teilnehmer bereits bei Elisabeth Schafheutle im Theaterworkshop Erfahrungen hatten, und andere Teilnehmer ganz neu dazukamen, stellte sich im Arbeiten durchaus als positiv dar, da sich „befangene“ und „unbefangene“ Blicke mischten und ergänzten.

Die Tatsache, dass die Kostümobjekte später eine Premiere haben sollten, hat meiner Ansicht nach die Freude an der Arbeit sehr geprägt. Die Bedeutung und Wirkung eines Theaterkostüms für einen Schauspieler konnte so von der ganzen Gruppe, auch von denen, die nicht auf der Bühne standen, intensiv und nachhaltig begriffen werden.