Zahlen, Daten und Fakten

Soziokulturelle Zentren in Nordrhein-Westfalen 2002

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Gerd Spieckermann

Die Untersuchung

Im Folgenden werden Untersuchungsergebnisse vorgestellt, die auf Datenerhebungen der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren beruhen, die von dieser in Zusammenarbeit mit den Landesarbeitsgemeinschaften seit 1994 in zweijährigem Rhythmus durchgeführt werden. Die Daten werden mittels eines zwölfseitigen Fragebogens bei den Mitgliedszentren sowie bei Einrichtungen, die kooperierend in die Arbeit der Landesverbände integriert sind, erhoben. Im Erhebungsjahr 2002 wurden insgesamt 440 Zentren angeschrieben, wovon 199 (45%) geantwortet haben. In NRW liegt die Rücklaufquote mit 83% über dem Bundesdurchschnitt: 54 von 65 Mitgliedszentren der LAG Soziokultureller Zentren NRW e.V. haben geantwortet, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die Ergebnisse der Untersuchung repräsentativ sind.
Die seit 1994 gleichbleibende Struktur der Befragung ermöglicht es, anhand von Zeitreihen Entwicklungen und Rahmenbedingungen der Arbeit von soziokulturellen Zentren zu veranschaulichen. Um die Erhebung in absoluten Zahlen vergleichbar zu machen, wurden alle Daten aus den Vorjahren auf die aktuelle Gesamtzahl der soziokulturellen Einrichtungen in NRW (65) hochgerechnet. Auf die erfolgte Hochrechnung wird im Text jeweils hingewiesen. Alle anderen Zahlenangaben beziehen sich nur auf die 54 Zentren, die für das Jahr 2002 den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben. Sämtliche Angaben zur Finanzstruktur der befragten Zentren wurden in Euro umgerechnet.
Abgefragt werden jeweils Daten zu den Bereichen Trägerschaft, Angebote und Besuche, Künstlerauftritte, Besucher- und Personalstruktur sowie zur Finanzierung.



Trägerschaft

Als das Trägerschaftsmodell für soziokulturelle Zentren hat sich der gemeinnützige eingetragene Verein bewährt: 93% aller Einrichtungen in NRW sind in dieser Rechtsform organisiert. Offenbar können die offenen und flexiblen Organisationsstrukturen eines Vereins, die gesetzlich nur sehr begrenzt reglementiert sind, den Ansprüchen der Akteure nach niederschwelligen Zugangsmöglichkeiten und demokratischer Partizipation besonders gut gerecht werden. Dem Prinzip der Selbstverwaltung verpflichtet, werden dabei Hemmnisse, wie z.B. langsamere Entscheidungsprozesse, in Kauf genommen, die jedoch durch breite Gestaltungsspielräume in den jeweiligen Vereinssatzungen relativiert werden können.
Weitere mögliche Rechtsformen wie z.B. Genossenschaftsmodelle oder GmbHs spielen nur eine untergeordnete Rolle: nur das zakk in Düsseldorf und die KAUE in Gelsenkirchen sind als GmbH organisiert. Eine Einrichtung, die Flottmannhallen in Herne, arbeitet in Trägerschaft der Stadt.
Eine weitere Besonderheit hängt nur mittelbar mit der Organisationsform zusammen, viel stärker jedoch mit dem inhaltlichen Profil und dem Selbstverständnis der Zentren: fast 72% der Einrichtungen in NRW sind "anerkannte Träger der freien Jugendhilfe", d.h. ihnen wurde seitens der Sitzkommune bescheinigt, dass ihre Arbeit bzw. erhebliche Teilbereiche den Anforderungen des Jugendhilfegesetzes entsprechen. Dies ist ein Beleg für das bei den nordrhein-westfälischen Einrichtungen vorherrschende Verständnis von Soziokultur, sich nicht auf den Kulturbereich zu begrenzen, sondern auch soziale und gesellschaftspolitische Themenfelder zu bearbeiten.



Angebotsspektrum

Die Angebotsstruktur soziokultureller Zentren umfasst prinzipiell drei Kernbereiche:

  • Veranstaltungsangebote: Musik, Theater, Film, Diskussionen/Tagungen, Vorträge, Discothek und anderes;
  • Kontinuierliche Angebote: Kurse/Workshops, Gruppentreffs und Beratungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen;
  • Zielgruppenorientierte Arbeit und Offene Angebote: z.B. für Kinder, Jugendliche, Frauen oder Senioren.

Als vierter Bereich, für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der meisten Zentren von zentraler Bedeutung, müssen die gastronomischen Angebote angeführt werden, die in der Regel erst die finanzielle Absicherung der inhaltlich-kulturellen Arbeit garantieren, was bei der Betrachtung der Finanzausstattung noch detailliert aufgezeigt wird.
Kontinuierlich können 74% der Einrichtungen auch räumlich ein gastronomisches Angebot vorhalten. In 26% der Zentren findet eine Bewirtung der Besucher auf Grund fehlender Gasträume nur im Rahmen von Veranstaltungen und nicht als dauerhaftes Angebot statt.
Die gastronomischen Angebote erfüllen darüber hinaus zahlreiche Funktionen. Sie vermitteln die Atmosphäre eines Hauses und sind Ort für Begegnung und Kommunikation mit Machern und anderen Besuchern sowie Informationsbörse über Programm und Angebote. Zwanglos und niederschwellig, ohne gleich die Theaterkarte erwerben zu müssen oder den Sprachkurs zu buchen, sich als ehrenamtlicher Helfer zur Verfügung zu stellen oder in Vereinsstrukturen einzutauchen, bieten die gastronomischen Betriebe ein Forum für den ersten unverbindlichen Kontakt und ermöglichen ein weiteres kennen lernen. In soziokulturellen Zentren ist die Kneipe oder das Café auch "Türöffner" für mehr.
Dass die Gastronomie in soziokulturellen Zentren häufig einen ‚anderen' Charakter hat, zeigt sich auch darin, dass rund 15% der Ehrenamtlichen im Jahr 2002 dort tätig waren. Dabei hat der Charakter des gastronomischen Betriebes, je nach Zentrum, eine eigenständige Prägung. In großen Einrichtungen wird der Besucher den Unterschied zu einer "normalen" Kneipe vielleicht kaum wahrnehmen, während in kleinen Einrichtungen häufig eine "Wohnzimmeratmosphäre" vorzufinden ist, die ökonomische Interessen in den Hintergrund treten lässt.
Ungeachtet dieser Unterschiede ist es wichtig, die Doppelfunktion gastronomischer Betriebe in soziokulturellen Zentren im Blick zu halten: Ökonomisches Standbein und Türöffner! Bei der weiteren Auswertungen der Zahl der Angebote und Besuche werden die Besuche der originären, inhaltlichen Bereiche und die Gastronomie-Besuche jedoch jeweils getrennt aufgeführt.



Besucher

In den untersuchten Zentren wurden im Jahr 2002 insgesamt 80.000 Veranstaltungen und Kurse durchgeführt. Insgesamt besuchten 2,85 Mio. Menschen die soziokulturellen Zentren in NRW. Weitere 1,35 Mio. Besucher wurden in den gastronomischen Betrieben verzeichnet, was einer Gesamtbesucherzahl von 4,20 Mio. entspricht.
Durchschnittlich wird jedes Zentrum jährlich von 53.000 Menschen (inkl. Gastronomie von fast 78.000) aufgesucht.

Tabelle 1: NRW 2002, Besuche, absolut, Anteil, Durchschnitt je Zentrum (n = 54)

 

Besuche

Durchschnitt je Zentrum

 

Veranstaltungen Kurse u.ä.

Gastronomie

Summe

Veranstaltungen Kurse u.ä.

Gastronomie

Summe

 

absolut

%

absolut

%

       

NRW
(54 Zentren)

2.850.494

67,8

1.352.000

32,2

4.202.494

52.787

25.037

77.824



Besuche nach Bereichen

Grundsätzlich lässt sich bei den untersuchten Einrichtungen in NRW eine bereichsbezogene Rangfolge des Besucherzuspruchs ermitteln: der Veranstaltungsbereich findet den höchsten Besucherzuspruch (1,81 Mio. Besuche = 43%), gefolgt von den gastronomischen Angeboten (1,35 Mio. = 32%) und den kontinuierlichen Angeboten (784.000 = 19%). Zielgruppenorientierte und Offene Angebote (247.000 = 6%) stehen an letzter Stelle der Besucherresonanz und spielen quantitativ eine vergleichsweise eher untergeordnete Rolle.

Grafik 1: : NRW 2002, Besuche nach Bereichen, absolut (n = 54)

Besuche nach Bereichen

Bei Betrachtung der Entwicklung der Besucherzahlen seit 1994 fällt auf, dass die soziokulturellen Zentren in NRW bis zum Jahr 1998 kontinuierliche Besucherzuwächse verzeichnen. Erstmalig im Jahr 2000 gibt es einen Besuchereinbruch im Bereich der gastronomischen Betriebe, der so gravierend ausfällt, dass die Gesamtbesucherzahlen sinken, obwohl alle inhaltlichen Bereiche Zuwächse verzeichnen. Dieser Rückgang der Gesamtbesucher auf 4,85 Mio. im Jahr 2000 kann im Jahr 2002 durch Zuwächse in allen Bereichen bis auf 90.000 Besuche wieder ausgeglichen werden: dabei liegen die Zuwächse v.a. im Bereich der Gastronomie (+ 100.000), im offenen Bereich (+ 50.000) und im Veranstaltungsbereich (+ 40.000); der geringste Zuwachs wird bei den Kurs- und Gruppenangeboten verzeichnet (+ 30.000).

Im Veranstaltungsbereich haben sich die Besucherzahlen seit 1994 um mehr als 1,0 Mio. kontinuierlich erhöht. Im Bildungs- und Beratungsbereich sind deutliche Schwankungen zu verzeichnen. Hier konnte im Jahr 2002 mit 0,95 Mio. Besuchern nahezu der Höchststand aus dem Jahr 1996 erreicht werden.
Die Besucherzahlen im offenen Bereich haben im Jahr 2002 mit 300.000 einen Maximalwert erreicht. Die größten Schwankungen verzeichnet der gastronomische Bereich, der im Jahr 1994 nur 1,21 Mio. Besuche und im Jahr 1998 mit fast 2,2 Mio. zu Buche steht.

Tabelle 2: NRW 1994 - 2002, Besuche nach Bereichen, absolut in Mio. (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Jahr

Veranstaltungen

Kurse/ Gruppen

Offener Bereich

Gastronomie

Gesamt

1994

1.15

0,93

0,22

1,21

3,51

1996

1,60

0,97

0,20

1,20

3,97

1998

1,90

0,87

0,21

2,18

5,16

2000

2,15

0,92

0,25

1,53

4,85

2002

2,19

0,95

0,30

1,63

5,07



Grafik 2: NRW 1994 - 2002, Besuche nach Bereichen, absolut in Mio. (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Besuche 94-02

Betrachtet man die Verteilung der Besuche auf die unterschiedlichen Angebotsbereiche, fällt im Vergleich zu den Untersuchungen der Vorjahre die Verlagerung des Schwerpunktes zu Gunsten des Veranstaltungsbereiches auf. Waren 1998 noch 42,2% der Besuche im gastronomischen Bereich zu verzeichnen und nur knapp 37% bei Kulturveranstaltungen, hat sich das Verhältnis im Jahr 2002 umgekehrt. Nun sind es 43,2% bei den Veranstaltungen und nur noch 32,2% in der Gastronomie.
Während der Anteil im Veranstaltungsbereich damit fast den Spitzenwert aus dem Jahr 2000 erreicht, fällt der Gastronomieanteil (32,2%) noch hinter das Niveau des Jahres 1994 zurück. Mit eigenen absoluten Zuwächsen verzeichnet der offene Bereich mit einem Anteil von 5,9% am Gesamtbesucheraufkommen einen weiteren merklichen Anstieg, jedoch kann der Maximalwert aus dem Jahr 1994 (6,27%) noch nicht wieder erreicht werden.

Grafik 3: NRW 1994 - 2002, Besuche nach Bereichen, Anteile

Anteile

Zielgruppenorientierte Angebote

Bei der zielgruppenorientierten Arbeit soziokultureller Zentren werden vorwiegend Angebote für Jugendliche (in 79,6% der untersuchten 54 Einrichtungen), für Kinder (68,5%), für Frauen (57,4%) und für Senioren (42,6%) bereitgestellt.

Grafik 4: NRW 2002, Zielgruppenorientierte Angebote, Häufigkeit der Nennung in % (n = 54)

Angebote

Angebote und Besuche nach Sparten

Ein spartenübergreifendes Veranstaltungsangebot ist charakteristisches Merkmal soziokultureller Einrichtungen. Mit unterschiedlicher Intensität werden alle künstlerischen Bereiche abgedeckt. Insgesamt wurden 2002 in den untersuchten Einrichtungen 11.491 Veranstaltungen (+ 7,1% gegenüber 1998) durchgeführt, je Einrichtung wurden durchschnittlich über 200 Veranstaltungen angeboten. Die Spannbreite reicht dabei von 10 bis zu 1.327 Veranstaltungen.
Die spartenbezogene Auswertung des Veranstaltungsangebotes weist bezüglich der Anzahl der durchgeführten Veranstaltungen eindeutige Schwerpunkte auf. Vor allem die Bereiche Kino/Film (22,6%), Musikkonzerte (14,8%), Discoveranstaltungen (12,9%), Theater und Kabarett (11,7%) werden bevorzugt angeboten. Eine untergeordnete Rolle spielen Tanz- und Ballettveranstaltungen (1,0%), Ausstellungen (1,6%), Lesungen (1,8%) und Feste (2,0%).

Die untersuchten Veranstaltungen wurden im Jahr 2002 von knapp 1,8 Mio. Menschen besucht. Die Besucherzahl variiert dabei je nach Zentrum von 800 bis zu 233.600 Besuchern. Der Durchschnitt liegt bei 33.672 Veranstaltungsbesuchern je Zentrum.
Die besucherstärksten Angebote soziokultureller Zentren in NRW sind dabei mit großem Abstand Disco- und Tanzveranstaltungen (35,3%), Konzerte (19,5%), Feste (18,6%), und Theater/Kabarett (8,2%). Eher geringfügige Besucheranteile verzeichneten Tanz und Lesungen mit 0,5% bzw. 0,8% sowie Ausstellungen mit 1,3% und Seminare/Tagungen mit 1,4%.
Auf den Filmbereich entfallen nur 4,3% der Besucher, obwohl dies die mit Abstand häufigste Veranstaltungsform ist (2.600 Veranstaltungen). Hier schlägt sich die für einen Kinobetrieb charakteristische hohe Programmdichte nieder, jedoch auch die geringe Kapazität der von den Zentren betriebenen Kinos, die lediglich max. 99 Plätze aufweisen.

Grafik 5: NRW 2002, Veranstaltungen nach Sparten, absolut (n = 54)

Veranstaltungen

Grafik 6: NRW 2002, Veranstaltungsbesucher nach Sparten, absolut (n = 54)

Sparten

Vergleicht man die bereinigten und auf 65 Zentren in NRW hochgerechneten Veranstaltungszahlen seit 1994, lässt sich eine kontinuierliche Zunahme feststellen. Bezogen auf das Jahr 2000 wuchs die Zahl nochmals um 7,2%, von 12.912 auf 13.832, bezogen auf das Jahr 1994 (8.126 Veranstaltungen) sogar um 70,2%.
Die Steigerungen können quer durch alle Veranstaltungsarten beobachtet werden, allerdings fallen einige Spitzen deutlich ins Gewicht. Auffällig ist der Zuwachs im Bereich von Fremdveranstaltungen, Veranstaltungen in denen die soziokulturellen Zentren nicht selbst für die Durchführung verantwortlich zeichnen, sondern ausschließlich als Vermieter auftreten. Die inhaltliche Verantwortung wird hier weitgehend an Dritte abgegeben. Die Möglichkeiten der programmatischen Einflussnahme sind darauf begrenzt, an wen und für welche Art von Veranstaltung vermietet wird. Unter dieser Rubrik werden in der Befragung sowohl die Vermietungen für private Feiern als auch die Bereitstellung von Räumen für andere gemeinnützige Dritte oder auch an privatwirtschaftliche Agenturen u.ä. subsumiert. Dieser "Veranstaltungstyp" nahm allein von 2000 nach 2002 um 39% (= 602 Veranstaltungen) zu; seit 1994 entspricht dies einem Zuwachs um insgesamt 268%.
Darüber hinaus verzeichnet der Bereich Disco als Veranstaltungstyp seit 1994 mit 56,3% sehr hohe Zuwächse. Gerade dieser Bereich birgt die Option, wirtschaftliche Erträge zu erzielen und ist daher auf Grund der zunehmenden Abhängigkeit von eigenerwirtschafteten Mitteln von hoher Bedeutung. Allerdings konnte die Veranstaltungsdichte in diesem Segment in jüngster Zeit offenbar nicht mehr erhöht werden. Während von 1994 bis 1998 der Zuwachs insgesamt knapp 60% betrug, gingen seit dem die Zahlen um 2,4% zurück. Bezogen auf 1994 verzeichnen ebenfalls hohe Zuwachsraten die Bereiche Kino (56,4%), Lesungen (46,6%), Seminare, Tagungen, Diskussionen (42,0%), Theater (38,0%) und Konzerte (34,0%). Unterdurchschnittliche Zuwächse bzw. Rückgänge sind in den Bereichen Ausstellungen (11,7%), Feste (6,5%) sowie Tanz (- 28,1%) zu verzeichnen.

Auch die Besucherzahlen im Veranstaltungsbereich sind seit 1994 kontinuierlich angestiegen. Hochgerechnet und bezogen auf das Jahr 2000 gab es Zuwächse um 36.000 (1,7%) auf 2.188.687 Besucher, bezogen auf das Jahr 1994 um insgesamt 1.037.758 (90,1%).
Obwohl, wie bereits beschrieben, die Veranstaltungszahlen in fast allen Bereichen seit 1994 deutlich zugenommen haben, sind die Besucherzahlen in zwei Bereichen gegenüber 1994 auch absolut gesunken (Tanz: - 26,1%; Tagungen: - 14,9%).

Da soziokulturelle Zentren der politischen Diskussion und Bildung traditionsgemäß einen hohen Stellenwert einräumen - was sich auch nach wie vor in sogar steigenden Veranstaltungszahlen dokumentiert - ist der Besuchereinbruch im Bereich "Tagungen/ Diskussionsveranstaltungen" bemerkenswert. Hier kann davon ausgegangen werden, dass die sich allgemeine gesellschaftliche Trends zunehmender Entpolitisierung in der Besucherresonanz niederschlagen, die allein durch die Bereitstellung von gesellschaftspolitischen Angeboten nicht aufgehoben werden können.

Besonders hohe Zuwächse im Vergleich zu 1994 verzeichnen demgegenüber erwartungsgemäß die Bereiche, in denen auch die Zahl der Veranstaltungen stark angewachsen ist: Fremdveranstaltungen 177%, Disco 109% und Konzerte 81,5%.

Grafik 7: NRW 1994 bis 2002, Veranstaltungen und Besuche in ausgewählten Sparten, Veränderungen in % seit 1994

ausgewählte Sparten

Künstlerauftritte

Im Jahr 2002 sind, hochgerechnet auf 65 Zentren, insgesamt über 16.941 Künstlerinnen und Künstler in soziokulturellen Einrichtungen in NRW aufgetreten. Spartenmäßig liegen dabei die Schwerpunkte eindeutig im Musik- (59%) und Theaterbereich (21%), in den anderen Sparten und Bereichen sind es zusammen insgesamt nur 20%.
Auch in soziokulturellen Zentren sind Künstlerinnen deutlich weniger präsent als ihre männlichen Kollegen: ihr Anteil liegt nur bei 22,2%. Besonders eklatant stellt sich das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern im Bereich "Disco" - nur 14% aller DJ's sind weiblich - und im Musikbereich dar, hier erreichen die Musikerinnen nur einen Anteil von 13%.

Tabelle 3: NRW 2002, Künstlerauftritte nach Bereichen/Sparten, absolut/ Anteil in % (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Bereich/Sparte

Männer

Frauen

absolut

%

Musik

8.726

1.296

10.022

59,2

Theater/Kabarett

2.306

1.324

3.631

21,4

Tanz

257

349

607

3,6

Ausstellungen/Lesungen

302

202

504

3,0

Diskussionen/Vorträge

574

429

1.003

5,9

Disco

1.010

164

1.174

6,9

Summe

13.176

3.765

16.941

100,00



Grafik 8: NRW 2002, Künstlerauftritte nach Bereichen/Sparten, absolut (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Künstlerauftritte

Altersstruktur der Besucher

Der Mehrheit der Besucher soziokultureller Zentren in NRW ist zwischen 21 und 40 Jahren alt (52,8%), gefolgt von der Altersgruppe unter 20 Jahren (24,9%) und der Gruppe über 40 Jahren (22,3%).
Die Ergebnisse im Einzelnen: Im Jahr 2002 waren 28,6% der Besucher zwischen 21 und 30 Jahren alt, gefolgt von der Gruppe zwischen 31 und 40 Jahren mit 24,2%. An dritter Stelle, mit einem deutlichen Abstand von fast 7 Prozentpunkten, liegt die Altersgruppe der 41 - 60jährigen mit einem Besucheranteil von 17,8%. Die Gruppe zwischen 15 und 20 Jahren erzielt einem Anteil von 15,4%. Mit einem Abstand von 8 Prozentpunkten erreichen die 6-14jährigen einen Anteil von 7,2%, die über 60jährigen erzielen 4,5% und an letzter Stelle stehen die unter 6jährigen Besucher mit 2,2%.

Grafik 9: NRW 2002, Altersstruktur der Besucher, Anteil in %

Altersstrukur Anteile%

Die Betrachtung der Anteile verschiedener Altersgruppen seit 1994 zeigt zunächst eine hohe Kontinuität. Es gibt jedoch einige interessante Details. In den Altersgruppen gibt es unterschiedlich ausgeprägte Verschiebungen: Der Anteil der 41-60jährigen nimmt kontinuierlich zu und liegt 2002 knapp über 8 Prozentpunkte höher als 1994. Der Anteil der 21-30jährigen sinkt im gleichen Maße. Der Anteil der 31-40 jährigen geht nur geringfügig um 1,4 Prozentpunkte zurück, während die 15-20 jährigen ihren Anteil um fast 3 Prozentpunkte erhöhen können.

Grafik 10: NRW 1994 bis 2002, Altersstruktur der Besucher, Anteil in %

Altersstruktur 94-02

Nach wie vor sind die soziokulturellen Zentren in NRW mit ihren Angeboten ‚jung'. Ihnen gelingt es, junge Menschen als Akteure und Besucher zu gewinnen. In den untersuchten Einrichtungen liegt der Anteil der 15-30jährigen Besucher bei durchschnittlich 34%, 9,4% der Besucher sind maximal 14 Jahre alt. Damit bieten viele soziokulturellen Einrichtungen - neben den städtischen Musikschulen und Bibliotheken - speziell Kindern und Jugendlichen einen ersten Zugang zur kontinuierlichen Auseinandersetzung mit künstlerisch-kreativen Angeboten.



Personalstruktur und Beschäftigungsformen

Für die Qualitätssicherung und Entwicklungsfähigkeit soziokultureller Zentren ist die Art und der Umfang der zur Verfügung stehenden Personalstellen von zentraler Bedeutung. Ob eine ausreichende Anzahl von unbefristeten Arbeitsverhältnissen zur Verfügung steht, wie hoch die Abhängigkeit von arbeitsmarktpolitischen Förderinstrumentarien und der Anteil ehrenamtlicher - also unbezahlter - Arbeit ist, entscheidet darüber, ob die personelle Ausstattung strukturell den Anforderungen einer auf Kontinuität angelegten Kulturarbeit gerecht werden kann.
Grundsätzlich sind vier Beschäftigungsformen für soziokulturelle Einrichtungen charakteristisch:

  • unbefristet sozialversicherungspflichtig Beschäftigte
  • befristet sozialversicherungspflichtig Beschäftigte,
  • Praktikanten, geringfügig Beschäftigte und so genannte freie Mitarbeiter und
  • ehrenamtlich Tätige.

Im Jahr 2002 waren in den 54 untersuchten Zentren 1.506 Menschen, durchschnittlich also 27,9 Personen je Zentrum gegen Bezahlung tätig. Von der Gesamtzahl der Beschäftigten sind 597 Personen (39,6%) mit unbefristeten oder befristeten Arbeitsverträgen ausgestattet, das Verhältnis liegt bei 461 unbefristeten zu 136 befristeten Arbeitsverhältnissen. Den hauptamtlich Tätigen stehen 909 Beschäftigte (60,4%) gegenüber, die als geringfügig Beschäftigte, Aushilfen, freie Mitarbeiter oder auch als Zivildienstleistende tätig sind. Damit ist der überwiegende Teil der Beschäftigten in so genannten prekären Beschäftigungsverhältnissen oder auf befristeten Stellen tätig, die in der Regel aus arbeitsmarktpolitischen Programmen (ABM, SAM, LKZ, ASS u.a.) finanziert werden.

Grafik 11: NRW 2002, Bezahlte Mitarbeiter, absolut (n = 54)

bezahlte Mitarbeiter

Von den insgesamt 597 hauptamtlich Beschäftigten haben 241 Vollzeitstellen (40,4%), 197 Stellen (33,0%) sind Teilzeitbeschäftigungen zwischen 75% und 50% der Normalarbeitszeit, 159 Stellen (26,6%) sind Teilzeitbeschäftigungen unterhalb von 50%.

Grafik 12: NRW 2002, Hauptamtliche Mitarbeiter, Vollzeit/Teilzeit, absolut (n = 54)

hauptamtliche Mitarbeiter

Bei der Personalentwicklung seit 1994 können interessante Verschiebungen festgestellt werden. Unbefristete Beschäftigungsverhältnisse sind hochgerechnet auf 65 Zentren seit 1994 sowohl anteilsmäßig als auch in absoluten Zahlen kontinuierlich angestiegen und haben im Jahr 2000 mit 587 Beschäftigungsverhältnissen oder 32,4% einen Höchststand erreicht. Gegenüber 1994 bedeutet das fast eine Verdoppelung (+93,7%), gegenüber 1998 einen Zuwachs von 35,5%. Allerdings ist dann bis 2002 nach 6 Jahren erstmalig insgesamt ein Verlust von 32 Stellen zu beklagen.

Die Entwicklung bei den befristeten Stellen, die überwiegend aus arbeitsmarktpolitischen Sonderprogrammen finanziert werden, verläuft uneinheitlich mit rückläufiger Tendenz: Nachdem von 1998 auf 2000 bereits ein besonders massiver Einbruch in Höhe von 165 Personalstellen (43,8%) erfolgte, setzte sich dieser Trend bis 2002 weiter fort: Nochmals sind 30 befristete Personalstellen (15,5%) weggefallen. Der Anteil der befristeten Stellen an den gesamten Personalkapazitäten der soziokulturellen Zentren geht von 10,7% auf nur noch 9,0% zurück. Ursächlich für diesen Rückgang sind die insgesamt noch weiter reduzierten Haushaltsmittel seitens der Bundesagentur für Arbeit für ABM und andere Förderprogramme, zugleich aber auch die geänderten Vergabebedingungen (kürzere Förderzeiträume, höherer Trägeranteil, gedeckelte Förderung, verringerte Gehaltsspielräume), die diese Fördermaßnahmen für soziokulturelle Zentren nicht mehr sonderlich attraktiv erscheinen lassen.

Beim weiteren Vergleich der Entwicklungen im Personalbereich seit 1994 ist die Zahl der Aushilfen und Freien Mitarbeiter besonders interessant: Von 1994 bis 1998 hat sich die Zahl der geringfügig Beschäftigten nahezu verdoppelt, von 718 im Jahr 1994, über 955 im Jahr 1996 auf 1.417 im Jahr 1998. Von 1998 auf 2000 geht diese Zahl - bedingt durch zwei Gesetzesänderungen auf Bundesebene ("Gesetz zu Korrekturen in der Sozialversicherung und zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte", Stichwort Scheinselbständigkeit/ "Gesetz zur Neuregelung der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse", Stichwort: 630-DM-Jobs) - um 431 Stellen zurück. Im Jahr 2002 sind die Auswirkungen der erneuten "Reform" nachzuvollziehen: Die Zahlen in diesem Beschäftigungssegment steigen von 986 im Jahr 2000 auf 1.044 (+ 5,6%) in 2002 an.
Im selben Zeitraum steigt in den NRW-Zentren auch die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter um 420 (41,8%) auf insgesamt 1.425 Menschen an. Damit erreicht die Zahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter seit 1994 absolut und im Verhältnis zur Gesamtzahl der Mitarbeiter einen Höchststand. Dieses unentgeltliche Engagement kann als schwergewichtiges Indiz für die ungebrochene Attraktivität der soziokulturellen Einrichtungen, die Qualität ihrer Angebote und den professionellen Umgang mit bürgerschaftlich interessierten Menschen gelten.

Tabelle 4: NRW 1994 - 2002, Personalstatus, absolut/ Anteil in % (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Jahr Sozialversicherungs-
pflichtig
unbefristet B.
Sozialversicherungs-
pflichtig befristet B.
Aushilfen, Freie Zivildienst-
leistende
Ehren-
amtliche
  % absolut % absolut % absolut % absolut % absolut
1994 14,80 303 14,36 294 35,07 718 2,86 59 32,91 673
1996 14,55 351 10,11 244 39,61 955 2,70 65 33,03 796
1998 14,58 433 11,62 345 47,68 1417 1,76 52 24,36 724
2000 20,82 587 6,87 194 34,98 986 1,70 48 35,62 1005
2002 17,14 555 5,06 164 32,23 1044 1,56 51 44,01 1425


Grafik 13: NRW 1994 - 2002, Personalstatus, Anteil in %

Personalstatus

Wenn zur Beurteilung der Personalentwicklung in soziokulturellen Zentren in NRW v.a. die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter herangezogen wird, fällt das Fazit mit Blick auf die Entwicklung der letzten zwei Jahre deutlich negativ aus: sowohl die Zahl der unbefristet als auch die Zahl der befristet Beschäftigten sinkt erheblich, im Saldo steht ein Verlust von 62 Personalstellen (7,9%); der Anteil der Hauptamtlichkeit an der gesamten Beschäftigung in soziokulturellen Zentren verringert sich von 27,7% in 2000 auf 22,2% in 2002. Diese Verluste innerhalb von zwei Jahren wirken um so schwerer, wenn zu Grunde gelegt wird, dass die personellen Ressourcen in den Zentren seit jeher knapp bemessen sind. Diese Einschätzung wird noch verstärkt, wenn der zeitliche Umfang der hauptamtlichen Beschäftigungsverhältnisse näher analysiert wird. Nur rund 40% der hauptamtlichen Mitarbeiter haben eine volle Stelle (in der Regel 40 Wochen-Stunden); knapp 11% der Mitarbeiter haben eine 3/4-Stelle und knapp 8% eine 2/3-Stelle. Diesen stehen 41% der Mitarbeiter gegenüber, die nur eine 20 Std. bzw. eine noch geringer ausgestattete Stelle inne haben.

Grafik 14: NRW 2002, Hauptamtliche Mitarbeiter, Vollzeit/Teilzeit, Anteil in %

Hauptamtliche

In erster Linie dokumentiert die im Vergleich zu anderen Kultureinrichtungen hohe Zahl von Teilzeitstellen den ökonomischen Mangel, der für soziokulturelle Zentren nach wie vor charakteristisch ist und der in der Praxis dazu führt, dass ein erhebliches Maß an unbezahlter Mehrarbeit geleistet wird.
Andererseits versuchen soziokulturelle Einrichtungen aber auch, den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter entgegenzukommen und möglichst flexible Arbeitszeitmodelle zu verwirklichen, sei es um Alleinerziehenden überhaupt eine Berufstätigkeit zu ermöglichen oder Künstlern, die (noch) nicht von ihrer künstlerischen Tätigkeit leben können, eine materielle Basis zu verschaffen.
Die Personalsituation soziokultureller Zentren in NRW muss nach wie vor als problematisch eingeschätzt werden. Der Rückgang von hauptamtlichen Arbeitsverhältnissen insgesamt, der auch nicht durch die leicht gestiegene Zahl von Aushilfsstellen ausgeglichen werden kann und die weitere Ausdehnung von Teilzeitstellen ergeben einen deutlich von prekären Beschäftigungsverhältnissen dominierten Personalschlüssel. Bei gesteigerter Programmdichte und Veranstaltungszahl ist von 2000 auf 2002 die Anzahl der durchschnittlich bezahlten Beschäftigten von 12,0 auf 11,1 Personen je Zentrum gesunken.
Die Personalstruktur wird der Komplexität des ausdifferenzierten Angebots und der damit verbundenen Qualifikationsanforderungen an Mitarbeiter nicht gerecht und stellt ein entscheidendes Hindernis für eine dauerhafte Sicherung und Entwicklung soziokultureller Arbeit dar.
Neben den notwendigen Managementfähigkeiten sind langfristige Planungssicherheit, eine angemessene Bezahlung und ausreichende Stundenkontingente im Personalbereich erforderliche Bedingungen, die soziokulturelle Zentren vielfach nicht bieten können.
Die begrenzte Personaldecke zwingt die Zentren trotz des beschriebenen Rückgangs noch immer zur Nutzung beschäftigungspolitischer Programme - von den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen machen solche Stellen immerhin noch einen Anteil von knapp 22,8% aus. Die vorhandenen Hauptamtlichen werden durch befristete Stellen nur in geringem Umfang entlastet, da der in der Regel jährliche Wechsel von Personen neben der Antragstellung und Abrechnung auch ständig neue Orientierungs- und Qualifizierungsphasen erfordert. Aber selbst wenn, je nach Qualität des Personalmanagements der Einrichtungen, der "Arbeitszeitgewinn" bei einer vollen Stelle nur zwischen 30 und 50% liegen mag, müssten soziokulturelle Zentren in NRW auf Grund der zu erwartenden Änderungen bei der Bundesagentur für Arbeit und der Einschränkungen der Arbeitsmarktprogramme in naher Zukunft vermutlich zwischen 50 und 80 Vollzeit-Personalstellen ersetzen. Eine Herausforderung, der sich gerade kleinere Zentren, deren Personalausstattung und deren finanzielle Ressourcen noch relativ dünn sind, kaum gewachsen sehen. Auch hier sind die Gemeinden und das Land NRW gefragt, ein zumindest kleines "Beschäftigungsprogramm Soziokultur" auf den Weg zu bringen.



Ehrenamt

Der erhebliche Umfang ehrenamtlicher Arbeit unterscheidet soziokulturelle Zentren substantiell von anderen Kultureinrichtungen. Nur hier sind ehrenamtliche Tätigkeiten konstituierender Bestandteil des "Stellenplans", wodurch eine existentielle Abhängigkeit von ehrenamtlicher Tätigkeit besteht. In vielen soziokulturellen Zentren werden Grundfunktionen des Betriebes, in nahezu allen Zentren projektbezogene Aufgaben auf dieser Basis durchgeführt. Über die Einbindung ehrenamtlicher Mitarbeiter in alltägliche Arbeitsabläufe hinaus engagierten sich weitere 5.300 Menschen als Mitglieder in Träger- und Fördervereinen sowie in Vorständen und Beiräten der Zentren.
Die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements zeigt sich auch daran, dass in NRW im Jahr 2002 nur in 12 Zentren keine Ehrenamtlichen in die inhaltlichen Arbeitsbereiche eingebunden waren. In den verbleibenden 42 Zentren waren 1.184 Frauen und Männer in die Alltagspraxis ohne Entgelt involviert, was für NRW einem Mittelwert von 21,9 Personen je Zentrum entspricht.
Das Gesamtvolumen ehrenamtlicher Tätigkeit beträgt jährlich insgesamt rund 154.000 Stunden. Das entspricht einer Arbeitsleistung von ca. 80 Vollzeitstellen. Bei dem Versuch, den ‚geldwerten Vorteil' dieser Leistung zu ermitteln, wird die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit besonders deutlich: Werden beispielsweise für eine Personalstelle die Arbeitgeberkosten von nur 30.000 € zugrunde gelegt, ergibt sich die Summe von 2,4 Mio. €, das entspricht ca. 28,5% der institutionellen Förderung der öffentlichen Hand im Jahr 2002.
Der Anteil Ehrenamtlicher an der Gesamtzahl der Beschäftigten liegt bei durchschnittlich 44,0% und ist damit auffällig hoch. In 34 der untersuchten Zentren sind mehr ehrenamtliche als hauptamtliche Mitarbeiter tätig, fünf Zentren werden gänzlich ohne bezahlte Beschäftigte geführt. Jeder unbefristeten Stelle stehen in NRW 2,6 ehrenamtlich Tätige gegenüber.

In NRW hat sich die Zahl der ehrenamtlich Tätigen in soziokulturellen Zentren seit 1994, wiederum hochgerechnet auf 65 Einrichtungen, kontinuierlich erhöht, von 673 Personen 1994 auf 1.425 Personen im Jahr 2002.

Grafik 15: NRW 1994 - 2002, Ehrenamtliche, absolut (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Ehrenamtliche

Jobs für Frauen

In den 54 untersuchten soziokulturellen Zentren in NRW arbeiten 308 Frauen als hauptamtliche Beschäftigte, 509 als Aushilfen und freie Mitarbeiterinnen und 470 als Ehrenamtliche. Im Gesamtbild ergibt sich daraus, wie schon in den Jahren davor, ein im Wesentlichen ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern. Nur bei der ehrenamtlichen Betätigung, häufig als "typisch weiblich" beschrieben, gibt es auffällige Unterschiede. Sie ist in soziokulturellen Zentren männlich dominiert: den 470 Frauen stehen 714 ehrenamtlich tätige Männer gegenüber.

Grafik 16: NRW 2002, Personal, geschlechtsspezifische Verteilung, absolut (n = 54)

Personal geschlechtsspezifisch

Altersstruktur der Mitarbeiter

Vorurteile und Befürchtungen von vergreisten Belegschaften in soziokulturellen Zentren können durch die Untersuchung nicht bestätigt werden. Unter Ausschluss der Mitarbeiter in den gastronomischen Betrieben ergibt sich, dass knapp über 57% 40 Jahre und jünger sind, ca. 41% zwischen 41 und 60 Jahren und 1,6% über sechzig Jahren. Eine "Alterspyramide", die sich viele Kulturverwaltungen, Verbände und Institutionen vermutlich wünschen würden und die so manchem ‚Start-up-Unternehmen' zur Ehre gereichen würde. Werden die Beschäftigten der Gastronomie mit einbezogen, verjüngen sich die Belegschaften noch einmal erheblich.

Grafik 17: NRW 2002, Altersstruktur der Mitarbeiter, Anteile (n = 54)

Altersstruktur

Finanzierung

Die soziokulturellen Zentren in NRW finanzieren sich hauptsächlich aus Zuwendungen der Städte und Gemeinden, des Landes und der Bundesagentur für Arbeit sowie zu einem erheblichen Teil durch eigenerwirtschaftete Mittel. Dieser Finanzierungspool wird in geringem Umfang durch Zuwendungen seitens der Europäischen Union, des Bundes und durch Förderungen von Stiftungen und Fonds ergänzt. Die verfügbaren Mittel der untersuchten Zentren - Zuschüsse, Sponsorengelder und eigene Einnahmen - beliefen sich 2002 insgesamt auf über 31,7 Mio. €.
Bei der Förderung stehen die Kommunen mit einem Anteil von 52,4% an erster Stelle (entspricht 24,0% des Gesamtetats). Es folgt das Land mit einem Anteil von 33,3%. Auffällig hoch und nur für kulturelle Einrichtungen mit soziokultureller Ausrichtung charakteristisch ist der Finanzierungsanteil der Bundesagentur für Arbeit von 9,7%. Finanzmittel der Stiftungen und Fonds betragen 3,5%, des Bundes 1,0% und der EU 0,1%.
Die öffentlichen Zuwendungen sind in unterschiedlichen Ressorts schwerpunktmäßig in den Kulturhaushalten, aber auch in den Bereichen Jugend, Soziales, Bildung/Weiterbildung, Umwelt und Stadtentwicklung etatisiert. Den größten Anteil an der Finanzierung soziokultureller Arbeit leisten jedoch die Einrichtungen mit einem Anteil der Eigenerwirtschaftung von 60,2%. Sponsoring spielt mit einem Anteil von 0,8% der Gesamteinnahmen eine untergeordnete Rolle.

Grafik 18: NRW 2002, Einnahmen soziokultureller Zentren, absolut (n = 54)

Einnahmen

Öffentliche Förderung

Für die mittelfristige Planungssicherheit soziokultureller Einrichtungen ist die Art der öffentlichen Förderung von entscheidender Bedeutung. Grundsätzlich sind zwei Förderungsarten zu unterscheiden: die institutionelle oder auch Regelförderung und die zweckgebundene oder Projektförderung. Die institutionelle Förderung delegiert die betriebliche Verantwortung an die betroffene Einrichtung, schafft die Voraussetzung für ein hohes Maß an Flexibilität und ermöglicht im Idealfall ein langfristig ausgerichtetes, planvolles Handeln. Hier wird eine in der Höhe festgelegte Zuwendung über einen längeren Zeitrahmen gewährt und die geförderte Einrichtung kann die Mittel im Rahmen eines allgemein bezeichneten Zuwendungszwecks frei verausgaben.
Projekt- oder zweckgebundene Zuwendungen - auch eine maßgebliche öffentliche Finanzierung - dagegen schränken die Bewegungsspielräume der Zentren deutlich ein. Praktiziert werden mehrere Varianten dieses Zuwendungsmodells. Bei der originären kulturellen Projektförderung wird für ein zeitlich begrenztes Einzelvorhaben, z.B. eine Theaterproduktion, ein Zuschuss auf Antrag gewährt. Mit der Zuwendung können nur die Ausgaben bestritten werden, die innerhalb des inhaltlichen und zeitlich begrenzten Projektrahmens anfallen. Weitere Formen der zweckgebundenen Förderung sind die Zuwendungen für Bau- und investive Maßnahmen und die Zuwendungen der Bundesagentur für Arbeit für Arbeitsbeschaffungs- und andere arbeitsfördernde Maßnahmen. Hier werden Zuschüssen zu den Personalkosten für Arbeiten gewährt, die "zusätzlich" ausgerichtet sind und im "öffentlichen Interesse" liegen. Insgesamt fließen 14,7 Mio. € öffentliche Förderung an soziokulturelle Zentren in NRW. Dabei steht die institutionelle Förderung mit 57,4% an erster Stelle, gefolgt von der zweckgebundenen Förderung für bauliche und investive Maßnahmen mit 24,8%, der zweckgebundenen Personalförderung mit 10,5% und der zweckgebundenen Projektförderung mit 7,3%.
Institutionelle Förderung erhalten in NRW 48 der 54 untersuchten soziokulturellen Zentren. Die Fördersummen liegen zwischen 2.500 € und 581.000 €. Von der Gesamtsumme der institutionellen Förderung in Höhe von 8,4 Mio. € beträgt der kommunale Anteil 7,4 Mio. €. Weitere 865.000 € an institutioneller Förderung leistet das Land NRW überwiegend aus dem Kulturetat (Weiterbildung, Theaterförderung).

Tabelle 5: NRW 2002, Öffentliche Förderung nach Finanzierungsart, absolut/ Anteil in % (n = 54)

Institutionelle Förderung

Zweckgebundene Förderung: Personal

Zweckgebundene Förderung: Bau

Zweckgebundene Förderung: Projekte

Summe

absolut

%

absolut

%

absolut

%

absolut

%

absolut

8.437.194

57,4

1.548.816

10,5

3.639.049

24,8

1.067.783

7,3

14.692.843



Grafik 19: NRW 2002, Öffentliche Förderung nach Finanzierungsart, Anteil in %

öffentliche Förderung

Der Gesamtetat aller Einrichtungen - zur Vergleichbarkeit wiederum hochgerechnet auf 65 soziokulturelle Zentren - ist seit 1994 insgesamt um 2,9 Mio. € gesunken. Dieser Rückgang kam wesentlich durch die Reduzierung der öffentlichen Zuschüsse zu Stande (- 10 Mio. €) und konnte durch die im gleichen Zeitraum gesteigerten eigenerwirtschafteten Mittel (+ 7 Mio. €) nicht aufgefangen werden. Bei differenzierter Betrachtung der öffentlicher Förderung kann positiv vermerkt werden, dass die institutionelle Förderung um 2,24 Mio. € (28,3%) zugenommen hat, allerdings sich sowohl die zweckgebundene Förderung für Personal - also v.a. Mittel der Bundesagentur für Arbeit - um 3,5 Mio. € (- 65%) als auch die kulturelle Projektförderung um 0,8 Mio. € (- 38,2%) reduziert haben. Einnahmen im Bereich Sponsoring verzeichnen zwar mit 76% die mit weitem Abstand größten Zuwachsraten, fallen aber auf Grund der geringen absoluten Höhe kaum ins Gewicht.

Grafik 20: NRW 1994 - 2002, Einnahmeentwicklung nach Bereichen, absolut (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Einnahmeentwicklung

Öffentliche Förderung je Besuch

Der Anteil der öffentlichen Förderung pro Besuch ist eine wichtige Kennziffer des Vergleichs von Kultureinrichtungen. Zur differenzierteren Beurteilung wird der Anteil der öffentlichen Förderung je Besuch in zwei Kennziffern ausgedrückt.
Von zentraler Bedeutung ist das Verhältnis von institutioneller Förderung je Besuch. In einer weiteren Kennziffer, die das Verhältnis der gesamten öffentlichen Förderung je Besuch darstellt, gehen neben der institutionellen Förderung auch zweckgebundene Zuschüsse für Projekte, Baumassnahmen und Personal ein.
In NRW wurde jeder Besuch eines soziokulturellen Zentrums im Jahr 2002 mit 3,50 € von der öffentlichen Hand gefördert. Legt man nur die Höhe der institutionellen Förderung zugrunde, wird jeder Besuch noch mit gerade 2,01 € gefördert.
Besonders auffällig ist, dass insgesamt die öffentliche Förderung je Besuch zwischen 1994 und 2002 um fast 55,6%, von 7,89 € auf 3,50 € zurückgegangen ist. Auch die institutionelle Förderung je Besuch hat sich, trotz des oben dargestellten Anstiegs in absoluten Zahlen, um fast 10,7%, von 2,25 € auf 2,01 € verringert.

Grafik 21: NRW 1994 - 2002, Öffentliche Förderung je Besuch (Hochrechnung auf 65 Zentren)

Förderung

Eigenerwirtschaftung

Eigenerwirtschaftete Mittel sind die größte Einnahmequelle soziokultureller Einrichtungen: Eintrittseinnahmen, Kursgebühren, Gastronomieerlöse, Mieteinnahmen und Spenden. 2002 erzielten die 54 untersuchten Zentren in NRW insgesamt eigene Einnahmen in Höhe von 17,1 Mio. €. Im Durchschnitt erwirtschaftete jedes Zentrum jeweils 316.600 €.
Werden die Gastronomieerlöse nicht berücksichtigt, bilden die Eintrittseinnahmen aus Kulturveranstaltungen mit 64,6% den eindeutig größten Anteil an der Ei-generwirtschaftung. Es folgen die Bereiche Vermietung mit 17,5%, Einnahmen aus Kursgebühren mit 9,2%, sonstige Einnahmen mit 4,6% sowie Spenden mit

Ausgaben

Die untersuchten 54 soziokulturellen Zentren in NRW haben im Jahr 2002 insgesamt 30,4 Mio. € verausgabt. Der größte Anteil an den Ausgaben sind die Personalkosten mit 35,8%, gefolgt von den Ausgaben in den gastronomischen Betrieben mit 24,5%. Die Aktivitätskosten (Veranstaltungen, Kurse und die zuzuordnenden Nebenkosten) machen einen Anteil von 18% aus, Betriebskosten liegen bei 8,5%.

Grafik 22: NRW 2002, Ausgaben nach Bereichen, Anteil in % (n = 54)

Ausgaben

Die Kostenentwicklung in soziokulturellen Zentren ist offensichtlich davon geprägt, einerseits Einsparungen zu realisieren bzw. Etatansätze einzufrieren, andererseits Arbeitsabläufe im Alltag zu effektivieren, um zusätzliche finanziellen Bewegungsspielraum zu gewinnen. Rechnet man die Gesamtausgaben hoch auf 65 Zentren, sind sie von 1994 auf 2002 sogar um knapp 2,94 Mio. € oder 7,4% gesunken.
Betrachtet man die Entwicklung der Ausgaben seit 1994, so fällt besonders auf, dass die Aufwendungen für Personal in acht Jahren nur um 7,9% gestiegen sind, obwohl im gleichen Zeitraum die Anzahl der Mitarbeiter, sowohl Haupt- als auch Nebenamtliche, deutlich angestiegen ist. Als eine Erklärung kann erneut darauf verwiesen werden, dass viele Vollzeit- in Teilzeitstellen umgewandelt wurden. Weitere Maßnahmen zur Kostenreduzierung sind die Umwandlung von ursprünglich nach BAT bezahlten Stellen in außertariflich bezahlte Stellen, die Festschreibung eines früheren BAT-Niveaus (teilweise auf dem Niveau von 1992), der Verzicht auf Zahlung eines 13. Monatsgehalts oder anderer üblicher Geldleistungen, die Einführung von niedrigen Einheitslöhnen u.ä.
Eine ähnliche Entwicklung ist bei den Veranstaltungskosten zu verzeichnen: obwohl allein die Zahl der Kulturveranstaltungen seit 1994 um fast 63% zugenommen hat und laufende Steigerungen im Nebenkostenbereich (GEMA, KSK, Catering, Werbung etc.) üblich sind, sind die Veranstaltungskosten in soziokulturellen Zentren nur um 27% gestiegen. Auch hier hat die angespannte Finanzsituation dazu geführt, dass die Gagen gedeckelt bzw. gesenkt wurden, das Veranstalterrisiko an Dritte weitergegeben wurde (siehe Anstieg der "Fremdveranstaltungen") oder mehr "kleinere" oder kostengünstigere Veranstaltungen durchgeführt wurden.

Fazit

Die Finanzierungsstruktur soziokultureller Einrichtungen hebt sich durch einen breit gefächerten Finanzierungsmix und die hohen Anteile von selbst erwirtschafteten Mitteln augenfällig von anderen Kulturinstitutionen wie Theatern, Orchestern und Museen ab. Im Gesamtdurchschnitt werden 53,3% der zur Verfügung stehenden Finanzmittel selbst erwirtschaftet. Doch die wirtschaftliche Effizienz der Einrichtungen erweist sich als zweischneidiges Schwert: Die in den meisten Fällen unzureichende Finanzierung durch öffentliche Zuwendungsgeber zwingt die Einrichtungen zu einer offensiven Orientierung am Marktgeschehen, um die benötigten Finanzmittel zu erwirtschaften. Damit zeigen sich in den soziokulturellen Zentren in geradezu idealtypischer Weise sowohl die Potentiale als auch die Gefahren einer zu starken Öffnung zum Markt.
Das soziokulturelle Profil zeichnet sich durch die Präsentation aller kulturellen Sparten und durch die Darbietung auch junger und experimenteller Kulturformen aus. Der Zwang zum ‚Marktgängigen', schränkt die inhaltlichen Spielräume der soziokulturellen Zentren allerdings ein und gefährdet einen zentralen Anspruch, möglichst vielen Bevölkerungsschichten den Zugang zu kulturellen und künstlerischen Angeboten zu ebnen. Zudem: Kulturelles Profil verödet und wird beliebig, wenn nur die wechselnde Nachfrage des Publikums bedient wird. Der zahlungskräftige Bildungsbürger wird leicht zum idealtypischen Adressaten, wenn weniger finanzstarke Bevölkerungsschichten durch hohe Eintrittsgelder und Kursgebühren ausgeschlossen werden. Dabei sind es zuerst die zielgruppenspezifischen und fördernden Angebote, die von einer solchen selektierenden Programm- und Preispolitik verdrängt werden. Der Verzicht auf soziale, pädagogische und politische Arbeitsansätze, auf die kulturelle Nachwuchsförderung und auf künstlerische Experimente wird da, weil dies ja alles "unwirtschaftlich" ist, schnell unvermeidlich.
Daher kann die Verbesserung der finanziellen Situation und die dauerhafte Sicherung soziokultureller Einrichtungen nicht mehr über eine weitere Steigerung der Eigeneinnahmen erfolgen. Die Möglichkeiten der Selbstfinanzierung sind für die Soziokultur inzwischen nahezu ausgereizt. Dies wird besonders deutlich, wenn eine entscheidende betriebswirtschaftliche Problemstellung für Kultureinrichtungen betrachtet wird: die Frage nach dem Kostendeckungsgrad, der durch die gewährte institutionelle Förderung erreicht wird. Dies gilt vor allem für die zentralen Kostenbereiche (Personal- und Betriebskosten), die für den Bestand soziokultureller Zentren herausragende Bedeutung haben.
Bei den 54 untersuchten Zentren in NRW lagen die Aufwendungen für Personal- und Betriebskosten (Miete, Energie, Versicherungen u.a.) bei insgesamt 13,5 Mio. €, denen eine institutionelle Förderung in Höhe von 8,4 Mio. € gegenüberstand. Damit wurden in den Zentren nur 62,2% der grundlegenden Kosten für die Bereitstellung und Aufrechterhaltung der Infrastruktur der Einrichtungen durch regelmäßige, dauerhaft gesicherte Zuschüsse der öffentlichen Hand abgedeckt - ganz zu schweigen von den Kosten für das laufende Programm.
Es bleibt also ein zentrales Problem, dass zu wenige Einrichtungen eine abgesicherte Finanzierung durchsetzen konnten und sich viele Zentren in völlig unzureichenden Förderstrukturen und Finanzierungsmodellen einrichten mussten. Es zeugt zwar von Kreativität und Managementqualitäten der Zentren, mit Projektzuschüssen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Eigeneinnahmen ein anspruchsvolles Leistungsspektrum aufrecht zu erhalten. Kulturpolitisch gesehen, kann damit aber die Notwendigkeit einer kontinuierlichen und angemessenen Bezuschussung durch die Städte und Gemeinden, aber auch durch das Land NRW, nicht kompensiert werden.


Diese Seite ist ein Teil der Homepage soziokultur-nrw der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren in Nordrhein Westfalen.