Soziokulturelle Zentren und Initiativen in NRW

Zahlen - Fakten - Materialien


Vorbemerkung

Im Sommer 1995 führte die Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren e.V. in Kooperation mit der Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren und Initiativen Nordrhein-Westfalen e.V. (LAG) eine Untersuchung von soziokulturellen Zentren und Initiativen in Nordrhein-Westfalen durch.

Im Mittelpunkt des Interesses standen Fragen zur personellen und finanziellen Situation sowie Fragen zur Angebotsstruktur und BesucherInnen-Akzeptanz. Dabei basiert das erhobene und im Folgenden vorgestellte Datenmaterial auf dem Jahr 1994.

Angeschrieben wurden insgesamt 51 Einrichtungen (Mitglieder der LAG), davon sandten 50 den 11-seitigen Fragebogen im vorgegebenen Zeitraum zurück. Das entspricht einer Rücklaufquote von 98,04%, womit Nordrhein-Westfalen deutlich über dem Bundesdurchschnitt (61,17%) liegt.

Trägerstruktur

Die Trägerschaft der untersuchten Zentren liegt überwiegend in der Hand von gemeinnützigen Vereinen; nur zwei Zentren sind als gGmbH organisiert.

Entstehung

Soziokulturelle Zentren haben sich in Nordrhein-Westfalen flächendeckend v.a. in den Jahren nach 1980 etabliert: Im Zeitraum 1981 - 1994 entstanden 80% der untersuchten Einrichtungen.

Tabelle 1: Zeitpunkt der Entstehung soziokultureller Zentren


ZeitraumAnzahlAnteil
1971 - 197536,0%
1976 - 1980714,0%
1981 - 19851530,0%
1986 - 19901428,0%
1991 - 19941122,0%

Altersstruktur der BesucherInnen

Die kulturpolitische Akzentverschiebung in den 80er Jahren und das Entstehen von Kultureinrichtungen und -angeboten neuen Typs in Nordrhein-Westfalen hat insbesondere jungen Menschen die Chance eröffnet, kulturelle Bedürfnisse und Vorlieben zu verwirklichen. Zur Altersgruppe der 15 - 30-jährigen gehören fast die Hälfte der BesucherInnen.

Grafik Altersstruktur einfügen

Damit entspricht die Altersstruktur der BesucherInnen soziokultureller Zentren in Nordrhein-Westfalen der, die auch im gesamten Bundesgebiet zu beobachten ist: die Abweichungen in einzelnen Altersgruppen liegen nur zwischen 0,3 und 2,5%.

BesucherInnen

Die über 7.500 kulturellen, sozialen und politischen Veranstaltungen, Kurse und offenen Treffs in soziokulturellen Zentren in Nordrhein-Westfalen wurden vom Publikum in großem Maße angenommen. Insgesamt nutzten 1994 mehr als 2.700.000 Menschen Angebote in den 50 untersuchten Einrichtungen.

Die Angebotspalette der Häuser läßt sich in vier große Bereiche unterteilen:

  • 1. Veranstaltungen (Musik, Theater, Diskussionen, Vorträge, Lesungen, Disco u.a.)
  • 2. Kurse und Workshops (Spracherwerb, politische Bildung, Kreatives Gestalten, Körpererfahrung u.a.)
  • 3. Zielgruppenorientierte Arbeit und Offene Angebote (Kinder, Jugendliche, Frauen, Senioren)
  • 4. Gastronomie (Café, Kneipe, Teestube u.a. als wesentlicher Kommunikationsbereich)

Die folgende Grafik verdeutlicht die Aufteilung der BesucherInnen auf diese Angebote:

Grafik BesucherInnen einfügen

Damit entspricht die Verteilung der NutzerInnen auf die verschiedenen Tätigkeitsbereiche der Zentren im Wesentlichen dem Bundesdurchschnitt, Abweichungen bzw. Verschiebungen ergeben sich v.a. im Bereich der Veranstaltungen (NRW = 32,74%/ Bund = 39,1%) und im Bereich der Kurs- und Workshopangebote (26,57%/ 20,0%).

Ein genaues Bild vermittelt die nachstehende Tabelle:

Tabelle 2: BesucherInnen und Tätigkeitsbereiche


VeranstaltungenKurseOffene AngeboteGastronomie
Abs.%Abs.%Abs.%Abs.%
NRW885.33032,74718.43226,57167.1806,18933.14034,51
Bund4.046.37339,082.067.47319,97685.9326,623.555.12234,33

Struktur des Veranstaltungsprogramms

Eine detaillierte Übersicht über die Struktur des Veranstaltungsprogramms vermittelt die folgende Grafik:

Grafik Veranstaltungen/ BesucherInnen einfügen

Die publikumsträchtigen Veranstaltungen finden erwartungsgemäß in den Bereichen Musik (20,4% der VeranstaltungsbesucherInnen), Theater (9,88%), Feste, Projekte u.ä. (15,23%) und Tanzveranstaltungen (32,97%) statt, während Ballett u.ä. (1,24%) und Lesungen (0,97%) eher spärlich besucht werden.

Einnahmen

Die folgende Grafik gibt Aufschluß über die Zusammensetzung der Haushalte der untersuchten soziokulturellen Zentren auf der Einnahmenseite. Bei den zweckgebundenen Zuschüsse sind die einmaligen Zuschüsse für Baumaßnahmen herausgenommen. Diese Förderung, im wesentlichen vom Ministerium für Stadtentwicklung und den jeweiligen Kommunen getragen, machen ca. 18,1 Mio. DM aus. Zweckgebundene Zuschüsse sind hier nur die, die in die unmittelbare praktische Tätigkeit der Zentren einfließen (z.B. Personalkostenzuschüsse der Bundesanstalt für Arbeit im Rahmen von ABM oder LKZ, Zuschüsse für Zivildienstleistende, kulturelle Projektförderung durch die Kommunen, das Land, Stiftungen oder Kulturfonds und kleineren Umbauzuschüssen).


Einnahmen

Im Vergleich mit den bundesweit ermittelten Werten fällt auf, daß in Nordrhein-Westfalen die Anteile der institutionellen Förderung um 3,2 % unter und die der zweckgebundenen öffentlichen Förderung für Personal und Projekte an den gesamten Einnahmen um 3,4% über denen im Bund liegen. Bei Einbeziehung der einmaligen Bau- und Investionszuschüssen wird deutlich, daß fast 57% aller für Bau- und investive Maßnahmen in soziokulturellen Zentren aufgebrachten öffentlichen Mittel in der Bundesrepublik Deutschland in Nordrhein-Westfalen verausgabt werden.

Tabelle 3: Einnahmen-Gliederung


InstitutionellZweckgeb. ZuschüsseBau + Invest.SponsoringEigenerwirtsch.
Abs. %Abs.%Abs.% Abs.% Abs.%
NRW12,0120,19 11,0318,55 18,6631,370,250,4317,5129,45
Mio.MioMio.Mio.Mio.
Bund 41,0625,77 29,5818,57 32,0221,371,040,6553,6033,64
Mio.MioMio.Mio.Mio.

Die Förderung von Bau- und investiven Maßnahmen in soziokulturellen Zentren und anderen Begegnungsstätten war und ist in Nordrhein-Westfalen ein Schwerpunkt des Ministeriums für Stadtentwicklung, Kultur und Sport (ehemals: Ministerium für Städtebau und Verkehr) und hat wesentlich zur Entwicklung einer breiten soziokulturellen Infrastruktur beigetragen.

Allerdings: Bei der Betrachtung der Einnahmensituation der Zentren, die ein wesentliches Indiz für die Leistungsfähigkeit und für die langfristige Absicherung der Einrichtungen darstellt, sind Investitionsförderungen, da sie nicht unmittelbar für die Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs eingesetzt werden können, von untergeordneter Bedeutung. Gleichzeitig erschwert die Einbeziehung dieser investiven Mittel in die Gesamteinnahmen der Zentren in NRW die Vergleichbarkeit zu anderen Bundesländern bzw. zu den bundesweit ermittelten Werten. In der folgenden Tabelle sind diese Mittel aus den genannten Gründen nicht berücksichtigt:

Tabelle 4: Einnahmen (Anteilswerte) ohne investive Förderung


InstitutionelleZweckgeb. FörderungInst./ RenovierungSponsoringEigenerwirtschaftung
NRW 29,02% 26,66%1,36%0,62% 42,33%
Bund 32,25% 23,24%1,59%0,82% 42,11%

Ausgaben

Die größten Kostenfaktoren stellen in soziokulturellen Zentren in Nordrhein-Westfalen die Bereiche Personal (47,99% der Gesamtausgaben), Veranstaltungen (19%) und Gastronomie (einschl. Personal) (16,19%) dar. In der folgenden Grafik sind ebenfalls die einmaligen Bau- und investiven Maßnahmen mit Kosten in Höhe von 18,24 Mio. DM für drei Zentren herausgenommen, weil diese kein repräsentatives Bild der Haushaltssituation der Einrichtungen hergeben.

Ausgaben

Bereinigt um diese Einzelmaßnahmen ergibt sich folgendes Bild der Ausgabenstruktur (zum Vergleich auch hier die bundesweit ermittelten Anteilswerte):

Tabelle 5: Ausgabenstruktur


PersonalBetriebVeranst.SachmittelVerwaltungBau + Invest.SonstigesGastronomie
NRW, gesamt32,44% 3,84%13,11% 2,45% 1,95%33,66%1,61%10,94%
NRW, bereinigt47,99% 5,69%19,4% 3,62% 2,89% 1,85%2,38%16,19%
Bund, gesamt36,30% 6,42%16,66% 2,98% 2,30%22,54%2,37%10,44%
Bund, bereinigt45,98% 8,13%21,1% 3,78% 2,91% 1,88%3,00%13,23%

Personal

Von zentraler Bedeutung bei der Beurteilung der Situation der soziokulturellen Zentren und ihrer Arbeitsfähigkeit ist die Beschäftigungssituation. Insbesondere die Frage, ob die personelle Ausstattung strukturell den Anforderungen einer auf Kontinuität angelegten Kulturarbeit gerecht wird, d.h. ob eine ausreichend große Anzahl von unbefristeten Arbeitsverhältnissen verfügbar ist, wie hoch die Abhängigkeit von arbeitsmarktpolitischen Förderinstrumentarien und wie hoch der Anteil ehrenamtlicher - besser unbezahlter - Arbeit ist.

Grafik MitarbeiterInnen einfügen

Die personelle Ausstattung der soziokulturellen Zentren muß als ungesichert angesehen werden: Insgesamt arbeiten 1.206 Menschen in den Einrichtungen, davon jedoch nur 17,02% mit einem festen Arbeitsvertrag, 17,93% in befristeten Anstellungsverhältnissen und 25,41% als Aushilfen oder PraktikantInnen.

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse sind im Arbeitsfeld Soziokultur offenbar immer noch nicht die Regel. Bezogen auf alle tätigen Personen liegt der Anteil nur bei 34,95%. Selbst wenn nur die bezahlten MitarbeiterInnen Berücksichtigung finden, erreicht der Anteil der Hauptamtlichen nur 54,55%. Der Anteil der Aushilfen liegt dann bei 39,67%, MitarbeiterInnen die in aller Regel ohne grundlegende soziale Absicherung, ohne Anspruch auf diverse tarifliche und gesetzliche Leistungen wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Rentenversicherung, bezahlten Urlaub und Urlaubsgeld, 13. Monatsgehalt u.ä. auskommen müssen.

Tabelle 6: Beschäftigte nach Status/ Anteil an der Gesamtzahl


bezogen aufUnbefristet BeschäftigteBefristet BeschäftigteAushilfen nicht sozialvers.-pfl.ZivildienstleistendeEhrenamtliche
alle Beschäftigte17,02%17,93%25,41%3,70%35,94%
bezahlte Beschäftigte26,57%27,98%39,67%5,78%----

Die unzureichende Personalausstattung der Zentren in Nordrhein-Westfalen wird bei Betrachtung der beiden folgenden Grafiken zusätzlich verdeutlicht: Von den insgesamt 425 hauptamtlich beschäftigten MitarbeiterInnen arbeiten nur 61,4% Vollzeit (unbefristete Stellen = 43,96%/ befristete Stellen = 77,98%), während der Anteil der Teilzeit-Beschäftigten mit Wochenstunden zwischen 10 und 29 bei 38,6% liegt (unbefristete Stellen = 56,04%/ befristete Stellen = 22,02%).


Text, Berechnungen, Grafik: Gerd Spieckermann

im Auftrag der
Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V.,
Achtermannstr. 10-12, 48143 Münster, Tel. 0251-518475, Fax 0251-518876


© Bundesvereinigung sozio-kultureller Zentren e.V.
Weberstr. 59a, 53113 Bonn
Telefon: 0228-2420210, Telefax: 0228-242021

Verlag: Unrast-Verlag Münster 1996
ISBN: 3-928300-54-7

1. Auflage, Juni 1996

Schutzgebühr: 5 DM


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